1.4 Die Kirche – das in Christus gesammelte und erneuerte Israel der Endzeit

J. Roloff (1993)

a. Der Perspektivenwechsel gegenüber dem Judenchristentum

Für die Jerusalemer Urgemeinde war die ekklesia das endzeitlich gesammelte und erneuerte Volk Israel. Das Hinzukommen von Heiden blieb die Ausnahme, die der besonderen Rechtfertigung bedurfte und bestimmten Bedingungen unterlag (117).

Für Paulus war das Hinzukommen der Heiden zur Heilsgemeinde nicht mehr die besonderer Begründung bedürftige Ausnahme, sondern der Normalfall, denn er wusste sich aufgrund seiner Berufung von Gott selbst dazu gesandt, Jesus Christus “unter den Heidenvölkern zu verkündigen“ (Gal 1,16) und zwar ohne die Tora. Grundlegend war dabei für ihn die theologische Einsicht geworden, dass durch das Christusgeschehen das Gesetz zum Ende gekommen sei (Gal 3,10-14; Röm 10,4) und dass sich in der gegenwärtigen endzeitlichen Situation Christus und das Gesetz als einander ausschließende Größen gegenüberstehen. Nach seiner Überzeugung entfaltet das Evangelium nur da, wo Heiden ohne Bindung an Tora und jüdische Tradition zum Glauben an Christus kommen, seine volle Leuchtkraft. Während die Mission unter den Juden schwere Rückschläge erlitt, gelang Paulus innerhalb weniger Jahre die Gründung heidenchristlicher Gemeinden in nahezu allen bedeutenden Zentren Griechenlands und Kleinasiens (117f).

Das Gottesvolk-Problem: Auf dem Apostelkonzil (48 n.Chr.) bemühte sich Paulus, gemeinsam mit Barnabas, als Delegat der gemischten Gemeinde von Antiochia, um die Anerkennung der gesetzesfreien Heidenchristen als vollgültige Glieder der Heilsgemeinde durch die Jerusalemer Urgemeinde. Er trat den Jerusalemern im Bewusstsein entgegen, das Recht des Evangeliums voll auf seiner Seite zu haben. Dass die Antiochener sich um diese Anerkennung bemühten, lässt darauf schließen, dass für ihr Selbstverständnis als Kirche die Verbindung mit Jerusalem von großer Bedeutung war, bedeutete sie doch den Eintritt in die heilsgeschichtliche Kontinuität mit dem Gottesvolk (118).

Der antiochenische Konflikt (Gal 2,11-21): Petrus hatte mit Rücksicht auf Jakobus und die Jerusalemer Judenchristen die Tischgemeinschaft mit den unreinen Heidenchristen abgebrochen. Dahinter stand die Furcht, dass durch die uneingeschränkte Tischgemeinschaft mit den Heiden die Verbindung mit dem Judentum abgeschnitten werden könnte. Petrus meinte diesen Bruch der heilsgeschichtlichen Kontinuität der Kirche mit Israel nicht verantworten zu können und nicht nur Barnabas, sondern auch die Mehrheit der antiochenischen Judenchristen ist ihm darin gefolgt. Für Paulus stand die “Wahrheit des Evangeliums“ auf dem Spiel (2,14). Er entschied sich dafür, dass das gesetzesfreie Evangelium, das die durch das Gesetz befestigten Unterschiede zwischen Juden und Heiden in Christus aufhebt, im Leben der Kirche die einzig bestimmende Kraft bleiben müsse und er war bereit dafür notfalls auch einen Abbruch äußerer Kontinuität in Kauf zu nehmen (118f).

Bei seiner missionarischen Arbeit geriet Paulus immer wieder in akute Konflikte mit Juden. Da er mit seiner Verkündigung in erster Linie die Gottesfürchtigen, die am Rande des Judentums stehenden Heiden, zu erreichen suchte, ist es kein Wunder, dass er mit den Synagogengemeinden in einen religiösen Konkurrenzkampf geriet und dass diese mit allen Mitteln versuchten, seinen Einfluss auf ihre eigene missionarische Zielgruppe auszuschalten (Apg 17,5; 18,12-17).

b. Die Kirche als Volk Gottes

Dass Paulus einen Zusammenhang zwischen Israel und der Kirche voraussetzt, wird aus der Typologie 1Kor 10,1-13 ersichtlich. Die Gegenüberstellung von Kirche und Wüstenzeitgeneration Israels setzt nicht nur voraus, dass beide mit demselben Gott zu tun haben, sondern dass dieser Gott beiden gegenüber in derselben Weise handelt. Es geht um den Aufweis einer Grundkonstante des Handelns Gottes in Bezug auf die ihm zugehörigen Menschen. Weil die Wüstenzeitgeneration Israels es mit dieser Grundkonstante in gleicher Weise zu tun hatte wie die Kirche jetzt, darum lassen sich aus der damaligen Erfahrung Israels Konsequenzen für die nunmehrige Problemlage in der korinthischen Gemeinde ziehen (119f).

Gegenüber einer heidenchristlichen Gemeinde nennt Paulus die Israeliten der Exoduszeit “unsere Väter“ (10,1). Er setzt damit ein Vater-Kinder-Verhältnis voraus, das nicht auf biologischer Erbfolge, sondern auf der Identität Gottes in seinem Handeln in der Geschichte beruht. Gott sammelt, errettet und geleitet Menschen mit seinen Heilsgaben, so dass sie sein Volk werden. An diesen biblischen Grundgedanken knüpft Paulus an, wenn er vom Israel der Vorzeit als unseren Vätern spricht. Darin, dass sich die Israeliten und die an Jesus Glaubenden demselben Handeln Gottes verdanken, ist ihre Zusammengehörigkeit begründet (120).

Der Gottesvolk-Gedanke (1Kor 10,1-13) markiert die heilsgeschichtliche Verwurzelung der Kirche. Zugleich aber steht die Kirche nach Paulus am Ende der Heilsgeschichte; sie ist die Schar derer, “auf die das Ende der (Welt-)Zeiten gekommen ist“ (10,11c). Das Handeln Gottes, das sie erfährt, ist nicht einfach Wiederholung des Früheren, sondern dessen abschließende Überbietung. Von ihm erschließt sich für die Kirche der Sinn des Früheren. Sie vermag das, was den Vätern damals in der Exoduszeit widerfuhr und was in der Heiligen Schrift aufgezeichnet ist, erst in seiner wahren Bedeutung zu begreifen: “aufgeschrieben wurde es aber zu unserer Warnung“ (10,11b). Beides, die Einsicht, mit Israel durch das geschichtliche Handeln des sich selbst treu bleibenden Gottes verbunden zu sein und die Überzeugung, im Zielpunkt dieses Handelns zu stehen, verbindet sich bei Paulus in dem Anspruch, dass erst der Kirche das volle, abschließende Verstehen der Heiligen Schrift möglich sei, dass sie der eigentliche Adressat der Schrift ist (120).

Paulus hat nicht die geringsten Skrupel, das AT als Besitz der Kirche zu reklamieren. Er behauptet, dass es in ihrem Gebrauch erst sein Eigentliches sage, sowie dass alles in ihr Gesagte für die Kirche gelte – freilich in einer vom Geist erschlossenen Weise (2Kor 3,12-18). Für Paulus geht es bei der Auslegung um die vom Geist gewirkte Erschließung jenes Bereichs, dem sie von Anfang an zugeordnet war (121).

c. Same Abrahams und neuer Bund

Noch deutlicher lässt sich an den Aussagen über die Kirche als “Same (=Nachkommenschaft) Abrahams“ erkennen, wie Paulus den heilsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Kirche und Israel bestimmt.

Nach traditionellem jüdischen Verständnis ist Abraham aufgrund der Verheißung Gottes, ihm zahllose Nachkommenschaft zu erwecken(Gen 15,5), der das Land gehören soll (Gen 15,7), zum Stammvater Israels und zum Ausgangspunkt seiner Geschichte geworden. Darüber hinaus gilt Abraham als Vater der Frommen aus allen Völkern, als das Urbild aller sich dem Gott Israel zuwendenden Proselyten. Die ihm geltende Verheißung hat einen universalen Horizont. Paulus bekräftigt das erste ausdrücklich (Röm 4,12), legt den Akzent jedoch auf das zweite, indem er Abraham als “Vater all derer, die in der Unbeschnittenheit glauben“, d.h. der Heidenchristen, herausstellt (Röm 4,11). Was Abraham zum Empfang der Verheißung Gottes qualifiziert, ist weder seine Gesetzestreue, noch seine Beschneidung, sondern sein Glaube (Röm 4,3; Gal 3,6). Abraham “glaubte an den, der den Gottlosen rechtfertigt“ (Röm 4,5). Damit stellte er sich ganz auf Gottes Zusage. Er nahm Gott beim Wort, indem er sich bedingungslos auf seine Treue einließ. Sein Glaube war das einzige der Verheißung Gottes angemessene Verhalten. Nachkommen erhielt Abraham nicht aufgrund physischer Zeugungsfähigkeit, durch die eine normale Volksgenealogie entstanden wäre, sondern allein aufgrund des Glaubens an jenen Gott, der die Toten zum Leben erweckt. Abrahams Kinder sind die, die “aus Glauben leben“ (Gal 3,9). Identitätsmerkmal Israels kann darum nicht die biologische Geschlechterfolge, sondern nur der Glaube sein (121).

Den auf Glauben beruhenden Bundschluss Gottes mit Abraham sieht Paulus als Anfang einer bis in die Gegenwart reichenden Geschichte des Glaubens. Diese wurde verdrängt und überlagert durch die vom Sinai ausgehende Geschichte des Gesetzes (Gal 3,19-22), nach dem Urteil des Paulus einer Unheilsgeschichte. Denn das Gesetz verleitete Israel dazu, seine Identität und die Kontinuität im Vorfindlichen und Machbaren zu suchen, nämlich in der äußeren Gesetzeserfüllung, in der Beschneidung sowie in der Wahrung der heiligen Institutionen Tempel und Sabbat (Röm 2), statt sich wie Abraham als glaubender Sünder ganz auf Gottes lebenschaffende Macht einzulassen (Röm 4,18). Trotzdem sieht Paulus in und unter dieser pervertierten Geschichte des Gesetzes die mit Abraham begonnene Geschichte des Glaubens weiter am Werk: Es hat in Israel immer Menschen gegeben, die “in die Fußstapfen des Glaubens Abrahams“ treten (Röm 4,12). Sie sind das eigentliche, wahre Israel (Röm 9,6). Dass es sich um eine reale Geschichte handelt, erschließt sich nur dem Blick des Glaubens, der hinter den einzelnen Widerfahrnissen und Ereignissen die Identität und Treue des Handelns Gottes an seinem Volk zu sehen vermag (121f).

Paulus rechnet mit diesem verborgenen Weiterwirken der Glaubensgeschichte Abrahams in Israel bis in seine Gegenwart hinein. Christus hat durch sein Kommen in die Welt (Gal 4,4) und vor allem durch seinen Kreuzestod (Gal 3,13; Röm 7,1-6) die verderbenbringende Herrschaft des Gesetzes vernichtet. Er hat damit den Weg des Glaubens Abrahams sichtbar und abschließend als Heilsweg für alle Menschen eröffnet. Nun dürfen die Heiden hinzukommen. An ihnen erfüllt sich jener Universalismus, der den Horizont der Gottesverheißung an Abraham gebildet hatte (Gal 3,8.14). Es geschieht durch Israel hindurch. Christus ist “geboren aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“ (Röm 1,3), d.h.: in ihm erfüllen sich die messianischen Hoffnungen Israels. Die Glaubensgeschichte Israels findet in ihm ihr Ziel. Jesus ist und bleibt allererst der Messias Israels. Er bestätigt Israels Geschichte als Gottes Volk, gerade indem er sie korrigiert und auf ihre wahre Mitte zurückführt (122).

“Wenn ihr aber Christus zugehört, seid ihr folglich Same Abrahams, Erben gemäß der Verheißung“ (Gal 3,29). Durch Christus, den Samen Abrahams, werden die Heiden “Same Abrahams“. Christus gehört der Geschichte Gottes mit Israel zu. Die Heiden gewinnen durch Christus ihre neue Identität des Seins in Christus. Das bedeutet, dass die Heiden kraft ihrer Zugehörigkeit zu Christus in die Geschichte Gottes mit Israel hineingenommen werden und an ihr Anteil bekommen (123).

Der Bund, den Gott gegenüber Abraham gesetzt hat, bleibt in Kraft (Gal 3,15-18). Christus machte ihn durch sein Kommen nicht zunichte, sondern bekräftigte ihn und setzte ihn umfassend in Geltung. Der “neue Bund“ hat eschatologische Qualität, er ist neu, weil vom endzeitlich wirkenden Geist bestimmt. Er bleibt der Ausrichtung der den Vätern geschenkten Bundschlüsse treu, insofern er gnädige Setzung Gottes ist, die Gott seinem ganzen Volk gewährt.

Den Mosebund am Sinai positiv zu würdigen, ist Paulus unmöglich. In Gal 4,24 kommt er einer völlig abwertenden Darstellung nahe, während er sich in 2Kor 3,6.14 darauf beschränkt, den Abstand zwischen dem alten Bund, dessen Diener Mose war und dem neuen, dessen Diener der Apostel ist, in seiner ganzen Größe herauszustellen (123).

d. Israel und die Kirche

Paulus betont durch den schroffen Antagonismus zwischen Christus und dem Gesetz, dass das Kommen Christi die entscheidende Krise für Israel war (123).

Gal 4,21-31 entstammt dem Kampf gegen die judaisierenden Neigungen der galatischen Gemeinden. Wenn die gesetzestreuen Juden mit Ismael, dem von Abraham auf Gottes Geheiß verstoßenen Sohn, gleichgesetzt werden, so läuft das auf eine Enterbung der unter der Tora verharrenden Juden hinaus. Die legitimen Erben des Abrahambundes und damit die Vertreter des wahren Israel wären demnach nur die Freien, weil ohne Gesetz Glaubenden (125).

Das obere, himmlische Jerusalem (Gal 4,26) ist die Wirklichkeit des im Anbruch befindlichen eschatologischen Heils, auf das die Kirche verweist und das in ihr als pneumatische Wirklichkeit in die gegenwärtige Weltzeit hineinragt. Insofern ist es die “Mutter“ der an Christus Glaubenden. Gal 4,21-31 läuft auf eine Unterscheidung innerhalb der irdisch-natürlichen Nachkommenschaft Abrahams hinaus. Demnach wären nur die an Christus Glaubenden in gültiger Weise Abrahams Nachkommen und die Auseinandersetzung zwischen ihnen und jenen Juden, die unter dem Gesetz verharren, wäre der Kampf zwischen dem legitimen Gottesvolk und denen, die sich den Anspruch, Israel zu sein, illegitim anmaßen. Das “Israel Gottes“ ist die Kirche, die jenseits der Knechtschaft des Gesetzes steht und aus der in Christus gegebenen Freiheit lebt (126).

Die konsequente Enterbungstheorie des Galaterbriefes ist nicht das letzte Wort des Paulus zu diesem Thema. In Röm 9 – 11 greift Paulus erneut auf den Gottesvolk-Gedanken zurück und kommt dabei zu neuen Ergebnissen. Nun durchdenkt er ihn von der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes her (126).

Gottes Gerechtigkeit, die Zusage seiner Gemeinschaftstreue, rettet jeden, der glaubt, “den Juden zuerst, aber auch den Griechen“ (1,16). Diese Gerechtigkeit ist nicht erst mit Christus neu in die Welt gekommen; bereits vorher hatte Israel sie erfahren. Nur dann kann diese Gerechtigkeit als unverbrüchlich gelten, wenn Gott seine Gemeinschaftstreue gegenüber diesem Volk nicht zurücknimmt: “Es ist nicht so, dass Gottes Wort hinfällig geworden wäre“ (9,6a). Jene Setzungen und Gaben, die die Juden von Gott empfangen haben, werden als bleibend bestätigt (9,4). So bringt Paulus die Spannung zwischen seinem rechtfertigungstheologischen Ansatz, der das Heil nur von der im Glauben vollzogenen Christusbindung abhängig machen kann, und seiner heilsgeschichtlichen Perspektive, die von der übergreifenden Kontinuität und Identität des Handelns Gottes ausgeht, auf den Punkt (126f).

9,6b-29 “Nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel“ (9,6b). Israel ist nicht eine durch Abstammung und natürliche Generationenfolge definierte Größe. Das von Gott erwählte Israel war immer nur ein Teil des empirischen Israel, aber dieser Teil stand in der Sicht Gottes für das Ganze. Als Zeichen seiner Treue hat Gott in Israel einen “Rest“ übriggelassen (9,24-29; 11,1-10). Gemeint sind damit die Judenchristen. Ihre Existenz gilt für Paulus als Erweis, dass Gott seine Verheißungstreue gegenüber Israel bewährt hat (127).

9,30-10,21 Gott ist Israel nichts schuldig geblieben. Er hat ihm in der Verkündigung der Glaubensboten das Angebot des Glaubens, das um Christi willen ergeht, ganz nahe kommen lassen. In Christus, nicht in der Tora, erfüllt sich endzeitlich die Verheißung der unmittelbaren Nähe des Wortes Gottes zum Mund und Herzen des Volkes (10,6-8). Es ist allein Israels Schuld, wenn es den Weg des rettenden Glaubens an Christus verfehlt hat, um stattdessen am Weg des Gesetzes festzuhalten und so zu scheitern. Paulus deutet die Möglichkeit an, dass das Gericht, das Gott gegenwärtig über seinem Volk vollzieht, ein Läuterungsgericht sein könnte (10,19b). Gott wartet “den ganzen Tag mit ausgebreiteten Händen“ auf sein ungehorsames Volk (10,21=Jes 65,2) (127f).

11,1-36 Gott hat sein Volk nicht auf Dauer verstoßen! Gott hat in Israel einen Rest übriggelassen. Der Restgedanke wird Paulus zum Indiz für die bleibende Treue Gottes zu dem Volk, das er sich “vorher ausersehen“ hat (11,2). Seine eigene Erwählung und Berufung zum Apostel ist Zeichen der Hoffnung, dass Gott darum in Israel einen Rest gelassen hat, weil er mit seinem Volk noch nicht am Ende ist (11,1b). Israel ist, indem es den Glauben verweigerte, nur gestolpert, aber es war kein Stolpern “zum Fall“, kein Herausfallen aus seiner Erwählung, sondern nur eine vorübergehende Episode (11,11a) (128).

Das Motiv der Völkerwallfahrt zum Zion wird von Paulus gleichsam auf den Kopf gestellt: “Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. Wenn aber schon ihr Versagen zum Reichtum der Welt und ihre Minderung zum Reichtum der Heiden geworden ist, wieviel mehr wird dann ihre Vollzahl bedeuten“ (11,11bf). Durch seine Verweigerung des Glaubens hält Israel den Raum frei für die Sammlung der Heiden.

Paulus erwartet für die nahe Zukunft, dass die Heiden, die aufgrund ihrer Christusgemeinschaft Glieder des Gottesvolkes geworden sind, das erfahrene Heil so zum Leuchten bringen, dass die Juden darin das wiedererkennen, was für sie Inhalt der Verheißung Gottes ist. Das Lebenszeugnis der Kirche soll die Juden zum Glauben an Christus gewinnen (128).

Das Ölbaumgleichnis (11,16b-24) knüpft an die Gleichsetzung Israels mit einem “üppigen Ölbaum von schöner Gestalt“ (Jer 11,16) an. Indem die Heiden zum Glauben kommen, werden sie Teil des “Baumes“ Israel und empfangen ihre Kraft aus dessen von Gott selbst gepflanzter Wurzel, nämlich aus Abraham und den Vätern des Glaubens. Dabei geht es um eine Hineinnahme in jene Geschichte Gottes mit Israel, deren Grund gelegt wurde mit der Verheißung an die Väter und die allein kraft der Treue Gottes eine Zukunft hat. Diese Geschichte ist von Abraham her eine Geschichte des Glaubens (Gal 3,19; Röm 4,16). Gott hat die Möglichkeit, die ausgebrochenen Zweige dem Baum Israel wieder einzupflanzen (11,24), vorausgesetzt diese Zweige haben den Unglauben, der zu ihrer Entfremdung geführt hatte, hinter sich gelassen (128f).

Paulus enthüllt ein Geheimnis, jene Schau der Zukunft Israels, die ihm Gott selbst eröffnet hat (11,25-36). Der Inhalt des Geheimnisses ist Gottes Plan zur endzeitlichen Rettung ganz Israels: Die Zeit der Verstockung Israels ist durch Gottes Ratschluss begrenzt. Sie währt bis die Vollzahl der Heiden eingegangen sein wird: “Und so wird dann ganz Israel errettet werden“ (11,26). Sobald der Einzug der zum Glauben an Christus gekommenen Heiden in das Heil vollendet ist, wird das Gottesvolk insgesamt des Heils teilhaftig werden wie die Heiden, allein aus Gnade, ausschließlich aufgrund der Gerechtigkeit Gottes, seiner sich durchhaltenden Treue zu seinem Volk (129).

Nach 11,26 wird diese Rettung durch das Auftreten des “Retters“, d.h. des Parusie-Christus, vom Gottesberg Zion her erfolgen. In ihm wird Israel dann seinen Herrn erkennen, durch ihn die Vergebung seiner Sünden erfahren und der vollendeten Heilsgemeinde zugeführt werden. Gott selbst wird dabei durch seine Gnade das Wunder bewirken, dass Israel in Jesus seinen Messias wahrnimmt und allein von ihm sein Heil erwartet (129f).

e. Die Kirche – das in Christus gesammelte und erneuerte Israel der Endzeit

Heilsgeschichtlich gesehen ist die Kirche nach Paulus das Ziel jenes Handelns Gottes, durch das er Israel, sein Volk, ins Dasein rief und mit dem er ihm auf seinem Weg durch die Zeit unbeirrt seine Treue erwies. Hinsichtlich ihrer aktuellen Entstehung gesehen, ist die Kirche die Gemeinschaft von Menschen, die durch die Heilsgabe Jesu Christi gesammelt und zu einem von der Gegenwart des Geistes bestimmten Miteinander zusammengeführt werden. Die Kirche erweist sich als die Endphase der Geschichte Gottes mit Israel. Diese Endphase setzt nicht das Vorige in linearer Kontinuität fort, sondern ist geprägt durch die Geschichte Jesu von Nazareth und das Handeln Gottes an Jesus. Jesus ist die große Krise Israels. Durch ihn kam es zu der Scheidung der den Heilsweg des Glaubens Akzeptierenden von den ihn Verweigernden und durch ihn erfolgte die Öffnung des Gottesvolkes für das Hinzukommen der Heiden, in der sich Israels Funktion für die Völkerwelt erfüllte (130).

A. Lindemann (1999): Paulus Aussage in Röm 11,29 (“Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“) besagt nicht, dass Gott am empirischen, nicht an Christus glaubenden Israel als seinem Volk festhält, als gäbe es gleichsam zwei Ölbäume, einen eigenen Weg Israels zu Gott, an Christus vorbei (186).

Anhang: Die Gemeinde Gottes – eine eigene Größe neben Juden und Griechen

A. Lindemann (2001): Jesus war Jude und auch diejenigen, die ihm nachfolgten, hatten nicht die Absicht, das Judentum zu verlassen.

Der Glaube an die Auferweckung des gekreuzigten Jesus durch Gott bedeutete nicht unmittelbar die Entstehung eines Christentums und dessen Trennung vom übrigen Judentum, da die Glaubenden sich unverändert als Teil des Volkes Israel sahen. Nach Apg 2,46; 3,1 nahmen sie am Tempelgottesdienst teil, sie versammelten sich aber auch zu eigenen Feiern (2,42.46f). Dass der Glaube an die Auferweckung Jesu prinzipielle Auswirkungen auf das Verhältnis zum übrigen Judentum haben konnte, wurde erstmals in der Debatte des Stephanus mit Angehörigen von Jerusalemer Synagogengemeinden sichtbar (Apg 6,8-15). Seine Tempel- und Torakritik führte aber nicht nur zu seinem Märtyrertod (Apg 7), sondern zugleich auch zu einem Bruch innerhalb der Jerusalemer Jesusgruppe: Die (griechisch-sprechende) Gemeinde wurde vertrieben, die toratreuen Jesusgläubigen dagegen brauchten Jerusalem nicht zu verlassen (Apg 8,1) (Kampf gegen die ekklesia 8,1.3) (630).

Der Pharisäer Paulus verfolgte “die Gemeinde Gottes“ (Gal 1,13; 1Kor 15,9); d.h. die torakritische Jesusgruppe war nach wie vor Teil des Judentums, da sonst der Pharisäer Paulus weder ein Interesse an der Verfolgung noch eine Möglichkeit dazu gehabt hätte. Eine Trennung der Gemeinde vom Judentum setzte erst ein, als die Christusverkündigung unter Nichtjuden nicht mit der Verpflichtung auf die Tora, insbesondere das Beschneidungsgebot verbunden war. Der Christ Paulus begreift sich durch seine Berufung als Apostel der Völker (Gal 1,15).

Die von Paulus gegründeten Gemeinden waren nicht Teil des Synagogenverbandes. Die ekklesia war eine eigene Größe neben Juden und Griechen (1Kor 10,32) (631).

Der jüdische Jesus als der Christus der Kirche

Historische Beobachtungen am NT

A. Lindemann (1995): Angehörige der Jesus-Bewegung, Juden wie Jesus selbst, behaupteten bzw. bekannten bald nach Jesu Tod, der am Kreuz Gestorbene sei von Gott auferweckt und erhöht worden. Damit sagen sie, dass Gott die Predigt Jesu gleichsam bestätigt habe. Zugleich sagen sie, dass Gott in diesem Handeln an Jesus sein eigentliches Wesen und seinen Willen geoffenbart habe. Gott wird nun vom Jesus-Geschehen her definiert (34).

Ein Teil der Jesus-Gruppe vertrat eine Lehre und eine Lebenspraxis, die innerhalb des Judentums nicht mehr tolerierbar war. Deshalb wurde der Stephanus-Kreis verfolgt, ihr Führer gesteinigt und der Kreis aus Jerusalem vertrieben. Der Pharisäer Paulus bemühte sich, die ekklesia Gottes zu vernichten (Gal 1,13). Dieses Bemühen setzt voraus, dass die von Paulus verfolgten Jesus-Anhänger bereits eine identifizierbare Gruppe bildeten. Der Eifer des Paulus richtete sich nicht gegen Heiden, sondern gegen an Jesu Auferstehung glaubende griechischsprachige Juden. Diese Juden haben sich wahrscheinlich als ekklesia Gottes verstanden (Gal 1,13; 1Kor 15,9; Apg 8,1) (34f).

Diese Judenchristen verkündigten nicht einen anderen Gott als die anderen Juden, aber sie machten über das Handeln dieses Gottes eine Aussage, die für sie selbst identitätsstiftend war, während die übrigen Juden diese Aussage grundsätzlich verwarfen. Außerdem zogen Angehörige des Stephanus-Kreises aus ihrem Bekenntnis zum Auferweckungshandeln Gottes am Gekreuzigten Folgerungen, die auch den Bereich dessen betrafen, was durch die Tora geregelt wurde: die Unterscheidung zwischen Israel als dem von Gott erwählten Volk und den Völkern, die Gott nicht kennen. Ein Teil des verfolgten Stephanus-Kreises scheint bald auf den Gedanken gekommen zu sein, die Botschaft von Gott und seinem Handeln am gekreuzigten Jesus soll auch bei den Völkern – ohne dass diese ihren Status als von Israel unterschiedene Heiden aufzugeben hätten – Gehör und Glauben finden. Wenn innerhalb der ekklesia Gottes die fundamentale Unterscheidung zwischen Israel und den Völkern, zwischen Juden und Heiden, nicht mehr anerkannt wurde, dann hatte sich diese ekklesia selbst aus Israel ausgeschlossen (35f).

Die Verkündigung der Auferweckung des gekreuzigten Jesus durch Gott wendet sich spätestens seit der Entstehung der antiochenischen Gemeinde nicht mehr nur an Juden, sondern auch an Nichtjuden. Die Aussage in 1Thess 1,9f enthält keinen christologischen Hoheitstitel, d.h. die Christologie ist noch eine Funktion der Theologie, denn die Worte “sein Sohn“ und “der uns rettet“ sind Aussagen über Jesu Beziehung zu Gott (und zu uns), keine Titel im eigentlichen Sinne. Nichts lässt erkennen, dass die von Paulus angeredeten Mitglieder der ekklesia thessalonika in irgendeiner Weise der Synagoge zugeordnet gewesen wären (39f).

Möglicherweise wurde die Selbstbezeichnung ekklesia Gottes zunächst nur von dem griechisch-sprechenden Stephanus-Kreis verwendet. Die semitisch-sprechende judenchristliche Gruppe um die Zwölf bzw. später um Jakobus besaß zumindest in Jerusalem noch während eines längeren Zeitraums keine eigene feste Organisationsform und Selbstbezeichnung (40f).

Jesu Sterben “für uns“ bzw. “für Gottlose“, “für Sünder“ (Röm 5,6.8.u.ö.) geschah für alle Menschen, Juden wie Heiden. Dem entspricht es, dass für Paulus auch die Heidenmission nicht ein kirchengeschichtlich sekundäres Ereignis ist, sondern immer schon dem Willen Gottes entsprach (Röm 3,29). In Christus ist die Unterscheidung von Jude und Grieche aufgehoben (Gal 3,28; 1Kor 12,13) (44).

Die Juden und Christen voneinander trennende Christologie beginnt mit dem Satz: “Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“, einem Satz, der von Anfang an nicht die Wiederbelebung eines Verstorbenen meint, sondern die Erhöhung zum Herrn. Dieses Bekenntnis trennt Christen und Juden. Jüdischer Glaube kann diesen Satz um der eigenen Identität willen nicht akzeptieren. Christlicher Glaube kann aus demselben Grunde nicht auf ihn verzichten (49).