2.4 Der rituelle Gebrauch des VU

„Die Jünger des Johannes fasten und beten viel“ (Lk 5,33). Fasten und Beten gehören zusammen und bilden die öffentliche rituelle Reaktion auf eine Krise, sei sie von der Natur (Dürre) oder von Menschen (Fremdherrschaft / Verfolgung) verursacht. Vermutlich haben Johannes und sein Kreis in Erwartung des Gottesreichs das Fastenritual gepflegt. Wie die Taufe, so sollen auch VU-Gebet und Fasten das Kommen des großen Umschwungs in der politischen Geschichte des Judentums beschleunigen. Vermutlich hat Johannes das Fasten, an dem sich eigentlich alle Juden beteiligen sollten, als Teil einer kollektiven Kulthandlung verstanden. Die vielen individuellen Frömmigkeitsübungen schließen sich zu einem kollektiven Akt zusammen und lassen dieselbe Wirkung wie der öffentliche Gottesdienst erwarten: die Befreiung aus der Gewalt der Fremdherrscher und das Kommen des Gottesreichs (102f).

Taufe und Gebet bilden eine Einheit. Die Taufe reinigt und bereitet den einzelnen auf die Teilnahme am Gottesreich vor. Danach schließt sich der Neugetaufte den anderen in ihrem Gebet um das Kommen des Reichs an. Origines meint, Johannes habe das Gebet 'im Geheimen' gelehrt, und nicht allen, die sich taufen ließen, sondern nur jenen, die zusätzlich zur Taufe auch noch unterrichtet wurden. Offenbar gab es einen größeren Kreis der Getauften und einen engeren, exklusiven Kreis der eigentlichen, vom Meister belehrten Jünger. Diese Jünger praktizierten das vollständige Ritual mit der Abfolge von Fasten, Taufe und Gebet um das Kommen des Gottesreichs. Das VU ist kein Gebet für die Massen, sondern eines für die wenigen (103).

Die von Johannes dem Täufer abgehaltenen Gottesdienste enthielten offenbar drei wichtige Bestandteile: die Ankündigung der Wiederherstellung des jüdischen Staates, der als 'Gottesreich' bezeichnet wurde, die Taufe als Vorbereitung jener, die Bürger dieses Reichs werden sollten und die Rezitation des VU als Bitte an Gott, das Reich bald kommen zu lassen. Taufe und VU wollten Gott dazu bewegen, eine große Schicksalswende für das jüdische Volk herbeizuführen. Dem VU fiel es zu, den himmlischen Vater zu bitten, die alten prophetischen Verheißungen zu verwirklichen: 'Unser Vater im Himmel, erfülle für dein Volk Israel alles, was du durch deine Propheten verheißen hast' (103f).