1.5 Das Aposteldekret (AD) (Apg 15,20.29; 21,25)

J.Wehnert

Das AD ist als Reaktion der Jerusalemer Gemeinde auf eine Hinwendung des Petrus zur Heidenmission nach dem Konvent (48 n.Chr.) zu verstehen. Zugleich dürfte es für den Ausbruch des Antiochia Streits verantwortlich gewesen sein (12).

Dass es sich bei den vier im Dekret zusammengefassten Reinheitsvorschriften um die einzigen der Tora handelt, die auch für die mit den Israeliten zusammenlebenden 'Fremdlinge' gelten, lässt die Schlussfolgerung zu, dass das Dekret eine toragemäße Begegnung zwischen Heiden- und Judenchristen ermöglichen sollte und, dass die ihm zugrunde liegende Vorstellung eines 'christlichen Gottesvolkes' sich am Vorbild der alt Kultgemeinschaft zwischen Israeliten und 'Fremdlingen' orientierte. Trotz des gemeinsamen Bekenntnisses zu Jesus als dem Christus Gottes bleiben Juden- und Heidenchristen durch das ihnen auferlegte ungleiche Maß an Tora-Observanz innerhalb des 'christlichen Gottesvolkes' klar unterschieden (12f).

Die Apostelgeschichte als Quelle

Aus der lkn Betonung des heilsgeschichtlichen Zusammenhangs zwischen Judentum und Christentum folgt, dass Lukas den radikal christologischen Standpunkt des Paulus einebnet und den Heidenapostel sogar zum Briefträger des Jerusalemer Sendschreibens macht (Apg 16,4). Der Hintergrund dieses ungeschichtlichen Paulusbildes ist in der religiösen Erfahrung des Lukas zu suchen: Als gebürtiger Heide hatte er sich der ihm in ihrer christl. Gestalt heilvoll begegnenden jüd. Tradition geöffnet und u.a. die Enthaltungsvorschriften des AD als Teil eigener Lebenspraxis angenommen (80).

Dass Lukas die fortdauernde Gültigkeit der Enthaltungsvorschriften unterstellt, lässt sich daran ablesen, dass sich im Doppelwerk keine Aussage findet, die den Enthaltungsbestimmungen widerspräche. Bezeichnend ist die Tilgung der Perikope von Jesu Aufhebung des Unterschieds zwischen reinen und unreinen Speisen (MK 7,14-23) im Evangelium. Es liegt der Verdacht nahe, dass Lukas dieses Stück wegen dessen Kritik an den Reinheitsvorschriften übergangen hat. Die Bestimmungen des AD hätten sich mit einer Jesustradition, die die Existenz verunreinigender Speisen grundsätzlich verneint, nicht vereinbaren lassen. Lukas hat das AD favorisiert, weil sich die Heidenchristen im Beachten der Enthaltungsvorschriften als Teil des von Gott erwählten Laos (Apg 15,14), als Miterben der Tora, erweisen (81f).

Dieselbe Haltung des Lukas spiegelt sich in der Interpretation der Petrusvision (Apg 10,10-16;  11,5-10) wider, wonach nicht alle Speisen, sondern alle Menschen vor Gott rein sind (Apg 10,28.34f), sowie in dem Bemühen, Petrus von dem Vorwurf ungesetzlicher Tischgemeinschaft mit Heiden(christen) in Schutz zu  nehmen. Lukas ist nicht nur Tradent der von ihm in Apg 15,20.29;  21,25 ausgewerteten Tradition, sondern zugleich Gewährsmann dafür, dass die Enthaltungsbestimmungen des Jakobus in heidenchristl. Gemeinden Gültigkeit besaßen (82).

Paulus (Gal 2) als Quelle

Hintergründe und Verlauf des antiochenischen Zwischenfalls: Nach dem Jerusalemer Konvent sind Paulus und Barnabas (Gal 2,13) nach Antiochien zurückgekehrt. Zu einem späteren Zeitpunkt kommt auch Petrus nach Antiochien, schließt sich der Gemeinde an und hält ohne Beachtung der jüd. Reinheitsvorschriften mit den Heiden(christen) Tischgemeinschaft. Diese Situation ändert sich durch die Ankunft von Boten des Jakobus: a) Petrus und andere Judenchristen ziehen sich von den Heiden(christen) zurück und brechen die Mahlgemeinschaft mit ihnen ab. b) Petrus (und andere Judenchristen) nötigen die Heiden, nach jüd. Sitte zu leben, was sich aufgrund des Kontextes vor allem auf die Einhaltung jüd. Speisegebote beziehen dürfte (123f).

Als Motiv nennt Paulus (2,12) die Furcht der Judenchristen vor der Beschneidung, vor den Judenchristen Jerusalems. Da die Wiederherstellung jüd. Orthodoxie unter den Judenchristen Antiochiens kein Akt innerer Überzeugung war, sondern ein Akt der Unterwerfung unter eine irdische Autorität, kann Paulus diesen Vorgang als 'Heuchelei' bezeichnen (2,13). Der eigentliche Auslöser für Paulus öffentliche Anklage mag die Tatsache gewesen sein, dass sich sogar sein enger Mitarbeiter Barnabas dieser Rückwendung zur Tora anschloss (2,13) und Paulus nunmehr ohne Verbündete in die Rolle des Außenseiters gedrängt war. In dieser Situation unternahm Paulus den Versuch, seinen Einwänden gegen die den Heidenchristen abverlangte Toraobservanz Gehör zu verschaffen. Das anschließende Schweigen über den Ausgang der Kontroverse deutet an, dass sich Paulus nicht hat durchsetzen können. Laut Apg 15,40 verließ Paulus Antiochien mit dem Jerusalemer Christen Silas, ohne einen Vertreter der dortigen Gemeinde (124f).

Voraussetzung für die Vorschriften des Jakobus sind eine Hinwendung des Petrus zu den Heiden(christen), sowie die Übermittlung von Informationen von Antiochien nach Jerusalem über die 'heidnische' Lebensweise des Petrus, die dort Empörung auslöste. Ferner steht zu vermuten, dass diese Nachrichten von jenen toraobservanten Gläubigen Antiochiens verbreitet wurden, die mit dem Resultat des Missionsgesprächs unzufrieden waren und verhindern wollten, dass die von Paulus und Barnabas für Heidenchristen durchgesetzte Tora-Freiheit zur dominierenden Lebenspraxis auch von den in gemischten Gemeinden lebenden Judenchristen würde, eine in diesen Kreisen als Ärgernis empfundene Situation, die durch das Verhalten des Petrus in Antiochien eskaliert war und nunmehr dringender Klärung bedurfte (125f).

Alle außer Paulus unterwarfen sich dem Jerusalemer Votum, das der pln Interpretation der Konventsbeschlüsse den Boden entzog und keinen Spielraum für andere Formen der Gestaltung des Verhältnisses zwischen Juden- und Heidenchristen mehr offen ließ. Paulus, der sich einer Unterordnung (wegen der von ihm befürchteten Aushöhlung des Christusglaubens durch jegliche Form von Toraobservanz) verweigerte, stand am Ende isoliert da (126f).

Gal 2,1-10 enthält keinen Hinweis darauf, dass im Zusammenhang des Jerusalemer Konvents eine Regelung getroffen wurde, wonach bekehrte Heiden sich bestimmten reinheitsgesetzlichen Forderungen, wie sie das AD enthält, zu unterwerfen hätten. Das pln Referat der dortigen Vereinbarungen (2,6-10) schließt aus, dass der Konvent und das AD in einem direkten Zusammenhang stehen.

Der Streit um die beschneidungsfreie antiochienische Heidenmission endete mit deren Bestätigung durch die 'Säulen' mit der Einschränkung, dass die Jerusalemer sich an dieser Mission nicht beteiligten, sondern ihre eigene Verkündigung unter den Juden fortsetzen wollten, die die Tora-Observanz einschloss (128f).

Der Versuch, die Jakobus-Klauseln in die gemeindliche Praxis der antiochienischen Christen einzuführen, hat zum Zusammenstoß zwischen Petrus und Paulus geführt und, nach seiner Niederlage, zum Weggang des Paulus aus dem syr. Missionsgebiet. Paulus hatte das AD als Angriff auf die Grundpositionen seines Evangeliums verstanden, die er auf dem Konvent zäh und erfolgreich verteidigt hatte (Gal 2,5.14). Alles, was die heidenchristliche Freiheit durch gesetzliche Auflagen nachträglich einschränkte, erschien Paulus als unerträglicher Rückschritt gegenüber den Konventsbeschlüssen (129f).

Das Aposteldekret als Ausdruck judenchristlicher Theologie

Ungleicher Reinheitsstatus des 'christl. Gottesvolkes' aus Juden und Heiden nach dem AD: Wollte man die nicht-jüd. Christusgläubigen nicht wie die übrigen Heiden behandeln, musste ein Mittelweg gefunden werden. Aus der Tora bot sich dafür das Modell an, die bestehende Glaubensgemeinschaft mit den unbeschnittenen Christen entsprechend dem Verhältnis zwischen Israeliten und den unter ihnen wohnenden 'Fremdlingen' zu definieren (247).

Der unterschiedliche Umfang der von Juden und Heiden geforderten Reinheit macht deutlich, dass dieses Verbindungsglied die Differenz zwischen Juden und Nicht-Juden nicht einebnet. Die Gemeinschaft, die beide Gruppen im christl. Gottesvolk haben, ist durch ihren ungleichen Reinheitsstatus eingeschränkt (252).

Durch die heidenchristl. Observanz der Bestimmungen von Lev 17f (3.Buch Mose) war ein toragemäßer Rahmen für die legale Begegnung beider Gruppen geschaffen worden. Judenchristen mussten nicht mehr befürchten, durch Kontakte mit heidnischen Konvertiten rituell verunreinigt zu werden, da letztere alles zu meiden hatten, was ihnen die Tora zur Vermeidung von Unreinheit aufgab. Auch wenn die Reinheit AD-observanter Heiden immer noch deutlich geringer war als die christl. Juden, gab es doch jüdischerseits nun keinen Grund mehr, die Gemeinschaft mit ihnen zu meiden (253).

Der christologisch begründete exklusive Heilsweg der Glaubensgerechtigkeit bei Paulus

Der Gläubige ist mit Christus der Sünde gestorben und hat durch ihn an der Verheißung der Auferstehung Anteil (Röm 6,1-11;  7,4;  Gal 3,26). Seine Existenz in Christus soll in seinem 'heiligen' sittlichen Verhalten einen adäquaten Ausdruck finden (Röm 6,22;  1Kor 1,30). Der göttliche Geist führt zur Heiligung (Röm 1,4), in ihm werden die Heidenchristen geheiligt und ein Gott wohlgefälliges Opfer (Röm 15,16). Ihr Lebenswandel soll dem Willen des Geistes, an dem sie teilhaben, entsprechen (Gal 5,22). 'Reinheit' ist für Paulus etwas, das der Gläubige durch die Teilhabe an Christus und am Geist als Besitz erlangt und ihn der Heiligkeit Gottes dauerhaft verwandt macht. Das Tun des Christen soll diesem neuen Sein entsprechen, seine Reinheit in den Werken ihren Ausdruck finden. Dies steht im Gegensatz zu der im AD vorausgesetzten theologischen Konzeption. Bezugspunkt dieser Konzeption ist die von der Tora geforderte Reinheit des Jahwe-Kults und seiner Teilnehmer, die durch Observanz der Reinheitsvorschriften in beständiger Unterscheidung von Reinem und Unreinem täglich zu erneuern ist (256).

Die Differenz zwischen beiden Reinheitsbegriffen spiegelt sich in der Vehemenz des antiochenischen Zusammenstoßes wider. Für Paulus war es unverständliche, dass die durch Christus bzw. den Geist gereinigten Gläubigen aus den Heiden auch auf die Reinheit des Gesetzes verpflichtet werden sollten, das durch Christus sein Ende gefunden hatte. Reiner, als sie waren, konnten sie dadurch nicht werden, wohl aber auf den Unheilsweg des Gesetzes zurückgelangen und damit in Gefahr, die empfangene Gnade Gottes zu verwerfen.

Die Boten des Jakobus begründeten das AD mit der von der Tora gebotenen besonderen Reinheit des Gottesvolkes, die sich auch auf die ihm angeschlossenen 'Fremdlinge' erstreckt. Mit dieser durch die Autorität des Herrenbruders gestützten Argumentation gelang es den Jerusalemern, die Reinheitsvorschriften von Lev 17f in die Religionsstruktur des antiochienischen Heidenchristentums dauerhaft zu integrieren. Durch die antiochienische Mission (vermutlich auch durch Petrus) konnte das AD seine bereits in ntl Zeit weite Verbreitung unter den heidenchristl. Gemeinden finden (256f).

Die Ablehnung der Speisegebote durch Petrus

Chr.Heil

Jesu Gesetzeskritik ist noch im Rahmen der innerjüd. akzeptierten Diskussion geblieben. Er reduziert die Unterscheidung von 'rein' und 'unrein' ganz auf den Gegensatz des Ja oder Nein zur Gottesherrschaft (115). Er durchbrach (aus Liebe zu den Menschen) den Schutzwall der rituellen Reinheitsgebote. Ohne die Speisegebote aufzuheben, relativierte er sie, während sie von den Pharisäern und in Qumran radikal verschärft wurden (119).

Für Juden in ntl Zeit waren unrein: Nicht-Juden an sich, die Hauptwohnung eines Nicht-Juden, Land außerhalb Israels und Götzenopfer. Die rituelle Reinheits-Praxis weitete sich bis z.Zt. des Paulus immer stärker aus, z.T. zur Abwehr zu enger Kontakte mit der heidnischen Umwelt (122f).

Paulus kann in der Beobachtung der Speisegebote (Gal 2;  1Kor 8-10 und Röm 14f) nur ein Erfordernis brüderlicher Liebe zu den 'Schwachen' sehen. Er wehrt sich gegen jede prinzipielle Verpflichtung der Heidenchristen auf ein auch nur minimales rituelles Reinheitsprogramm (Gal 2). Die christl. Gemeinde aus Juden und Heiden ist durch den kulttypologisch verstanden Kreuzestod Christi gereinigt und geheiligt. Die darüber hinaus fortgesetzte Ausübung von Gesetzeswerken würde die soteriologische Relevanz des Christusereignisses verdunkeln. Paulus verstand sich immer als Jude, der wegen seiner auf Jesus Christus ausgerichteten Soteriologie eine eschatologische Sicht der Tora vertritt (297f).

Das Jerusalemer kultische Heilssystem hat für die Christen keine Bedeutung mehr. Paulus hat die Konsequenzen eines zum Kult antitypischen Sühnetodes Christi energischer ausgezogen als die Urgemeinde von Jerusalem oder die Hellenisten in Antiochia. Die Ablehnung der jüd. Speisegebote war die Konsequenz aus der absoluten, universalen Heilsbedeutung Jesu Christi (300f).

Die kulttypologische Deutung des Todes Jesu ermöglichte, die jüd. 'culture markers' abzustreifen und sich ohne Vorbehalte den Heiden zuzwenden, z.B. Tischgemeinschaft mit ihnen zu pflegen. Die missionarische Haltung des von Paulus mitgeprägten 'neuen Weges' unterschied sich radikal von der pharisäischen Betonung ausgrenzender Speisegebote (301).

Zusammenfassung:

1.    Die Speisegebote galten im Frühjudentum als Gesetzeswerke. Sie wurden als priesterliche Regelungen während des Babylonischen Exils ausformuliert und durch den Makkabäeraufstand weiter 'popularisiert'. Auch in der Diaspora hielten die Juden die Speisegebote ein, um ihre rituell-kultische Reinheit zu wahren (304).

2.    In der jüd. Umwelt des Paulus wurden die Speisegebote pars pro toto für die gesamte Tora gesetzt. Jesus von Nazareth macht hier eine einmalige Ausnahme in der Differenzierung von Gottes- und Menschenwort, wobei er die Speisegebote zu letzterem zählte.

3.    Paulus sah in Jesu Tod alle Menschen mit Gott versöhnt. In diesem eschatologischen, einmaligen Akt wurde jeder andere Sühnekult aufgehoben.: Reinheit besteht daher in der christl. Gemeinde und ist keine zu erfüllende Bedingung mehr, um Gott nahe zu sein. Bedingung ist allein der Glaube an Jesus Christus.

4.    Die 'Mahldispute' in Gal 2; 1Kor 8-10 und Röm 14f sind vor allem als Auseinandersetzung um die weitere Gültigkeit der Speisegebote zu erklären. So gab es Christen (Jakobusleute, Schwache), die aus Torafrömmigkeit an den jüd. Speisegeboten festhielten.

5.    Paulus lehnt die Speisegebote mit gleichbleibender Argumentation ab: Jesus Christus hat alle Menschen geliebt und sich für sie hingegeben. In seinem kulttypologisch verstandenen Tod ist das Gesetz als Heilsparadigma überwunden und in Christus aufgehoben. Der Zweck der Speisegebote, die Reinheit und Heiligkeit des einzelnen und der Gemeinde, ist durch Christus verwirklicht. Um dies nicht zu verdunkeln, verbietet sich jede weitere rituell-kultische Anstrengung (304).

6.    Jesus relativierte die Speisegebote. Öffentlich abgelehnt hat er sie nicht (gegen MkRed 7,19b).

7.    Die soteriologisch und eschatologisch motivierte Aufhebung der jüd. Speisegebote durch Paulus hat demgegenüber eine neue Qualität. Der die Schrift als unumstößliche Autorität ansehende Jude Paulus ringt um die Kontinuität mit dem Volk Gottes und um seine eigene jüd. Identität. Für Paulus gab es nur eine Religion: die jüdische. Das Christentum ist für Paulus keine neue Religion, sondern die jüdische, mit dem der Zeit entsprechend verlegten Schwerpunkt ( 404f).

8.    Innerhalb der christl. Gemeinde verbietet Paulus jede Art der Tischgemeinschaft, die die absolute soteriologische Bedeutung Christi kompromittiert (1Kor 5,11;  10,14-22) (305).