1.3 Der Brauch der Herrenmahlsfeier wird implizit ausgeschlossen

F. Laub

Die paränetische Konsequenz der Hohepriesterchristologie ist die Aufforderung zum “Hinzutreten“ (4,16; 10,22; vgl. 7,25; 10,1; 12,18.22). Sie ist die paränetische Entsprechung zu dem Heilsverständnis, das im christologischen “Hineingehen“ des Hohepriesters Jesus in das himmlische Allerheiligste zu Wort kommt (265).

Begriffe, die an die Abendmahlsberichte erinnern (Bund, Blut, Leib), sind Ausdruck der Gegenüberstellung des Alten Bundes mit dem Neuen Bund, Kult des Alten Bundes mit dem in kultischen Anschauungen ausgelegten, in sich völlig unkultischen christologischen Heilsgeschehen. Dieses Heilsereignis signalisiert für den Hebr die Erledigung jeglichen kultischen Bemühens (10,18). Von seinem Argumentieren in kultischen Anschauungen aus betrachtet wäre es für den Verf. naheliegend, direkt auf das Thema Abendmahl einzugehen. Dass er es nicht tut, macht sichtbar, wie sehr das Herrenmahl außerhalb seines theologischen Gesichtskreises liegt (266f).

Von der Gesamtkonzeption der Hohepriesterchristologie her entscheidet sich, wie die kultische Redeweise innerhalb der Paränesen verstanden werden muss. In den christologischen Abschnitten wird das unkultische Heilsereignis von Kreuz und Erhöhung mittels kultischer Anschauungen so in seiner Einmaligkeit und Endgültigkeit dargestellt, dass man zugestehen muss: Für den Verfasser gilt alles kultische Bemühen um Heil als erledigt. Deshalb muss auch die Kultsprache im Rahmen der Paränesen (der Aufforderung zum Hinzutreten) in einem nicht-kultischen Sinn gedeutet werden. Mit der Hohepriesterchristologie legt der Verf. das Gemeindebekenntnis aus, um seine Adressaten zur Glaubensausdauer zu motivieren (267).

Eine Aufforderung zum kultisch- sakramentalen Hinzutreten verträgt sich mit der Gesamtintension des Hebr nicht, vielmehr nötigt sie zu dem Schluss, dass die kultische Ausdrucksweise in den Paränesen nicht mehr und nicht weniger sagen will, als sonst die Glaubensparänese auch, nur eben jetzt in der neuen Akzentuierung einer auf kultischen Anschauungen beruhenden Sprache (268).

In der Interpretation von Erniedrigung und Erhöhung durch die Vorstellung vom hohepriesterlichen “Hineingehen“ hat der Verf. Leidensgehorsam und Kreuzestod so mit der Erhöhung zu einer theologischen Einheit verbunden, dass das christologische Heilsereignis als das hohepriesterliche Hineingehen in das wirkliche Allerheiligste, in die Unmittelbarkeit der Gegenwart Gottes selbst, erscheint. Die für die neue Heilswirklichkeit entscheidende Existenzweise in der Sarx (Kennzeichen der Erniedrigung) bedeutet das Gleichwerden mit den Brüdern, ein Gleichwerden, das in der Erfahrung der gleichen Anfechtungssituation konkret wird (2,17f; 4,15). Weil der erniedrigte Sohn die Anfechtung im Leidensgehorsam bestand und so vollendet wurde, “wurde er allen ihm Gehorchenden der Urheber ewigen Heils“ (5,8f). Parallel dazu erscheint in 9,11f die “ewige Erlösung“ als Erfolg des hohepriesterlichen Hineingehens ins Allerheiligste mit dem eigenen Blut. Die Aufforderung zum Hinzutreten verweist den Glaubenden daher nicht auf eine im Kult mögliche Vorwegnahme der eschatologischen Erfüllung, sondern auf das einmalige Heilsereignis von Kreuz und Erhöhung, das für immer den Zugang zu Gott erschlossen hat. Bei ihrem Gläubigwerden hat sich der Gemeinde diese eschatologische Heilswelt Gottes eröffnet (12,22ff). Zur eschatologischen Erfüllung gelangt sie durch fortwährendes Hinzutreten im Glauben, d.h. durch fortwährende Realisierung der Möglichkeit des neuen Gottesverhältnisses, wie dies durch Glaubensausdauer, durch Festhalten am Bekenntnis und an der Hoffnung geschieht. Die Aufforderung zum Hinzutreten und die Glaubensparänese gehören engstens zusammen (268f).

Das “Hinzutreten“ zu der in Christus angebrochenen Heilswirklichkeit kann nur in der Weise geschehen, wie sie die Glaubensparänese beschreibt: “Daher lasst uns hinausgehen zu ihm, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (13,13). Das Hinzutreten wird hier als ein Herausgehen erklärt. Die Adressaten werden zu einem Verhalten gemahnt, das dem vom Hohepriester Jesus gewirkten Heil angemessen ist. Denn durch Leidensgehorsam und Kreuzestod, durch sein Hineingehen in das wirkliche Allerheiligste mit dem eigenen Blut wurde er der Urheber “ewigen Heils“ und “ewiger Erlösung“ (5,9;9,12). Die kultisch-sakrale Sphäre für die Gemeinde des Neuen Bundes wird als abgetan erklärt und zwar so entschieden, dass mit dieser theologischen Position auch der Brauch der Herrenmahlsfeier, wenn nicht in direkter Bezugnahme so doch implizit ausgeschlossen wird (13,9-17) (269f).

Das “Hinausgehen zu ihm, außerhalb des Lagers“ will der Verf. als Gegenreaktion gegen eine der “vielfältigen und fremden Lehren“ verstanden wissen, wonach das Herz statt mit Gnade mit Speisen gefestigt werden soll (13,9). Dabei handelt es sich um die Speise eines kultischen Mahles (“Altar“): “Wir haben einen Altar, von dem zu essen die dem Zelt Dienenden kein Recht haben“ (13,10). Der Text unterscheidet die mit “wir“ angesprochene Adressatengemeinde und “die dem Zelt Dienenden“ 270f).

Der Verf. stellt die fremde Lehre (13,9; 9,10), von der sich seine Leser nicht verführen lassen sollen, ihren Wert nach auf eine Stufe mit den kultischen Anordnungen des Alten Bundes und bezeichnet das dann als ein “Dem-Zelt-Dienen“. Das Phänomen des “Speisen-Essens“ ist mit dem “Altar“ der Gemeinde des Neuen Bundes nicht zu vereinbaren. Wie das Fleisch der Tiere (Lev 16,27; 13,11f), mit deren Blut der Hohepriester am Versöhnungstag in das Allerheiligste hineinging, nicht als Opferspeise gegessen, sondern außerhalb des Lagers verbrannt wurde, so hat “auch Jesus, damit er das Volk durch sein Blut heilige, außerhalb des Tores gelitten“. Mit “wir haben einen Altar“ kann nichts anderes gemeint sein als das Heilsereignis, das der Hebr als hohepriesterliches “Hineingehen in das Allerheiligste mit dem eigenen Blut“ auslegt und das er mit dem Ein-für-allemal in seiner Einmaligkeit und Endgültigkeit hervorhebt (271).

Mit diesem Altar verträgt sich keinerlei kultisches Essen und es können an ihm diejenigen keinen Anteil haben, die meinen, das Herz mit Speisen festigen zu müssen. Anteil an diesem Altar bekommen, kann man nur im “Hinausgehen zu ihm, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (13,13). D.h. das Verhalten, das dem “Altar“ der Gemeinde des Neuen Bundes angemessen ist, ist nicht das kultisch-sakramentale Essen, sondern jenes, das der Verf. in den Glaubensparänesen seinen Lesern nahebringen möchte (271f).

Die Art, wie der Hebr das Speisen-Essen als für die Gemeinde des Neuen Bundes als unzulässig und nutzlos erklärt, macht es unwahrscheinlich, dass in dieser theologischen Position Raum war für das Abendmahl und das Essen des Herrenleibes. Die Verse 13,16f sind eine Bestätigung für die Abneigung des Hebr gegenüber allem Kultisch-Sakramentalen. Als Gegensatz zu dem abgelehnten Essen von Speisen bezeichnet der Verfasser das “Lobopfer“, das “Wohltun“ und das “Gemeinschaft-Pflegen“ als die Opfer, an denen Gott Gefallen findet (272).