1. Zum Konflikt zwischen der gesetzestreuen judenchristlichen Urgemeinde und Paulus

Paulus Nein zu einer gesetzlichen Verpflichtung der Heidenchristen

1.1 Zweispurigkeit im Urchristentum

Die Anfänge der Urgemeinde in Jerusalem (Apg 6,1)

N. Walter

Unter der Wendung “tägliche Versorgung“ ist eine geregelte Versorgung mit täglichem Brot zu verstehen, die zunächst für alle bedürftigen Witwen funktionierte, dann aber von einem gewissen Zeitpunkt an für einen bestimmten Teil der Empfängerinnen, für die Witwen der Hellenisten, bewusst vernachlässigt wurde (201).

Wie kam es dazu, dass die Jesusjüngerschaft sich als Gemeinde selbständig um die Versorgung der Bedürftigen kümmern musste? Vorausgesetzt, dass es in Jerusalem eine jüdische Armenversorgung gab, müsste die Jesusjüngerschaft in ihrer Gesamtheit (!) bereits aus diesem Versorgungssystem ausgeschlossen worden sein. Es ist undenkbar, dass man die Jesusjünger aus der Sozialgemeinschaft ausgeschlossen hätte, ihnen aber gleichzeitig den Zutritt zum Tempel, das Beten dort und die Teilnahme an Kulthandlungen weiterhin gestattet, die religiöse Gemeinschaft mit ihnen also nicht aufgekündigt hätte. Nach Apg 3-5 erteilt der Hohe Rat Petrus und Johannes zwar ein Verbot, von Jesus zu predigen, untersagt ihnen bzw. den Jesusjüngern aber keineswegs den Tempelbesuch. Nur ein enger Zusammenhang von Aufkündigung der religiösen Gemeinschaft und der Sozialgemeinschaft ist denkbar. Diese Aufkündigung vollzog sich seitens des Judentums beginnend mit dem in Apg 6,1-15 beschriebenen Vorgang. Sie bezog sich als akute Verfolgung nicht auf die Gesamtheit aller Jesusjünger in Jerusalem, sondern auf einen bestimmten Teil von ihnen, auf die mit Stephanus verbundene Gruppe (8,1; 11,19) (202).

Daran, dass die Versorgung der hebräischen Witwen besser funktionierte als die der hellenistischen, zeigt sich, dass die Versorgung sich in der Hand der Hebräer befand. Man muss an eine gruppenmäßige, auf der Basis der jeweiligen Synagogengemeinschaft organisierte Wohltätigkeit denken. Man kann nicht annehmen, dass die Jesusanhänger, sobald sie sich zu eigenen Zusammenkünften zusammenfanden, sogleich sich auch als selbständigen Sozialorganismus begriffen und die Armenversorgung in eigene Regie genommen hätten. Eine solche Notwendigkeit kommt in Apg 6,1 auf die Jesusanhänger gerade erst zu. Es scheint deutlich zu sein, dass von außen her die beiden Gruppen von Jesusanhängern unterschiedlich beurteilt wurden, indem die eine von ihnen als unerträglich galt und deshalb aus Jerusalem vertrieben wurde, während Petrus und die Zwölf toleriert werden konnten. Zwischen diesen beiden Gruppen dürften Fragen wie die der Tischgemeinschaft erst brisant geworden sein, als pharisäisch Gesinnte in der Jerusalemer Gemeinde tonangebend wurden (Apg 15,5) und ihre Anschauungen in Antiochien geltend machten (Apg 15,1; Gal 2,11-13) (203).

Apg 6,1 scheint davon zu sprechen, dass die aus der Diaspora ins Land der Väter (oder der Väter ihrer Ehemänner) heimgekehrten griechischsprachigen Witwen, die in Jerusalem ohne familiären Anhang und deshalb unversorgt waren, von einem bestimmten Zeitpunkt an bei der allgemeinen jüdischen Armenversorgung übergangen wurden, während die Witwen hebräischer Sprache weiterhin versorgt wurden. Hier liegt eine von den Verantwortlichen bewusst getroffene Unterscheidung zugrunde (para-theorein) (203f).

Es liegt nahe anzunehmen, dass das für die Armenpflege zuständige jüdische (z.B. pharisäisch orientierte) Komitee gegen einige aus der Diaspora heimgekehrte Juden Vorbehalte hatte, auf Grund derer ihnen eine Tischgemeinschaft mit jenen und demzufolge auch die Versorgung der Witwen mit Lebensmitteln unmöglich zu werden schien. Urteilen wir von den Vorwürfen gegen Stephanus als denjenigen her, der sich mit seiner Gruppe mit den so zurückgesetzten Witwen solidarisierte, dann ist zu vermuten, dass die Vorbehalte des Komitees auf (angeblichen) Äußerungen von Kritik an der Tora (an bestimmten kultisch-rituellen Bestimmungen) und/oder am Tempel beruhten (Apg 6,11-14). Wer diese Grundpfeiler des Judentums antastete, ihre eschatologische Heilsbedeutung in Frage stellte (6,14), mit dem konnte kein pharisäisch gesinnter Jude noch Umgang pflegen, geschweige denn, dass er ihn noch sozial unterstützen würde (206).

Was für Stephanus und seine Sieben galt, muss keineswegs auch schon für die von der Versorgung ausgesperrten Witwen gelten. Es ist mit einer Neigung mancher Diasporajuden zu tora- und tempelkritischen Anschauungen zu rechnen, wie sie sich aus dem gedanklichen Bemühen um Allgemeingültigkeit der 'Philosophie' des Mose für alle Menschen ergeben konnten. Leute mit solchen Tendenzen konnten, wenn sie mit der Jesusüberlieferung in Berührung kamen, bei der von Jesus praktizierten Souveränität gegenüber der Tora, eine gewisse Gleichgerichtetheit der Bestrebungen entdecken und sich deshalb der Jesusjüngerschaft anschließen, um nun unter Berufung auf Jesus (6,14) Dinge auch öffentlich in Jerusalem zu vertreten, die sie bis dahin, ohne Rückhalt bei einer Gemeinschaft von (annähernd) Gleichgesinnten, kaum zu äußern gewagt haben würden. Der Verdacht, es werde die unverbrüchliche Gültigkeit der Tora angetastet, bildete den Grund für die Aufkündigung der Versorgung der hellenistischen Witwen (206f).

Hat der Jesusname in dem zu vermutenden Konflikt zunächst keine Rolle gespielt, so kann man doch annehmen, dass die bereits zu Jesusanhängern gewordenen jüdischen Hellenisten um Stephanus erkannten, dass die von den (jüdischen) Hebräern aus der Armenversorgung und damit zugleich aus der religiösen Gemeinschaft Ausgesperrten mindestens potentiell zu den Ihren gehörten und dass nun ihnen die Aufgabe zufiel, sich der nunmehr Unversorgten anzunehmen und für sie die Mittel einzusetzen, die die Gemeinschaft der diasporajüdischen Jesusanhänger aufbringen konnte. So wuchs dem Kreis um Stephanus aus dieser von ihm nicht verursachten Notlage eine neue Rolle zu, die er zugleich auch als missionarische Chance erkannt haben mag, die zu übernehmen aber auch einigen Mut erforderte, denn natürlich machte man sich durch die Solidarisierung mit den Ausgestoßenen auch selbst verdächtig (207f).

Das bedeutete, dass sich jetzt über ein bloßes Zusammenkommen der Gleichgesinnten in Privathäusern hinaus erstmals eine eigene Gemeindeorganisation von Jesusanhängern bildete, die – den Umständen entsprechend – nicht alle Jesusjünger Jerusalems umfasste, sondern nur einen Teil. Während die Sammlung von Jesusanhängern sich zunächst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft und ohne die Absicht, mit ihr zu brechen, vollzog, lief die Entwicklung nun z.T. doch auf eine Trennung hinaus – oder vielmehr: ein Teil der Jesusjünger wurde zu solcher Trennung gedrängt. Dagegen blieben die um Petrus und die Zwölf gescharten Jesusjünger zu dieser Zeit offenbar noch ganz in der Jerusalemer Tempelkultgemeinde integriert. Mit der Formierung des Kreises der Sieben tritt zum ersten Mal ein nachösterlich entstandenes christliches Leitungsgremium auf den Plan (208f).

In Apg 6,1 tun wir einen Blick auf den Beginn des Selbständigwerdens eines urchristlichen Gruppen-Organismus, also einer Gemeinde im Sinne einer soziologisch im Abgrenzungsstadium befindlichen Größe. Die soziologische Verselbständigung der Urgemeinde ging bei denjenigen Jesusanhängern vor sich, die die tora- und tempelkritischen Tendenzen einer bestimmten Linie des hellenistischen Diaspora-Judentums weiterführten und nun unter Berufung auf Jesus aus Nazareth ins Grundsätzliche erhoben und sich öffentlich dazu bekannten. Lukas versucht zwar, das Geschehen als ein die gesamte Urgemeinde betreffendes Problem darzustellen, die jüdisch-hellenistische Gruppe mit ihrer Sonderüberlieferung im Nachhinein noch in diese Gesamtheit zu integrieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diejenige Gruppe des Urchristentums, die die Grundlagen des Judentums programmatisch in Frage stellte (was die Gruppe um Petrus nicht tat), auch als erste zur Besonderung im religionssoziologischen Sinne gedrängt wurde, veranlasst durch einen von außen kommenden Anstoß auf dem scheinbar nichttheologischen Gebiet der Armenfürsorge. Ebenso kam die missionarische Wirksamkeit der gleichen Gruppe außerhalb von Jerusalem durch einen Anstoß von außen, durch die Vertreibung aus der Stadt, in Gang (Apg 8,1.4). In Antiochien wird die gleiche urchristliche Gruppe als erste eine eigene Gruppenbezeichnung 'Christianer' erhalten (11,26c), nachdem inzwischen klar ist, dass diese neue Jesus-Gemeinschaft nicht mehr nur aus Juden und Proselyten besteht, sondern in voller Gleichberechtigung auch nichtjüdische Hellenisten, also Heiden, aufnimmt (Apg 11,20-24). Sie alle miteinander sind nun als Christianer etwas Neues, das sich nicht mehr als Bestandteil der Synagoge verstehen lässt. Dass diese Zweispurigkeit innerhalb des Urchristentums auch durch das sog. Apostelkonzil nicht mehr aufgehoben werden konnte, zeigt der von Paulus berichtete Zwischenfall in Antiochien (Gal 2,11-14) (210f).

Die Kirche als creatura verbi verdankt sich dem Wort, der Verkündigung Jesu von Nazareth, das in den Osterereignissen göttlich-eschatologisch legitimiert wurde und ist darin begründet. Die Kirche ist nicht eine Gründung Jesu im historischen Sinne, wohl aber eine mit innerer Notwendigkeit sich entwickelnde Folge seines Werkes. Der Anstoß zu einer selbständigen Organisation der Jesusjünger (bzw. eines Teiles), der Anstoß zur Bildung einer Kirchen-Institution im religionssoziologischen Sinne kam von außen durch die der Gemeinschaft der diasporajüdischen Jesusanhänger in Jerusalem abgenötigte Entscheidung, sich der plötzlich aus der jüdischen Armenversorgung ausgeschlossenen hellenistischen Witwen anzunehmen. Der soziale Missstand ist seinerseits Folge einer theologischen Entscheidung, Ausdruck einer Sachdifferenz schon innerhalb des Judentums, ja sogar innerhalb des Diaspora-Judentums hinsichtlich der Beurteilung der Grundwerte des Judentums, der Tora und des Tempels, wobei die Stephanus-Gruppe unter den Jerusalemer Jesusjüngern sich bewusst und unter Berufung auf Jesus aus Nazareth auf die Seite derjenigen stellte, die um der Rettung der Welt willen, um des Gottesheiles für Juden und Heiden willen das Ende der ausschließlichen Bindung des Heiles Gottes an den Jerusalemer Tempel und an das Gesetz des Mose gekommen glaubten (210f).

Anhang: Konflikte und Konfliktlösungen nach der Apg

R. Roloff (1991)

a. Apg 6,1-7; 8,1 Der Auszug der Hellenisten aus Jerusalem

Hier geht es um die einschneidendste Krise in der Anfangsgeschichte der Kirche. Es geht um das Auseinandertreten von zwei Gemeinden: der aramäischsprachigen judenchristlichen Gemeinde, die weiterhin unter der Leitung der Zwölf stand, und der von einem Sieben-Männer-Gremium geleiteten hellenistisch-judenchristlichen Gruppe. Die Gründe für diese Spaltung sind nicht nur in Unzulänglichkeiten der Versorgung der hellenistischen Witwen zu suchen. Vielmehr dürften Differenzen hinsichtlich des Inhalts und der Trägerschaft der Verkündigung ursächlich für die Spaltung gewesen sein: Ersteres ergibt sich aus den Vorwürfen gegen Stephanus (6,14), letzteres aus dessen Schilderung als geistesmächtiger Prediger und Missionar (6,6-8). Lukas teilt seinen Lesern über den Konflikt nur das Minimum dessen mit, was zum Verständnis der im Folgenden erzählten Stephanus-Verfolgung und zur Herkunft der nunmehr auf der Bildfläche erscheinenden Hellenisten erforderlich ist. Soweit 6,1-7 auf Tradition fußt, ist diese durch Lukas bis zur Unkenntlichkeit überformt worden (117).

Dass Lukas auch von anderen Konfliktfeldern zwischen ‚Hebräern’ und ‚Hellenisten’ gewusst hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Jedenfalls legt der Umstand, dass er auch sonst jede Erwähnung von Lehrdifferenzen innerhalb der christlichen Gemeinde vermeidet, einen solchen Schluss nahe. Alles Gewicht liegt auf der Konfliktbewältigung (117).

b. Apg 11,1-18 Petrus erfährt Widerspruch durch die Urgemeinde

Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer von Lukas völlig frei und ohne Traditionsgrundlage gestalteten Szene zu tun. Es handelt sich um die Darstellung einer innerkirchlichen Kontroverse: Petrus, die herausragende Gestalt in der ersten Hälfte der Apg, erfährt schroffen Widerspruch durch die übrigen Glieder der Jerusalemer Urgemeinde. Lukas vermeidet, die Apostel selbst als Kontrahenten des Petrus direkt zu benennen, indirekt sind sie jedoch in den Leuten mit enthalten. Diese werfen ihm den Kontakt und die Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen vor, was letztlich auf eine Infragestellung der Legitimität seiner missionarischen Zuwendung zu nichtjüdischen Menschen überhaupt hinausläuft (V3) (118f).

Dass die Öffnung der Kirche für die Heiden ein schwieriger und umstrittener Prozess war, der gegen starke Opposition durchgesetzt werden musste, kann er nicht verschweigen. Hier veranschaulicht er die Schwierigkeit der Mission an ‚Gottesfürchtigen’, an Menschen, die bereits in einer relativen Nähe zum Judentum standen. Er tut dies in einer konstruierten Szene (119).

Lukas berichtet diesen Konflikt so, dass er für den Leser bereits vorentschieden ist. Dieser kennt die vorhergegangene Erzählung von Kp 10. So bleibt für Lukas angesichts der Konfliktschilderung von 11,2f lediglich die Frage, wann und wie sich die Jerusalemer Judenchristen der unumgänglichen Einsicht in den bereits bekundeten Willen Gottes öffnen werden. In 11,4-11 wird er zum Zeugen dieser Öffnung gemacht: „Als sie das hörten, beruhigten sie sich und priesen Gott, indem sie sagten: Also auch den Heiden hat Gott die Umkehr zum Leben gegeben“ (V18).

Die Funktion des Konflikts besteht darin, den Beteiligten die Augen zu öffnen für das, was jetzt nach dem Willen Gottes an der Zeit ist. Denn die Lösung des Konflikts besteht weder in der Durchsetzung einer Position gegen eine andere, noch in einem Ausgleich der Interessen auf mittlerer Ebene, sondern in der Erkenntnis des Weges, den Gott selbst seiner Gemeinde vorgezeichnet hat (119f).

c. Apg 15,1-35 das Apostelkonzil

Lukas hat das vorgegebene Material stark durch seine eigenen Intentionen überformt. Der Konflikt entsteht dadurch, dass „einige, die von Judäa herabgekommen waren“, mit ihrer Forderung nach Beschneidung der Heidenchristen in Antiochien auftraten (V 1). Diese ‚einige’ sind in Jerusalem zum Glauben gekommene Pharisäer, von deren Zugehörigkeit zur Urgemeinde wir hier erstmals erfahren (V 5). Lukas setzt hier 11,1-18 voraus. Für ihn ist der anfängliche Widerstand der Urgemeinde gegen die Heidenmission seit der Petrus-Kornelius-Episode bereits ein für allemal überwunden. Da der das Apostelkonzil auslösende Streitpunkt nach Meinung des Lukas mit dem von 11,3 identisch war, mussten diejenigen, die jetzt widersprachen, deutlich von den damals Widersprechenden abgesetzt werden. Dies geschieht durch die Kennzeichnung als „Pharisäer, die zum Glauben gekommen waren“. Es handelt sich um einen Kreis, der an dem damaligen Lernprozess noch keinen Anteil haben konnte (120).

In der Kontroverse zwischen Petrus und der Urgemeinde war es um die Möglichkeit der Aufnahme einzelner Gottesfürchtiger in die Gemeinde gegangen. Jetzt dagegen stand die volle Integration gesetzesfreier Heiden ohne Beschneidung zur Debatte (Anm. 25).

Der Konflikt ist kein Konflikt mehr zwischen der Urgemeinde bzw. ihren maßgeblichen Gestalten und den Vertretern Antiochiens, sondern nur noch eine Kontroverse innerhalb der Jerusalemer Gemeinde, in der sich Befürworter und Gegner der Heidenmission gegenüberstehen, wobei die ersteren sich auf die bereits längst erfolgte Entscheidung des Streitfalls durch Gott berufen können (120f).

Paulus (Gal 2) lässt erkennen, dass diese ‚Falschbrüder’ in ihrer Position von den ‚Geltenden’ keineswegs grundsätzlich getrennt waren. Wenn er von deren Verzicht auf die Beschneidung des Titus spricht (Gal 2,3), so tut er dies im Sinn einer Konzession, die er ihnen abgerungen hat (Anm. 26).

Die Kornelius-Episode dient, wie schon in Kp 11, als Erweis für eine längst von Gott her erfolgte Richtungsbestimmung für die Kirche. Petrus und Jakobus machen sich zu Interpreten der von Gott bekundeten Heilsabsichten und seines bereits eingeleiteten Handelns. Damit bringen sie den Widerspruch der christlichen Pharisäer zum Schweigen. Der Missionsbericht des Paulus und Barnabas fällt ausgesprochen karg aus (V 4b) und die Petrusrede nimmt auf ihn keinen Bezug (121).

Dass diese Richtung nun endgültig und von allen Gliedern der Kirche einmütig erkannt wird, ist der Skopus der lkn Darstellung des Jerusalem-Konflikts (121).

d. Gal 2,11-20 der Zwischenfall in Antiochien

Das Aposteldekret ist erst nach dem Apostelkonzil entstanden und zwar als Kompromiss zur Schlichtung des in Antiochien aufgebrochenen Konflikts (122).

Lukas berichtet von einer „heftigen Auseinandersetzung“ zwischen Paulus und Barnabas, die zur endgültigen Trennung zwischen beiden und zur Auflösung der missionarischen Partnerschaft führte (Apg 15,36-41). Die hierfür angeführte Ursache, nämlich das Bestehen des Barnabas auf der Mitnahme des von Paulus als Mitarbeiter abgelehnten Johannes Markus dürfte nur einen Teil des Konfliktpotentials benennen. Barnabas hatte sich theologisch auf die Seite der antiochenischen Mehrheit und damit gegen Paulus gestellt (Gal 2,13). Der Bruch mit Barnabas war zugleich der Bruch mit Antiochien. Dass Lukas das wusste, geht aus der weiteren Darstellung seines Weges in der Apg deutlich hervor. Er mildert die Härte des Konflikts, indem er, analog seinem Verfahren in Apg 6,1f, dessen theologische Komponenten ausklammert, ihn auf vordergründige Vorgänge reduziert und personalisiert (122).

e. Apg 21,17-26 Paulus dritter und letzter Jerusalembesuch

Dieser Besuch diente der Überbringung der Kollekte, die Paulus als Zeichen kirchlicher Gemeinschaft galt (2Kor 9,10-14), deren mögliche Ablehnung er bang befürchtete (Röm 15, 30-32). Dass Lukas die Kollekte bewusst verschweigt, verrät sein Wissen von der Kollekte in 24,17. Die von ihm benutzte Quelle berichtete vom Scheitern des pln Vorhabens. Anscheinend hat Paulus, dem bei seinem Besuch der feindselige Widerstand der Mehrheit der Urgemeinde entgegenschlug, einen Kompromissvorschlag des Jakobus akzeptiert, seine Gesetzestreue dadurch zu beweisen, dass er einen Teil der Kollektensumme für die Ausweihung des Nasiräatsgelübdes einiger armer Judenchristen verwendete. Als er zu diesem Zweck in den Tempel ging, wurde er festgenommen. Die Gemeinde tat nichts zu seiner Befreiung und sie wies die Kollekte zurück (122f).

Dies zu berichten, hätte für Lukas eine unerträgliche Infragestellung der ihn leitenden Vorstellung der von Gott über und durch alle Konflikte gewirkten Einmütigkeit der Kirche bedeutet. Den verfänglichen Kern der Konfliktszene bricht Lukas heraus, um den verbleibenden Rest so zu erzählen, dass er sich dem Einmütigkeitsprinzip notdürftig einordnen lässt.

So betont Lukas zunächst die positive Aufnahme des Paulus durch die Jerusalemer Christen (Vv 17-20). Er vermeidet es, Jakobus eine kritische Äußerung gegen Paulus und sein Wirken in den Mund zu legen, denn dies wäre seinem Verständnis nach ein Rückfall hinter den durch frühere Konflikte durch Gott selbst dem Jakobus aufgenötigten Lernprozess (11,1-18). Diejenigen, die sich kritisch gegen Paulus wenden, sind zwar, wie in 15,5, streng gesetzestreue Judenchristen, aber sie kommen nicht direkt zu Wort. Ihre Meinung wird durch die Ältesten lediglich referiert. Diese referierte Kritik spart die gesetzesfreie Heidenmission aus, um sich ganz einem bislang in der Apg noch nicht diskutierten Thema, der vermuteten Apostasie des Paulus vom Judentum zuzuwenden (V21). Es besteht unter den strengen Judenchristen der Gemeinde der Verdacht, Paulus sei ein Apostat vom Judentum, der unter Juden den Abfall vom Gesetz lehre (123f).

Die Konfliktlösung besteht in dem Vorschlag der Nasiräatslösung. Indem Paulus bereit ist, ihm zu folgen, demonstriert er seinen judenchristlichen Kritikern die Haltlosigkeit ihres Verdachts und erweist damit den Konflikt als Scheinkonflikt (124).

f. Die Ablösung des Petrus durch Jakobus in der Leitung der Urgemeinde

Lukas weiß von ihr, erwähnt sie jedoch nirgends. Er überbrückt die Lücke durch die eindrucksvolle Legende von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (12,6-17), die er beziehungsvoll mit dem Abschied des Petrus aus Jerusalem und seiner Bitte, das Geschehene „Jakobus und den Brüdern“ zu berichten (12,17), beschließt. Dass es Auseinandersetzungen um Petrus aufgrund von dessen zu weitgehender Offenheit gegenüber Heiden (Apg 10) gegeben haben dürfte, die es der Gemeinde geraten sein ließen, ihn durch den in seiner jüdischen Haltung unverdächtigen Jakobus zu ersetzen, und dass die Gefangensetzung des Petrus durch Herodes Agrippa im Zusammenhang damit zu sehen sein könnte, liegt nahe, bleibt jedoch ungesagt (124).

g. Lukas Schweigen über den Tod des Paulus und über die Existenz einer christlichen Gemeinde in Rom

Warum bricht Lukas seinen Bericht vor dem Tode des Paulus ab (28,30f), obwohl er von diesem Tode weiß (21,13)? Warum verschweigt er, von Andeutungen abgesehen (28,15), die Existenz einer römischen Christengemeinde und deren Verhältnis zu Paulus? Man wird die Möglichkeit, dass er auf diese Weise sich bemüht, Kontroversen der römischen Gemeinde um und mit Paulus, schwierige und belastende Vorgänge um seinen Tod, mit dem Vorhang des Vergessens zu verhüllen, ernstlich in Betracht zu ziehen haben (125).

J. Roloff (1981): Einige Forscher haben vermutet, Lukas lasse die römische Gemeinde unerwähnt, weil er den Eindruck erwecken wolle, dass erst Paulus in Rom das Evangelium verkündet habe. In diesem Fall hätte er die Existenz römischer Christen in 28,15 ebenfalls verschweigen müssen. Ungleich mehr hat die Vermutung für sich, dass Lukas über die Gemeinde schweigt, weil er weiß, dass ihr Verhältnis zu Paulus nicht eindeutig war. So wird man die Bemerkung in 1Clem 5,5-7, wonach Petrus und Paulus in Rom „wegen Eifersucht und Neid“ zu Tode gekommen sind, dahingehend verstehen müssen, dass innergemeindliche Kontroversen und Parteiungen zumindest zu den indirekten Ursachen für den Lebensausgang der beiden Apostel gezählt haben. Es ist nicht undenkbar, dass aus Gruppenrivalitäten gespeiste Intrigen mit Schuld getragen haben an der schlimmen Wendung, die sein Prozess genommen hatte. Lukas hat diese Vorgänge verschwiegen, um das von ihm durchweg programmatisch gezeichnete Bild einer von Konflikten freien kirchlichen Harmonie nicht zu beeinträchtigen (372).

h. Petrus und Paulus - das ökumenische Zweigespann

F. Mußner: Zwischen Petrus und Paulus gab es Spannungen heftigster Art. Nach dem Tod der beiden zeigen sich bedeutende Versuche zu einer ‚Versöhnung’ der beiden Gestalten. Der beachtlichste unter ihnen findet sich im NT in der Apg. Petrus wird in ihr zum Vertreter des Paulinismus und Paulus in die Kirche der ‚Apostel’ eingebunden als ‚der dreizehnte Zeuge’. Die koinonia (Gemeinschaft), zu der es nach Gal 2,9 zwischen Paulus und den ‚Säulen’ der Urgemeinde gekommen war, wird in der Apg zum bewussten Programm erhoben. Die Apg (Kp. 10, 11, 15) lässt deutlich erkennen, dass Lukas um die alten Kämpfe einschließlich des Streits um die Tischgemeinschaft weiß. Lukas denkt ökumenisch. Er denkt Petrus und Paulus zu einem ökumenischen Zweigespann zusammen (125f).