2. Das VU - ein politisches Gebet?

B. Lang (1998)

2.1 Das VU - ein jüdisches Gebet um nationale Befreiung?

Das VU ist vor dem Hintergrund des jüdischen Gebets im 1. Jh. n. Chr. zu sehen. Mindestens zwei Gebete lassen die typischen Anliegen der damaligen Zeit erkennen: das sog. Achtzehngebet und die 'Große Liebe' (92).

Das Gebet der Synagoge bittet um die Wiederherstellung des jüdischen Staates oder, in der Sprache der 'Großen Liebe', um das Ende der Diaspora durch die Rückführung aller Juden in ihre Heimat (was die Wiedererrichtung des Staates voraussetzt) (92f).

Das zentrale Anliegen des Achtzehngebets war die Wiederherstellung Israels als Staat. Eine alte Fassung gibt der 11. Bitte folgende Gestalt: „Bring wieder unsere Richter wie vordem und unsere Ratsherren wie zu Anfang. Und sei allein du König über uns. Gelobt seist du, Ewiger, der Gerechtigkeit liebt“. Etwa die Hälfte der Bitten sind staatspolitischer Natur. Auf den Zusammenbruch der römischen Herrschaft, so glaubt man, werde die Errichtung des Gottesreichs folgen, und eben darum bittet das Achtzehngebet (93).

Das älteste Gebet, das die in der frühen Synagoge vorgebrachten Anliegen widerspiegelt, ist das VU. Es handelt sich hierbei um ein rein jüdisches Gebet, das nichts spezifisch Christliches enthält. Fast jede im VU enthaltene Wendung begegnet auch in der Gebetssprache der Synagoge. In diesem Kontext gesehen, erscheint das VU als ein für den öffentlichen Gottesdienst der Synagoge bestimmtes Gebet, das Gott um die Befreiung Israels von seinen Feinden und die Wiederherstellung des jüdischen Staates – des 'Reichs Gottes' – bittet (93f).