2. Paulus Antwort auf den Zwischenfall in Antiochien: Der Epheserbrief

Der neue Tempel Gottes aus Juden- und Heidenchristen (Eph 2,21)

J.Wehnert: Eph 2,11-22 stellt die durch das Christusgeschehen aufgehobene Trennung zwischen Heiden und Juden und ihre Zusammenfügung in der einen Kirche als den neuen Tempel Gottes dar. Die Gegenwart der Heiden(christen) und Juden(christen) ist dadurch bestimmt, dass beide durch Christi Selbstopfer in einem Geist Zugang zum Vater haben (2,18), also in derselben Nähe zu Gott stehen, die früher allein Israel vorbehalten war. Den „Heiligen“ standen die Heiden als „Fremdlinge und Beisassen“ gegenüber. Jetzt sind sie deren Mitbürger und wie jene „Hausgenossen Gottes“. Heiden- und Judenchristen verhalten sich nicht mehr wie „Fremdlinge“ und „Heilige“ zueinander, so dass die Nähe zu Gott im Vergleich zu der der Juden nur eine mittelbare wäre, sondern beide Gruppen bilden gemeinsam den Tempel Gottes (2,21f) (247f).

2.1 Einleitung

H. Stadelmann

Der Abfassungsort des Epheserbriefes (sowie des Kolosser- und Philemonbriefes)

Vieles spricht dafür, dass Paulus diese Briefe aus der Gefangenschaft in Cäsarea (ca. 57-59 n.Chr.) geschrieben hat, über die uns die Apostelgeschichte ausführlich berichtet: Apg 24-26. Paulus war vor seiner Gefangennahme anlässlich einer Geldsammlung nach Jerusalem gereist (2Kor 8-9). Die Leute, die ihn auf dieser letzten Jerusalemreise begleitet hatten (Apg 20,4-6: Aristarchus, Timotheus, Tychikus, Lukas = “wir“), sind jetzt in der Gefangenschaft bei dem Apostel: Timotheus (Kol 1,1; Phlm 1), Tychikus (Eph 6,21; Kol 4,7), Aristarchus (Kol 4,10; Phlm 24) und Lukas (Kol 4,10; Phlm 24). In Cäsarea sind diese noch bei ihm. Auf der Reise nach Rom begleiten Paulus nur noch Aristarchus und Lukas (Apg 27,2) (14f).

Paulus war gefangengenommen worden, weil er angeblich Heiden bis jenseits der 'Scheidewand' in den Tempel gebracht hatte. Im Epheserbrief schreibt Paulus, dass die 'Scheidewand' in Christus abgetan (Eph 2,14) und die Feindschaft zwischen Juden und Heiden (Eph 2,14.16; Kol 1,21) in Christus aufgehoben ist (Eph 2,15.17). In ihm haben beide ein neues Bürgerrecht (Eph 2,19; 3,6) (16).

Die Empfänger des Epheserbriefes (sowie des Kolosser- und Philemonbriefes)

In Eph 1,1 steht im Luthertext: “Paulus, ein Apostel Jesu Christi..., den Heiligen in Ephesus“. Mit den beiden Wörtchen “in Ephesus“ gibt es Probleme: Unsere ältesten griechischen Handschriften, der Papyrus 46 (ca. 200 n.Chr.), der Kodex Sinaiticus und der Kodex Vaticanus (4. Jh. n.Chr.), haben die beiden Worte “in Ephesus“ nicht. Dort heißt es: “Paulus..., den Heiligen, die auch gläubig sind an Christum Jesum“.

Der Inhalt des Briefes macht nicht den Eindruck, als sei er an eine Gemeinde geschrieben, mit der der Apostel eng verbunden war. Er enthält keine persönlichen Erinnerungen, keine Anspielungen auf die örtliche Situation, sondern Ausführungen über die Universalgemeinde, keine persönlichen Grüße an Gemeindeglieder am Schluss, kein Gefährte des Apostels lässt die Gemeinde grüßen, und der Schlusssegen (6,23f) erfolgt nicht als direkte Anrede, sondern in allgemeiner Form. Stellen wie Eph 1,15; 3,2; 4,21 lassen die Frage aufkommen, ob alle Empfänger Paulus persönlich kennen. Der Epheserbrief ist der unpersönlichste aller Paulusbriefe. Diese Tatsachen lassen sich am besten durch die Annahme erklären, dass der Epheserbrief ein Rundschreiben war, das sich an die Gemeinden in der Provinz Asia richtete. Haupt- und Hafenstadt dieser Provinz war Ephesus. Tychikus war wahrscheinlich mit dem Schiff nach Ephesus gekommen und hatte dort seine Rundreise angetreten. (Vielleicht ging er den gleichen Rundweg wie der Bote, der die Sendschreiben der Johannesoffenbarung zu den Gemeinden brachte: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia, Laodizea).

Da der Rundbrief am Ende der Rundreise in Ephesus aufbewahrt wurde, bezeichnete man ihn seit frühester Zeit als Epheserbrief. Die Rundbrieftheorie erklärt den unpersönlichen und lehrhaften Charakter des Briefes sowie das Fehlen der beiden Worte “in Ephesus“ (Eph 1,1) in den frühesten Manuskripten (17f).

Paulus denkt bei den Lesern seines (Rund-)Briefes in erster Linie an Heidenchristen (Eph 2,11f). Das entspricht seiner Berufung als Heidenmissionar (3,1). Er setzt aber zugleich Kenntnisse des AT bei seinen Lesern voraus, wenn er im Eph atl Schriftzitate interpretiert. Dies zeigt, dass er unter den Briefempfängern auch mit judenchristlichen und mit dem AT vertrauten Lesern rechnet.

Ephesus war die Hauptstadt der Provinz Asia. Diese Stadt mit etwa 300.000 Einwohnern war durch den Hafen ein bedeutendes Handelszentrum, von dem Straßen in die ganze Provinz führten. Zugleich war sie ein wichtiges, religiöses Zentrum. Der Tempel der Artemis (lat. Diana) in der Stadt gehörte zu den sieben Weltwundern der Antike (vgl. Apg 19,24) (18f).