1.3 Das VU in der Logienquelle

K. Müller: Eine erste Erweiterung wuchs dem ältesten VU durch einen Nachsatz zu, der beiden ntl Fassungen gemeinsam ist, der also aus der Logienquelle stammt und sich unverkennbar sekundär an die zweite Wir-Bitte anhängte (185):

„wie auch wir unseren Schuldigern erlassen haben“ (Mt 6,12b)
„denn auch wir erlassen jedem, der unser Schuldner ist“ (Lk 11,4b)

Diese Selbsterinnerung an das Vergeben der Beter fällt gänzlich aus dem Rahmen des VU heraus. Eine solche Bezugnahme auf das menschliche Tun wirkt wie ein Fremdkörper, da das übrige VU ausschließlich mit einem Handeln Gottes rechnet. Der Nachsatz durchbricht die Struktur der ursprünglichen Aufzählung der Gebetsanliegen – und wird deshalb aus Q stammen. Das umso mehr, als die Q-Gruppe auch sonst Wert auf eine grenzenlose Vergebungsbereitschaft legt. Das zeigt u.a. der Satz aus einer ihrer Geimeinderegeln, der sich in Lk 17,4 (par Mt 18,22) erhalten hat: „Und wenn er [dein Bruder] sich siebenmal am Tag gegen dich verfehlt und siebenmal wieder zu dir kommt und spricht: ich bereue – so vergib ihm“ (186)!

Der Sirazide (28, 2-4) macht auf den gleichen Sachverhalt aufmerksam: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht. Dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben. (3) Der Mensch verharrt im Zorn gegen den anderen, vom Herrn aber sucht er Heilung zu erlangen? (4) Mit seinesgleichen hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er um Gnade“?

Der Q-Zusatz enthält sich jeglichen Hinweises auf naheliegende christologische Vorgaben: nicht einmal andeutungsweise kommt die Überzeugung des Urchristentums vom Sühnetod Jesu zur Sprache. Das VU bleibt auch auf seiner Q-Stufe ein uneingeschränkt jüdisches Gebet (186).