1.3 Das Aposteldekret (AD) (Apg 15,20.29; 21,25)

J.Wehnert

Das AD ist als Reaktion der Jerusalemer Gemeinde auf eine Hinwendung des Petrus zur Heidenmission nach dem Konvent (48 n.Chr.) zu verstehen. Zugleich dürfte es für den Ausbruch des Antiochia Streits verantwortlich gewesen sein (12).

Dass es sich bei den vier im Dekret zusammengefassten Reinheitsvorschriften um die einzigen der Tora handelt, die auch für die mit den Israeliten zusammenlebenden 'Fremdlinge' gelten, lässt die Schlussfolgerung zu, dass das Dekret eine toragemäße Begegnung zwischen Heiden- und Judenchristen ermöglichen sollte und, dass die ihm zugrunde liegende Vorstellung eines 'christlichen Gottesvolkes' sich am Vorbild der alt Kultgemeinschaft zwischen Israeliten und 'Fremdlingen' orientierte. Trotz des gemeinsamen Bekenntnisses zu Jesus als dem Christus Gottes bleiben Juden- und Heidenchristen durch das ihnen auferlegte ungleiche Maß an Tora-Observanz innerhalb des 'christlichen Gottesvolkes' klar unterschieden (12f).

Die Apostelgeschichte als Quelle

Aus der lkn Betonung des heilsgeschichtlichen Zusammenhangs zwischen Judentum und Christentum folgt, dass Lukas den radikal christologischen Standpunkt des Paulus einebnet und den Heidenapostel sogar zum Briefträger des Jerusalemer Sendschreibens macht (Apg 16,4). Der Hintergrund dieses ungeschichtlichen Paulusbildes ist in der religiösen Erfahrung des Lukas zu suchen: Als gebürtiger Heide hatte er sich der ihm in ihrer christl. Gestalt heilvoll begegnenden jüd. Tradition geöffnet und u.a. die Enthaltungsvorschriften des AD als Teil eigener Lebenspraxis angenommen (80).

Dass Lukas die fortdauernde Gültigkeit der Enthaltungsvorschriften unterstellt, lässt sich daran ablesen, dass sich im Doppelwerk keine Aussage findet, die den Enthaltungsbestimmungen widerspräche. Bezeichnend ist die Tilgung der Perikope von Jesu Aufhebung des Unterschieds zwischen reinen und unreinen Speisen (MK 7,14-23) im Evangelium. Es liegt der Verdacht nahe, dass Lukas dieses Stück wegen dessen Kritik an den Reinheitsvorschriften übergangen hat. Die Bestimmungen des AD hätten sich mit einer Jesustradition, die die Existenz verunreinigender Speisen grundsätzlich verneint, nicht vereinbaren lassen. Lukas hat das AD favorisiert, weil sich die Heidenchristen im Beachten der Enthaltungsvorschriften als Teil des von Gott erwählten Laos (Apg 15,14), als Miterben der Tora, erweisen (81f).

Dieselbe Haltung des Lukas spiegelt sich in der Interpretation der Petrusvision (Apg 10,10-16;  11,5-10) wider, wonach nicht alle Speisen, sondern alle Menschen vor Gott rein sind (Apg 10,28.34f), sowie in dem Bemühen, Petrus von dem Vorwurf ungesetzlicher Tischgemeinschaft mit Heiden(christen) in Schutz zu  nehmen. Lukas ist nicht nur Tradent der von ihm in Apg 15,20.29;  21,25 ausgewerteten Tradition, sondern zugleich Gewährsmann dafür, dass die Enthaltungsbestimmungen des Jakobus in heidenchristl. Gemeinden Gültigkeit besaßen (82).

Paulus (Gal 2) als Quelle

Hintergründe und Verlauf des antiochenischen Zwischenfalls: Nach dem Jerusalemer Konvent sind Paulus und Barnabas (Gal 2,13) nach Antiochien zurückgekehrt. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt auch Petrus nach Antiochien, schließt sich der Gemeinde an und hält ohne Beachtung der jüd. Reinheitsvorschriften mit den Heiden(christen) Tischgemeinschaft. Diese Situation ändert sich durch die Ankunft von Boten des Jakobus: a) Petrus und andere Judenchristen ziehen sich von den Heiden(christen) zurück und brechen die Mahlgemeinschaft mit ihnen ab. b) Petrus (und andere Judenchristen) nötigen die Heiden, nach jüd. Sitte zu leben, was sich aufgrund des Kontextes vor allem auf die Einhaltung jüd. Speisegebote beziehen dürfte (123f).

Als Motiv nennt Paulus (2,12) die Furcht der Judenchristen vor der Beschneidung, vor den Judenchristen Jerusalems. Da die Wiederherstellung jüd. Orthodoxie unter den Judenchristen Antiochiens kein Akt innerer Überzeugung war, sondern ein Akt der Unterwerfung unter eine irdische Autorität, kann Paulus diesen Vorgang als 'Heuchelei' bezeichnen (2,13). Der eigentliche Auslöser für Paulus öffentliche Anklage mag die Tatsache gewesen sein, dass sich sogar sein enger Mitarbeiter Barnabas dieser Rückwendung zur Tora anschloss (2,13) und Paulus nunmehr ohne Verbündete in die Rolle des Außenseiters gedrängt war. In dieser Situation unternahm Paulus den Versuch, seinen Einwänden gegen die den Heidenchristen abverlangte Toraobservanz Gehör zu verschaffen. Das anschließende Schweigen über den Ausgang der Kontroverse deutet an, dass sich Paulus nicht hat durchsetzen können. Laut Apg 15,40 verließ Paulus Antiochien mit dem Jerusalemer Christen Silas, ohne einen Vertreter der dortigen Gemeinde (124f).

Voraussetzung für die Vorschriften des Jakobus sind eine Hinwendung des Petrus zu den Heiden(christen), sowie die Übermittlung von Informationen von Antiochien nach Jerusalem über die 'heidnische' Lebensweise des Petrus, die dort Empörung auslöste. Ferner steht zu vermuten, dass diese Nachrichten von jenen toraobservanten Gläubigen Antiochiens verbreitet wurden, die mit dem Resultat des Missionsgesprächs unzufrieden waren und verhindern wollten, dass die von Paulus und Barnabas für Heidenchristen durchgesetzte Tora-Freiheit zur dominierenden Lebenspraxis auch von den in gemischten Gemeinden lebenden Judenchristen würde, eine in diesen Kreisen als Ärgernis empfundene Situation, die durch das Verhalten des Petrus in Antiochien eskaliert war und nunmehr dringender Klärung bedurfte (125f).

Alle außer Paulus unterwarfen sich dem Jerusalemer Votum, das der pln Interpretation der Konventsbeschlüsse den Boden entzog und keinen Spielraum für andere Formen der Gestaltung des Verhältnisses zwischen Juden- und Heidenchristen mehr offen ließ. Paulus, der sich einer Unterordnung (wegen der von ihm befürchteten Aushöhlung des Christusglaubens durch jegliche Form von Toraobservanz) verweigerte, stand am Ende isoliert da (126f).

Gal 2,1-10 enthält keinen Hinweis darauf, dass im Zusammenhang des Jerusalemer Konvents eine Regelung getroffen wurde, wonach bekehrte Heiden sich bestimmten reinheitsgesetzlichen Forderungen, wie sie das AD enthält, zu unterwerfen hätten. Das pln Referat der dortigen Vereinbarungen (2,6-10) schließt aus, dass der Konvent und das AD in einem direkten Zusammenhang stehen.

Der Streit um die beschneidungsfreie antiochienische Heidenmission endete mit deren Bestätigung durch die 'Säulen' mit der Einschränkung, dass die Jerusalemer sich an dieser Mission nicht beteiligten, sondern ihre eigene Verkündigung unter den Juden fortsetzen wollten, die die Tora-Observanz einschloss (128f).

Der Versuch, die Jakobus-Klauseln in die gemeindliche Praxis der antiochienischen Christen einzuführen, hat zum Zusammenstoß zwischen Petrus und Paulus geführt und, nach seiner Niederlage, zum Weggang des Paulus aus dem syr. Missionsgebiet. Paulus hatte das AD als Angriff auf die Grundpositionen seines Evangeliums verstanden, die er auf dem Konvent zäh und erfolgreich verteidigt hatte (Gal 2,5.14). Alles, was die heidenchristliche Freiheit durch gesetzliche Auflagen nachträglich einschränkte, erschien Paulus als unerträglicher Rückschritt gegenüber den Konventsbeschlüssen (129f).

Das Aposteldekret als Ausdruck judenchristlicher Theologie

Ungleicher Reinheitsstatus des 'christl. Gottesvolkes' aus Juden und Heiden nach dem AD: Wollte man die nicht-jüd. Christusgläubigen nicht wie die übrigen Heiden behandeln, musste ein Mittelweg gefunden werden. Aus der Tora bot sich dafür das Modell an, die bestehende Glaubensgemeinschaft mit den unbeschnittenen Christen entsprechend dem Verhältnis zwischen Israeliten und den unter ihnen wohnenden 'Fremdlingen' zu definieren (247).

Der unterschiedliche Umfang der von Juden und Heiden geforderten Reinheit macht deutlich, dass dieses Verbindungsglied die Differenz zwischen Juden und Nicht-Juden nicht einebnet. Die Gemeinschaft, die beide Gruppen im christl. Gottesvolk haben, ist durch ihren ungleichen Reinheitsstatus eingeschränkt (252).

Durch die heidenchristl. Observanz der Bestimmungen von Lev 17f (3.Buch Mose) war ein toragemäßer Rahmen für die legale Begegnung beider Gruppen geschaffen worden. Judenchristen mussten nicht mehr befürchten, durch Kontakte mit heidnischen Konvertiten rituell verunreinigt zu werden, da letztere alles zu meiden hatten, was ihnen die Tora zur Vermeidung von Unreinheit aufgab. Auch wenn die Reinheit AD-observanter Heiden immer noch deutlich geringer war als die christl. Juden, gab es doch jüdischerseits nun keinen Grund mehr, die Gemeinschaft mit ihnen zu meiden (253).

Der christologisch begründete exklusive Heilsweg der Glaubensgerechtigkeit bei Paulus

Der Gläubige ist mit Christus der Sünde gestorben und hat durch ihn an der Verheißung der Auferstehung Anteil (Röm 6,1-11;  7,4;  Gal 3,26). Seine Existenz in Christus soll in seinem 'heiligen' sittlichen Verhalten einen adäquaten Ausdruck finden (Röm 6,22;  1Kor 1,30). Der göttliche Geist führt zur Heiligung (Röm 1,4), in ihm werden die Heidenchristen geheiligt und ein Gott wohlgefälliges Opfer (Röm 15,16). Ihr Lebenswandel soll dem Willen des Geistes, an dem sie teilhaben, entsprechen (Gal 5,22). 'Reinheit' ist für Paulus etwas, das der Gläubige durch die Teilhabe an Christus und am Geist als Besitz erlangt und ihn der Heiligkeit Gottes dauerhaft verwandt macht. Das Tun des Christen soll diesem neuen Sein entsprechen, seine Reinheit in den Werken ihren Ausdruck finden. Dies steht im Gegensatz zu der im AD vorausgesetzten theologischen Konzeption. Bezugspunkt dieser Konzeption ist die von der Tora geforderte Reinheit des Jahwe-Kults und seiner Teilnehmer, die durch Observanz der Reinheitsvorschriften in beständiger Unterscheidung von Reinem und Unreinem täglich zu erneuern ist (256).

Die Differenz zwischen beiden Reinheitsbegriffen spiegelt sich in der Vehemenz des antiochenischen Zusammenstoßes wider. Für Paulus war es unverständliche, dass die durch Christus bzw. den Geist gereinigten Gläubigen aus den Heiden auch auf die Reinheit des Gesetzes verpflichtet werden sollten, das durch Christus sein Ende gefunden hatte. Reiner, als sie waren, konnten sie dadurch nicht werden, wohl aber auf den Unheilsweg des Gesetzes zurückgelangen und damit in Gefahr, die empfangene Gnade Gottes zu verwerfen.

Die Boten des Jakobus begründeten das AD mit der von der Tora gebotenen besonderen Reinheit des Gottesvolkes, die sich auch auf die ihm angeschlossenen 'Fremdlinge' erstreckt. Mit dieser durch die Autorität des Herrenbruders gestützten Argumentation gelang es den Jerusalemern, die Reinheitsvorschriften von Lev 17f in die Religionsstruktur des antiochienischen Heidenchristentums dauerhaft zu integrieren. Durch die antiochienische Mission (vermutlich auch durch Petrus) konnte das AD seine bereits in ntl Zeit weite Verbreitung unter den heidenchristl. Gemeinden finden (256f).

Die Ablehnung der Speisegebote durch Petrus

Chr.Heil

Jesu Gesetzeskritik ist noch im Rahmen der innerjüd. akzeptierten Diskussion geblieben. Er reduziert die Unterscheidung von 'rein' und 'unrein' ganz auf den Gegensatz des Ja oder Nein zur Gottesherrschaft (115). Er durchbrach (aus Liebe zu den Menschen) den Schutzwall der rituellen Reinheitsgebote. Ohne die Speisegebote aufzuheben, relativierte er sie, während sie von den Pharisäern und in Qumran radikal verschärft wurden (119).

Für Juden in ntl Zeit waren unrein: Nicht-Juden an sich, die Hauptwohnung eines Nicht-Juden, Land außerhalb Israels und Götzenopfer. Die rituelle Reinheits-Praxis weitete sich bis z.Zt. des Paulus immer stärker aus, z.T. zur Abwehr zu enger Kontakte mit der heidnischen Umwelt (122f).

Paulus kann in der Beobachtung der Speisegebote (Gal 2;  1Kor 8-10 und Röm 14f) nur ein Erfordernis brüderlicher Liebe zu den 'Schwachen' sehen. Er wehrt sich gegen jede prinzipielle Verpflichtung der Heidenchristen auf ein auch nur minimales rituelles Reinheitsprogramm (Gal 2). Die christl. Gemeinde aus Juden und Heiden ist durch den kulttypologisch verstanden Kreuzestod Christi gereinigt und geheiligt. Die darüber hinaus fortgesetzte Ausübung von Gesetzeswerken würde die soteriologische Relevanz des Christusereignisses verdunkeln. Paulus verstand sich immer als Jude, der wegen seiner auf Jesus Christus ausgerichteten Soteriologie eine eschatologische Sicht der Tora vertritt (297f).

Das Jerusalemer kultische Heilssystem hat für die Christen keine Bedeutung mehr. Paulus hat die Konsequenzen eines zum Kult antitypischen Sühnetodes Christi energischer ausgezogen als die Urgemeinde von Jerusalem oder die Hellenisten in Antiochia. Die Ablehnung der jüd. Speisegebote war die Konsequenz aus der absoluten, universalen Heilsbedeutung Jesu Christi (300f).

Die kulttypologische Deutung des Todes Jesu ermöglichte, die jüd. 'culture markers' abzustreifen und sich ohne Vorbehalte den Heiden zuzwenden, z.B. Tischgemeinschaft mit ihnen zu pflegen. Die missionarische Haltung des von Paulus mitgeprägten 'neuen Weges' unterschied sich radikal von der pharisäischen Betonung ausgrenzender Speisegebote (301).

Zusammenfassung:

  1. Die Speisegebote galten im Frühjudentum als Gesetzeswerke. Sie wurden als priesterliche Regelungen während des Babylonischen Exils ausformuliert und durch den Makkabäeraufstand weiter 'popularisiert'. Auch in der Diaspora hielten die Juden die Speisegebote ein, um ihre rituell-kultische Reinheit zu wahren (304).
  2. In der jüd. Umwelt des Paulus wurden die Speisegebote pars pro toto für die gesamte Tora gesetzt. Jesus von Nazareth macht hier eine einmalige Ausnahme in der Differenzierung von Gottes- und Menschenwort, wobei er die Speisegebote zu letzterem zählte.
  3. Paulus sah in Jesu Tod alle Menschen mit Gott versöhnt. In diesem eschatologischen, einmaligen Akt wurde jeder andere Sühnekult aufgehoben.: Reinheit besteht daher in der christl. Gemeinde und ist keine zu erfüllende Bedingung mehr, um Gott nahe zu sein. Bedingung ist allein der Glaube an Jesus Christus.
  4. Die 'Mahldispute' in Gal 2; 1Kor 8-10 und Röm 14f sind vor allem als Auseinandersetzung um die weitere Gültigkeit der Speisegebote zu erklären. So gab es Christen (Jakobusleute, Schwache), die aus Torafrömmigkeit an den jüd. Speisegeboten festhielten.
  5. Paulus lehnt die Speisegebote mit gleichbleibender Argumentation ab: Jesus Christus hat alle Menschen geliebt und sich für sie hingegeben. In seinem kulttypologisch verstandenen Tod ist das Gesetz als Heilsparadigma überwunden und in Christus aufgehoben. Der Zweck der Speisegebote, die Reinheit und Heiligkeit des einzelnen und der Gemeinde, ist durch Christus verwirklicht. Um dies nicht zu verdunkeln, verbietet sich jede weitere rituell-kultische Anstrengung (304).
  6. Jesus relativierte die Speisegebote. Öffentlich abgelehnt hat er sie nicht (gegen MkRed 7,19b).
  7. Die soteriologisch und eschatologisch motivierte Aufhebung der jüd. Speisegebote durch Paulus hat demgegenüber eine neue Qualität. Der die Schrift als unumstößliche Autorität ansehende Jude Paulus ringt um die Kontinuität mit dem Volk Gottes und um seine eigene jüd. Identität. Für Paulus gab es nur eine Religion: die jüdische. Das Christentum ist für Paulus keine neue Religion, sondern die jüdische, mit dem der Zeit entsprechend verlegten Schwerpunkt ( 404f).
  8. Innerhalb der christl. Gemeinde verbietet Paulus jede Art der Tischgemeinschaft, die die absolute soteriologische Bedeutung Christi kompromittiert (1Kor 5,11;  10,14-22) (305).

Anhang a: Die Bedeutung des Apostelkonzils (Apg 15) für die Einheit der Christenheit
F. Hahn

a. Paulus war von Barnabas als Mitarbeiter nach Antiochien geholt worden, als man dort bereits systematisch mit der Heidenmission begonnen hatte (Apg 11,20.25). Jerusalem war Mittelpunkt der judenchristlichen Gemeinschaft. Antiochien wurde mit seiner von den 'Hellenisten' gegründeten Gemeinde alsbald zur Metropole der heidenchristlichen Kirche (Apg 8,1.4; 11,19). Man war bereit, Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu Christi zu gewähren ohne Verpflichtung auf Beschneidung und Gesetz. Das geht aus Apg 15,1 und der Tatsache des Apostelkonzils eindeutig hervor (98).

Die Mehrzahl der am Judentum interessierten Heiden waren nicht Proselyten, sondern 'Gottesfürchtige', die den Monotheismus und die Ethik des Judentums respektierten, aber zu rituellen und nomistischen Konsequenzen nicht bereit waren. Diese Menschen waren in die jüdische Gemeinschaft nicht wirklich integriert. Eine Integration in die christliche Gemeinde wäre ebensowenig möglich gewesen, wenn man auf der Forderung der Beschneidung und Gesetzesobservanz bestanden hätte (98f).

Die hellenistischen Juden hatten ihrerseits bereits ein anderes Verhältnis zur Gesetzesfrömmigkeit und zu den kultischen Ritualen als die Juden im palästinischen Bereich. Die formale Erfüllung von Gesetzesvorschriften und die Kultpraxis waren nicht mehr das Primäre. Ausschlaggebend waren die Erkenntnis des einen Gottes und die innere Übereinstimmung mit seinem Wirken und Willen. So war es für hellenistische Juden und Judenchristen leichter, auf die Forderungen der Gesetzesobservanz zu verzichten (99).

Dass die 'Hellenisten' schon in Jerusalem eine selbständige Gruppe darstellen, dass sie in den 'Sieben' eine eigene Gemeindeleitung hatten, weist darauf hin, dass hier eine andere Grundhaltung vertreten wurde. Nicht zufällig ist Stephanus, ein namhafter Repräsentant der 'Hellenisten', der erste Märtyrer geworden und im Zusammenhang damit wurden vornehmlich die zu dieser Gemeindegruppe gehörenden Christen aus Jerusalem vertrieben, bis die Zerstreuten schließlich in Antiochien einen neuen Ort der Sammlung und gemeinsamen Wirksamkeit fanden (Apg 6,8 – 8,3; 11,19-21). Es waren die Kult- und Gesetzeskritik der 'Hellenisten', die Anstoß erregten. Stephanus war angeklagt, weil er sich auf Jesu Tempelwort berief und darauf, dass Jesus die von Mose erlassenen Lebensregeln verändert habe (Apg 6,14) (99f).

Hinzu kam, dass bereits Jesus in Einzelfällen Heiden oder Gottesfürchtige angenommen hatte (Mk 7,24-30par; Mt 8,5-10.13; Lk 10,30-37;Mt 8,11f par). Sein Sendungsauftrag konnte deshalb für die 'Hellenisten' nur im Sinne einer universalen Mission verstanden werden. War der Auferstandene zur Rechten Gottes erhöht worden und war ihm die Macht über Himmel und Erde übertragen, dann war darin auch der Auftrag zu der Mission unter allen Völkern eingeschlossen (Mt 28,18-20) (100).

Das neue Verhältnis zu Gesetz und Kult und das universale Verständnis des Sendungsauftrages Jesu waren die ausschlaggebenden Faktoren, die die gesetzesfreie Heidenmission ermöglichten und für die Missionsgemeinde von Antiochien zur Grundlage ihrer Verkündigung des Evangeliums wurden. Wenn Barnabas von den 'Hebräern' nach Antiochien entsandt wurde, so war das ein Bemühen um Aufrechterhaltung der Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit (Apg 11,22-24). Barnabas hat seinerseits die theologische Haltung der antiochenischen Gemeinde bejaht und ist alsbald ihr Leiter und Repräsentant geworden. Er war es dann auch, der Paulus in das neue Missionszentrum holte (101).

b. Die 'Hebräer' haben an überkommenen jüdischen Traditionen festgehalten. Die Jerusalemer Gemeinde verstand sich als Muttergemeinde der entstehenden Christenheit. Sie trug Verantwortung für die Einheit der Kirche. Von hier aus ist das Eingreifen in Antiochien zu erklären (102).

Paulus zog nach Jerusalem, um den anstehenden Konflikt zu lösen, denn daran hing für ihn das Recht und die Legitimität seines apostolischen Wirkens. Sein Auftrag, den er vom Auferstandenen erhalten hatte, wäre in Frage gestellt, wenn den unbeschnittenen Heidenchristen das Heil abgesprochen werden würde (103).

In Jerusalem brachen die Streitfragen neu auf. Paulus hatte seinen heidenchristlichen Mitarbeiter Titus zu den Verhandlungen nach Jerusalem mitgenommen. Er war gleichsam der Repräsentant aller unbeschnittenen Christen. Titus wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen. Paulus hatte gerade an diesem Punkt nicht einen Augenblick nachgegeben, denn für ihn ging es um die 'Wahrheit des Evangeliums' und um die damit verbundene 'Freiheit', die Christus gewährt hat. Was für die Judenchristen eine bleibende Bindung an die eigene Geschichte und Tradition darstellt, wäre für die Heidenchristen eine Versklavung gewesen. Ihm ging es darum, dass in Christus das Heil total und uneingeschränkt erschlossen ist, dass es einen unmittelbaren Zugang gibt, weswegen keine zusätzlichen Bedingungen gefordert werden dürfen. Für Paulus hatte das Gesetz eine untergeordnete Funktion (Gal 3,15-26). Es war anders als die göttliche Verheißung nicht Voraussetzung für den Glauben. Das Gesetz behielt seine Bedeutung für die Gestaltung und Ordnung des menschlichen Lebens, wenn es konsequent vom Liebesgebot her verstanden wurde (Gal 5,14, Röm 13,8-10) (103f).

Ergebnisse der Beratungen: Die maßgeblichen Vertreter der Jerusalemer Gemeinde und der Gemeinde von Antiochien haben übereinstimmend beschlossen, den Heidenchristen keine Verpflichtung zu Beschneidung und Gesetzeserfüllung aufzuerlegen (Apg 15,10f.19; Gal 2,7-9). Es ist anerkannt worden, dass Paulus von Gott eine Verkündigung für die Unbeschnittenen anvertraut worden ist, bei der das Unbeschnittensein als Voraussetzung des Christseins akzeptiert wird (104f).

Die drei 'Säulen', Jakobus, Kephas und Johannes, gaben den beiden Vertretern der antiochenischen Heidenmission, Paulus und Barnabas, die rechte Hand. Das ist Ausdruck der gegenseitigen Teilhabe und der darin begründeten Gemeinschaft. Es ist die Bestätigung der Einheit der Kirche Jesu Christi, die bei allen Unterschieden fortbesteht und keinesfalls preisgegeben werden darf. Die Anerkennung sehr weitreichender Verschiedenheiten soll die Zusammengehörigkeit dort nicht aufheben, wo feststeht, dass die gemeinsame Basis festgehalten ist und dass Gottes Wirken hier wie dort erkennbar wird (2,7-9) (105).

c. Die Grundsatzentscheidung des Apostelkonzils hat weitreichende Konsequenzen gehabt. Erst mit diesem Beschluss war der Weg frei für eine allseits anerkannte Heidenmission. Damals ging es um die Integration der noch relativ kleinen Zahl von Heidenchristen in die bereits umfangreiche judenchristliche Gemeinschaft (105f).

Die praktischen Probleme: Petrus war zu der antiochenischen Gemeinde gekommen und hatte sich der dortigen Praxis angeschlossen, wonach Judenchristen und Heidenchristen miteinander Tischgemeinschaft hielten (Gal 2,12a), was wahrscheinlich schon vor der Beschlussfassung in Jerusalem üblich geworden war, durch das Apostelkonzil aber für die Antiochener eine Bestätigung und Legitimation erhalten hatte. Einige Zeit nach Petrus kamen dann etliche Anhänger des Jakobus, erhoben gegen diese Praxis Einspruch, worauf Petrus und die anderen Judenchristen und sogar Barnabas fortan den Heidenchristen die Tischgemeinschaft verweigerten (2,13). Für gesetzestreue Juden war ein bezeichnendes Problem aufgetaucht: bei einer Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen wurden die Reinheitsgebote verletzt. Aus diesem Grunde konnte für sie auch bei Anerkennung der gesetzesfreien Heidenmission eine volle Gemeinschaft nicht statthaft sein (106f).

Der Streit über die Tischgemeinschaft war offensichtlich der Anlass dazu, dass eine Zusatzvereinbarung getroffen wurde, die die offene Frage der Tischgemeinschaft regelte, das sog. 'Aposteldekret' (107).

Für die Judenchristen handelt es sich beim Aposteldekret um eine Reihe von Minimalbestimmungen, die bei einer Tischgemeinschaft von seiten der Heidenchristen beachtet werden müssen, um die kultischen Prinzipien der gesetzestreuen Judenchristen nicht zu verletzen. Es geht ausschließlich um eine rituelle Rücksichtnahme bei der gemeinsamen Mahlfeier (108).

Das Aposteldekret will die Beschlüsse des Apostelkonvents nicht einschränken, es setzt sie vielmehr voraus. Es soll auf diese Weise lediglich ein das Zusammenleben und die volle Mahlgemeinschaft hinderndes Problem beseitigt werden (108).

d. Die Tragweite der Beschlüsse des Apostelkonzils für die frühe Christenheit: Nirgends im NT spielt die Gesetzesobservanz eine Rolle. Nicht nur Paulus beruft sich gegenüber den in Galatien eingedrungenen Irrlehrern auf die gefallenen Entscheidungen von Jerusalem. Selbst der Jakobusbrief kennt keine Bindung an die Tora im jüdischen Sinn. Das “königliche Gesetz der Freiheit“ ist das für Jesu Verkündigung und die Botschaft der Urgemeinde zentrale Liebesgebot (Jak 1,25; 2,8.12). Bei Matthäus ist die Tora von Jesus im Zusammenhang seiner eschatologischen Botschaft neu interpretiert worden und besitzt nun in diesem Sinne für die Christen Gültigkeit (109).

Die Frage der Verkündigung des in Christus offenbar gewordenen Heils und der dadurch konstituierten Jüngergemeinschaft war zwischen Juden- und Heidenchristen in urchristlicher Zeit nicht strittig gewesen, es ging lediglich darum, ob die Bindung an Jesu Person und Heilswerk genüge oder diese nur wirksam sei in Verbindung mit der früher dem Volk gegebenen Tora (110).

In Eph 2,11-22 geht es um das Thema der Einheit von Juden und Heiden in der einen Kirche. Die heidenchristlichen Gemeindeglieder werden lediglich daran erinnert, dass sie einst Fremde waren, ohne Gott lebten und die Heilsverheißungen nicht kannten, durch Christus jedoch Zugang zu Gott gefunden haben und mit den Glaubenden aus Israel vereint worden sind (2,11-13). Mit “denn er ist unser Friede“ beginnt ein Abschnitt, in dem die durch Christus als Friedensstifter verwirklichte Einheit zwischen Juden und Heiden und die Beseitigung des Gesetzes mit seinen Geboten und Forderungen zum Paradigma für die Überwindung aller Feindschaft und die Entfernung aller Grenzen und Trennmauern für die Menschen in der Welt wird (14-18). Hierbei geht es sowohl um die Überwindung der Feindschaft der Menschen gegenüber Gott als auch um die Überwindung allen Unfriedens unter den Menschen selbst. Deshalb wird den Menschen in der Welt Frieden verkündet, den fernen wie den nahen, und durch Christus haben alle Zugang zum Vater (17f). So werden die Heidenchristen Mitbürger und Hausgenossen Gottes in dem auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebauten Tempel, der in Christus seinen Eckstein hat (19-21). Durch die Kirche, in der Gegensätze bereits überwunden und vereint sind, soll das Heilshandeln übergreifen auf die gesamte Welt. Dabei hängt Entscheidendes von der tatsächlich verwirklichten Einheit der Kirche ab, weil sie nur so, indem sie in ihrer konkreten Existenz die 'versöhnte Verschiedenheit' repräsentiert, ihren Dienst gegenüber der Welt wahrhaftig erfüllen kann (110f).

Beim Apostelkonzil in Jerusalem ging es um die Frage, was heilsnotwendig ist. Dabei war unbestritten, dass der Glaube an Person und Wirken Jesu fundamentale Bedeutung für das Christsein und die Jüngergemeinschaft hat. Offen war, ob die Einhaltung der Lebensordnung Israels für die, die zum Glauben an Christus gekommen sind, unaufgebbar ist. Das Problem wurde dort zur Streitfrage, wo Heiden auf das Gesetz verpflichtet werden sollten. Denn das bedeutete, dass sie zur Einhaltung einer Tradition aufgefordert wurden, die ihrer eigenen Geschichte fremd war und ihrem eigenen Weg zu Christus nicht entsprach (112).

Bei der Frage, was heilsnotwendig und für die Existenz der Kirche unaufgebbar ist, was darum auch allein erforderlich ist für die Einheit der Kirche, dürfen spezifische Traditionen keine ausschlaggebende Rolle spielen (112).

Das Verhältnis von Apostelkonzil und Aposteldekret: Entscheidend ist, dass alle die Praxis betreffenden Vereinbarungen und Regelungen der Grundfrage nach dem allein Heilsnotwendigen nicht widersprechen dürfen (113).

Die Zusammenkunft der Apostel in Jerusalem samt den dort getroffenen Grundentscheidungen gehört zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der Urchristenheit (113).

Anhang b: Antipaulinismus im Judenchristentum zu Lebzeiten des Paulus
G. Lüdemann

a. Antipaulinismus auf dem Apostelkonzil (Apg 15)

Auf dem Apostelkonzil stand die Forderung zur Debatte, ob Heidenchristen beschnitten werden sollten, um Mitglieder der christlichen Gemeinde werden zu können (Gal 2,3). Dieses Ansinnen richtete sich gegen die pln Praxis, Heiden ohne Beschneidung in die Gemeinde aufzunehmen. Diese Forderung wurde in der gemischten Gemeinde Antiochiens erhoben, in die sich „falsche Brüder“ (Gal 2,4) eingeschlichen hatten (59f).

Paulus konnte den Säulen die Zustimmung abringen, dass die Heidenchristen nicht beschnitten werden müssten. Der Heidenchrist Titus wurde nicht zur Beschneidung gezwungen (Gal 2,3). Gleichwohl war die Zustimmung hart umkämpft, und man wird annehmen müssen, dass die falschen Brüder eine erhebliche Unterstützung seitens der Jerusalemer Gemeinde bei ihrer Forderung nach der Beschneidung des Titus auf ihrer Seite hatten. Ein großer Teil der Gemeinde muss die Falschbrüder unterstützt haben, denn sonst hätten sie die Beschneidungsforderung nicht so wirkungsvoll erheben können (60f).

Paulus konnte sich dieses Ansinnens erwehren und erhielt die grundsätzliche Zustimmung der Säulen zu seiner gesetzesfreien Heidenmission. Der Grund für die mit einem feierlichen Handschlag besiegelte Einigung war offensichtlich der Erfolg der pln Heidenmission und die Bereitschaft der heidenchristlichen Gemeinden, die Gemeinschaft mit einer Geldgabe zu dokumentieren. Die Falschbrüder, die Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde blieben, werden die Einigung nach Kräften bekämpft haben. Ihr offener Antipaulinismus ist jedenfalls als maßgeblicher Faktor auf dem Konzil und in der Folgezeit vorauszusetzen (61).

Man sollte annehmen, dass die falschen Brüder trotz der Niederlage in der Beschneidungsfrage von Einfluss auf die Einzelheiten des Verhandlungsergebnisses gewesen waren. Das Missionsfeld wurde aufgeteilt: „Wir zu den Heiden, sie zu den Juden“ (Gal 2,9). Diese Formel sicherte zwar Paulus das Recht zur Heidenmission zu. Sie konnte aber auch dazu benutzt werden, um eine Mission der Heiden und Juden rückgängig zu machen. D.h. diese Regelung schloss nicht aus, dass in Zukunft Juden auf das Halten des jüdischen Gesetzes verpflichtet werden konnten (61f).

Ein weiteres antipln Element der Einigungsformel betrifft Paulus Apostolat: Die Regelung (Gal 2,9) enthält nicht die Anerkenntnis seines Apostolats, sondern spricht lediglich von der Heidenmission des Paulus. Paulus hätte sich zwecks Widerlegung der gegnerischen Anwürfe in Galatien nicht eine Konzils-Tradition entgehen lassen, die seinen eigenen Apostolat zum Inhalt hatte. Wahrscheinlich hielt Paulus es aus taktischen Gründen nicht für geraten, seinen Apostolat zu thematisieren, weil das die erzielte Einigungsformel hätte gefährden können. Die Nichterwähnung des pln Apostolats im Verhandlungsergebnis entspringt antipln Opposition in Jerusalem (62f).

b. Antipaulinismus beim Zwischenfall in Antiochien (Gal 2,11ff)

In der gemischten Christengemeinde Antiochiens hatten geborene Juden mit Heiden Tischgemeinschaft gehalten. Dieser Praxis schloss sich Petrus an, als er in Antiochien weilte. Als einige von den Jakobusleuten kamen, zogen sich Petrus, Barnabas und die übrigen Judenchristen zurück. Die Abgesandten des Herrenbruders Jakobus betrieben die Trennung der Judenchristen von den Heidenchristen. Der Grund für die Separation liegt in jüdischen Gesetzesvorschriften, die die Trennung der Juden vom heidnischen Tisch forderten. Paulus dagegen erwartete von Judenchristen im Verkehr mit Heidenchristen die Nichtbeachtung der Speisegesetze (64f).

c. Das Jerusalemer Christentum bei Paulus letztem Besuch (Apg 21f)

Apg 21,17-20a: In Jerusalem werden Paulus und seine Begleiter von den Brüdern willkommen geheißen. Paulus kann am folgenden Tag Jakobus und den Presbytern von seinen Missionserfolgen unter den Heiden berichten. Obgleich Paulus mit seinem Gefolge bereits in Jerusalem ist (V16), werden er und seine Begleiter in V 17 nochmals dorthin befördert. In V 17 begrüßt die Gemeinde (die Brüder) Paulus, während laut V 22 die Mitglieder der Gemeinde hören werden, dass Paulus in der Stadt weilt. Wenn V 22 auf Tradition zurückgeht, lässt sich V17 nur als Redaktion verstehen. Lukas will das gute Verhältnis der Jerusalemer Gemeinde zu Paulus aufzeigen. Dabei unterläuft ihm die Ungeschicklichkeit, dass er alle Brüder den Paulus begrüßen lässt, obwohl die meisten der Brüder von Paulus Ankunft in der Stadt erst hören werden (86f).

Die Präsenz von unzähligen christlichen Zeloten des Gesetzes in Jerusalem (21,20b.26) und die Existenz von Gerüchten, dass Paulus die Juden in der Diaspora den Abfall vom Gesetz lehre, veranlassen Jakobus und die Ältesten, Paulus zu einem demonstrativen Akt seiner Gesetzestreue aufzufordern. Er soll sich mit 4 Nasiräern heiligen und die Kosten dafür übernehmen, damit alle erkennen: Paulus erfüllt treu das Gesetz.

Es ist merkwürdig, dass Gerüchte über Paulus Kritik am Gesetz in Jerusalem umliefen. Denn die Apg hatte bisher in ihrer jüdischen Zeichnung des Paulus keinerlei Anlass zu den obigen Gerüchten gegeben. Daraus folgt, dass die Gerüchte Bestandteil der Lukas überkommenen Tradition waren, die Lukas im Sinne seines eigenen Paulusbildes zu korrigieren trachtete (87).

d. Die Apg 21 zugrundeliegende Quelle

Paulus reiste mit Begleitern von Milet über Cäsarea nach Jerusalem. In Cäsarea erhielt er gastliche Aufnahme beim Hellenisten Philippus und in Jerusalem beim Hellenisten Mnason. In der Jerusalemer Gemeinde, die gesetzestreu lebt und der Jakobus vorsteht, ist seine Person umstritten, denn Gerüchte kursieren, dass Paulus antinomistisch sei und sich gegen die Beschneidung von jüdischen Knaben ausspreche. Paulus tritt dem durch die Übernahme der Auslösung von vier Nasiräern entgegen. Mit Paulus Anwesenheit im Tempel, in den er sich zwecks eigener Entsühnung begeben hatte, endet die Quelle (91f).

Der in V 21 ausgesprochene Vorwurf gegen Paulus dürfte historisch sein und gibt zutreffend die Vorbehalte Jerusalemer Christen gegen Paulus wieder. Jedenfalls hatte er einen Anhalt an dem, was in pln Gemeinden vor sich ging. Zwar predigte Paulus in Übereinstimmung mit den Absprachen auf dem Konzil vornehmlich den Heiden das Evangelium. Doch verlangte er von geborenen Juden im Verkehr mit Heidenchristen die Nichtbeachtung von Speisegesetzen und lehrte in seinen Briefen mehrfach die Indifferenz des Gesetzes gegenüber der neuen Schöpfung in Christus (1 Kor 7,19; Gal 6,15). Da konnte es nicht ausbleiben, dass geborene Juden in der Folge einer solchen Praxis dem Gesetz entfremdet wurden und ihre Kinder nicht mehr beschnitten (93).

e. Die Ablehnung der Kollekte

Für Paulus hatte die Kollekte ekklesiologische Bedeutung. In und mit ihr wird die Einheit der aus Juden und Heiden bestehenden Kirche dokumentiert. Ein Scheitern der Kollekte würde nach pln Verständnis die theologische Existenz der Heidenchristenheit gefährden. Es nimmt daher kein Wunder, dass der pln Opposition daran gelegen war, die Kollekte zu Fall zu bringen. Indizien für ein Gelingen dieser Absicht sind vorhanden: so kam die Sammlung in Korinth teilweise und in Galatien völlig zum Erliegen. In Korinth setzte sich Paulus schließlich durch, während er die galatischen Gemeinden samt Kollekte verloren haben dürfte (94).

Paulus schreibt Röm 15,30f: „Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, mir im Gebet vor Gott bitten zu helfen für mich, dass ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa, und dass meine Dienstleistung für Jerusalem von den Heiligen wohl aufgenommen werde“. Paulus sieht sich angesichts der ungläubigen Juden nicht nur der Lebensgefahr ausgesetzt, sondern er hält sogar die Annahme der Kollekte durch die Jerusalemer Gemeinde für bedroht. Kurz vor seiner Vollendung ist die Gefahr einer Empfangsverweigerung durch die Jerusalemer derart akut, dass Paulus eine völlig unbeteiligte Gemeinde mit stärksten Worten dazu aufrufen muss, in ihrem Gebet um eine wohlwollende Annahme der Kollekte, besorgt zu sein. Paulus selbst fährt nach Jerusalem, um die Annahme der Kollekte sicherzustellen (95).

Lukas meidet in Apg 21 absichtlich das Kollektenthema, weil die von ihm benutzte Quelle von ihrer Ablehnung berichtete. Denn wenn die Quelle von ihrer Annahme berichtet hätte, würde Lukas diese Nachricht an dieser Stelle aufgenommen haben, kommt es ihm doch gerade darauf an (21,17), das gute Verhältnis zwischen Paulus und der Jerusalemer Gemeinde aufzuzeigen. Stattdessen vorverlegt er das Kollektenthema und bringt es in Apg 11,27ff, wo er eine Modellreise konstruiert und Barnabas und Paulus eine Kollekte nach Jerusalem bringen lässt. Selbst dort wird nicht von einer Annahme der Sammlung berichtet (96f)!

Zur Zeit der letzten Jerusalemreise des Paulus stand die christliche Gemeinde Jerusalems vollständig innerhalb des Judentums und hätte eine Abrogation des Gesetzes nicht hingenommen. Ihre passive Haltung bei der Festnahme des Paulus und ihre Zurückweisung der von Paulus überbrachten Kollekte sind Ausdruck dafür, dass das auf dem Konzil geschlossene Abkommen zwischen der Jerusalemer Gemeinde und Paulus als nicht länger gültig angesehen worden war. Der Grund dafür dürfte in dem Apg 21,21 beschriebenen Gerücht bündig zusammengefasst sein: die pln Predigt zerstöre das Judentum. Andererseits drückt sich in der obigen Haltung der Jerusalemer Gemeinde ihre Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk aus.

Die Jerusalemer nahmen spätestens seit dem Konzil in überwiegendem Maße eine antipln Haltung ein. Die Ablehnung der Kollekte besiegelte die Paulusfeindschaft der Jerusalemer (97f).

f. Zusammenfassung

Die galatischen Gegner sind zu den auf dem Konzil anwesenden falschen Brüdern zu rechnen, während die nach Korinth gekommenen Prediger eher eine Mittelposition in Jerusalem eingenommen haben dürften und Kephas verehrten. Bei den galatischen Gegnern scheint es sich um eine Gegenmission in den pln Gemeinden Galatiens zu handeln, die nur daran interessiert war, die unzureichende Verkündigung des Paulus zu korrigieren (162f).

Die Theologie der Gegner kristallisiert sich bei sämtlichen Antipaulianern im erbitterten Widerstand gegen Paulus und seinen Anspruch auf apostolische Autorität. Die apostolische Autorität bedeutete für Paulus zweierlei: Einerseits ermächtigte sie ihn zur gesetzesfreien Heidenmission, andererseits stellte sie ihn mit den Jerusalemer Aposteln auf eine Stufe. Die galatischen Gegner bezweifelten beides, die korinthischen Antipaulianer letzteres (163f).

Zwischen Konzils- und Kollektenbesuch hatte sich in der Jerusalemer Gemeinde eine Veränderung in der Leitung vollzogen. Ihre Folge war eine größere Einflussnahme der falschen Brüder auf die Geschicke der Gemeinde. Die ohnehin in Jerusalem umstrittene Gestalt des Paulus geriet so in ein noch größeres Zwielicht, so dass in der Folgezeit der Antipaulinismus obsiegte und die Kollekte nicht mehr angenommen wurde. Theologisch schlug sich der antipln Widerstand in Jerusalem in der Behauptung nieder, Paulus Verkündigung und Praxis veranlasse die Juden der Diaspora, ihre Identität als Juden aufzugeben (164).

Die galatischen Gegner konnten trotz ihrer offensichtlichen Nichtbeachtung des Jerusalemer Abkommens zumindest mit der Neutralität der Jerusalemer rechnen. Sie zweifelten das Apostelamt des Paulus grundsätzlich an. Dieses von Paulus im Sinne einer Gleichberechtigung mit den Jerusalemer Aposteln aufgefasste Amt konnten sie nur für eine Anmaßung halten, da für sie die Kirche an Jerusalem gebunden war.

Die Auseinandersetzungen in Korinth sind nicht so sehr Kämpfe um die Judaisierung der Heidenchristen, sondern um die Autorität des Paulus im Verhältnis zu den Jerusalemern. Es geht um den Primat von bestimmten Personen und um den Primat des Ortes. Offensichtlich hatten Kephas und seine Anhänger den pln Anspruch auf Ebenbürtigkeit während des Konzils nicht genügend zur Kenntnis genommen, bzw. Paulus hatte keinen Wert auf die Hervorhebung von theologischen Differenzen gelegt.

Eine antipln Einstellung wurde seit der korinthischen und der galatischen Krise Anfang der fünfziger Jahre sowohl von den liberalen als auch von den konservativen Judenchristen Jerusalems geteilt (165).