1.5 Das VU nach der Bearbeitung durch den Evangelisten Lukas

Auch Lukas ändert den Wortlaut des VU, den er in der Logienquelle vorfand. Lukas zeigt sich daran interessiert, die beiden ersten Wir-Bitten auf die Gegenwart der Betenden zu beziehen. In 11,4 ersetzt er die 'Schulden' durch 'Sünden'. Er verwendet den im Zusammenhang von Vergebungsaussagen geläufigen Begriff, um die Zuwendung Gottes auch und gerade zu den 'Sündern' herauszuheben. Für Lukas geht es dabei um die 'täglichen Sünden', die Christen vor Gott immer wieder aufs Neue schuldig werden lassen. Ihr Nachlass wird deshalb nicht nur einmal erbeten, sondern ständig und anhaltend (191f).

Auch Lukas setzt das VU in einen neuen Kontext. Lk 11,1-13 steht unter der Überschrift 'Gebetsunterweisung'. Dieser Abschnitt führt drei Einzelüberlieferungen zusammen: Das VU (2-4) mit dem Gleichnis vom bittenden Freund (5-8) und mit den Sprüchen über Gebetserhörung (9-13 par Mt 7, 7-11). Die ganze Gebetslehre gibt sich als eine durchdachte Komposition zu erkennen, die Lukas selbst zusammengestellt hat (192f).

Lukas tauscht in 11,13 'das Gute' (Mt 7,11), von dem er in der Logienquelle gelesen hatte, gegen das pneuma hagion aus. Er meint, dass das Beten des VU Gott veranlassen wird, den heiligen Geist zu geben, um den sich die Bitten des VU sonst gar nicht bemühen. Dieser heilige Geist ist im lkn Doppelwerk das vorrangige Merkmal der Zeit der Kirche (193).

Der Wortlaut des VU hat sich immer noch ohne christliche Obertöne und gänzlich ohne christologische Zuwächse erhalten (194).