1.4 Das VU nach der Bearbeitung durch den Evangelisten Matthäus

„Unser Vater, der in den Himmeln ist“,

„es geschehe dein Wille, wie im Himmel [so] auch auf Erden“,

„sondern rette uns vor dem Bösen“.

Alle drei Ergänzungen lassen sich der Redaktion des Matthäus zuordnen. Der Evangelist hat sie selbst formuliert (187f).

Die von Matthäus vermehrte Anrede: „unser Vater, der in den Himmeln ist“ verrät ebenso wenig wie die ältere und kürzere Q-Anrede pater ein exklusives Sohnesbewusstsein Jesu, sondern bewegt sich innerhalb eines Sprachgebrauchs, der sich damals in den jüdischen Überlieferungen zu etablieren begann. Die Bedeutung „Vater in den Himmeln“ soll Gott von allen irdischen Vätern unterscheiden. Auch das Pronomen der ersten Person Plural hinter pater das Vater-Unser schließt mit anderen jüdischen Gebeten zusammen (188).

„es geschehe dein Wille, wie im Himmel [so] auch auf Erden“.

Hinter dieser Bitte steht eine jüdische Totalitätsformel, die mit Himmel und Erde die Grundmarkierungen des dualen antiken Weltbildes angibt. Im Einzelnen fasst Matthäus mit ihrer Hilfe jene andere Auffassung frühjüdischer Theologie ins Auge, derzufolge der gesamte Geschichtsverlauf schon vor der Erschaffung der Welt als Gottes Wille vorausformuliert wurde (Weish 9,13-18). Wie der Wille Gottes 'im Himmel' geschieht, genau so möge er 'auf Erden' geschehen! Matthäus zielt mit seiner dritten Du-Bitte auf ein aktives Verhalten der Menschen angesichts des alles übergreifenden Gesamtwillens Gottes: er legt Gott das Tun des Menschen in Gestalt einer Bitte zu Füßen – mit derselben Zurückhaltung, mit der die zeitgenössische jüdische Theologie das freie Handeln des Menschen an den vorausentschiedenen Willen Gottes heranführte (188).

„sondern rette uns vor dem Bösen“

Der Genitiv ponerou kann nur neutrisch interpretiert werden, da auch die dritte Wir-Bitte von einer Alleinverursachung Gottes ausgeht und derart den Satan als Mitspieler förmlich ausschließt. Der Begriff 'der Böse' für den Satan ist in (früh) jüdischen Texten nicht belegbar. Gerade die frühjüdischenn Texte legen es deshalb nahe, die vierte Wir-Bitte des Matthäus an Alltagserfahrungen heranzuführen und dabei an Krankheit, böse Menschen oder ähnliche Drangsale zu denken, vor denen die Beter bewahrt werden wollen. Die vierte Wir-Bitte konkretisiert die voranstehende Bitte um Verschonung vor dem peirasmos (189).

Mätthäus greift in 6,2-6 und 6,16-18 einen älteren jüdischen Text auf und legt ihn um seine Version des VU herum. Dieser jüdische Textzusammenhang bietet eine Art Frömmigkeitslehre an und beschäftigt sich mit den drei zentralen Ausdrucksformen jüdischer Alltagsfrömmigkeit: mit dem Almosen-Geben (1-4), mit dem Beten (5f) und mit dem Fasten (16-18). Matthäus geht es um das richtige Beten sowie um die Gefährdung des Gebets durch Selbstdarstellung (189f).

Matthäus schickt dem VU die sprachlich völlig eigenständigen Vv 7f voraus. Durch diesen Vorspruch wird das VU der Gebetspraxis der 'Heidnischen' entgegengesetzt. Die Gemeinde weiß, dass Gott ihre Bedürfnisse kennt, bevor sie darum bittet. Nirgendwo hat Matthäus jenen älteren jüdischen Text christologisch oder christlich korrigiert (191).