1.5 Das Israel Gottes

R. Senk

a. Niemand gehört zum Volk Gottes ohne Glauben an Jesus Christus

Der eine Ölbaum Gottes (Röm 11)

Das NT lehrt, dass nur die Menschen zu Gott gehören, die an Jesus Christus glauben – egal ob Jude oder Heide (Jh 10,1ff;  14,6; Apg 3,22; Röm 3; Eph 2,1ff; Gal 5). Deshalb kann man Menschen nicht zu Gott zugehörig zählen, die Christus ablehnen. Nur der an Christus Glaubende gehört zu den Nachkommen Abrahams und ist Erbe der Verheißung (Gal 3,29). Gott hat nur ein Volk (14).

Die Schrift lehrt keine 'Ersatz-Theorie' (Substitutionstheorie); sie zeigt die Kontinuität des göttlichen Plans auf, sich ein Volk für seinen Namen zu erwählen. Gott hat sich Abraham auserwählt (1Mose 12,1-3), um durch seinen Nachkommen (Christus) alle Nationen zu segnen, also ein Volk aus allen Nationen zu sammeln. Das war Gottes Plan. Dieses neue, auserwählte Volk Gottes aus vielen Nationen ist das wahre Israel – das wahre Gottesvolk des Messias (Jh 10,14-18; Eph 2,11ff; Offb 7) Israel wird nicht durch die Gemeinde ersetzt, sondern Israel wird erweitert durch die Nationen. Das neue Israel besteht aus den erwählten Jesusjüngern, aus Juden und Heiden. In Eph 1,4 wird deutlich gemacht, dass Gottes Pläne mit Israel und der Gemeinde schon vor Grundlegung der Welt festgelegt und nicht erst durch spontane Umstände verändert wurden. Eph 3,1-6 beschreibt die Tatsache, dass die Teilhabe der Heiden an der Gemeinde ein Geheimnis war, das nun durch die Apostel und Propheten offenbart worden ist. Im AT hatte Gott dies zwar schon in seine Verheißungen mit eingeschlossen und erklärt, dass der Neue Bund sich an dem 'neuen Israel' erfüllen wird (Röm 1,1f;  16,25f) aber erst im NT wird dieses neue Heilsvolk des Neuen Bundes in Christus offenbar. Durch den Heiligen Geist wurde den Aposteln offenbart, dass schon das AT von Christus und seiner neuen Heilsgemeinde sprach. Daher sahen sie die atl Verheißungen in Christus und seinem neuen Gottesvolk aus Juden und Heiden als erfüllt an (14f).

Jesus, der Repräsentant des 'erneuerten Gottesvolkes' erwählte sich 12 Apostel (Mt 10,1ff), um damit das neue Gottesvolk zu gründen. Ihre 'Nachkommen' sind die, die durch ihr Wort an Christus glauben (Jh 17,20) (s. auch die Vervollständigung der Zwölfzahl: Apg 1,15ff). Die Berufung der zwölf Jünger (Mk 1,17) soll das erneuerte endzeitliche Zwölfstämmevolk Gottes repräsentieren. Im Kontext von Jer 16 ist die Rede von der endzeitlichen Sammlung Israels (16,14f) und von der endzeitlichen Bekehrung der Nationen (16,19-21). In Mt 23,37par; 12,30par spricht Jesus davon, dass er im Auftrag Jahwes das endzeitliche Israel sammelt. Diese Sammlung ist für Jesus eine Aufgabe, die ihm von Gott aufgetragen ist und der er in seinem Verkündigungs- und Heilungsdienst nachkommt. Auch seine Nachfolger sind daran beteiligt (Mt 28,19f; Jh 17,18;  20,21; Apg 1,8) (15).

In Röm 15,8-12 (vgl Apg 13,46-49) beschreibt Paulus anhand von vier atl Zitaten (LXX: Ps 18,50, Mose 32,43; Ps 117,1; Jes 11,10) die Heidenmission als Erfüllung der Väterverheißungen und als Beginn der endzeitlichen Sammlung der Heiden. Schon in Röm 1,3 greift Paulus auf die Davidsverheißung (Messias) zurück, die auch für die Heiden Wirklichkeit und Heilsgrundlage werden sollte und nun geworden ist (Röm 9-11; vgl. Apg 15,13-21) (Anm 5).

Die Gerichtsaussagen über das ethnische Israel haben endgültigen Charakter: „Der Zorn Gottes ist über sie gekommen“ (1Thess 2,16). Ihnen wird (bis auf den auserwählten Rest) das Heil genommen und den Heiden gegeben (Lk 13,34f; 19,41ff; 10,13ff; Jh 8,37-59;  Röm 9-11; 1Ptr 2,6-8). Wenngleich Gott mit Israel im AT immer wieder Geduld hatte, so nimmt das mit dem Kommen Christi ein Ende (Mt 21,33-46; Apg 7,51-53). Wer Christus ablehnt, hat keine andere Möglichkeit des Heils mehr (Hebr 10,26ff), sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm (Jh 3,36). Alle, die den Messias ablehnen, sollen aus dem Volk Gottes ausgeschlossen werden (Apg 3,21f). Die ungläubigen Juden verlieren ihre Zugehörigkeit zum Volk Gottes und es erwartet sie das Gericht Gottes. Wenn man von einer zukünftigen Bekehrung des nationalen Israel ausgeht, bedeutet dies, dass die ungläubigen Juden heute nicht Gottes Volk sind. Niemand gehört zum Volk Gottes ohne Glauben an Jesus Christus (Apg 3,21f; Jh 3,36) (16f).

Christen sind durch den von Gott geschenkten Glauben „in Christus“. Diese existentielle und rechtliche Verbundenheit mit dem Samen Abrahams, dem Davidsspross, macht den Gläubigen zu einem rechtmäßigen Nachkommen Abrahams und Israels. Diese Verbundenheit lässt ihn auch Anteil am Heilswerk Christi in Tod und Auferstehung haben: Seine Gerechtigkeit wird unsere Gerechtigkeit, sein Leben unser Leben, sein Vater unser Vater. Israel wird neu definiert. Alle Verheißungen des AT werden auf die wahren Nachkommen Abrahams, das „Israel Gottes“ (Gal 6,16) transferiert (17).

Atl Bezeichnungen – ntl Entsprechungen: Geliebte Gottes (2Mose 15,13 / Eph 5,1); Kinder Gottes (2Mose 4 / 1Jh 3,1); Herde Gottes (Hes 34 / Jh 10); Haus Gottes (4Mose 12,7 / 1Tim 3,15); Volk Gottes (2Mose 6,7 / Tit 2,14; Priester Gottes (2Mose 19,6 / 1Ptr 2,5); Weinberg Gottes (Jes 5,3 / Lk 20,16);  Braut Gottes (Jes 54 / 2Kor 11,2); Kinder Abrahams (2Chr 20,7 / Röm 4,11;  Gal 3,1ff); erwähltes Volk (5Mose 7,7 / Kol 3,12); Jerusalem (Gal 4,26; Hebr 12,22); Beschneidung (Röm 2,28f;  4,11;  Phil 3,3; Kol 2,11); Erster ('alter') Bund (neuer Bund); Verheißung des neuen Bundes Jer 31; Hs 36; (Erfüllung in der Gemeinde: 1Kor 11,25; 2Kor 3,6; Hebr 8,6;  9,15;  12,24) (17)

Der Kontext von Röm 9,6ff macht deutlich, dass das 'andere Israel' die christusgläubigen Heiden (und Juden) sind. Denn das Thema ist, dass Israel (bis auf einen Rest) das Heil genommen und den auserwählten Heiden (und Juden 9,24) gegeben wird: (9,25) „Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war. (26) Und es soll geschehen: Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden“. Paulus identifiziert die neue Heilsgemeinde aus Juden und Heiden mit dem durch Hosea angekündigten neuen Gottesvolk. Auch Gal 6,16 macht deutlich, dass die christusgläubige Gemeinde aus Juden und Heiden das „Israel Gottes“ ist. Die Christusgläubigen sind das wahre Israel, die wahren Nachkommen Abrahams (Gal 3,1ff; Jh 8,37ff;  10,16) (18).

In Eph 2,11ff wird gesagt, dass die Heiden in Israel eingebürgert wurden, das Bürgerrecht Israels bekommen haben, was die Gemeinde mit Israel identifiziert. Gal 3 macht deutlich, dass alle Christen Abrahams Nachkommen und Erben sind. Israel wird (Röm 9-11) – bis auf einen auserwählten Rest – verstockt und herausgenommen. Dafür werden die auserwählten Heiden in den Ölbaum Israel eingepfropft. In Phil 3,3 spricht Paulus von den Christusgläubigen als die „wahre Beschneidung“. Die erwählte Gemeinde aus Juden und Heiden ist das einzige, wahre, erneuerte Israel und Volk Gottes (18f).

Petrus zitiert Jes 28,16: (1Ptr 2,6) „Siehe, ich (Gott) lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“. (2,7) „Für euch, die ihr glaubt, ist er kostbar, für die Ungläubigen aber gilt: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden, (8) ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses. Da sie nicht gehorsam sind, stoßen sie sich an dem Wort, wozu sie auch bestimmt sind. (9) Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Nation, ein Volk zum Besitztum, damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat, (10) die ihr einst nicht mein Volk wart, jetzt aber ein Volk Gottes seid; die ihr nicht Barmherzigkeit empfangen hattet, jetzt aber Barmherzigkeit empfangen habt“ (vgl. Eph 2,11ff). Petrus schreibt vor allem an Heidenchristen. Er nennt sie „Fremdlinge in der Zerstreuung“ (1Ptr 1,1). Auch in 1Ptr 1,14;  2,11 wird deutlich, dass die Christen diese 'Fremdlinge' sind, das neue Israel, das neue Gottesvolk. Ihnen – den Christusgläubigen aus Juden und Heiden – gelten die Privilegien des atl Volkes Gottes. In 1Ptr 2,4ff wird gesagt (Röm 9-11), dass viele Juden verstockt wurden, sich an Christus stießen und ihre Teilhabe am Gottesvolk und damit ihren Anteil am Heil verloren hatten. Demgegenüber wurden viele Heiden zum Heil und zur Teilhabe am Gottesvolk erwählt (19f).

Die Gemeinde war vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4ff) schon erwählt und beschlossen. Paulus schreibt über sie: (2,13) „Jetzt in Jesus Christus seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut Christi nahe geworden... (19) So seid ihr nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (20) Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, wobei Jesus Christus der Eckstein ist“ (Eph 2,11ff). Paulus lehrt hier, dass in Christus die erwählten Heiden – zusammen mit dem erwählten Rest aus dem nationalen Israel – jetzt zum Volk Gottes, zu Israel, gehören und dadurch Anteil an allen Verheißungen und Bündnissen Israels bekommen. Diese neue Schöpfung in Christus ist das „Israel Gottes“ (Gal 6,15f). Damit wird nicht nur die Gemeinde deutlich als das neue und wahre Israel (wahre Beschneidung: Apg 7,51; Röm 2,28f;  4,11; Phil 3,3; Kol 2,11f) bezeichnet, sondern es wird klar, dass die christusgläubigen Heiden Anteil haben an allen Bündnissen und Verheißungen des AT. Sie bekommen vollen Anteil am Ölbaum Gottes und gehören als wahre Nachkommen Abrahams uneingeschränkt dazu (Gal 3,1ff) (20f).

Gottes Verheißungen an Israel gehen am wahren Israel in Erfüllung. In Christus kommt Gott mit seinen Bündnissen und Verheißungen an sein angekündigtes Ziel (23).

b. Was ist mit Israel und den Weissagungen des Alten Testaments?

Die atl Verheißung werden im Neuen Bund zur Erfüllung gebracht. Sie erfüllen sich an dem neuen „Israel Gottes“, der Christusgemeinde aus Juden und Heiden. Denn dieses wahre Israel und neue Gottesvolk bekommt Anteil an allen Verheißungen und Bündnissen Israels (28).

Erfüllte atl Verheißungen

  • bereits im AT (Jes 45,1ff; Jer 29,10) Dies gilt auch für die Landverheißungen. Gott hat alles – die ganze Landverheißung – erfüllt (Jos 21,43ff) (29).
  • in Johannes dem Täufer: Jesus identifiziert Johannes als den wiedergekehrten Elia (Mt 3,1-12; 11,1-19par);
  • in Christus: Er ist der Davidssohn (Mt 9,27; 16,13-20); er ist der wahre Tempel – mit seiner Gemeinde (Jh 2,19ff; 1Kor 3,16ff); der Menschensohn (Dan 7,13-28 / Mk 14,26); der Gottesknecht (Jes 43,3-5; 52,13-53,12 / Mk 9,31.10,45;  8,36fpar); der gute Hirte (Hes 34,1ff; 37,15ff / Jh 10,1ff) (29f);
  • im Neuen Bund (Lk 22,20; Jer 31,31ff; Hes 36,26; Hebr 8,6-10,22; 2Kor 3,6): Gerade der Neue Bund macht deutlich, dass im NT die atl Verheißungen auf das „neue Israel“ aus Juden und Heiden übertragen wurden. Da im NT Israel neu definiert wird, haben auch die Heiden in Christus Anteil daran.
  • in der Gemeinde (Apg 2,14ff; 15,16-18): Auf dem Apostelkonzil in Jerusalem bezeichnet Jakobus, die Bekehrung des römischen Offiziers Kornelius und damit die Anfänge der Heidenmission als gnädige Heimsuchung Gottes (Apg 15,14). In der Heidenmission erfüllt Gott seine Absicht, „aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen“. Waren die Heiden im Alten Bund von Gottes Volk und Heil ausgeschlossen, werden sie hier von Jakobus als dazugehörig beschrieben. Er sieht durch den Heiligen Geist darin die Erfüllung der Prophezeiung der Wiederherstellung und Herrschaft Israels („Hütte Davids“) aus Amos 9,11ff. Da durch die Mission das Heil bereits jetzt zu den Heiden kommt, muss der vorausgesetzte Wiederaufbau der „Hütte Davids“ bereits geschehen sein. Da Christus das neue Israel repräsentiert, ist sein Kreuzeswerk und seine Auferstehung die Wiederherstellung der „Hütte Davids“. Diese Wiederherstellung hat die Teilhabe aller Menschen an diesem Heil ermöglicht (31).

Jesus repräsentiert das neue Volk Gottes, das stellvertretend durch Christus Gottes Gesetz befolgt und gehorsam ist. Er ist der wahre Israel, der wahre Gottesknecht, an dem sich Gott verherrlicht (Jes 49,3). Er ist der im AT angekündigte Messias, der gute Hirte und Sohn Davids, der über sein Volk herrscht und es führt. Die „Hütte Davids“ kann auch den wiederhergestellten Tempel meinen (Jh 2,19-22; Mk 14,58 u.a.): Christus selber ist dieser Tempel, in Verbindung mit seiner Gemeinde als Wohnort Gottes (1Kor 3,16; 6,19) (Anm.25).

Jakobus erkennt durch den Heiligen Geist (Apg 15,28), dass Amos die Bekehrung der Heiden vorausgesagt hatte, was nun mit der messianischen Heilszeit begonnen hat. Damit wird deutlich, dass die an Jesus Christus Glaubenden aus Juden und Heiden dieses endzeitliche Gottesvolk sind und sich an ihnen die Verheißungen Gottes für Israel erfüllen. Jakobus verteidigt und begründet die Heidenmission mit der Amos-Prophetie, die er auf die Gemeinde aus Juden und Heiden überträgt, und er sieht in der Mission die Sammlung des neuen Volkes Gottes als Erfüllung dieser Verheißung (32f).

In Gottes Plan über die Herrschaft des Messias waren die Heiden von Anfang an mit eingeschlossen (1Mose 12,3; Jes 9,5f; 11,1ff; 49,5-7; Ps 2,7ff; 110,5-7). Die atl Aussagen über die eschatologische Heilszeit Israels und die Regierung des Messias erfüllen sich in der Heidenmission und der daraus gebildeten Gemeinde (Anm 27).

„Ein Volk für seinen Namen“, d.h. ein Volk, das ganz ihm gehört (Apg 15,14). Einst war nur Israel Gottes besonderes Volk (Ex 19,5; Dt 7,6; 14,2; 26,18f; 32,8f; Ps 135,4). Das hier gemeinte Gottesvolk schließt die glaubenden Nichtjuden mit ein (vgl. Apg 18,10; Röm 10,19; Tit 2,14; 1Ptr 2,9f; Jh 10,16) (33).

Zukünftige Erfüllung in der himmlischen Vollendung (Jes 11; 65,17ff; Offb 20-22; Hebr 11,16; 12,22): Die Tempelvision Hesekiels (Kp. 40ff): Wenn man mit einer wörtlichen Interpretation zu der Schlussfolgerung kommt, in der Zukunft werde die atl Heilsordnung samt den Sündopfern (vgl. Hes 45,17.22.f) wieder eingeführt, dann greift man damit in die Heilslehre ein. Diese Lehrmeinung entwürdigt das Opfer Jesu (Hebr 10,26ff), durch das ein für allemal die Sünden endgültig gesühnt und vergeben sind (Hebr 6-10) (33f).

Dass Paulus in der Apg Opfer brachte und sich an atl Riten hielt, muss als missionstaktische Taten des Apostels oder als Rücksichtnahme auf Schwache im Glauben gewertet werden. Dies geschah zumeist 'um der Juden willen', damit sie sich nicht anstoßen und meinen, die Apostel würden gegen Mose und das Gesetz reden. So kann Paulus den Timotheus aus missionstaktischen Gründen beschneiden und an anderer Stelle diejenigen verfluchen, die neben Christus noch die Beschneidung einführen wollen (Apg 16,3; Gal 1,8; 5,1-10) (Anm. 29).

Die Vision Hesekiels wird sich im himmlischen Jerusalem erfüllen. Parallelen zwischen Hesekiel und der Offenbarung: Thron, Gegenwart Gottes (Hes 43,7; 48,35 / Offb 21,3; 22,1b.3); Sündlosigkeit, absolute Heiligkeit (Hes 43,7-9 / Offb 21,4f.8.27; 22,3.14f); ewig (Hes 43,7b.9 / Offb 22,5); Maße, einzelne herrliche Beschreibungen (Hes 43,10b.13, 48.16f / Offb 21,15-17); Wasserstrom aus dem Tempel bzw. vom Thron Gottes (Hes 47,1ff / Offb 22,1-5); Baum am Flussufer, der jeden Monat Früchte trägt (Hes 47,12 / Offb 22,2); Tore der Stadt mit den Namen der Söhne Israels (Hes 48,30-35 / Offb 21,12f) (36).

Argumente gegen einen Wiederaufbau des Tempels bei der Wiederkunft Christi:
a) Christi Sühnopfer hat sämtliche Opfergaben für immer null und nicht gemacht (Hebr 10,18).
b) Erbe des Reiches ist nicht mehr die jüd. Nation, sondern das neue Israel aus Juden und Heiden, in dem das alte Israel seine wahre Stätte finden soll (Mt 21,43; 1Ptr 2,9f ; Röm 11,26).
c) In der Offb legt Johannes diese Kapitel seiner Beschreibung der Kirche im Reich Gottes zugrunde (Offb 21,9.22;  22,5) (36).

Die Erfüllung begann mit Christi erstem Kommen in der Gemeinde (vgl. Jh 2,21; 1Kor 3,16f) und wird in Offb 21-22 vollendet, da Jesus sowohl in der Jetztzeit als auch in der Vollendung der neue Tempel ist. 

Parallelen zwischen Sacharja und dem NT: Wehklage bei der Wiederkunft Christi (Sach 12,10 / Offb 1,7f); Christi letztendlicher Sieg (Sach 12,1ff; 14,1ff / Offb 19,1ff;  20,7-10); Wasser des Lebens (Sach 14,8 / Offb 22,1ff).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die Verheißungen entweder (1) schon erfüllt haben: bereits im AT, in Johannes dem Täufer, in Christus; zu Pfingsten, mit dem Evangelium und in der beginnenden Heidmission; oder (2) sich gegenwärtig in der Gemeinde erfüllen; oder (3) in der Zukunft erfüllen werden mit dem neuen Himmel und der neuen Erde (37f).

c. Was ist mit dem 'Tausendjährigen Reich?

Der biblische Gesamtbefund

Die Schrift kennt keine Theologie über das sog. 'Tausendjährige Reich'. Nur wenige Verse (Offb 20,1-10) nennen eine Jahresspanne von eintausend Jahren, ohne damit atl Verheißungen aufzugreifen (39).

Die Verheißungen Israels sind im NT auf das 'neue Israel' übertragen. Wenn man die Auslegung auf Israel mit dem Hinweis begründet, dass wichtige atl Verheißungen für die Zukunft Israels als Nation noch unerfüllt seien und eben im Millennium erfüllt werden, stellt sich das hermeneutische Problem, dass die atl Eschatologie Priorität bekommt gegenüber dem Verständnis der 'Endzeit', des „Neuen Bundes“ und des neuen Gottesvolkes bei Jesus und den Aposteln (Anm 31).

Weitere Argumente gegen ein irdisches Zwischenreich: Die atl Verheißungen sprechen zumeist von einer ewigen Herrschaft, nicht von einer zeitlich begrenzten (Jh 9,6 / Lk 1,32f). Zudem wird in Offb 20 das Volk oder das Land Israel nicht erwähnt (42).

Jesus und die Apostel erwarteten kein Zwischenreich, sondern mit der Wiederkunft Jesu den neuen Himmel und die neue Erde (Mt 24,29ff; 1Thess 4,13ff; 2Thess 2,1ff). Bei anderen Schriftstellen finden sich ebenfalls keine Hinweise auf ein Zwischenreich mit einer Sonderstellung des nationalen Israels (42):

a) 1Kor 15,23ff erwähnt kein Zwischenreich. Die Herrschaft, von der dort die Rede ist, ist Jesu jetzige Machtstellung zur „Rechten Gottes“ (Mt 28,18b; Apg 2,36;  7,55b; Eph 1,20-22; Phil 2,9-11; Kol 2,15;  3,1; 1Ptr 3,22), die mit der endgültigen Vernichtung des Feindes vollendet wird. Dann wird Jesus alle Herrschaft dem Vater übergeben (42f).

b) In Eph 1,20-22 will Paulus den Ephesern die Größe, Macht und Gnade Gottes in Christus verdeutlichen (1,18ff). Es geht um den Namen und die Person Jesus. Dieser wird immer über allen anderen Mächten und Personen stehen – in jeder Herrschaftsepoche! Die innertrinitarische Unterordnung wird sich nicht verändern (Jh 3,35;  5,19.22;  6,37;  7,16;  17,2.5; Mt 28,18). Immer wird davon gesprochen, dass dem Sohn die Herrschaft vom Vater gegeben wurde, was die Unterordnung des Sohnes unter den Vater verdeutlicht. 1Kor 11,3ff; 15,28 erfüllt sich im gemeinsamen Thron/Tempel/Licht von Offb 21,22f;  22,3. D.h. die Herrschaft des Sohnes wird auch im zukünftigen himmlischen Reich (zusammen mit dem Vater) vorhanden sein, in der schon immer da gewesenen innertrinitarischen Unterordnung. Die Heilige Schrift kennt nur zwei Zeitalter: das gegenwärtige irdische und das ewige himmlische Zeitalter (bzw. Verdammnis) – und nichts dazwischen (43).

c) Der Kontext des Hebräerbriefes macht deutlich, dass die zukünftige Welt die himmlische Welt und kein irdisches Zwischenreich ist. Der Autor des Hebräerbriefes sagt in 12,22f, dass alle Christusgläubigen zum wahren „Zion“ und zu dem „himmlischen Jerusalem“ gekommen sind. Dort erfüllen sich die entsprechenden Prophezeiungen des AT. Aufschlussreich ist dabei, dass Abraham (der diese zukünftigen Dinge mit Freuden sah, Jh 8,56; Hebr 11,13-16) und die anderen Gläubigen des AT ihr Bürgerrecht nicht auf der Erde sahen und auch kein irdisches Reich und Vaterland erwarteten, sondern eben dieses himmlische und die himmlische Stadt: das neue Jerusalem (Hebr 11,13-16; Gal 4,25f; Phil 3,20). Die Vergleiche zwischen dem „irdischen, schattenhaften Heiligtum des AT“ gegenüber dem „himmlischen Heiligtum“ machen dies deutlich und schließen ein irdisches Zwischenreich und einen weiteren Tempel im Millennium aus (vgl. Heb 9,23f) (43f).

d) Petrus erwartet mit der Wiederkunft Jesu die Vernichtung der alten Welt und die Aufrichtung der neuen: die neue Erde und den neuen Himmel (2Ptr 3,10-13). Hier ist keine Rede von einem irdischen Reich, geschweige denn von einer besonderen Herrschaft Israels. Außerdem verdeutlicht dieser Text, dass die Christen bis zur Wiederkunft Jesu auf der Erde bleiben werden und keine 'Vor-Entrückung' zu erwarten haben (44).

e) In Mk 10,30 wird das kommende Zeitalter mit dem „ewigen Leben“ identifiziert und nicht mit einem irdischen Millennium bzw. Zwischenreich.

f) In Lk 21,27f ist von der Erlösung der Jesusjünger die Rede, die im gesamten NT die himmlische Herrlichkeit meint. Die Ereignisse um die Zerstörung Jerusalems herum sollen als Vorzeichen der Wiederkunft Jesu und der ewigen Erlösung dienen und meinen nicht die Erlösung selber. Überall im NT wird deutlich, dass mit und bei der Wiederkunft Jesu die Entrückung der Gemeinde in das himmlische Reich stattfindet bzw. beginnt (45).

Die tausend Jahre in Offb 20

Das jüd. Volk bzw. die Judenchristen haben in der Offb keine gesonderte Rolle. Im NT wurde die Trennung zwischen Gläubigen aus Israel und den Nationen aufgehoben (Eph 2,14) und 'Israel' neu definiert. Besonders Offb 14,1-5 macht deutlich, dass mit den 144.000 die Gemeinde aus Juden und Heiden gemeint ist, das neue Israel. Bezeichnungen dieser Versiegelten: der Name Gottes steht auf ihren Stirnen (Offb 3,12); sie sind jungfräulich (2Kor 11,2); sie singen ein neues Lied (Offb 5,9;  15,3); sie sind erkauft (Offb 5,9); sie sind eine Erstlingsfrucht (Jak 1,18); sie sind untadelig (Eph 5,27; Kol 1,22; Phil 2,15; Jud 24). Die 144.000 repräsentieren die gesamte Christusgemeinde, das neue Israel (47).

Die Aussageabsicht der Offenbarung mit ihren einzelnen Bildern ist klar: Sie soll der verfolgten Gemeinde Mut und Kraft für die schwere Zeit der „Drangsal“ geben und sie zum erneuten Ausrichten auf Gott und sein Wort ermahnen. Sie macht deutlich, dass Gott alles in seiner Hand hält und für seine Kinder zu einem guten Ende führen und die Feinde Gottes endgültig bestrafen wird (48).

Im NT wird deutlich, dass mit der Wiederkunft Jesu alle eschatologischen Ereignisse eintreten werden: Entrückung und Auferstehung zum ewigen Leben der Erwählten, der Anbruch von Gottes ewigem Reich mit neuem Himmel und neuer Erde und einer neuen Leiblichkeit einerseits, andererseits Gericht und Verdammnis über die Ungläubigen und über Satan samt seinen Dienern (49).

Das NT macht deutlich, dass nach der irdisch-vergänglichen Zeit kein neues irdisches Zeitalter in Form eines Zwischenreiches zu erwarten ist, sondern vielmehr das himmlische und ewige Reich Gottes, das mit der Wiederkunft Jesu beginnt. Diese Botschaft des NT ignoriert man, wenn man ein biblisch unbegründetes Tausendjähriges Reich auf Erden vor der Ewigkeit postuliert (50).

In der Vision vom tausendjährigen Reich selbst (Offb 20,4-6) fehlt jeder Hinweis darauf, dass es sich um das zu Christus bekehrte Israel handelt (Anm. 36).

d. Was ist mit der Wiederherstellung des national-ethnischen Israels?

Das Heil ist nicht mehr in Israel, im Land Kanaan, im Tempel oder in irgendeinem irdischen Reich zu finden, sondern in einer Person: in Jesus Christus, der uns in sein himmlisches Reich aufgenommen hat. Die irdischen Landverheißungen für Israel haben sich schon erfüllt. Die übrigen Prophetien über Zion und die Wiederherstellung Israels beziehen sich auf Christus, die Gemeinde und den neuen Himmel und die neue Erde. Das 'Land' erben die seliggepriesenen sanftmütigen Jünger aus Mt 5,5. Die Christusgläubigen sind die wahren Nachkommen Abrahams und damit die Erben aller Verheißungen an ihn (Gal 3,1ff; Röm 4,13: „der Welt Erbe“; vgl. Jh 8,37ff) (51).

Röm 9-11: Paulus will im Römerbrief u.a. die Gerechtigkeit Gottes aufzeigen. Er wendet sich gegen den Vorwurf, dass seine Evangeliumsverkündigung – mit den Schwerpunkten Heidenmission und Freiheit vom Gesetz – Gott als ungerecht und untreu gegenüber seinen Verheißungen für Israel erscheinen lässt. Es geht um Jesus Christus, die Zuverlässigkeit der Verheißungen Gottes, das Heil und die Zugehörigkeit zu denen, die das Heil und die Verheißungen erben: dem wahren, auserwählten Gottesvolk (52).

Es geht um die Bundestreue und Gerechtigkeit Gottes, die allein durch Glauben empfangen wird, im AT angekündigt und vorbereitet wurde und in Christus erschienen und begründet ist. Der Großteil der Juden hat diese Bundestreue und Gerechtigkeit Gottes von sich gewiesen und sich dadurch von den Zusagen Gottes getrennt. Paulus Dankbarkeit für die Liebe Christi lässt ihn an seine ungläubigen Volksgenossen denken. Er bedauert, dass sie nicht dazugehören, obwohl ihnen zuerst das Evangelium gilt (1,16). Die christliche Heilsgewissheit ist verankert in Gottes Berufung und Erwählung (8,28-30.33). Dadurch ist Paulus zum Nachdenken über den Weg Israels gezwungen. Israel war einmal von Gott erwählt, geliebt (5Mose, 7,6ff) und mit Verheißungen beschenkt worden. Mehrheitlich hatte es aber das Evangelium Christi nicht angenommen. Das Fazit in 11,32 lautet: „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (53).

In Röm 9-11 geht es um die Frage nach dem Volk Gottes und die Treue Gottes zu seinem Wort und Bund (vgl. 9,6; 11,1 und die endgültige Antwort in 11,29: „Denn Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen“). Paulus hat von Beginn des Briefes an deutlich gemacht, dass das Evangelium in Kontinuität zum AT steht. Wie kann Gott treu zu seinen Verheißungen stehen, wenn sich diese jetzt an der Gemeinde anstatt an Israel erfüllen? Nach Kp 1-8 stehen sich zwei auserwählte Bundesvölker gegenüber. Wurde die neue Heilsuniversalität (Juden und Heiden) auf Kosten der Erwählung und Verheißungen Israels eingeführt? Paulus Antwort: Gott hat schon immer nach Gnadenwahl und Glauben gehandelt und nicht nach dem bloßen Faktum der Blutsverwandschaft. Gottes Verheißungen haben Bestand (55).

Der jüd. Unglaube in der Jetztzeit bedeutet nicht, das Gottes Verheißungen an Israel aufgehoben sind. Denn:

a) Gott hat nie verheißen, alle Nachkommen Abrahams oder alle Menschen zu retten. Die Errettung ist für alle immer eine Gabe Gottes (9,6b-29). (Gott schenkt Heil nach seiner Erwählung nicht nach Werken oder Abstammung) (56).

b) Gott sammelt sein Volk – wie vorher verheißen – nun aus Juden und Heiden (9,30-10,21).

c) Gottes Verheißungen an das ethnische Israel fallen nicht unter den Tisch, da Gott einen Rest Israels zum Glauben führt (11,1-10).

d) Durch dieses Sammeln von Juden und Heiden in ein Volk erfüllt Gott seine Verheißungen und kommt so zu einem „ganzen Israel“ (11,26): „Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jes 59,20; Jer 31,33): Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeiten von Jakob“.

Röm 11,12-32 ist keine Verheißung, dass sich das ethnische Israel am Ende der Zeiten zum Herrn bekehren wird. Paulus stellt sich der Frage, ob überhaupt Juden gerettet werden. Er erklärt, dass Gott sein Volk nicht völlig verstoßen hat und nennt sich selber als Beispiel (11,1f) und betont, dass Gott sich einen Überrest auserwählt hat, der nun zum Glauben kommt. Die gegenwärtige Verstockung der Juden gibt den Heiden die Möglichkeit, die Versöhnung zu empfangen, was die Juden zur Eifersucht und damit zum Glauben anreizen soll (10,14). Dieser Prozess findet „jetzt“ statt (11,31) (56).

Die Rettung der Vollzahl (11,12) meint die Errettung der auserwählten Juden in der Gegenwart und keine kollektive Bekehrung in der Zukunft. Auch die Vollzahl der Heiden (11,25) meint die Auserwählten aus den Nationen (Anm. 41).

Das Geheimnis, dass Gott Israel nicht sofort richtet, ermöglicht, dass in dieser Zeit sowohl Heiden als auch der erwählte Rest aus dem nationalen Israel zum Glauben kommen. Erst wenn die Vollzahl der Heiden in Israel eingegangen sein wird, wird das Gericht an den Gefäßen des Zorn vollstreckt. Von einer national-kollektiven Bekehrung Israels ist nicht die Rede (Anm 42).

In 9,6-8 (vgl. 2,25-29) wird Israel neu definiert und in 9,1-8 werden die Verheißungen auf das neue Israel übertragen – die Gemeinde (Jer 31; /Röm 6-8). Dieses erneuerte Israel ist in 11,26 gemeint – aus Juden und Heiden (vgl. Gal 6,16; Phil 3,2-11; Eph 2,11ff). Israel wird durch die Heidenchristen erweitert. Die atl Zitate in 11,26ff beziehen sich nicht auf die Wiederkunft Jesu, sondern auf die jetzige Heidenmission. Das verdeutlicht der Verweis auf Jer 31, wo vom Neuen Bund und dem Hinzukommen der Heiden die Rede ist. In Christus ist dies alles Wirklichkeit geworden:

a) (9,26): so, auf diese Art und Weise (57)

b) Israel wird neu definiert (9,6-8)

c) ein Thema von 9-11 ist die Erwählung durch das Mittel des Glaubens der durch die Predigt gewirkt wird. Dabei ruft Gott Menschen aus Juden und Heiden (9,24-10,13).

d) In Kp.11 wird dieses Thema auf das Verhältnis zwischen dem Unglauben der Juden und der Bekehrung der Völker zugespitzt. Die Bekehrung der Völker zielt auf die Bekehrung und Aufrichtung Israels. Die Heiden werden in Israel eingepfropft (11,14-24). Die Aufforderung zur demütigen Einstellung der Heidenchristen gegenüber den Juden wird damit begründet, dass ihre Bekehrung im Zusammenhang mit der Vollendung von Israel steht.

e) Den Vers 11,23 hätte Paulus nicht konditional formuliert, wenn er mit einer zukünftigen Wiederherstellung des politischen Israels gerechnet hätte. „Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden...“.

f) Das Eingehen der Fülle der Heiden meint im Kontext den Ölbaum (11,17-19.24). D.h. die Heiden gehen neben den auserwählten Juden („Überrest“) in den Ölbaum ein, d.h. ins Gottesvolk mit allen Heilsverheißungen. Auf diese Art und Weise wird ganz Israel gerettet werden. Israel ist das erneuerte Israel aus Juden und Heiden, die zusammen die wahren Nachkommen Abrahams sind (Gal 3,1ff; 6,16; Phil 3,2ff; Eph 2,11ff). Die auserwählten Juden bleiben Israel (Rest) und die auserwählten Heiden werden es (58).

g) Die Zitate aus dem AT beziehen sich auf Christi erstes Kommen und wollen sagen, dass das Heil aus den Juden kommt (vgl. 9,5 und die Rückbezüge auf den Neuen Bund in Jes 59,20 und Jer 31,33f, der nicht erst mit der Parusie beginnt). Deshalb dürfen die Heiden sich nicht überheben. Die Juden sind einerseits Feinde (Verwerfung und Verfolgung), andererseits als Rest Geliebte (vgl. 9,31 / 11,7 und 9,27; 11,1f.5-7, wo Paulus sich selber als Beispiel nennt). Einen Augenblick werden die Juden ohne den erwählten Rest als Volk der Verfolger betrachtet. Andererseits wird der erwählte Rest als das Volk angesehen, das um der Väter Willen geliebt ist. In 11,29 denkt Paulus an den auserwählten Rest (Jes 10,21; Jer 23,3), den Teil der ethnischen Israeliten, der glaubt und errettet wird. Das AT ist die Grundlage, von der aus Paulus argumentiert (58f).

Paulus will in Röm 9-11 zeigen, dass Gottes Verheißungen – wenn sie richtig verstanden werden – weiterhin gültig sind. Er erfüllt seine Verheißungen an seinem Volk Israel, doch wird dieses Volk nun an Jesus Christus gebunden und von ihm her definiert. Die vielen Prophezeiungen zeigen, dass Gottes zuverlässiges Wort dies bereits gesagt hatte. Diese zusätzlich von Paulus aufgeführte Israel-Theologie in Röm 9-11 soll den Zusammenhang dieses Themas zum Evangelium nachweisen. Die Aussagen in 11,12-32 zeigen, dass die Heiden in der römischen Gemeinde ihre unentbehrlichen atl-jüd. Wurzeln geringschätzten und auf sie herabschauten. Auch die Heiden sind allein auf Gottes Gnade angewiesen und gehörten ursprünglich nicht zur „Wurzel“. Die Kp. 9-11 sind auch Grundlage für den praktischen Teil (12,1-15,13), um das Zusammenleben von Juden- und Heidenchristen zu ordnen (59f).

Paulus spricht in Röm 9,14ff sowohl die kollektive als auch die individuelle Prädestination aus. Gott ist nicht ungerecht (9,14-18), weil er tun und machen kann, was er will – er ist souverän und niemandem Rechenschaft schuldig und daher ist sein Handeln immer gerecht im Sinne Gottes. Er bestimmt was recht ist und was nicht. In 9,19-24 macht Paulus deutlich, dass eine Anklage gegen die Souveränität Gottes Sünde ist, weil der Mensch als Ton kein Recht hat, den Töpfer zu hinterfragen. In 11,26 spricht Paulus von einem ganzen Israel, das durch die souveräne Auswahl Gottes aus Juden und Heiden zustande kommt. Dazu verwendete er in den vorhergehenden Versen das Bild vom Ölbaum: Einige Juden wurden herausgenommen, etliche Heiden werden eingepfropft, bis ihre „Vollzahl“ (11,25) erreicht ist. In Röm 9 zeigt Paulus, dass Gott schon immer nach Auswahl gehandelt hat und dies auch jetzt noch tut. Er verstockt und erlöst, wen er will. Er kommt zu einem ganzen Israel, einer Vollzahl von Kindern Gottes (9,8; 8,16.21), einem vollständigen Volk Gottes. Indem er einige Juden verstockt, die nicht zum erwählten Rest gehören und dafür die erwählten Heiden Anteil am Heil des Messias bekommen, kommt Gott zu seinem Ziel. Dies war schon immer Gottes Plan. Gerade die drei ersten Kp. des Röm, die die Verlorenheit aller Menschen verdeutlichen, zeigen, dass Gottes Wahl, einige zu erretten, ein Akt der Barmherzigkeit ist (61).

(9,22): „Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, (23) damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit, (24) (nämlich an) uns, die er auch berufen hat, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Nationen“.

Das Ertragen und Dulden der Gefäße des Zorns meint hier, dass Gott diese nicht sofort richtet (vgl. Röm 3,25f; 2,4). Nirgendwo im Text wird die Möglichkeit genannt, dass die Gefäße des Zorns das Heil noch erlangen könnten (62).

Paulus nimmt zwei Beispiele aus dem AT, um Gottes jetziges Vorgehen zu veranschaulichen (Pharao und Esau). Pharao und die Gefäße des Zorns sind geschaffen, damit Gott daran seine Macht erzeige. Paulus nimmt Pharao und Esau als atl Beispiele, um Gottes erwählende Souveränität auch für die Jetztzeit zu begründen. Der Text schließt ausdrücklich aus, dass die Gefäße des Zorns später Gefäße des Erbarmens werden könnten, da er die Gefäße des Zorns als „zum Verderben bestimmt“ beschreibt (63f).

Auch beim Bild des Töpfers und des Tons geht es um ein (vorheriges) Schaffen des jeweiligen Gefäßes – ganz wie Gott es will (vgl. Buch Sir 33,10-16) (64).

Der Begriff Herrlichkeit wird von Paulus für die ewig-himmlische Teilhabe am Heil gebraucht (Röm 2,10; 8,18; 1Thess 2,12; 2Tim 2,10; Kol 3,4) (65).

Gott ist der Töpfer (9,21), er tut, was er will! Er kann tun, was er will und schuldet niemandem Rechenschaft. Die rhetorischen Fragen in Röm 9,19f beschreiben Gottes tatsächliches Handeln (Esau, Pharao, Juden und Heiden – alle Menschen) – Gott hat bestimmt und geschaffen, verhärtet und erbarmt sich (und tut es bis heute). Paulus macht (wie in Eph 1,4 und 2Thess 2,13) in Röm 9,10-18 am Beispiel des Pharao (und Esau) deutlich, dass bereits vor der Geburt Gott darüber entschieden hat, ob er sich erbarmt oder ob er verstockt (65).

Die Menschen sind der „Ton“. Die „Gefäße zur Ehre“ sind mit den „Gefäßen der Herrlichkeit“ identisch. Sie sind die Gläubigen, die das Reich Gottes und das ewige Leben erben werden. Die „Gefäße zur Unehre“ sind mit den „Gefäßen des Zorns“ identisch. In 9,24 werden die „Gefäße der Herrlichkeit“ als Christen aus Juden und Heiden beschrieben. Dies macht deutlich, dass mit den „Gefäßen des Zorns“ die übrigen Menschen gemeint sind (65).

In 2Kor 3,15f spricht Paulus von den Juden, auf deren Herzen eine Decke liegt und die daher Christus nicht erkennen, auch nicht aus den Schriften des ATs (vgl. 2Mose 34,34). Da in 9,15 der Plural verwendet wird (ihren Herzen), ist der Wechsel zum Singular in 9,16 auffällig. Dies führt zu dem Schluss, dass die Decke nicht kollektiv von den Juden weggenommen wird, sondern wenn Gott die Decke bei einem einzelnen Juden wegnimmt, dann wendet sich dieser zum Herrn: „Sobald sich aber einer dem Herrn zuwendet, wird die Hülle entfernt“ (Einheitsübersetzung) (67f).

Mt 23,39: „Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“! Hier handelt es sich um ein Gerichtswort an die ungläubigen Juden: Sie werden Jesus erst bei seiner Parusie unfreiwillig als von Gott kommend begrüßen. Angesichts der offenbar gewordenen Herrschaft Jesu erweisen sie ihm eine notgedrungene Huldigung, die ihnen für ihr Heil aber nichts mehr nützt. Man beachte dazu auch den Kontext von Lk 13,22-35, wo es ein Zuspät für die Juden geben wird (68).

Die Endzeitrede in Mt 24  -  25: In Mt 24,15 und 13,14 spricht Jesus zu Judenchristen – zu den Teilhabern des Neuen Bundes und den Mitgliedern des neuen Gottesvolkes. Unhaltbar ist die Sicht, dass Mt 24,15ff sich auf ein endzeitliches Jerusalem beziehe. Auch Lk 21,22 zeigt, dass sich hier die Prophetie aus Dan 9 erfüllt. Im Licht des NT wird ersichtlich, dass Dan 9,26f christologisch zu interpretieren ist. Jesus ist der in 9,26 genannte Gesalbte, der geopfert wird. Dann wird von der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. berichtet. Dies signalisiert den endgültigen Bruch zum Alten Bund. Daher ist in Dan 9,27 von der Errichtung des Neuen Bundes durch den Messias die Rede, der den Alten Bund und dessen Opfer aufheben wird (Hebr 8  -  10) (70).

Apg 1,6: Wenn Jesus hier auf die Frage des „Reichs für Israel“ eingeht, dann verweist er auf die Neudefinierung des Reichs Israel! Die Wiederherstellung der Königsherrschaft Gottes wird in der weltweiten Mission und Sammlung der Erwählten Wirklichkeit, wenngleich die Vollendung des in Christus begonnenen Reichs Gottes noch aussteht. Jesus hat verdeutlicht, dass das Reich Gottes anders ist, als die Juden und zunächst auch seine jüd. Jünger erwartet haben. Erst mit Pfingsten haben die Jünger erkannt, dass das Reich Gottes „nicht von dieser Welt“ ist (Jh 18,36), sondern ein geistliches Reich aus Juden und Heiden – ein neues Israel (Gal 6,16; Röm 11,26; 1Kor 10,18; Eph 2,11f). D.h. das „Reich (Gottes)“ hat mit Jesus begonnen und wird bei seiner Wiederkunft vollendet. Jesus sagt, dass die nächste Phase im Reich Gottes das Abendmahl mit seinen glaubenden Jüngern sein wird (Mk 14,25par) – d.h. mit den glaubenden Christen (71f)!

Nirgendwo im NT wird dem ethnischen Israel eine besondere Bedeutung verheißen. Im Gegenteil: Israel wird das Reicht Gottes weggenommen und einer Nation gegeben, die ihre Früchte bringt (Mt 21,35  -  22,1-22par; Lk 13,29par). Die Heiden werden mit Abraham zu Tisch liegen etc. An vielen Stellen wird deutlich, dass das Reich Gottes für die Gemeinde bestimmt ist als dem neuen Israel (Jh 3,3; Apg 14,22; 19,8; 28,23.31; Röm 14,17; 1Kor 4,20; 6,9; 15,50; Gal 5,21; Eph 5,5; 2Thess 1,5). Das NT sagt, dass Israel das Reicht Gottes genommen wird, aber es sagt nicht, dass es stattdessen ein anderes Reich bekommen werde. Das Reich Gottes war für Israel bestimmt, aber es hat es nicht bekommen, sondern es wurde ihm weggenommen (Mt 21,35ff) (72).

Apg 3,21: Die „Wiederherstellung aller Dinge“ zielt inhaltlich weder auf ein Millennium noch auf eine nationale Wiederherstellung Israels ab. 2Ptr 3,11ff meint die erneuerte, himmlische Welt Gottes (Jes 65,17ff;  66,22; 2Ptr 3,10-13). Das NT sagt klar, was mit der Wiederkunft Jesu geschehen wird: Entrückung, Gericht, Vernichtung von Himmel und Erde und die Wirklichkeit des neuen Himmels und der neuen Erde (Jes 65,17ff;  66,22; Mt 25,31ff; 2Thess 1,4 – 2,1ff; 2Ptr 3,10-13) (73).

Anhang: Die apokalyptische Vorstellung von einem tausendjährigen Reich (Offb 20)

a. “Ein im NT singulärer Gedanke”

Ph. Vielhauer: Im Zusammenhang mit der Parusie finden wir zwei im NT singuläre Gedanken: Einmal die Vorstellung vom tausendjährigen Reich, einem messianischen Friedensreich auf dieser Erde zwischen Parusie und Weltuntergang. Diese Vorstellung eines messianischen Zwischenreiches stammt aus der jüdischen Apokalyptik (4 Esra 7,28ff; syr Bar 29,3ff) und ist eine Kombination der nationalen und transzendenten Eschatologie. Mit dem Gedanken des tausendjährigen Reiches ist die zweite singuläre Vorstellung der Apk eng verbunden: der Gedanke einer zweifachen Auferstehung, einer vor und einer nach dem messianischen Zwischenreich (20,4-6.12-15); das ist eine Kombination zweier jüdischer Anschauungen, einer älteren von der Auferstehung nur der Gerechten und einer jüngeren von der allgemeinen Totenauferstehung (506).

b. “Ein Fremdkörper in der ntl Verkündigung”

A. Vögtle: Von der Erwartung eines tausendjährigen Zwischenreiches Christi und der auferweckten Märtyrer auf dieser Erde weiß das gesamte übrige Neue Testament schlechthin nichts. Dasselbe kennt nur ein noch zu erwartendes Offenbarwerden des erhöhten Christus zum Gericht und zur Heilsvollendung. Eine dem Endgericht vorausgehende lange irdische Herrschaft Christi, innerhalb der Geschichte, ist ein Fremdkörper, der in einem unausgleichbaren Widerspruch zur übrigen ntl Verkündigung steht. Johannes lässt hier jüdische Überlieferung einfließen, die theologischer ‘Sachkritik’ unterzogen werden muss, diese Erwartung kann nicht als (verpflichtende) ntl Glaubensaussage gelten (153).

c. “Verworfen als Irrlehre”

M. Luther: Auch werden verworfen etliche jüdische Lehren, die sagen, dass vor der Auferstehung der Toten eitel Heilige, Fromme ein weltlich Reich haben und alle Gottlosen vertilgt werden.

Hier werden verworfen diejenigen, die die jüdische Meinung lehren, die Verheißung von der Eroberung des gelobten Landes müsse leiblich verstanden und, dass vor dem jüngsten Gericht die Gottlosen allenthalben von den Heiligen unterdrückt werden und sie das zeitlich Regiment unter sich bringen.