1.6 Keine Eucharistiefeier in der Hebräerbriefgemeinde

F. Schröger

Das Opfer, das wir Christen als das allein wahre und wirkungskräftige kennen, schließt seiner Natur nach jedes Opfermahl aus, “denn von den Tieren, deren Blut für die Sünde in das Heiligtum durch den Hohenpriester hineingebracht wird, deren Leiber werden außerhalb des Lagers verbrannt“ (13,11), d.h. für den Alten Bund, dass das Fleisch der Sündopfer dem Genuss der Priester entzogen und außerhalb des Lagers verbrannt wurde und in typologischer Aussage für den Neuen Bund: Christus hat das Opfer – sich selbst – für die Sündigen dargebracht außerhalb des Tores – sein Fleisch ist nicht für Opfermahlzeiten bestimmt. Man darf den atl Schriftbeweis, der mit Lev 16,27 geführt wird, und seine Anwendung auf das Opfer Christi nicht voneinander trennen (171).

In 13,11f kommt es dem Verf. darauf an, zu zeigen, auf welche Weise Gemeinschaft mit Christus zu suchen ist – nicht mit Speisen-Essen, sondern durch die geistige Entscheidung, der Nachfolge Jesu in Leiden und Tod. Die richtige Konsequenz aus der Anwendung von Lev 16,27 in diesem Zusammenhang lautet, dass, wie es analog bei den dem Zelt Dienenden war, die das Fleisch von dem für ihre Sünden dargebrachten Opfer nicht essen durften, sondern draußen vor der Stadt verbrennen mussten, so ist es auch den Christen nicht erlaubt, vom 'Fleisch' des sich für ihre Sünden opfernden Herrn zu essen. Es wird klar gesagt: es gibt kein Herren-Leib-Essen in der Hebräerbriefgemeinde. Es ist anzunehmen, dass der Verfasser eine Praxis des Abendmahls kennt, dagegen aber polemisiert und in der von ihm angesprochenen Gemeinde nicht praktiziert wissen will (172).

Hebr 13,9-11 enthält das stärkste Argument gegen das Vorhandensein einer Eucharistiefeier in der Hebräerbriefgemeinde. Auch das touto in Hebr 9,20, das an die Einsetzungsworte zu erinnern scheint, ist nich im eucharistischen Sinn zu verstehen, denn im Zusammenhang von Kp 9 steht das Zitat aus Ex 24,8 (“Dies ist das Blut des Bundes, den Gott geboten hat“ um zu zeigen, dass zwar wie der Alte, so auch der Neue Bund durch Blut eingeweiht wurde, “dies“ Blut aber einen unendlich besseren Bund bewirkt, da er “nicht durch das Blut von Böcken und Jungstieren, sondern durch sein eigenes Blut“ (9,12) d.i. das Blut Jesu, gestiftet wurde (173).

Jesus hat das wahre Opfer dargebracht (5,7; 9,14.25.28; 10,10.14) ein für allemal (7,27; 9,12; 10,10). Deshalb (1) “lasst uns hinausgehen zu ihm außerhalb des Lagers und seine Schmach tragen“ (13,13). Weil wir hier keinen Altar haben (13,10), auf den wir unsere Opfer legen könnten, sollen wir ein Opfer darbringen durch Nachfolge des ausgestoßenen und geschmähten Jesus. (2) “Durch ihn (Jesus) wollen wir nun Gott allezeit ein Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen Gott“ (13,15f). Mit der Zufügung “Frucht der Lippen“ wird betont, dass das Aussprechen der Dankbarkeit gegen Gott gemeint ist. Neben dem Opfer des dankbaren Preisens gibt es noch andere gottgefällige Opfer, nämlich Wohltun und Mitteilen. Diese Opfer werden “durch ihn“ = Christus, den Hohenpriester, Gott dargebracht und nicht durch andere Priester. “Allezeit“ will besagen, dass diese “Opfer“ ständig und unablässig zu verrichten sind im Gegensatz zu den atl, die an bestimmte Zeiten und Materien gebunden waren (179f).

In der Hebräerbriefgemeinde gibt es das Essen des Leibes Christi als Opferspeise nicht. Es wird vielmehr in polemischer Weise gesagt, dass die Gemeinschaft mit Christus nicht durch ein Essen seines Leibes vermittelt wird, sondern dass die Nachfolge in Schmach und Leiden das wahre Opfer der an Christus Glaubenden ist (180).

Nach dem Hebr gibt es einen Kult, aber dieser ist in das Jenseits verlegt und dort versammelt sich auch die Kultgemeinde (12,18-24). Gottesdienst hier heißt proleptisch Teilnahme an dem Gottesdienst dort und wird verstanden als ein (22) “Hinzutreten zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem und zu den vielen tausend Engeln, zur Festversammlung (23) und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind und zu dem Richter aller, Gott, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten (24) und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus,...“ (180f).