2.4 Zur 1. Arnoldshainer These

G. Niemeier

: Ist das Heilige Abendmahl durch den historischen Jesus selber eingesetzt worden? Geht der sog. Wiederholungsbefehl: ‘Solches tut zu meinem Gedächtnis’ auf Jesus selber zurück?

In den von der Kommission für das Abendmahlsgespräch der EKD 1957 auf Grund zehnjähriger Vorarbeiten gemeinsam formulierten und einmütig angenommenen Sätzen wird gesagt, was Theologen lutherischen, reformierten und unierten Bekenntnisses innerhalb der EKD, bestimmt durch den Ertrag der neueren exegetischen Arbeit am NT, heute auf die Fragen nach Wesen, Gabe und Empfang des Heiligen Abendmahls gemeinsam antworten können (Ni 15).

F. Delekat: So wie die Dinge liegen, wird die historisch-kritische Untersuchung der Texte weitergehen müssen. Ich kann die Problematik der historisch-kritischen Exegese nicht einfach außer Acht lassen und in der Lehre vom Heiligen Abendmahl bei unserer konfessionellen Tradition anknüpfen. Unser Verhältnis zur Schrift hat sich geändert. Weder Luther noch Calvin haben an der Historizität der in den Synoptikern berichteten Einsetzung des Heiligen Abendmahls durch Jesus selbst gezweifelt. Die damaligen Meinungsverschiedenheiten entstanden nicht an der Zuverlässigkeit, sondern an der Deutung des Schriftwortes. Das Sinnproblem schwebt in der Luft, solange das Tatsachenproblem nicht gelöst ist (389).

Es ist der Einfluss des historischen Denkens auf unseren heutigen Wirklichkeitsbegriff, der uns, wie mir scheint, eine Rückkehr zum antiken und mittelalterlichen Symbolrealismus unmöglich macht. Heute geht es primär um Tatsachenfragen und erst dann um die Sinnfrage. Wer das nicht sieht, redet an der Situation vorbei(De 394).

A. Peters: Gegenüber der Kontroverse des 16. Jh.s ist ein neues Problem aufgebrochen: die exegetische Unsicherheit im Hinblick auf die Stiftung des Abendmahls durch Jesus. Die naive historische Ansicht, dass unser Herr vor seinem Sterben im letzten Mahle am Gründonnerstagabend das Abendmahl in der Weise, wie wir es feiern, eingesetzt habe, ist vielen Exegeten unter den Händen zerronnen. Die damit unausweichlich gewordene Frage nach dem Verhältnis zwischen einer Einsicht in einen geschichtlichen Tatbestand und einer dogmatischen Aussage wurde zurückgestellt, wollte man das Gespräch nicht zum Scheitern verurteilen. Indem ich in einem Bekenntnis die historische Frage nach der Stiftung des Sakramentes bewusst umgehe, habe ich die Möglichkeit eines derartigen Ausklammerns in das Dogma aufgenommen. Die Arnoldshainer Thesen wagen es nicht, das Abendmahl klar auf eine Stiftung des an das Kreuz gehenden Herrn zu gründen (183f).

In der Formulierung der These 1.1 ist diese Not so verdeckt, dass sie nur ein sehr kritischer Leser enthüllen wird. Dort heißt es: ‘Das Abendmahl, das wir feiern, gründet in der Stiftung und im Befehl Jesu Christi, des für uns in den Tod gegebenen und auferstandenen Herrn’. Wie ist das zu verstehen? Schließt dieser Stiftungsbefehl die verba testamenti ein? Hat Jesus sie nicht gesagt in der Nacht, da er verraten ward? Wann wurden sie zuerst laut? Sprach sie der Auferstandene, oder der Geist durch den Mund eines urchristlichen Propheten? Wie entgehen wir der Gefahr, dass die Urkirche nach ihrer Willkür ein Sakrament schuf (184f)?

Umgehe ich die Frage nach der Faktizität der Stiftung, so rächt sich dies durch eine innere Unsicherheit, wenn ich das Sakrament in seinem Gehalt beschreiben soll. Wie kann ich, ohne die exegetische Position, dass Jesu letztes Mahl in der Nacht des Verrats nicht unser Abendmahl begründet, preiszugeben, eine dogmatische Lehre vom Altarsakrament entfalten (185)?

Eduard Schweizer glaubt, zwei unterschiedliche Traditionsstränge herausheben zu können, den eschatologischen Ausblick und die Einsetzungsberichte. Nach ihm war Jesu letztes Mahl charakterisiert durch dessen symbolhaften Tischdienst und das Verheißen der Tischgemeinschaft im kommenden Gottesreich. Der Einsetzungsbericht mit den Deuteworten sei dagegen erst eine nachpfingstliche Ausgestaltung (185f).

Eine Gruppe der Kommissionsmitglieder kann mit ehrlichem Gewissen nur sagen: Wenn wir auf Jesus von Nazareth zurückgehen wollen, so können wir nur anknüpfen an die Mahlfeiern, die er mit seinen Jüngern gehalten hat, und sie verbinden mit der Verheißung des Auferstandenen, dass er bei seiner Kirche bleiben werde. Wir stützen uns auf die allgemeinen Verheißungen und spezifizieren sie nur auf die Mahlgemeinschaft (Pe 186).

M. Luther sah in 6,51ff nicht das Herrenmahl bezeugt, sondern die Realität der Inkarnation.

Zum ersten ist das 6. Kapitel Jh ganz beiseite zu legen, da es nicht mit einer Silbe von diesem Sakrament redet. Christus hat da geredet von dem Glauben an das Wort, welches Fleisch geworden. Denn er spricht: ‘Meine Worte sind Geist und Leben’. Damit zeigt er, dass er von dem geistlichen Essen redet, durch welches lebet, der da isset, da die Juden darunter fleischliches Essen verstanden und deshalb mit ihm zankten. Aber kein Essen macht lebendig, denn nur allein das Essen des Glaubens. Denn dieses ist wahrhaftig ein geistliches und lebendiges Essen. Wie auch Augustinus sagt: ‘Was bereitest du den Bauch und die Zähne. Glaube, so hast du gegessen’. Denn das Essen des Sakramentes macht nicht lebendig, weil viele unwürdig essen. Also kann nicht verstanden werden, dass Christus am selben Ort von dem Sakrament geredet habe.

Da Christus spricht: (6,53): “Wenn ihr nicht eßt mein Fleisch und nicht trinkt mein Blut, so werdet ihr das Leben nicht haben”, würde er alle Kinder verdammen, alle Kranken, alle Abwesenden oder durch andere Wege Verhinderten von dem Essen des Sakramentes, wie stark sie auch sonst glaubten, wo er daselbst das Essen des Sakramentes geboten hätte. Darum soll fest bestehen diese Meinung: das 6. Kapitel Jh diene zu der Sache nicht (Lu 159).