1.4 Ein harter Streit

T. Holtz

In Gal 1f will Paulus sein Verhältnis zu den Jerusalemer Autoritäten, insbesondere zu Petrus, darlegen. Paulus will zeigen, dass sein Evangelium und Apostolat zugleich unabhängig von und identisch mit dem der Jerusalemer ist, die vor ihm Apostel waren. Freilich zeigt der antiochenische Zwischenfall gerade nicht die Einheit des Paulus mit den Jerusalemern. Vielmehr steht er hier einsam gegen alle übrigen Akteure, die Jerusalemer ebenso wie die Antiochener. Durchdrungen von dem Recht seiner Position damals, stellt er den Vorgang so dar, dass dieses Recht sich in der Gegenwart des Briefes erneut Bahn brechen kann in einer vergleichbaren Situation. So präsentiert sich der Bericht als ein überaus diffiziles Beweismittel in einem harten Streit (344).

Bei einer Datierung des antiochenischen Zwischenfalls vor der sog. zweiten Missionsreise des Paulus ca. 50 n.Chr. wenige Monate nach dem Apostelkonzil in Jerusalem (Apg 15,36ff) wird verständlich, warum Paulus und Barnabas danach nicht mehr gemeinsam wirken und ebenso, dass Paulus nun nicht mehr in Rückbindung an und Verantwortung vor der Gemeinde in Antiochia sein Missionswerk betreibt.

Petrus kommt nach Antiochia und hat mit den Heidenchristen Mahlgemeinschaft gehalten. Da hernach die übrigen mess. Juden und Barnabas die Verhaltensänderung des Petrus mitmachen, müssen sie zuvor wie er mit den Heiden ohne Vorbehalt zusammen gegessen haben. Daraus folgt, dass die antiochenische Gemeinde zu jener Zeit in ungeteilter Gemeinschaft lebte und dass Petrus diesen Zustand bei seiner Ankunft bereits vorfand, sich also in eine bestehende Ordnung einfügte (347f).

Die Ankunft der Jakobus-Leute bewirkte, dass sich Petrus von der bisherigen Gemeinschaft mit den Heidenchristen zurückzog und sich einen gesonderten (christlichen) Lebensbereich schaffte. Die übrigen mess. Juden, selbst Barnabas, folgten ihm. Die Argumente, die die Jakobus-Leute vorbrachten, müssen so gewichtig gewesen sein, dass Paulus isoliert wurde. Mit Petrus und Barnabas stehen ihm zwei Männer gegenüber, deren Persönlichkeit in jeder Hinsicht kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Es ist anzunehmen, dass sie ihre Entscheidung gründlich von ihrem Verständnis des Evangeliums her durchdacht und vor ihm verantwortet haben (348f).

Paulus konnte sich in Antiochia mit seinem Urteil nicht durchsetzen. Antiochia spielt in seinen Briefen und seinem aus ihnen erkennbaren weiteren Weg keine Rolle mehr, eine fernere Zusammenarbeit mit Barnabas ist nicht erkennbar. Vor allem aber setzt sich in der werdenden Kirche die uneingeschränkte Mahlgemeinschaft von mess. Juden und Heidenchristen, die Paulus in Antiochia verteidigt, nicht durch (349).

Die Jakobus-Leute vertraten die mess. Juden, die nicht durch den antiochenischen Geist bestimmt waren. Ein Jude, der in kultisch reinem Milieu aufgewachsen ist, muss es als widerlich empfinden, mit einem Menschen in enge Gemeinschaft zu treten, der unbefangen dabei ist, unreine Speise zu sich zu nehmen oder auch nur der Möglichkeit offen ist, es zu tun. Gerade wegen des Ja zu dem Recht auf die eigene Geschichte, das das Apostelkonzil sprach, durften Jesus-Gläubige, die aus dem Judentum kamen, sich solcher Zumutung entziehen (354).

Dass Petrus sich solchen Überlegungen und Einreden öffnete, weist ihn weder als wankelmütig noch als unbedacht aus. Vielmehr erscheint er als einer, der die Einheit der Kirche und zugleich das Recht der mess. Juden auf die Respektierung ihrer Geschichte zu wahren bestrebt ist. So wird denn auch verständlich, warum sich ihm die übrigen Juden und selbst Barnabas anschlossen. Offenbar waren die Forderungen, die seitens der Jakobus-Leute für die Mahlgemeinschaft gestellt wurden, durchaus moderat. Für nur gemäßigte Forderungen spricht das Verhalten der ganzen Gemeinde in Antiochia, die selbst auf Kosten eines Bruchs mit 'ihrem' Apostel Paulus diese zu akzeptieren bereit war (354).

In dem Aposteldekret haben wir die verbindliche Regelung der im antiochenischen Zwischenfall aufgebrochenen Frage durch die Jerusalemer Autoritäten vor uns. Danach sind den Heidenchristen in gemischten Gemeinden nur die Bedingungen für die Lebensführung gestellt worden, die nach Lev 17f für den Nicht-Juden galten, der im Land Israel lebte. Es handelt sich um kultische Mindestforderungen, die den Bruch mit dem Götzendienst und dämonischer Befleckung dokumentieren. Man kann sich nur wundern, dass die maßgeblichen Männer in Jerusalem mit Jakobus an der Spitze einer solchen Minimalregelung zustimmten. Sie entspricht in bemerkenswerter Weise der Grundintention des Apostelkonzils. Die Heidenchristen bleiben in ihrer Lebensführung als Heiden anerkannt (so wie die Heiden in Israel, die Lev 17f unterstellt sind), aber auch die mess. Juden können in ihrer jüdischen Geschichte leben. Die Entscheidung war so einleuchtend, dass sie sich ökumenisch durchsetzte. Man kann sagen, dass nicht nur in Antiochia, sondern in der ganzen frühen Kirche Jakobus, Petrus und Barnabas gesiegt hatten (355).

Man muss annehmen, dass die Forderungen, die Petrus aufgrund der Intervention der Jakobus-Leute an die Antiochener Heidenchristen stellte, sich nicht grundlegend von dem Aposteldekret unterschieden. Paulus war bereits in Antiochia aus dem allgemeinen Konsens ausgestiegen, der dort zwischen den Jakobus-Leuten, Petrus und der antiochenischen Gemeinde erzielt wurde (355).

Die Einigung der Antiochener und Jerusalemer sowie ihre abschließende Sanktionierung durch das Aposteldekret enthält ein fundamentales Problem. Indem die Heidenchristen den Bestimmungen für die Fremden in Israel unterstellt werden, erscheint die geschichtliche Darstellungsweise Israels, die sich dem Gesetz verdankt, als der notwendige geschichtliche Gestaltungsrahmen der Kirche. Zwar müssen Heidenchristen keine Juden werden, aber sie können nur leben wie Heiden unter Juden. Theologisch lauert hier die für das Evangelium tödliche Gefahr, das Heil an eine bestimmte Geschichte, an Gesetzeswerke, zu binden und damit den Glauben zu entmachten. Deshalb musste Paulus über Petrus und seine Gefolgsleute urteilen: “sie gehen nicht auf dem richtigen Weg zur Wahrheit des Evangeliums“. So ist es nur konsequent, dass er ihrem Tun unbeugsamen Widerstand entgegensetzte, auch wenn ihn das in die Isolation führte (356).

Mit Petrus (und Jakobus) einerseits und Paulus andererseits treten in Antiochia in scharfer Ausprägung fundamentale Probleme der Lebensverwirklichung des Evangeliums hervor und stellen sich gegeneinander. Es geht um “two principles, the singularity of the gospel and the unity of the Church“ (A 82). Weil das Evangelium allein durch den Glauben wirkt, ist jede geschichtliche Fesselung des Glaubens Verrat an ihm. Es ist im strengen Sinn eine eschatologische Wirklichkeit. Sie zu verteidigen ist die Sache des Paulus (356f).

Nach dem Zwischenfall in Antiochien unterstellte Paulus seine Gemeinden ähnlichen Ordnungen, wie sie das Apostelkonzil fordert, wenn auch mit anderen Begründungen (1Kor 8-10; Röm 14f).

Die Kirche tritt ihren Weg in die Geschichte an, indem sie Petrus und Paulus zu ihren Zeugen macht: Paulus als Garant der Wahrheit des Evangeliums, Petrus als Fundament des Baus der Kirche (357).