2.3 Das VU beinhaltet die wesentlichen Anliegen des Täufers

(1) „Unser Vater … dein Name werde geheiligt“

In den ersten drei Bitten des VU sind Gottes Name, sein Reich und sein Wille Subjekt von Handlungen, ohne dass der Handelnde selbst genannt wird. Gott wird gebeten, seinen Namen zu heiligen, sein Reich zu gründen und seinen Willen zu verwirklichen. Eine Paraphrase kann lauten: 'Stelle die Heiligkeit deines Namens wieder her, indem du den Ruf derer wiederherstellst, die durch die Taufe des Johannes deinen Namen tragen'. So verstehen wir auch, warum manche Handschriften die Bitte „dein Reich komme“ durch die Bitte „dein heiliger Geist komme auf uns und reinige uns“ (Lk 11, 2) ergänzen. Die Bitte um den Geist erläutert die Bitte um das Reich: Gott wird sein Reich aufrichten, indem er seinen reinigenden Geist sendet. Ezechiel spricht sowohl von der Sendung des Geistes als auch von der Reinigung, ohne die beiden Handlungen miteinander zu verknüpfen. Die Verknüpfung mag sich einem Jesajawort verdanken: Jahwe wird durch „den Geist des Gerichts und den Geist der Läuterung“ Jerusalem reinigen (Jes 4, 4) (97).

Die Anrede Gottes

Die jüdische Gebetssprache kennt mehrere Möglichkeiten der Anrede Gottes; neben Vater auch Jahwe, Gott, König und Herr. Die Vateranrede wird in lebensbedrohenden Lagen bevorzugt. Im Hebräischen verbindet sich das Wort Vater mit dem Wort 'Erlöser', einem Ausdruck, der den zur Hilfe verpflichteten männlichen Verwandten bezeichnet: „Du, Jahwe, bist unser Vater. Unser Erlöser von jeher wirst du genannt … Uns geht es, als wärest du nie unser Herrscher gewesen, als wären wir nicht nach deinem Namen benannt“ (Jes 63,16.19). Im VU verleiht die Vateranrede dem Flehen um nationale Befreiung besondere Dringlichkeit (97).

(2) „Dein Reich komme“

'Komm und richte deine Herrschaft auf! Stelle den unabhängigen jüdischen Staat wieder her'! Das neue, bereits von Ezechiel angekündigte jüdische Gemeinwesen wird das Reich Gottes sein: „Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein“ (Ez 36,28). Gottes Königsherrschaft wird von seinem menschlichen Stellvertreter, einem König aus dem Geschlecht Davids, ausgeübt werden Ez 37,22-24. In Verkennung des ursprünglichen Sinns wurde das Reich Gottes oft als ein weltumspannender Staat vorgestellt, der erst nach dem Ende der menschlichen Geschichte errichtet wird, als ein von Gott oder Christus auf wunderbare Weise selbst regiertes Gemeinwesen, das nicht von dieser Welt ist. An einen solchen Staat dachten Johannes der Täufer und sein Kreis gewiss nicht. Für sie war das Reich Gottes ein verhältnismäßig kleiner, von einem Menschen regierter Staat in Palästina. Die zweite Bitte verrät den politischen Charakter der Predigt und der Hoffnung des Johannes (97f).

Eine Eigenart des VU ist die konzentrierte sprachliche Gestalt, die sich kurzer formelhafter Ausdrücke bedient. Es handelt sich um ein bewusst eingesetztes Stilmittel, denn jüdische Gebete konnten auch auf die wortreiche Sprache zurückgreifen: VU: „Unser Vater – dein Reich komme“. dagegen Jesus Sirach: „Rette uns, du Gott des Alls, und wirf deinen Schrecken auf alle Völker! Schwinge deine Hand gegen das fremde Volk, damit es deine mächtigen Taten sieht... Beuge den Gegner, wirf den Feind zu Boden! … Sammle alle Stämme Jakobs, verteil den Erbbesitz wie in den Tagen der Vorzeit“! (Sir 36,1-3.13.16) (98).

VU: „Dein Name werde geheiligt“. Jesus Sirach: „Hab Erbarmen mit dem Volk, das deinen Namen trägt“ (36,17).

(3) „Dein Wille geschehe“

Lass uns deinen Willen tun, denn das ist das einzige Gesetz deines Reichs'! Im wiederhergestellten Gottesreich werden die Juden Gottes Willen erfüllen, wie Ezechiel angekündigt hat: „Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt“ (Ez 36,27). In dieser Bitte kann man das Echo eines alten Gebets der Synagoge sehen, der 'Großen Liebe': „Unser Vater, unser König!... Gib in unser Herz zu begreifen und zu verstehen, zu hören, zu lernen, zu hüten, zu erfüllen und zu erhalten alle Worte des Forschens in deiner Lehre“ (99).

(4) „Gib uns heute [täglich] das Brot, das wir brauchen“

Schenke uns eine reiche Ernte'! Ezechiels Verheißung lautet: „Ich rufe dem Getreide zu [sagt Jahwe] und befehle ihm zu wachsen. Ich verhänge über euch keine Hungersnot mehr. Ich vermehre die Früchte der Bäume und den Ertrag des Feldes, damit ihr nicht mehr unter den Völkern die Schande einer Hungersnot ertragen müsst“ (Ez 36,29f). Das Land wird dabei zu einem 'Garten Eden' (V 35). Die Erwähnung des täglichen Brotes spielt auf eine Geschichte im Pentateuch an. Auf seinen Wanderungen durch die Wüste ernährte Gott sein Volk mit täglichen Rationen von Manna, dem 'Brot vom Himmel' (Ex 16,4). Wie im AT ist das himmlische Brot reales Brot. „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,53). Für die Hungernden wird es eine reiche Ernte geben (99f).

(5) „Und erlass uns unsere Schulden [Sünden], wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben“

Vergib uns die Sünde des Götzendienstes und des Abfalls, wie auch wir denen vergeben, die uns besiegten und die uns auch jetzt noch bedrücken! Die Bedeutung dieser Bitte ist unklar, solange die zu verzeihende Sünde nicht genau bestimmt ist. Stimmt unsere Annahme, dass das VU ein politisches Gebet ist, dann kann es sich bei der Sünde nur um eine politische, nationale Sünde oder vielmehr um eine Anhäufung solcher Vergehen handeln. Die Sünden müssen jene sein, die zur Bestrafung mit der Zerstörung Jerusalems und der Verschleppung ins Babylonische Exil führten. Sobald Gott vergeben hat, kann die Rückkehr der Verbannten in ihre Heimat erfolgen. Salomo betet: „Wenn dein Volk Israel von einem Feind geschlagen wird, weil es gegen dich gesündet hat, und dann wieder zu dir umkehrt, deinen Namen preist und in diesem Haus [dem Jerusalemer Tempel] zu dir betet und fleht, so höre du es im Himmel! Vergib deinem Volk Israel seine Sünde; lass sie in das Land zurückkommen, das du ihren Vätern gegeben hast“ (1Kön 8,33f). In ähnlicher Weise fleht Daniel, nachdem er die zur Verbannung führenden Sünden aufgezählt hat, Gott um kollektive Vergebung an: „Herr, erhöre! Herr, verzeih! Herr, vernimm das Gebet und handle! Mein Gott, auch um deiner selbst willen zögere nicht! Dein Name ist doch über deiner Stadt und deinem Volk ausgerufen“ (Dan 9,19). Daniels Gebet bittet wie das VU um Vergebung und bezieht sich auf den Namen Gottes; beides gehört zur Sprache des politischen Gebets im Frühjudentum (100).

Als Gott Israels Nachbarn aufgeboten hatte, sein Volk zu bestrafen und dessen Staat zu zerstören, kam es im 6. Jh v. Chr. zu Hass und Feindschaft zwischen Israel und seinen Gegnern, besonders den Babyloniern, Edomitern und Ammonitern. Wenn Gott seinem Volk wieder verzeiht und dessen Unabhängigkeit wiederherstellt, muss auch die Feindschaft zwischen Israel und seinen Nachbarvölkern enden. Dass ein solcher Zustand vorstellbar war, zeigt das prophetische Wort: „An jenem Tag wird Israel als drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten zum Segen für die ganze Erde. Denn Jahwe der Heerscharen wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19,24f). Israel muss dem Wunsch entsagen, „Vergeltung zu vollziehen an den Völkern, an den Nationen das Strafgericht“ (Ps 149, 7f). Die Wendung „wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen“ enthält demzufolge eine wichtige politische Vision (100f).

Die vergebende Haltung gegenüber Israels traditionellen Feinden scheint der göttlichen Verzeihung vorauszugehen und diese vielleicht sogar 'vorzuahmen', in ähnlicher Weise wie die Johannestaufe Gottes eigene Reinigung des Volkes 'vorahmt'. Hat Israel seinen Feinden vergeben, dann 'muss' Gott auch seinem Volk verzeihen – und dessen einstigen glorreichen Zustand wiederherstellen! Zuerst kommt die symbolische Reinigung, dann folgt Gottes Vergebung der nationalen Sünden (die Beseitigung gewisser Verfehlungen), wobei der letztgenannte Akt mit der Wiederherstellung des jüdischen Staates zusammenfällt. Johannes vergibt keine Sünden, sondern bereitet das Volk auf ein göttliches Eingreifen vor (101).

(6) „Führe uns nicht in Versuchung“

Unter 'Versuchung' versteht man die Verlockung zum Bösen und zur Sünde. Die Bitte ist daher gleichbedeutend mit der Formulierung 'stell uns nicht auf die Probe'. Im Pentateuch wird mehrfach davon berichtet, wie Gott sein Volk auf die Probe stellt. Er setzt Israel bestimmten Gefahren und Herausforderungen aus, um seine Treue zu prüfen. Eine solche Prüfung betrifft das Volk als ganzes. Es herrscht große Not, so dass das Volk versucht ist, Gott untreu zu werden und anderen Göttern zu dienen oder, mit der kargen Nahrung der Wüste unzufrieden, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren. Die jedem Juden bekannte göttliche Prüfung ist die Babylonische Gefangenschaft. Durch die ausbleibende göttliche Hilfe enttäuscht, waren die Juden versucht, den Glauben an ihren Nationalgott aufzugeben und sich anderen Göttern zuzuwenden, von denen sie mehr Hilfe erwarteten. Die dauernde Fremdherrschaft im eigenen Land ist eine weitere, lang anhaltende Prüfung. Demnach bedeutet die VU-Bitte: 'Schicke uns keine weitere Notzeit, denn wir haben schon viele schwere Prüfungen erlebt' (101f).

(7) „Rette uns vor dem Bösen“

Mach unserem Elend ein Ende! „Du rettest Israel aus aller Not“, d. h. Du allein kannst uns aus der Not der Fremdherrschaft retten (2Makk 1,25). „O Gott, erlöse Israel aus all seinen Nöten“ (Ps 25, 22). Diese Nöte sind politischer Natur, und so bezieht sich auch die das VU abschließende Bitte auf die Befreiung von der Fremdherrschaft. Ähnliche Bitten stehen am Ende von Psalmen: „Hilf deinem Volk, und segne dein Erbe, führe und trage es in Ewigkeit“ (Ps 28,9). „Jahwe, Gott der Heerscharen, richte uns wieder auf! Lass dein Angesicht leuchten, dann ist uns geholfen“ (Ps 80,20). „Ach käme doch vom Zion Hilfe für Israel! Wenn Gott einst das Geschick seines Volkes wendet, dann jubelt Jakob, dann freut sich Israel“ (Ps 53,6) (102).