2.2 Die Gemeinde Gottes – eine eigene Größe neben Juden und Griechen

A. Lindemann (2001): Jesus war Jude und auch diejenigen, die ihm nachfolgten, hatten nicht die Absicht, das Judentum zu verlassen.

Der Glaube an die Auferweckung des gekreuzigten Jesus durch Gott bedeutete nicht unmittelbar die Entstehung eines Christentums und dessen Trennung vom übrigen Judentum, da die Glaubenden sich unverändert als Teil des Volkes Israel sahen. Nach Apg 2,46; 3,1 nahmen sie am Tempelgottesdienst teil, sie versammelten sich aber auch zu eigenen Feiern (2,42.46f). Dass der Glaube an die Auferweckung Jesu prinzipielle Auswirkungen auf das Verhältnis zum übrigen Judentum haben konnte, wurde erstmals in der Debatte des Stephanus mit Angehörigen von Jerusalemer Synagogengemeinden sichtbar (Apg 6,8-15). Seine Tempel- und Torakritik führte aber nicht nur zu seinem Märtyrertod (Apg 7), sondern zugleich auch zu einem Bruch innerhalb der Jerusalemer Jesusgruppe: Die (griechisch-sprechende) Gemeinde wurde vertrieben, die toratreuen Jesusgläubigen dagegen brauchten Jerusalem nicht zu verlassen (Apg 8,1) (Kampf gegen die ekklesia 8,1.3) (630).

Der Pharisäer Paulus verfolgte “die Gemeinde Gottes“ (Gal 1,13; 1Kor 15,9); d.h. die torakritische Jesusgruppe war nach wie vor Teil des Judentums, da sonst der Pharisäer Paulus weder ein Interesse an der Verfolgung noch eine Möglichkeit dazu gehabt hätte. Eine Trennung der Gemeinde vom Judentum setzte erst ein, als die Christusverkündigung unter Nichtjuden nicht mit der Verpflichtung auf die Tora, insbesondere das Beschneidungsgebot verbunden war. Der Christ Paulus begreift sich durch seine Berufung als Apostel der Völker (Gal 1,15).

Die von Paulus gegründeten Gemeinden waren nicht Teil des Synagogenverbandes. Die ekklesia war eine eigene Größe neben Juden und Griechen (1Kor 10,32) (631).

Der jüdische Jesus als der Christus der Kirche

Historische Beobachtungen am NT

A. Lindemann (1995): Angehörige der Jesus-Bewegung, Juden wie Jesus selbst, behaupteten bzw. bekannten bald nach Jesu Tod, der am Kreuz Gestorbene sei von Gott auferweckt und erhöht worden. Damit sagen sie, dass Gott die Predigt Jesu gleichsam bestätigt habe. Zugleich sagen sie, dass Gott in diesem Handeln an Jesus sein eigentliches Wesen und seinen Willen geoffenbart habe. Gott wird nun vom Jesus-Geschehen her definiert (34).

Ein Teil der Jesus-Gruppe vertrat eine Lehre und eine Lebenspraxis, die innerhalb des Judentums nicht mehr tolerierbar war. Deshalb wurde der Stephanus-Kreis verfolgt, ihr Führer gesteinigt und der Kreis aus Jerusalem vertrieben. Der Pharisäer Paulus bemühte sich, die ekklesia Gottes zu vernichten (Gal 1,13). Dieses Bemühen setzt voraus, dass die von Paulus verfolgten Jesus-Anhänger bereits eine identifizierbare Gruppe bildeten. Der Eifer des Paulus richtete sich nicht gegen Heiden, sondern gegen an Jesu Auferstehung glaubende griechischsprachige Juden. Diese Juden haben sich wahrscheinlich als ekklesia Gottes verstanden (Gal 1,13; 1Kor 15,9; Apg 8,1) (34f).

Diese Judenchristen verkündigten nicht einen anderen Gott als die anderen Juden, aber sie machten über das Handeln dieses Gottes eine Aussage, die für sie selbst identitätsstiftend war, während die übrigen Juden diese Aussage grundsätzlich verwarfen. Außerdem zogen Angehörige des Stephanus-Kreises aus ihrem Bekenntnis zum Auferweckungshandeln Gottes am Gekreuzigten Folgerungen, die auch den Bereich dessen betrafen, was durch die Tora geregelt wurde: die Unterscheidung zwischen Israel als dem von Gott erwählten Volk und den Völkern, die Gott nicht kennen. Ein Teil des verfolgten Stephanus-Kreises scheint bald auf den Gedanken gekommen zu sein, die Botschaft von Gott und seinem Handeln am gekreuzigten Jesus soll auch bei den Völkern – ohne dass diese ihren Status als von Israel unterschiedene Heiden aufzugeben hätten – Gehör und Glauben finden. Wenn innerhalb der ekklesia Gottes die fundamentale Unterscheidung zwischen Israel und den Völkern, zwischen Juden und Heiden, nicht mehr anerkannt wurde, dann hatte sich diese ekklesia selbst aus Israel ausgeschlossen (35f).

Die Verkündigung der Auferweckung des gekreuzigten Jesus durch Gott wendet sich spätestens seit der Entstehung der antiochenischen Gemeinde nicht mehr nur an Juden, sondern auch an Nichtjuden. Die Aussage in 1Thess 1,9f enthält keinen christologischen Hoheitstitel, d.h. die Christologie ist noch eine Funktion der Theologie, denn die Worte “sein Sohn“ und “der uns rettet“ sind Aussagen über Jesu Beziehung zu Gott (und zu uns), keine Titel im eigentlichen Sinne. Nichts lässt erkennen, dass die von Paulus angeredeten Mitglieder der ekklesia thessalonika in irgendeiner Weise der Synagoge zugeordnet gewesen wären (39f).

Möglicherweise wurde die Selbstbezeichnung ekklesia Gottes zunächst nur von dem griechisch-sprechenden Stephanus-Kreis verwendet. Die semitisch-sprechende judenchristliche Gruppe um die Zwölf bzw. später um Jakobus besaß zumindest in Jerusalem noch während eines längeren Zeitraums keine eigene feste Organisationsform und Selbstbezeichnung (40f).

Jesu Sterben “für uns“ bzw. “für Gottlose“, “für Sünder“ (Röm 5,6.8.u.ö.) geschah für alle Menschen, Juden wie Heiden. Dem entspricht es, dass für Paulus auch die Heidenmission nicht ein kirchengeschichtlich sekundäres Ereignis ist, sondern immer schon dem Willen Gottes entsprach (Röm 3,29). In Christus ist die Unterscheidung von Jude und Grieche aufgehoben (Gal 3,28; 1Kor 12,13) (44).

Die Juden und Christen voneinander trennende Christologie beginnt mit dem Satz: “Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“, einem Satz, der von Anfang an nicht die Wiederbelebung eines Verstorbenen meint, sondern die Erhöhung zum Herrn. Dieses Bekenntnis trennt Christen und Juden. Jüdischer Glaube kann diesen Satz um der eigenen Identität willen nicht akzeptieren. Christlicher Glaube kann aus demselben Grunde nicht auf ihn verzichten (49).