1.7 Antipaulinismus im Judenchristentum zu Lebzeiten des Paulus

G. Lüdemann

a. Antipaulinismus auf dem Apostelkonzil (Apg 15)

Auf dem Apostelkonzil stand die Forderung zur Debatte, ob Heidenchristen beschnitten werden sollten, um Mitglieder der christlichen Gemeinde werden zu können (Gal 2,3). Dieses Ansinnen richtete sich gegen die pln Praxis, Heiden ohne Beschneidung in die Gemeinde aufzunehmen. Diese Forderung wurde in der gemischten Gemeinde Antiochiens erhoben, in die sich „falsche Brüder“ (Gal 2,4) eingeschlichen hatten (59f).

Paulus konnte den Säulen die Zustimmung abringen, dass die Heidenchristen nicht beschnitten werden müssten. Der Heidenchrist Titus wurde nicht zur Beschneidung gezwungen (Gal 2,3). Gleichwohl war die Zustimmung hart umkämpft, und man wird annehmen müssen, dass die falschen Brüder eine erhebliche Unterstützung seitens der Jerusalemer Gemeinde bei ihrer Forderung nach der Beschneidung des Titus auf ihrer Seite hatten. Ein großer Teil der Gemeinde muss die Falschbrüder unterstützt haben, denn sonst hätten sie die Beschneidungsforderung nicht so wirkungsvoll erheben können (60f).

Paulus konnte sich dieses Ansinnens erwehren und erhielt die grundsätzliche Zustimmung der Säulen zu seiner gesetzesfreien Heidenmission. Der Grund für die mit einem feierlichen Handschlag besiegelte Einigung war offensichtlich der Erfolg der pln Heidenmission und die Bereitschaft der heidenchristlichen Gemeinden, die Gemeinschaft mit einer Geldgabe zu dokumentieren. Die Falschbrüder, die Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde blieben, werden die Einigung nach Kräften bekämpft haben. Ihr offener Antipaulinismus ist jedenfalls als maßgeblicher Faktor auf dem Konzil und in der Folgezeit vorauszusetzen (61).

Man sollte annehmen, dass die falschen Brüder trotz der Niederlage in der Beschneidungsfrage von Einfluss auf die Einzelheiten des Verhandlungsergebnisses gewesen waren. Das Missionsfeld wurde aufgeteilt: „Wir zu den Heiden, sie zu den Juden“ (Gal 2,9). Diese Formel sicherte zwar Paulus das Recht zur Heidenmission zu. Sie konnte aber auch dazu benutzt werden, um eine Mission der Heiden und Juden rückgängig zu machen. D.h. diese Regelung schloss nicht aus, dass in Zukunft Juden auf das Halten des jüdischen Gesetzes verpflichtet werden konnten (61f).

Ein weiteres antipln Element der Einigungsformel betrifft Paulus Apostolat: Die Regelung (Gal 2,9) enthält nicht die Anerkenntnis seines Apostolats, sondern spricht lediglich von der Heidenmission des Paulus. Paulus hätte sich zwecks Widerlegung der gegnerischen Anwürfe in Galatien nicht eine Konzils-Tradition entgehen lassen, die seinen eigenen Apostolat zum Inhalt hatte. Wahrscheinlich hielt Paulus es aus taktischen Gründen nicht für geraten, seinen Apostolat zu thematisieren, weil das die erzielte Einigungsformel hätte gefährden können. Die Nichterwähnung des pln Apostolats im Verhandlungsergebnis entspringt antipln Opposition in Jerusalem (62f).

b. Antipaulinismus beim Zwischenfall in Antiochien (Gal 2,11ff)

In der gemischten Christengemeinde Antiochiens hatten geborene Juden mit Heiden Tischgemeinschaft gehalten. Dieser Praxis schloss sich Petrus an, als er in Antiochien weilte. Als einige von den Jakobusleuten kamen, zogen sich Petrus, Barnabas und die übrigen Judenchristen zurück. Die Abgesandten des Herrenbruders Jakobus betrieben die Trennung der Judenchristen von den Heidenchristen. Der Grund für die Separation liegt in jüdischen Gesetzesvorschriften, die die Trennung der Juden vom heidnischen Tisch forderten. Paulus dagegen erwartete von Judenchristen im Verkehr mit Heidenchristen die Nichtbeachtung der Speisegesetze (64f).

c. Das Jerusalemer Christentum bei Paulus letztem Besuch (Apg 21f)

Apg 21,17-20a: In Jerusalem werden Paulus und seine Begleiter von den Brüdern willkommen geheißen. Paulus kann am folgenden Tag Jakobus und den Presbytern von seinen Missionserfolgen unter den Heiden berichten. Obgleich Paulus mit seinem Gefolge bereits in Jerusalem ist (V16), werden er und seine Begleiter in V 17 nochmals dorthin befördert. In V 17 begrüßt die Gemeinde (die Brüder) Paulus, während laut V 22 die Mitglieder der Gemeinde hören werden, dass Paulus in der Stadt weilt. Wenn V 22 auf Tradition zurückgeht, lässt sich V17 nur als Redaktion verstehen. Lukas will das gute Verhältnis der Jerusalemer Gemeinde zu Paulus aufzeigen. Dabei unterläuft ihm die Ungeschicklichkeit, dass er alle Brüder den Paulus begrüßen lässt, obwohl die meisten der Brüder von Paulus Ankunft in der Stadt erst hören werden (86f).

Die Präsenz von unzähligen christlichen Zeloten des Gesetzes in Jerusalem (21,20b.26) und die Existenz von Gerüchten, dass Paulus die Juden in der Diaspora den Abfall vom Gesetz lehre, veranlassen Jakobus und die Ältesten, Paulus zu einem demonstrativen Akt seiner Gesetzestreue aufzufordern. Er soll sich mit 4 Nasiräern heiligen und die Kosten dafür übernehmen, damit alle erkennen: Paulus erfüllt treu das Gesetz.

Es ist merkwürdig, dass Gerüchte über Paulus Kritik am Gesetz in Jerusalem umliefen. Denn die Apg hatte bisher in ihrer jüdischen Zeichnung des Paulus keinerlei Anlass zu den obigen Gerüchten gegeben. Daraus folgt, dass die Gerüchte Bestandteil der Lukas überkommenen Tradition waren, die Lukas im Sinne seines eigenen Paulusbildes zu korrigieren trachtete (87).

d. Die Apg 21 zugrundeliegende Quelle

Paulus reiste mit Begleitern von Milet über Cäsarea nach Jerusalem. In Cäsarea erhielt er gastliche Aufnahme beim Hellenisten Philippus und in Jerusalem beim Hellenisten Mnason. In der Jerusalemer Gemeinde, die gesetzestreu lebt und der Jakobus vorsteht, ist seine Person umstritten, denn Gerüchte kursieren, dass Paulus antinomistisch sei und sich gegen die Beschneidung von jüdischen Knaben ausspreche. Paulus tritt dem durch die Übernahme der Auslösung von vier Nasiräern entgegen. Mit Paulus Anwesenheit im Tempel, in den er sich zwecks eigener Entsühnung begeben hatte, endet die Quelle (91f).

Der in V 21 ausgesprochene Vorwurf gegen Paulus dürfte historisch sein und gibt zutreffend die Vorbehalte Jerusalemer Christen gegen Paulus wieder. Jedenfalls hatte er einen Anhalt an dem, was in pln Gemeinden vor sich ging. Zwar predigte Paulus in Übereinstimmung mit den Absprachen auf dem Konzil vornehmlich den Heiden das Evangelium. Doch verlangte er von geborenen Juden im Verkehr mit Heidenchristen die Nichtbeachtung von Speisegesetzen und lehrte in seinen Briefen mehrfach die Indifferenz des Gesetzes gegenüber der neuen Schöpfung in Christus (1 Kor 7,19; Gal 6,15). Da konnte es nicht ausbleiben, dass geborene Juden in der Folge einer solchen Praxis dem Gesetz entfremdet wurden und ihre Kinder nicht mehr beschnitten (93).

e. Die Ablehnung der Kollekte

Für Paulus hatte die Kollekte ekklesiologische Bedeutung. In und mit ihr wird die Einheit der aus Juden und Heiden bestehenden Kirche dokumentiert. Ein Scheitern der Kollekte würde nach pln Verständnis die theologische Existenz der Heidenchristenheit gefährden. Es nimmt daher kein Wunder, dass der pln Opposition daran gelegen war, die Kollekte zu Fall zu bringen. Indizien für ein Gelingen dieser Absicht sind vorhanden: so kam die Sammlung in Korinth teilweise und in Galatien völlig zum Erliegen. In Korinth setzte sich Paulus schließlich durch, während er die galatischen Gemeinden samt Kollekte verloren haben dürfte (94).

Paulus schreibt Röm 15,30f: „Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, mir im Gebet vor Gott bitten zu helfen für mich, dass ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa, und dass meine Dienstleistung für Jerusalem von den Heiligen wohl aufgenommen werde“. Paulus sieht sich angesichts der ungläubigen Juden nicht nur der Lebensgefahr ausgesetzt, sondern er hält sogar die Annahme der Kollekte durch die Jerusalemer Gemeinde für bedroht. Kurz vor seiner Vollendung ist die Gefahr einer Empfangsverweigerung durch die Jerusalemer derart akut, dass Paulus eine völlig unbeteiligte Gemeinde mit stärksten Worten dazu aufrufen muss, in ihrem Gebet um eine wohlwollende Annahme der Kollekte, besorgt zu sein. Paulus selbst fährt nach Jerusalem, um die Annahme der Kollekte sicherzustellen (95).

Lukas meidet in Apg 21 absichtlich das Kollektenthema, weil die von ihm benutzte Quelle von ihrer Ablehnung berichtete. Denn wenn die Quelle von ihrer Annahme berichtet hätte, würde Lukas diese Nachricht an dieser Stelle aufgenommen haben, kommt es ihm doch gerade darauf an (21,17), das gute Verhältnis zwischen Paulus und der Jerusalemer Gemeinde aufzuzeigen. Stattdessen vorverlegt er das Kollektenthema und bringt es in Apg 11,27ff, wo er eine Modellreise konstruiert und Barnabas und Paulus eine Kollekte nach Jerusalem bringen lässt. Selbst dort wird nicht von einer Annahme der Sammlung berichtet (96f)!

Zur Zeit der letzten Jerusalemreise des Paulus stand die christliche Gemeinde Jerusalems vollständig innerhalb des Judentums und hätte eine Abrogation des Gesetzes nicht hingenommen. Ihre passive Haltung bei der Festnahme des Paulus und ihre Zurückweisung der von Paulus überbrachten Kollekte sind Ausdruck dafür, dass das auf dem Konzil geschlossene Abkommen zwischen der Jerusalemer Gemeinde und Paulus als nicht länger gültig angesehen worden war. Der Grund dafür dürfte in dem Apg 21,21 beschriebenen Gerücht bündig zusammengefasst sein: die pln Predigt zerstöre das Judentum. Andererseits drückt sich in der obigen Haltung der Jerusalemer Gemeinde ihre Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk aus.

Die Jerusalemer nahmen spätestens seit dem Konzil in überwiegendem Maße eine antipln Haltung ein. Die Ablehnung der Kollekte besiegelte die Paulusfeindschaft der Jerusalemer (97f).

f. Zusammenfassung

Die galatischen Gegner sind zu den auf dem Konzil anwesenden falschen Brüdern zu rechnen, während die nach Korinth gekommenen Prediger eher eine Mittelposition in Jerusalem eingenommen haben dürften und Kephas verehrten. Bei den galatischen Gegnern scheint es sich um eine Gegenmission in den pln Gemeinden Galatiens zu handeln, die nur daran interessiert war, die unzureichende Verkündigung des Paulus zu korrigieren (162f).

Die Theologie der Gegner kristallisiert sich bei sämtlichen Antipaulianern im erbitterten Widerstand gegen Paulus und seinen Anspruch auf apostolische Autorität. Die apostolische Autorität bedeutete für Paulus zweierlei: Einerseits ermächtigte sie ihn zur gesetzesfreien Heidenmission, andererseits stellte sie ihn mit den Jerusalemer Aposteln auf eine Stufe. Die galatischen Gegner bezweifelten beides, die korinthischen Antipaulianer letzteres (163f).

Zwischen Konzils- und Kollektenbesuch hatte sich in der Jerusalemer Gemeinde eine Veränderung in der Leitung vollzogen. Ihre Folge war eine größere Einflussnahme der falschen Brüder auf die Geschicke der Gemeinde. Die ohnehin in Jerusalem umstrittene Gestalt des Paulus geriet so in ein noch größeres Zwielicht, so dass in der Folgezeit der Antipaulinismus obsiegte und die Kollekte nicht mehr angenommen wurde. Theologisch schlug sich der antipln Widerstand in Jerusalem in der Behauptung nieder, Paulus Verkündigung und Praxis veranlasse die Juden der Diaspora, ihre Identität als Juden aufzugeben (164).

Die galatischen Gegner konnten trotz ihrer offensichtlichen Nichtbeachtung des Jerusalemer Abkommens zumindest mit der Neutralität der Jerusalemer rechnen. Sie zweifelten das Apostelamt des Paulus grundsätzlich an. Dieses von Paulus im Sinne einer Gleichberechtigung mit den Jerusalemer Aposteln aufgefasste Amt konnten sie nur für eine Anmaßung halten, da für sie die Kirche an Jerusalem gebunden war.

Die Auseinandersetzungen in Korinth sind nicht so sehr Kämpfe um die Judaisierung der Heidenchristen, sondern um die Autorität des Paulus im Verhältnis zu den Jerusalemern. Es geht um den Primat von bestimmten Personen und um den Primat des Ortes. Offensichtlich hatten Kephas und seine Anhänger den pln Anspruch auf Ebenbürtigkeit während des Konzils nicht genügend zur Kenntnis genommen, bzw. Paulus hatte keinen Wert auf die Hervorhebung von theologischen Differenzen gelegt.

Eine antipln Einstellung wurde seit der korinthischen und der galatischen Krise Anfang der fünfziger Jahre sowohl von den liberalen als auch von den konservativen Judenchristen Jerusalems geteilt (165).