1.6 Die Bedeutung des Apostelkonzils (Apg 15) für die Einheit der Christenheit

F. Hahn

a. Paulus war von Barnabas als Mitarbeiter nach Antiochien geholt worden, als man dort bereits systematisch mit der Heidenmission begonnen hatte (Apg 11,20.25). Jerusalem war Mittelpunkt der judenchristlichen Gemeinschaft. Antiochien wurde mit seiner von den 'Hellenisten' gegründeten Gemeinde alsbald zur Metropole der heidenchristlichen Kirche (Apg 8,1.4; 11,19). Man war bereit, Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu Christi zu gewähren ohne Verpflichtung auf Beschneidung und Gesetz. Das geht aus Apg 15,1 und der Tatsache des Apostelkonzils eindeutig hervor (98).

Die Mehrzahl der am Judentum interessierten Heiden waren nicht Proselyten, sondern 'Gottesfürchtige', die den Monotheismus und die Ethik des Judentums respektierten, aber zu rituellen und nomistischen Konsequenzen nicht bereit waren. Diese Menschen waren in die jüdische Gemeinschaft nicht wirklich integriert. Eine Integration in die christliche Gemeinde wäre ebensowenig möglich gewesen, wenn man auf der Forderung der Beschneidung und Gesetzesobservanz bestanden hätte (98f).

Die hellenistischen Juden hatten ihrerseits bereits ein anderes Verhältnis zur Gesetzesfrömmigkeit und zu den kultischen Ritualen als die Juden im palästinischen Bereich. Die formale Erfüllung von Gesetzesvorschriften und die Kultpraxis waren nicht mehr das Primäre. Ausschlaggebend waren die Erkenntnis des einen Gottes und die innere Übereinstimmung mit seinem Wirken und Willen. So war es für hellenistische Juden und Judenchristen leichter, auf die Forderungen der Gesetzesobservanz zu verzichten (99).

Dass die 'Hellenisten' schon in Jerusalem eine selbständige Gruppe darstellen, dass sie in den 'Sieben' eine eigene Gemeindeleitung hatten, weist darauf hin, dass hier eine andere Grundhaltung vertreten wurde. Nicht zufällig ist Stephanus, ein namhafter Repräsentant der 'Hellenisten', der erste Märtyrer geworden und im Zusammenhang damit wurden vornehmlich die zu dieser Gemeindegruppe gehörenden Christen aus Jerusalem vertrieben, bis die Zerstreuten schließlich in Antiochien einen neuen Ort der Sammlung und gemeinsamen Wirksamkeit fanden (Apg 6,8 – 8,3; 11,19-21). Es waren die Kult- und Gesetzeskritik der 'Hellenisten', die Anstoß erregten. Stephanus war angeklagt, weil er sich auf Jesu Tempelwort berief und darauf, dass Jesus die von Mose erlassenen Lebensregeln verändert habe (Apg 6,14) (99f).

Hinzu kam, dass bereits Jesus in Einzelfällen Heiden oder Gottesfürchtige angenommen hatte (Mk 7,24-30par; Mt 8,5-10.13; Lk 10,30-37;Mt 8,11f par). Sein Sendungsauftrag konnte deshalb für die 'Hellenisten' nur im Sinne einer universalen Mission verstanden werden. War der Auferstandene zur Rechten Gottes erhöht worden und war ihm die Macht über Himmel und Erde übertragen, dann war darin auch der Auftrag zu der Mission unter allen Völkern eingeschlossen (Mt 28,18-20) (100).

Das neue Verhältnis zu Gesetz und Kult und das universale Verständnis des Sendungsauftrages Jesu waren die ausschlaggebenden Faktoren, die die gesetzesfreie Heidenmission ermöglichten und für die Missionsgemeinde von Antiochien zur Grundlage ihrer Verkündigung des Evangeliums wurden. Wenn Barnabas von den 'Hebräern' nach Antiochien entsandt wurde, so war das ein Bemühen um Aufrechterhaltung der Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit (Apg 11,22-24). Barnabas hat seinerseits die theologische Haltung der antiochenischen Gemeinde bejaht und ist alsbald ihr Leiter und Repräsentant geworden. Er war es dann auch, der Paulus in das neue Missionszentrum holte (101).

b. Die 'Hebräer' haben an überkommenen jüdischen Traditionen festgehalten. Die Jerusalemer Gemeinde verstand sich als Muttergemeinde der entstehenden Christenheit. Sie trug Verantwortung für die Einheit der Kirche. Von hier aus ist das Eingreifen in Antiochien zu erklären (102).

Paulus zog nach Jerusalem, um den anstehenden Konflikt zu lösen, denn daran hing für ihn das Recht und die Legitimität seines apostolischen Wirkens. Sein Auftrag, den er vom Auferstandenen erhalten hatte, wäre in Frage gestellt, wenn den unbeschnittenen Heidenchristen das Heil abgesprochen werden würde (103).

In Jerusalem brachen die Streitfragen neu auf. Paulus hatte seinen heidenchristlichen Mitarbeiter Titus zu den Verhandlungen nach Jerusalem mitgenommen. Er war gleichsam der Repräsentant aller unbeschnittenen Christen. Titus wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen. Paulus hatte gerade an diesem Punkt nicht einen Augenblick nachgegeben, denn für ihn ging es um die 'Wahrheit des Evangeliums' und um die damit verbundene 'Freiheit', die Christus gewährt hat. Was für die Judenchristen eine bleibende Bindung an die eigene Geschichte und Tradition darstellt, wäre für die Heidenchristen eine Versklavung gewesen. Ihm ging es darum, dass in Christus das Heil total und uneingeschränkt erschlossen ist, dass es einen unmittelbaren Zugang gibt, weswegen keine zusätzlichen Bedingungen gefordert werden dürfen. Für Paulus hatte das Gesetz eine untergeordnete Funktion (Gal 3,15-26). Es war anders als die göttliche Verheißung nicht Voraussetzung für den Glauben. Das Gesetz behielt seine Bedeutung für die Gestaltung und Ordnung des menschlichen Lebens, wenn es konsequent vom Liebesgebot her verstanden wurde (Gal 5,14, Röm 13,8-10) (103f).

Ergebnisse der Beratungen: Die maßgeblichen Vertreter der Jerusalemer Gemeinde und der Gemeinde von Antiochien haben übereinstimmend beschlossen, den Heidenchristen keine Verpflichtung zu Beschneidung und Gesetzeserfüllung aufzuerlegen (Apg 15,10f.19; Gal 2,7-9). Es ist anerkannt worden, dass Paulus von Gott eine Verkündigung für die Unbeschnittenen anvertraut worden ist, bei der das Unbeschnittensein als Voraussetzung des Christseins akzeptiert wird (104f).

Die drei 'Säulen', Jakobus, Kephas und Johannes, gaben den beiden Vertretern der antiochenischen Heidenmission, Paulus und Barnabas, die rechte Hand. Das ist Ausdruck der gegenseitigen Teilhabe und der darin begründeten Gemeinschaft. Es ist die Bestätigung der Einheit der Kirche Jesu Christi, die bei allen Unterschieden fortbesteht und keinesfalls preisgegeben werden darf. Die Anerkennung sehr weitreichender Verschiedenheiten soll die Zusammengehörigkeit dort nicht aufheben, wo feststeht, dass die gemeinsame Basis festgehalten ist und dass Gottes Wirken hier wie dort erkennbar wird (2,7-9) (105).

c. Die Grundsatzentscheidung des Apostelkonzils hat weitreichende Konsequenzen gehabt. Erst mit diesem Beschluss war der Weg frei für eine allseits anerkannte Heidenmission. Damals ging es um die Integration der noch relativ kleinen Zahl von Heidenchristen in die bereits umfangreiche judenchristliche Gemeinschaft (105f).

Die praktischen Probleme: Petrus war zu der antiochenischen Gemeinde gekommen und hatte sich der dortigen Praxis angeschlossen, wonach Judenchristen und Heidenchristen miteinander Tischgemeinschaft hielten (Gal 2,12a), was wahrscheinlich schon vor der Beschlussfassung in Jerusalem üblich geworden war, durch das Apostelkonzil aber für die Antiochener eine Bestätigung und Legitimation erhalten hatte. Einige Zeit nach Petrus kamen dann etliche Anhänger des Jakobus, erhoben gegen diese Praxis Einspruch, worauf Petrus und die anderen Judenchristen und sogar Barnabas fortan den Heidenchristen die Tischgemeinschaft verweigerten (2,13). Für gesetzestreue Juden war ein bezeichnendes Problem aufgetaucht: bei einer Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen wurden die Reinheitsgebote verletzt. Aus diesem Grunde konnte für sie auch bei Anerkennung der gesetzesfreien Heidenmission eine volle Gemeinschaft nicht statthaft sein (106f).

Der Streit über die Tischgemeinschaft war offensichtlich der Anlass dazu, dass eine Zusatzvereinbarung getroffen wurde, die die offene Frage der Tischgemeinschaft regelte, das sog. 'Aposteldekret' (107).

Für die Judenchristen handelt es sich beim Aposteldekret um eine Reihe von Minimalbestimmungen, die bei einer Tischgemeinschaft von seiten der Heidenchristen beachtet werden müssen, um die kultischen Prinzipien der gesetzestreuen Judenchristen nicht zu verletzen. Es geht ausschließlich um eine rituelle Rücksichtnahme bei der gemeinsamen Mahlfeier (108).

Das Aposteldekret will die Beschlüsse des Apostelkonvents nicht einschränken, es setzt sie vielmehr voraus. Es soll auf diese Weise lediglich ein das Zusammenleben und die volle Mahlgemeinschaft hinderndes Problem beseitigt werden (108).

d. Die Tragweite der Beschlüsse des Apostelkonzils für die frühe Christenheit: Nirgends im NT spielt die Gesetzesobservanz eine Rolle. Nicht nur Paulus beruft sich gegenüber den in Galatien eingedrungenen Irrlehrern auf die gefallenen Entscheidungen von Jerusalem. Selbst der Jakobusbrief kennt keine Bindung an die Tora im jüdischen Sinn. Das “königliche Gesetz der Freiheit“ ist das für Jesu Verkündigung und die Botschaft der Urgemeinde zentrale Liebesgebot (Jak 1,25; 2,8.12). Bei Matthäus ist die Tora von Jesus im Zusammenhang seiner eschatologischen Botschaft neu interpretiert worden und besitzt nun in diesem Sinne für die Christen Gültigkeit (109).

Die Frage der Verkündigung des in Christus offenbar gewordenen Heils und der dadurch konstituierten Jüngergemeinschaft war zwischen Juden- und Heidenchristen in urchristlicher Zeit nicht strittig gewesen, es ging lediglich darum, ob die Bindung an Jesu Person und Heilswerk genüge oder diese nur wirksam sei in Verbindung mit der früher dem Volk gegebenen Tora (110).

In Eph 2,11-22 geht es um das Thema der Einheit von Juden und Heiden in der einen Kirche. Die heidenchristlichen Gemeindeglieder werden lediglich daran erinnert, dass sie einst Fremde waren, ohne Gott lebten und die Heilsverheißungen nicht kannten, durch Christus jedoch Zugang zu Gott gefunden haben und mit den Glaubenden aus Israel vereint worden sind (2,11-13). Mit “denn er ist unser Friede“ beginnt ein Abschnitt, in dem die durch Christus als Friedensstifter verwirklichte Einheit zwischen Juden und Heiden und die Beseitigung des Gesetzes mit seinen Geboten und Forderungen zum Paradigma für die Überwindung aller Feindschaft und die Entfernung aller Grenzen und Trennmauern für die Menschen in der Welt wird (14-18). Hierbei geht es sowohl um die Überwindung der Feindschaft der Menschen gegenüber Gott als auch um die Überwindung allen Unfriedens unter den Menschen selbst. Deshalb wird den Menschen in der Welt Frieden verkündet, den Fernen wie den Nahen, und durch Christus haben alle Zugang zum Vater (17f). So werden die Heidenchristen Mitbürger und Hausgenossen Gottes in dem auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebauten Tempel, der in Christus seinen Eckstein hat (19-21). Durch die Kirche, in der Gegensätze bereits überwunden und vereint sind, soll das Heilshandeln übergreifen auf die gesamte Welt. Dabei hängt Entscheidendes von der tatsächlich verwirklichten Einheit der Kirche ab, weil sie nur so, indem sie in ihrer konkreten Existenz die 'versöhnte Verschiedenheit' repräsentiert, ihren Dienst gegenüber der Welt wahrhaftig erfüllen kann (110f).

Beim Apostelkonzil in Jerusalem ging es um die Frage, was heilsnotwendig ist. Dabei war unbestritten, dass der Glaube an Person und Wirken Jesu fundamentale Bedeutung für das Christsein und die Jüngergemeinschaft hat. Offen war, ob die Einhaltung der Lebensordnung Israels für die, die zum Glauben an Christus gekommen sind, unaufgebbar ist. Das Problem wurde dort zur Streitfrage, wo Heiden auf das Gesetz verpflichtet werden sollten. Denn das bedeutete, dass sie zur Einhaltung einer Tradition aufgefordert wurden, die ihrer eigenen Geschichte fremd war und ihrem eigenen Weg zu Christus nicht entsprach (112).

Bei der Frage, was heilsnotwendig und für die Existenz der Kirche unaufgebbar ist, was darum auch allein erforderlich ist für die Einheit der Kirche, dürfen spezifische Traditionen keine ausschlaggebende Rolle spielen (112).

Das Verhältnis von Apostelkonzil und Aposteldekret: Entscheidend ist, dass alle die Praxis betreffenden Vereinbarungen und Regelungen der Grundfrage nach dem allein Heilsnotwendigen nicht widersprechen dürfen (113).

Die Zusammenkunft der Apostel in Jerusalem samt den dort getroffenen Grundentscheidungen gehört zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der Urchristenheit (113).