1.2 Das VU - ein Gebet des Täufers?

K. Müller: Das älteste VU weist nicht die geringste Spur einer christologischen Reflexion auf – es ist nicht daran interessiert, irgendwelche christlichen Inhalte weiterzugeben. Es rechnet nicht mit einer Unterscheidung des Jüdischen vom Christlichen. Und die Endzeit-Bezüge der beiden Du-Bitten haben auch nicht ansatzweise den Auferstandenen im Programm: seine spätere Rolle als Wiederkommender und Richter wird nicht einmal angedacht. Christlicher Glaube wird nirgendwo vorausgesetzt (181).

Da sich in Lk 11,1 die Nachricht erhalten hat, dass Jesus seinen Jüngern das VU empfahl, als diese von ihm verlangten, „sie beten zu lehren, gleich wie auch Johannes seine Jünger [beten] lehrte“, drängt sich die Annahme auf, dass das VU auf Johannes den Täufer zurückgeht. Dessen akute, aber rein futurische Naherwartung passt perfekt zu den beiden Du-Bitten. So wie die Brotbitte mit seiner asketischen Lebenseinstellung zusammenstimmt. Die Bitten um Schuldenerlass und um Verschonung vor Versuchung können ein Reflex des geschärften Sündenbewusstseins des Täufers sein (181f).

Das Logion in Lk 11,1b verfolgt keinerlei christliches Interesse. Es zeigt keine Spur einer Auseinandersetzung. Es setzt voraus, dass sich das Täufergebet im VU widerspiegelt (Anm. 177).

J. K. Elliott: Did the Lord's prayer originate with John the Baptist? Why is the name of John the Baptist associated with this set prayer? It must be that this was a prayer which John himself used. We know that John's movement was more ascetic than Jesus', so it is therefore not surprising to find that it was John and not Jesus who set the pace in the teaching of prayers. There is nothing impossible in the suggestion that it was John the Baptist who introduced the Paternoster. It is a typical Jewish prayer and has nothing uniquely Christian in it.