2. Das Abendmahl - ein Werk der frühen kirchlichen Tradition

2.1 Ursprung und Gestalten der frühen Mahlfeier

Der sakramentale Mahltyp - eine Weiterbildung der ursprünglich nicht-sakramentalen Mahlfeiern

B. Kollmann

a. Fortschreitende Christologisierung der Kultmahlkonzeption

Historischer Ursprung

des christlichen Abendmahls war nicht ein besonderes Abschiedsmahl Jesu, das dieser im engsten Kreise seiner Jünger am Vorabend seines Kreuzestodes abhielt, sondern die gesamte Mahlpraxis Jesu während seiner irdischen Wirksamkeit, die in Gestalt offener Mahlgemeinschaften Zöllner, Sünder, Jünger und beliebige weitere Personen einbezog. Unter Anknüpfung an die supranaturalen Bezüge, die jeder jüdischen Mahlzeit als einem unter ideeller Gastgeberschaft Gottes stattfindenden Verzehr von Speise und Trank innewohnen, eignete diesen Mahlgemeinschaften Jesu insbesondere der Charakter von Heilsmählern. Als maßgebliche Verständniskategorie griff Jesus das atl-prophetische Motiv eines heilszeitlichen Freudenmahls Gottes in seiner Verkündigung auf. Er bezog es präsentisch auf die Zeit seines Auftretens (Mk 2,19; Mt 22,1ff par) und konkretisierte es in Gestalt seiner offenen Mahlgemeinschaften (Mk 2,15-17; Mk 6,30-44/8,1ff; Lk 19,1ff; Joh 2,1ff). Für die Teilhabe am göttlichen Heil ist allein der Akt des gemeinsamen Mahlhaltens mit Jesus wesentlich. Den Mahlelementen selbst kommt keinerlei eigenständige Bedeutung zu – in der Regel Brot und Fisch (Mk 6,30-44; 8,1-10), falls vorhanden auch Wein (Mt 11,19 par; Joh 2,1ff) (251f).

Diese Mahlgemeinschaften

wurden in den nachösterlichen christlichen Gemeinden fortgesetzt. An die Stelle der leibhaftigen Anwesenheit Jesu trat nunmehr dessen ideelle Gegenwart unter Aufnahme des atl-jüdischen Traditionskomplexes vom endzeitlichen messianischen Heilsmahl. Der Speisungsbericht Joh 21,12f reflektiert eine solche nachösterliche Fortsetzung der Mahlgemeinschaft mit dem Irdischen. Sachlich sind diesem Komplex auch die in 'Jubel' von den ersten Jerusalemer Christen begangenen täglichen Mahlfeiern (Apg 2,42.46) zuzuordnen (252).

Im hellenistischen Judenchristentum

blieben die übernatürlichen Bezüge nicht mehr an den Akt des gemeinschaftlichen Mahlhaltens als solchen mit ideeller Gegenwart Jesu gebunden, sondern wurden nunmehr kraft besonderer Qualität den Mahlelementen übereignet.

Die göttlichen Heilsaspekte werden unter Aufnahme des Traditionsmotivs vom Manna als einer himmlischen Lebensspeise sowie unter Rückgriff auf ein substantielles Geistverständnis in hellenistische Deutekategorien umgesetzt, indem die Mahlelemente als Träger des lebenspendenden göttlichen Pneumas gelten (1Kor 10,3f; Did 10,3). Dabei ist Jesus als Offenbarer der Mahlelemente einbezogen aber noch nicht in Speise und Trank selbst präsent. „Alle haben dieselbe Speise gegessen und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus“ (1Kor 10,3f). In diesem Stadium kann erstmals von einer sakramentalen Mahlkonzeption gesprochen werden, insofern als die göttlichen Heilsbezüge des gemeinsamen Mahlhaltens nunmehr quasi materialiter durch Speise und Trank übereignet werden. Jetzt konzentriert sich das Interesse zwangsläufig auf Brot und Kelchinhalt, während es zuvor gleichgültig war, was als Speise oder Trank genossen wurde, denn der Akzent lag allein auf dem Akt der Mahlgemeinschaft mit Jesus als solchem (252f).

Im Zuge fortschreitender Christologisierung der Kultmahlkonzeption wurde außerdem unter Einbeziehung von Kommunionopfer- und Mysterienvorstellungen als Frucht von Brot- und Kelchgenuss eine Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi als Zentralaspekt der kultischen Mahlfeier in dem Sinne benannt, dass der Genuss der Elemente eine Anteilhabe am Kreuzes- und Auferstehungsleib Christi dokumentiert: „Der gesegnete Kelch, den wir segen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi“ (1Kor 10,16) (253)?

Die nächste Etappe

dieser fortschreitenden Christologisierung ist durch die Formulierung von ‚Einsetzungsworten’ und eine mittels ‚ist’ vollzogene Identifikation von Brot und Kelchinhalt mit Leib bzw. Blut Jesu gekennzeichnet. Der bereits in der Koinonia-Tradition ansatzweise gegebene Bezug zum Tod Jesu wird dabei in Gestalt von ‚Für’-Applikationen entfaltet: „Dies ist mein Leib für euch“ (1Kor 11,24). In einem traditionsgeschichtlich weiterfortgeschrittenen Stadium, wie es Joh 6,51 bietet, erfolgt dann eine Identifikation des himmlischen Lebensbrotes mit „mein Fleisch für das Leben der Welt“. Als Äquivalent zu der ‚Für-Applikation’ beim Brotwort wächst dem Kelchwort, das anfangs ohne Bundesbezüge existierte, zunächst unter Rezeption des Ex 24,8 bezeugten Motivs vom Blutbund die Bundes-Vorstellung zu (in fortgeschrittener, weil zusätzlich Jer 31,31-34 einbeziehender Form 1Kor 11,25). In der Mk 14,24 vorliegenden Fassung des Kelchwortes begegnen – als Resultat des Wegfalls der Worte ‚nach dem Mahl’ – sowohl das Bundes – als auch das Sühnetodinterpretament beim Kelchwort. Dabei entstand aus dem an die Gemeinde gerichteten‚ für euch’ unter dem Einfluss von Jes 53 das universale, für viele’(253).

Darüber hinaus ist dem pln-lkn Überlieferungszweig entnehmbar, dass unter Adaption hellenistischer Totengedächtnistopik nunmehr eine den Bezug zum Tod Jesu verstärkende Zweckbestimmung der kultischen Mahlfeier als eines regelmäßig „zu meinem Gedächtnis“ zu wiederholenden Aktes erfolgte. In diesem Stadium der Traditionsbildung wurden somit bis dahin ‚neutral’ formulierte Kultmahlinterpretamente erstmals in direkte Formulierungen Jesu transponiert (durch das Personal- bzw. Posessivpronomen der 1.Pers. Sing.) (253f).

Durch die Historisierung der Einsetzungsworte im Rahmen eines Abschiedsmahls des Kyrios Jesus „in der Nacht der Dahingabe“ wird die bis dahin ohne Rekurs auf ein letztes Mahl Jesu stattfindende Mahlfeier (Apg 2,42.46; Did 9f; 14,1-3; Joh 6,30-58) erstmals auf ein von Jesus am Vorabend seines Todes gegebenes 'Vermächtnis' zurückgeführt.

Die Historisierung der von einer 'Für'-Formel geprägten Kultmahltradition „in der Nacht der Dahingabe“ (nämlich durch Judas) konnte den Anlass gegeben haben, das Kultmahl nunmehr als von Jesus selbst eingesetzt zu betrachten und bis dahin ‚neutral’ formulierte Kultmahlinterpretamente demgemäß in 'Ich-Stil' zu fassen (254).

„Der Herr Jesus, in der Nacht der Dahingabe, nahm das Brot, (24) dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. (25) Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. (26) Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,23-26).

Die Historisierung

durch „in der Nacht der Dahingabe“ motivierte dann ihrerseits zu einer Einverleibung der zunächst isoliert umlaufenden Einsetzungsüberlieferung (1Kor 11,23-25) in den Rahmen des Passionsberichts, der seinerseits bereits die Tradition von einer Entlarvung des Verräters während eines letzten Mahles Jesu beinhaltete (Mk 14,18-21 parr; Joh 13,21-30). Erst durch das im syn Passionsbericht bereits beheimatete Passahmotiv wird die Einsetzungsüberlieferung nunmehr zu einem integrativen Bestandteil dieses letzten Passahmahles Jesu. Entsprechende Bezüge sind erstmals im Mk-Ev greifbar, wo Jesu letztes Mahl zugleich als Passahmahl gilt. Sie wurden von Mt übernommen und von Lukas durch eine formale Angleichung seiner Darstellung des Abschiedsmahls Jesu an den rituellen Ablauf des Passahmahls ausgebaut (254).

b. Drei unterschiedliche Mahltypen nebeneinander um 100 n. Chr.

Die Mahlgebete der Didache

weisen keinen Bezug zum Tod Jesu auf. Die Eucharistie der Didache versteht sich nirgendwo erkennbar als Fortführung eines von Jesus vor seinem Tode begangenen Abschiedsmahls und die Mahlelemente sind nicht christologisch als Leib bzw. Blut Jesu qualifiziert. Vielmehr gelten hier Brot und Wein als pneumatische Gaben, die Gott durch seinen ‚Knecht’ Jesus offenbar gemacht hat. Eine Beeinflussung der Didache durch die ntl ‚Einsetzungsberichte’ ist nicht erkennbar (255).

Joh 6,51-58

Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt... Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, ...Denn mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“. Es geht um eine sakramentale Mahlfeier, in der Speise und Trank als Fleisch und Blut Jesu galten. Dabei war die Gewährung ewigen Lebens kraft Inkorporation der mit Jesu 'Fleisch' identifizierten Lebensspeise und des als sein ‚Blut’ geltenden Lebenstranks impliziert. Die Qualität der eucharistischen Speise als Lebensbrot wird primär durch Jesu präexistente Seinsweise in der Sphäre göttlichen Lebens konstituiert (Joh 6,33.50). Bundes- und Todesgedächtnisvorstellungen fehlen ebenso gänzlich wie eine Mk 14,25 parr vergleichbare eschatologische Perspektive. Diesem Befund korrespondiert der Sachverhalt, dass dem Joh-Ev keine Historisierung der kultischen Mahlfeier im Kontext der Passion Jesu oder gar eines letzten (Passah-) Mahles entnehmbar ist. Eine Verbindung zu dem Motiv vom Abschiedsmahl Jesu wird nicht hergestellt (256).

Die paulinischen Gemeinden

sowie die von den syn Evangelien repräsentierten christlichen Gemeinden begingen ein sakramentales 'Abendmahl', das als Fortführung eines letzten Mahles (Pls) bzw. letzten Passahmahls (Syn) Jesu galt. Mit dieser Mahlkonzeption, bei der die Mahlelemente Brot und Wein christologisch als Leib und Blut Jesu qualifiziert sind, verbinden sich vielfältige Heilsvorstellungen. Grundlegendes soteriologisches Implikat ist dabei die sakramentale communio mit dem Kreuzes- und Auferstehungsleib Jesu, angereichert mit Sühnetod-, Totengedächtnis- und Bundesbezügen (256f).

c. Exkurs: Sekundäre Bildung von Jesuslogien im Ich-Stil

Mt 28,18-20: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes... Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. In dem ausdrücklich vom Auferstandenen formulierten Tauf- und Missionsbefehl gilt - nach dem 'Abendmahl' - nunmehr auch die Taufe als von Jesus selbst 'eingesetzt'. Bei dem Bemühen, die eigene Taufpraxis sowie die universalistische Mission zu Legitimationszwecken auf entsprechende Anordnungen des Auferstandenen zurückzuführen, werden ebenfalls Formulierungen im Ich-Stil verwendet. (Lk 24,49: „Und siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch ...“) (259f).

Joh 21,15-23: Dieser Komplex (und Mt 16,17-19) setzt nicht nur eine Anerkenntnis des Petrus als kirchlicher Autorität voraus, vielmehr ist darüber hinausgehend Joh 21,18 als vaticinium ex eventu zu beurteilen, das den Märtyrertod des Petrus von Jesus angekündigt sein lässt. Die Korrektur der Auffassung, der Lieblingsjünger werde nicht vor Eintreffen der Parusie Jesu sterben (21,23), weist dessen Tod als bereits der Vergangenheit zugehöriges Ereignis aus. Folglich handelt es sich hier ebenfalls um nicht auf Jesus zurückführbare, sondern ihm sekundär zugeschriebene Logien, die sowohl Verben als auch Personalpronomina der 1. Pers. Sing. verwenden: „Weide meine Lämmer“ 21,15-17, „wahrlich wahrlich, ich sage dir“ V 18, „folge du mir nach“ V 22.

Die john Ich-bin-Worte: Diese Worte sind das prägnanteste ntl Beispiel dafür, dass nicht allein Ich-Aussagen des Auferstandenen, sondern auch des Irdischen sekundär gebildet wurden. Diese Worte gehen keinesfalls auf Jesus selbst zurück. Durch sie wird der Überzeugung Ausdruck verliehen, dass die Heilsgaben ('Brot des Lebens', 'die Auferstehung und das Leben', 'der Weg, die Wahrheit und das Leben' sowie ursprüngliche Gottesprädikationen wie der 'gute Hirte') mit dem Kommen Jesu realisiert wurden. Diese Ich-bin-Worte wurden dem irdischen Jesus zugeschrieben (260).

Mt 16,18f: „Ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein“. Aus der Vielzahl syn Jesuslogien im Ich-Stil sei zunächst auf diese Petrusverheißung verwiesen, die im Unterschied zu Mt 28,18ff im Erdenleben Jesu angesiedelt ist. Skepsis gegenüber einer Authentizität dieses Doppellogiens erweckt nicht allein der Sachverhalt, dass 'Ekklesia' (Kirche) nur hier im Munde Jesu begegnet, sondern es ist auch äußerst fraglich, ob sich die Gründung einer eigenen Kirche ('meine Kirche') mit Jesu Verkündigung der Königsherrschaft Gottes vereinbaren lässt. Zudem weisen die Futura „ich werde bauen“ und „ich werde dir geben“ auf eine erst nachösterliche Entstehung von Mt 16,18f hin. Die Petrusverheißung setzt somit die Existenz einer organisierten christlichen Kirche voraus, in der Petrus als Autorität mit Lehr- und Disziplinargewalt anerkannt wird. Diese Gegebenheiten werden Mt 16,18f in das Erdenleben Jesu zurückprojiziert, indem die Konstituierung einer christlichen Kirche mit Petrus an der Spitze als von Jesus selbst angekündigt gilt. In diesem Zusammenhang finden wiederum Ich-Formulierungen Verwendung (261).

Die syn 'elthon'-Worte („Ich bin gekommen“): Diese Worte nehmen aus nachösterlicher Perspektive das gesamte Wirken Jesu unter bestimmten Aspekten in den Blick z.B., Mk 2,17: „Ich bin nicht gekommen die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder“ diente vermutlich ursprünglich einer Rechtfertigung der Mission von Heiden: „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte! Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist“ (Lk 12,49f). Dieses Wort ist als eine Leidensankündigung Jesu zu beurteilen, die erst in der christlichen Gemeinde als vaticinium ex eventu entstand (261f).

Im frühesten Christentum setzte auf breiter Basis eine sekundäre Bildung von Jesus-Worten im Ich-Stil ein. Daher ist es denkbar, dass die gleichermaßen in Formulierungen der 1. Pers. Sing. gefassten Einsetzungsworte nicht auf Jesus selbst zurückgehen. Der Ich-Stil im Munde Jesu verbürgt nicht prinzipiell Authentizität, sondern wird von zahlreichen syn und john Befunden als Mittel zur Gestaltung fiktiver Jesusworte ausgewiesen (262).

Die ntl Einsetzungsberichte standen nicht am Anfang der Entwicklung, sondern sie markieren den Höhepunkt einer komplexen Entwicklungsgeschichte nachösterlich fortgesetzter Mahlgemeinschaften der Erdenzeit Jesu. Neben der von den Einsetzungsberichten repräsentierten Mahlkonzeption ist die Existenz solcher kultischen Mahlfeiern nachweisbar, die sich z.T. erheblich von dem ‚Herrenmahl’ pln-syn Prägung unterscheiden (266).

d. Unverzichtbare Elemente frühchristlicher Mahlfeiern

Theologische Aspekte

Historische Grundlage des 'Abendmahls' sind die Mahlgemeinschaften Jesu. Er nahm die atl-prophetische Verkündigung eines endzeitlichen Freudenmahls unter der Gastgeberschaft Gottes auf, bezog sie präsentisch auf die Zeit seines Auftretens und konkretisierte entsprechende Heilsaspekte in Form von Mahlgemeinschaften. Diese spezifisch theologischen Bezüge des Mahlhaltens prägen auch die in Gestalt von 'messianischen Heilsmählern' erfolgte nachösterliche Fortsetzung der Mahlgemeinschaften Jesu sowie die Mahlgebete der Didache, die sich unmittelbar an Gott wenden – diesen als Gastgeber der Eucharistie und Gewährer der Heilsgaben betrachten. Dieser theologische Aspekt wird in der sonstigen frühchristlichen Mahlüberlieferung stellvertretend wahrgenommen zunächst von dem Pneuma als Instrument des Erdenwirkens Gottes – so in der Beschaffenheit der Mahlelemente als 'geistlicher Speise und Trank' (1Kor 10,3f) – dann durch Christus als Repräsentant Gottes, der in einem Teil der Überlieferung personal in Speise und Trank präsent ist und nach Auffassung der Einsetzungsüberlieferung das christliche Gemeindemahl stiftete (266f).

Christologische Aspekte

Die Leibhaftige Anwesenheit Jesu bei den Mahlgemeinschaften zu seinen Lebzeiten wurde nachösterlich zunächst in seine ideelle Repräsentanz als 'Bräutigam' (Mk 2,19), 'Hirte' (Mk 6,34) u.ä. transponiert. In diesen Konzeptionen ist die Anwesenheit Jesu an den gesamten Mahlvollzug als solchen gebunden.

Eine massivere Einbeziehung der Person Christi bietet dann die Koinonia-Tradition 1Kor 10,16, die unter Rezeption von Mysterienvorstellungen im Brot- bzw. Kelchgenuss eine Anteilhabe an Leib und Blut Christi dokumentiert sieht. Diese Befunde setzen eine personale Repräsentanz Jesu in den Mahlelementen selbst voraus.

Ausschließlich in diesem, von einer Präsenz Jesu in den Mahlelementen geprägten Zweig der Überlieferung ist ein massiver Bezug zum Tod Jesu gegeben, denn bei dem – mit dem eucharistischen Brot identifizierten – 'Leib' handelt es sich um den Kreuzes – und Auferstehungsleib Jesu und bei dem 'Blut' um Jesu soteriologisch relevantes Kreuzesblut. Entsprechend wird dieser Bezug zum Tod Jesu in Teilen der Überlieferung in Form von 'Für'-Wendungen, Blutbundvorstellungen und Totengedächnistopik ausgestaltet.

Neben der Präsenz Jesu im Mahlgeschehen begegnet in Teilen der Überlieferung die eschatologisch orientierte Hoffnung auf die Parusie des Herrn (1Kor 11,26; 16,22; Did 10,6).

Noch zu Begin des zweiten Jh.s ist mit der Eucharistie der Didache die Begehung einer Mahlfeier belegt, die sich ohne eine kultisch-technische Rezitation von Einsetzungsworten vollzog und dabei den 'Gottesknecht' Jesus als Gewährer der pneumatischen Gaben betrachtete, ohne dass er selbst in diesen präsent wäre (267f).

Heilsaspekte

Die Mahlgemeinschaften Jesu waren durch die präsentische Vorwegnahme endzeitlichen Heils gekennzeichnet. Diese Heilsimplikationen wurden in der Folgezeit unter Aufnahme des Traditionsmotivs vom Manna als supranaturaler Lebensspeise und unter Adaption eines substantiellen Geistverständnisses in hellenistische Deutekategorien transponiert. Die Mahlelemente galten nunmehr als Träger des lebenspendenden göttlichen Pneumas (1Kor 10,3f; Did 10,3). In diesem Zusammenhang kann erstmals von einem sakramentalen Mahlverständnis gesprochen werden, da die soteriologischen Bezüge materialiter an eine bestimmte Beschaffenheit von Speise und Trank gebunden sind. Nach 1Kor 10,16 dokumentiert der Genuss von Speise und Trank Anteilhabe an Christi Todes- und Auferstehungsleib.

Bei Ignatius dominiert die Vorstellung der sakramentalen communio mit dem Auferstandenen bzw. Erhöhten, indem das mit Jesu 'Fleisch' identifizierte eucharistische Brot als 'Brot des Lebens' bzw. als 'Pharmakon der Unsterblichkeit' bereits in der Gegenwart ewiges Leben und Unsterblichkeit verbürgt (269).

Den Einsetzungsberichten wohnt als Grundvorstellung ebenfalls der Gedanke der sakramentalen communio inne, angereichert durch eine Interpretation des Kreuzesgeschehens als eines Sterbens 'für uns' bzw. 'für viele' sowie durch eine Entfaltung der Bedeutung des Todes Jesu in Bundeskategorien. Diese setzen im pln-lkn Kelchwort das Bewusstsein voraus, der durch Jesu Blut konstituierten neuen Heilsgemeinde zuzugehören. Als neuer Aspekt begegnet dann Mt 26,28 erstmals die Vorstellung, die Teilnahme am Kultmahl bewirke die fortlaufende Vergebung der Sünden (269f).

Gemeinschaftsaspekte

Für die Mahlgemeinschaften Jesu war die jüdische Vorstellung bestimmend, dass gemeinsames Essen und Trinken einen Ausdruck innigster Gemeinschaft unter ideeller Gastgeberschaft Gottes darstellt. Diese Gemeinschaft gewährte Jesus in Vorausnahme des endzeitlichen Freudenmahls Gottes denjenigen Personen, die gegenwärtig dem Ruf in die Königsherrschaft Gottes zu folgen bereit waren. Für Paulus dokumentiert das Herrenmahl eine Teilhabe am Leib des Christus. Dieser gemeinschaftliche Aspekt fordert nach pln Verständnis eine ethische Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Christusleib als ganzem (270).

e. Ergebnis

Bei sämtlichen Mahlkonzeptionen handelt es sich um eine Feier unter ideeller Gastgeberschaft Gottes. Jesus oder das Pneuma fungieren als Repräsentanten Gottes.

Für jegliche Art von ‚Abendmahl’ erweist sich eine Einbeziehung der Person Jesu als wesentlicher Bestandteil. Diese kann sich in Form ideeller Repräsentanz vollziehen, indem die Anwesenheit Jesu an den gesamten Mahlvollzug an sich gebunden ist. Ein grosser Teil der Überlieferung setzt eine Gegenwart Jesu in den sakramentalen Gaben von Speise und Trank voraus.

Das christliche Kultmahl dokumentiert einen jenseits dieser Wirklichkeit liegenden Heilsstatus, sei es durch das Mahlhalten als solches oder durch eine bestimmte sakramentale Qualität der Mahlelemente. Soteriologische Aspekte wie 'ewiges Leben', Teilhabe an Kreuzestod und Auferstehung Jesu etc. werden von einem Teil der Überlieferung als schon gegenwärtig wirksam betrachtet (272).

Die im frühen Christentum begangene Mahlfeier war stets ein gemeinschaftliches Essen, das einen bestimmten gemeinsamen Heilsstatus dokumentierte und die sakramentalen Inhalte des Mahles nicht losgelöst von einer sachgemäßen Gestaltung der sozialen Bezüge in der jeweiligen Gemeinde betrachten konnte. Dieser Gemeinschaftsaspekt prägte bereits die Mahlgemeinschaften der Erdenzeit Jesu. Eine Beteiligung besonderer Amtsträger war zur sachgemäßen Durchführung der sakramentalen Mahlfeier nicht vorausgesetzt.

Bei jeder Art frühchristlicher Mahlfeier handelt es sich um ein Mahl, das eine in Gott bzw. Christus gründende Gemeinschaft aller Beteiligten dokumentiert, dabei mit theologischen, christologischen und soteriologischen Bezügen verbunden ist und in jedem Falle einen jenseits der gegenwärtigen Wirklichkeit liegenden Heilsbereich bekundet (273).

f. Anhang: J. Bolyki: Zusammenfassung

Der historische Ausgangspunkt des christlichen Herrenmahls war nicht das letzte Abendbrot Jesu, sondern seine Tischgemeinschaftspraxis. Dort war Gott der Hausherr, das Speisen hatte den Charakter eines messianischen Heilsmahls. Eines seiner Merkmale war die Offenheit, ein anderes das Gemeinschaftserlebnis. Die Speiseelemente waren nicht wichtig.

In der nachösterlichen Gemeinde führte man Jesu Tischgemeinschaft so weiter, dass Jesus nicht leiblich, sondern idealiter anwesend war und damit das Ganze im Zeichen des endzeitlichen messianischen Heilsmahls geschah. Die eschatologische Freude erfüllte diese Mahlzeiten.

Im hellenistischen Judenschristentum erscheinen supranaturale Elemente nicht nur in der Handlung selbst, sondern auch in den Zeichen des Herrenmahls. Durch den Einfluss der Vorstellungen der Mysterienreligionen entstand der Gedanke, die Teilnehmer bekämen durch das Verzehren der Elemente Anteil am gekreuzigten und auferstandenen Leib Christi.

Das kleine Wort ‚ist’ der Einsetzungsworte gab Brot und Wein die Identifikation mit dem Leib und Blut Christi.

Der Gedanke von (Blut-)Bund und die testamentarischen Anweisungen wurden 'historisiert' und in die Passionsgeschichte eingegliedert (140).