1.7 Es ist ausgeschlossen, an der Heilswirklichkeit auf kultische Weise teilzunehmen

Christologische und kultkritische Ausrichtung des beständigen Gottesdienstes der Gemeinde im betenden Lobpreis Gottes und im Wohltun
G. Schunack

Der unwandelbaren Selbigkeit Jesu Christi (13,8) stehen vielfältige und fremde Lehren gegenüber (13,9). Gegenüber der Verführung durch Lehren, die im Widerspruch zum Fundament des Glaubens stehen, ist es gut und heilsam, dass das Herz durch Gnade gefestigt wird. Gnade ist stets Gnade Gottes und hier das Mittel, wodurch das Herz gefestigt wird. In diesem Sinn ist Gnade die gegenwärtige, personale Erfahrung des Heils Gottes – als Hilfe zur rechten Zeit zu finden im Hinzutreten zum Thron der Gnade Gottes(4,16), zu erfahren in der Wirkung des Geistes (10,29) und im Erfahrungsraum der Gemeinde (12,15). Unwandelbarer Grund der Erfahrung der Gnade ist das als hohepriesterliches Heilswerk Jesu Christi ausgelegte Ereignis seines Todes (2,9) (224f).

Diejenigen, die “mit Speisen umgehen und sich daran halten“, repräsentieren eine kultische Praxis, die ihnen keinen Nutzen brachte, weil sie durch ihr kultisches Handeln das, was durch Gottes Gnade geschieht, nicht erreicht haben. Die “Speisen“ sind Symbol eines gottesdienstlichen Kults, der ins Leere geht und schon damals, in der Zeit der alten Verfügung, keinen Nutzen brachte. Denn es geht dabei “nur um Speisen und Getränke und Waschungen“, um “Gaben und Opfer, die nicht imstande sind, den Menschen im Gewissen zu vollenden“ (9,9f), d.h. “von den toten Werken zu reinigen, um dem lebendigen Gott zu dienen“ (9,14). Der Rückbezug auf die alte Kultordnung, die “in fleischlichen Satzungen“ (9,10) und im Gesetzt besteht, das “nichts vollendete“ (7,19), unterstreicht, dass kultisches Handeln das nicht erreicht, was allein durch Gottes Gnade geschieht (225f).

Hebr 13,10: “Wir (die christliche Gemeinde) haben einen Altar, von dem zu essen diejenigen keine Vollmacht haben, die dem Zelt dienen“. Der himmlische Altar ist in metaphorischer Bedeutung die “Opferstätte“, auf der dargebracht ist, was in Wirklichkeit und ein für allemal die Teilhabe am Heil gewährt. Der Ort dieser “Opferstätte“ ist da, wo das Heil vollendet wurde, in Christi Tod als dem Heilsereignis der hohepriesterlichen Darbringung seiner selbst und da, wo diesem Heilsgeschehen Folge geleistet wird. Es ist ausgeschlossen, an der Heilswirklichkeit auf kultische Weise teilzunehmen. Das Essen ist kultische Metapher eines Verhaltens, das im Widerspruch zur Gnade und zur Heilswirklichkeit steht. Nur der Hohepriester Christus ist im metaphorischen Sinn “Diener (Liturg) am wahren Zeltheiligtum“ (8,2) (226f).

Hebr 13,11-13: Nach Lev 16,27 sollen die Kadaver der Sündopfertiere außerhalb des Lagers verbrannt werden. “Außerhalb des Lagers“ bezeichnet im Horizont kultischer Anschauung den Bereich außerhalb des vom Heiligen gewährten und geschützten Lebensraums, also die Dimension des Unheiligen, Unreinen und Profanen. Die Unterscheidung zwischen dem Bereich des Heiligen und dem des Unheiligen und Profanen wird zum biblisch autorisierten Argument, um eindeutig zur Sprache zu bringen: Das Heilsgeschehen, Jesu Heiligung des Volks durch sein eigenes Blut, hat seinen Ort außerhalb jedes kultisch geheiligten Raums. Entscheidend ist die theologische Ortsbestimmung, dass der geschichtliche Jesus außerhalb des Jerusalemer Heiligtums am Ort kultischer Unreinheit und Heillosigkeit den Tod erlitt. Die Paradoxie, dass er gerade an diesem Ort “das Volk durch sein Blut heiligte“, ist die Negation jeder kultischen Heilsvermittlung. Aufgehoben ist die kultisch-religiöse Unterscheidung zwischen heilig und profan; der Ort der Heiligung ist radikal verändert. Der Ort des Leidens Jesu bestimmt, wo Gott in Wirklichkeit begegnet, wo die Heilswirklichkeit gegenwärtig ist und der alltägliche Gottesdienst der Gemeinde stattfindet. Zu Jesus aus dem Lager hinausgehen heißt, aus dem Lager kultischer Religiosität herauszugehen. Aufgerufen wird, einen Weg zu gehen, der an der Wirklichkeit des leidenden, das Kreuz ertragenden Jesus orientiert ist und in dieser Wirklichkeit zu ihm führt (227f).

“Durch ihn (Christus) lasst uns beständig Gott ein Lobopfer darbringen, das ist eine Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Das Wohltun und Mitteilen aber vergesst nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen“ (13,15f). Erneut wird kultische Sprache in Gebrauch genommen, um ein Geschehen zur Sprache zu bringen, das nicht nur ganz und gar unkultisch ist, sondern die Aufhebung jedes kultischen Gottesdienstes bedeutet. Das, was die Gemeinde darzubringen hat, ist “durch ihn“, den Hohenpriester Jesus, der durch sein eigenes Blut das Volk geheiligt hat (13,12), sowohl ermöglicht als auch vermittelt (229).

Der Gottesdienst der christlichen Gemeinde wird in dreifacher Weise neu bestimmt (1) Was dort die exklusive Funktion der Priester ist, nämlich Opfer darzubringen, ist nun Sache der ganzen Gemeinde und jedes einzelnen in ihr. (2) durch den Hohenpriester Jesus , der auch nicht priesterlich legitimiert war (7,13f), ist die hierarchische Position des Priesters gegenüber der Gemeinde aufgehoben und das priesterliche Amt auf die Gemeinde übergegangen. (3) Das Opfer ist nicht mehr ein kultisch-religiös sanktioniertes Opfer von Gewalt, sondern besteht im dankbaren Lobpreis Gottes (229).

Schließlich ist der christliche Gottesdienst nicht an heilige Zeiten und heilige Räume gebunden. Auf keinerlei Weise ist er eine heilige Handlung, die Heil begründet oder bewirkt. Er geschieht beständig und allezeit. Gottesdienst als Dank für die Erfahrung der Gnade kommt im Lobpreis und “im Wohltun und Mitteilen“ zum Ausdruck (230).

Als Antwort auf die Erfahrung der Gnade gehört unabdingbar beides zum beständigen, täglichen Dienst zu Gottes Wohlgefallen: das lobpreisende Bekenntnis zu Gottes Namen und die praktische Bewährung der Gemeinschaft in der Bruderliebe (230).