2.2 These: Das VU stammt von Johannes dem Täufer und war mit der Taufe verbunden

Die Täuferbewegung sah in Johannes einen neuen Propheten Elija, von dem erwartet wurde, er werde „alles wiederherstellen“ (Mk 9,12), das meint die Wiederherstellung des jüdischen Staates (Sir 48,10). In Vorwegnahme dieses Ereignisses sang die Bewegung bereits ein Siegeslied: Gott stößt die Hohen – die Römer und die Herodianer – vom Thron und erhöht die Niedrigen, nämlich das jüdische Volk. Das ursprünglich von Elisabeth, der Mutter des Täufers (nicht von Maria) gesungene Magnificat lässt sich besser verstehen, wenn wir es dem Kreis um Johannes den Täufer zuschreiben. Genau diese politische Erwartung bildet den Schlüssel zum Verständnis des VU (94).

Johannes scharte Menschen um sich und lud sie zum Vollzug eines besonderen religiösen Rituals ein, der Taufe. Es handelt sich um eine rituelle Reinigung, um eine innere, geistige Erneuerung, die in einer äußeren Waschung sichtbar gemacht wurde. Ein Wort des Propheten Ezechiel bot die Anregung zur Schaffung der Taufe. Ezechiel lebte im 6. Jh. v. Chr. und wirkte unter den Verbannten in Babylonien. Er verkündete ihnen Jahwes Heilsansage: „Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen. Und die Völker – Spruch des Herrn Jahwe – werden erkennen, dass ich Jahwe bin, wenn ich mich an euch als heilig erweise … Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit … Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meine Gesetze befolgt“ (Ez 36, 23-27) (94f).

Um seines Rufes, seines heiligen Namens, willen wird Jahwe sein Volk erlösen. Er wird es aus der Babylonischen Gefangenschaft in seine Heimat in Palästina zurückführen. Sobald dies geschehen ist, haben die Völker keinen Grund mehr, über einen zweitrangigen Gott zu spotten, dem es nicht einmal gelingen will, sein zweitrangiges Volk zu beschützen. Der Prophet ist der Meinung, dass die Judäer die Verschleppung ins Babylonische Exil verdient haben. Das ist die Strafe für die Sünde der Götzenverehrung und des Abfalls von seinem Gott. Jahwe lässt nun seinen Propheten die große Wende ankündigen. Jahwe wird eingreifen und sein Volk zurückführen. Aber der bevorstehenden Wende muss eine Reinigung des Volkes vorausgehen, eine kultische Reinigung mit Wasser (95).

Von der Notwendigkeit einer kultischen Reinigung war Sacharja überzeugt: „An jenem Tag [der Erlösung] wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit“ (Sach 13,1).

Bei Ezechiel und Sacharja ist die mit Wasser erfolgende Reinigung nur ein Bild für Gottes unsichtbares Handeln. Sie bezeichnen damit nichts anderes als das Geben eines 'neuen Herzens' und einer lauteren Gesinnung (Ez 36,26). Johannes aber las die Prophetenschriften anders. Seiner Meinung nach muss es wirklich zu einer Reinigung mit Wasser kommen. Diese Lesart war im frühen Judentum durchaus verbreitet. In der Taufpraxis des Johannes gilt Gott selbst als der Handelnde: Er besprengt sein Volk mit Wasser und reinigt es so von seinen Sünden. Es handelt sich um einen Akt der 'Vorahmung' eines nachfolgenden göttlichen Tuns. Die Taufe des Johannes 'zur Vergebung der Sünden' lädt Gott ein, die von Johannes vorbereiteten Sünder nun auch seinerseits zu reinigen (95).

Johannes hat sich als Vorläufer von Gott selbst verstanden, der das von Johannes begonnene Werk vollenden wird. „Es kommt einer, der stärker ist als ich“, verkündet er. Der Stärkere ist kein anderer als ein König, der mit göttlicher Hilfe Israel wieder zu einem selbständigen Staat verhilft (Lk 3,16). Daher die Ankündigung: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2). Die Johannestaufe ist der erste Akt im großen Drama der Erlösung, in dem Gott die Heiligkeit und den Ruf seines Namens dadurch verteidigt, dass er die politische Freiheit und Ehre seines Volkes wiederherstellt. Wie bei Ezechiel, so ist auch für Johannes die Heiligung des göttlichen Namens mit der Heiligung Israels eng verknüpft (95f).

Bei der Johannestaufe wurde vermutlich der Name Gottes angerufen, d. h., dass Johannes 'im Namen Gottes' taufte. Er versah seine Anhänger mit einem unsichtbaren Zeichen, das sie als Mitglieder des wahren Israel kenntlich machte, sobald der jüdische Staat wiederhergestellt war. Er weihte sie zu Bürgern des neuen Reichs. Der Errichtung des Reichs Gottes wird ein großer Umsturz vorausgehen, bei dem alle heidnischen Reiche (nicht nur das römische) zusammen mit den untreuen Juden vernichtet werden. „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt 3,2.7.10). In den Wirren des Kriegs wird das bei der Taufe empfangene unsichtbare Zeichen als Schutzzeichen dienen, denn wenn die Engel Gottes das Römische Reich zerstören, werden die Getauften erkannt und verschont. Auch Ezechiel kennt ein solches Schutzzeichen (Ez 9, 4) (96).