2.3 Messianische Juden- und Heidenchristen - Einheit in Verschiedenheit (Eph 2,11-22)

G. Sellin

Die Fernen werden Nahe (2,11-13)

(11) “Deshalb erinnert euch, dass ihr, einst die Heiden im Fleisch, die ihr Vorhaut genannt wurdet von der sogenannten Beschneidung, die am Fleisch mit Händen gemacht wird,

(12) dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart,

ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels

und fremd den Vermächtnissen der Verheißung.

(13) Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, zu Nahen geworden im Blut Christi“.

2,11: Während der vorchristliche Zustand der Adressaten in 2,1ff in moralischen Kategorien beschrieben wurde (Wandel in Verfehlungen), wird er nun in Beziehung zum Volk Israel aus jüdischer Perspektive charakterisiert: “Heiden im Fleisch“, “Unbeschnittenheit“, “getrennt vom Bürgerrecht Israels“, “nicht beteiligt an den Bundesschlüssen mit ihren Verheißungen“, “ohne Hoffnung und ohne Gott“. Mit der Wendung: “Heiden im Fleisch“, "Beschneidung am Fleisch“ werden Unbeschnittenheit und Beschnittenheit als Kategorien auf der Ebene des “Fleisches“ (als körperliche Kennzeichen) eingestuft. Die Heiden werden von den Juden “Vorhaut“ genannt. Die Beschneidung wird als “sog. Beschneidung“ qualifiziert. Sie wird durch das Adjektiv “mit Händen gemacht“ als eine nur äußerliche Handlung bezeichnet. Das wird verdeutlicht durch den Zusatz “am Fleisch“. Nach Röm 2,28f wird die “fleischliche Beschneidung“ durch die “geistliche Beschneidung des Herzens“ überboten. “Die Beschneidung“ ist eine Bezeichnung für Juden (193f).

2,12: Solange die Heiden noch keine Christen waren, hatten sie keinen Anteil an den Vorzügen Israels: am Bürgerrecht, an den Verheißungen, am Gottesglauben. Israel bleibt durch die Bundesschlüsse ausgezeichnet. Das Neue besteht darin, dass nun die Völker mit in diesen Kreis der Bevorzugten hineingenommen sind und jetzt ebenfalls als Adressaten der Verheißung gelten. Israel wird nichts genommen oder abgesprochen (199).

2,13: Dem “einst“ tritt ein “jetzt aber“ gegenüber. Die einst fern Gewesenen wurden in Christus Jesus zu Nahen. Die Heiden sind nun den Vorzügen, die bis dahin Israel allein hatte, genauso nahe wie die, die schon immer die “Nahen“ waren; sie sind “zu Nahen geworden“. Die Heiden sind jetzt Mitglieder des Christusleibes durch Christus, den Heilsmittler Gottes (200f).

“Er ist unser Friede“ (2,14-18)

(14) "Denn Er ist unser Friede,

der die beiden zu einem gemacht hat,

und die Trennwand des Zaunes beseitigt hat,

die Feindschaft, in seinem Fleisch,

(15) (der) das Gesetz der Gebote mit ihren Anordnungen vernichtet hat, damit er die zwei in sich zu einem neuen Menschen schaffe, indem er Frieden macht,

(16) und versöhne die beiden in einem Leibe mit Gott durch das Kreuz, (der) die Feindschaft getötet hat – in sich.

(17) Und als er kam, verkündete er Frieden euch, den Fernen, und Frieden den Nahen.

(18) Denn durch ihn haben wir den Zugang, beide in einem Geist, zum Vater".

Die Aussage “der gemacht hat die beiden zu einem“ spricht von der Vereinigung von Juden (Israel: 2,12) und Heiden (2,11). Neben Frieden (2,14.15.17) und Feindschaft (2,14.16) prägt der Gegensatz von Zweiheit (die beiden: 2,14.16.18, die zwei: 2,15) und Einheit (zu einem: 2,14.15.16.18) den Abschnitt (210f).


E. Faust: Das Ritualgesetz als Trennmauer und Feindschaftsprinzip

Christus stiftet Frieden: Dieses Motto erläutern drei Aussagen (2,14b-15a). Die erste: “der die beiden zu einem gemacht hat“ schließt direkt an die positive Friedensaussage an; logisch geht dieser Einigung der beiden Teile die Destruktion des Trennenden voran: “und der die Trennwand des Zaunes abgebrochen hat, der die Feindschaft in seinem Fleisch nämlich das in (rituellen) Vorschriften manifeste Gebotegesetz beseitigt hat“.

Die Vernichtung der trennenden Zwischenwand wird als Beseitigung der Feindschaft in seinem Fleisch gedeutet, die wiederum mit dem Gebotegesetz identisch ist. Nach der Vernichtung des Trennenden, schließt ein zweiteiliger Finalsatz (damit... 2,15b-16) das positive Ziel der Einigung an.

Die Formulierungen für das Trennende zwischen beiden Menschengruppen: “die Trennwand des Zaunes – die Feindschaft – das Gesetz der Gebote in Satzungen (dogmata)“ führen in den Erfahrungsbereich des hellenistischen Diasporajudentums, wo man das Ritualgesetz als Trennmauer gegenüber der heidnischen Umgebung und als Anlass zur Feindschaft erfahren konnte (116f).

In Kol 2,16.21f geht es um asketische Ritualvorschriften der Tora. In apokalyptischen Texten beobachten die anklagenden Engelmächte vom Himmel aus die menschlichen Übertretungen der Toravorschriften und halten sie auf ihrem Manuskript fest. Die Rede von der “Schuldhandschrift mit den Satzungen, die gegen uns war“ (Kol 2,14), muss vor diesem Hintergrund meinen, dass diese Urkunde die Verordnungen im Sinne der rituellen Toravorschriften zum Maßstab hat, nach dem die Übertretungen notiert werden, dass sie also gerade auf Grund dieser Vorschriften “gegen uns“ war (117).

Auf Grund der engen literarischen Beziehungen zwischen dem Kol und dem Eph muss dieser Sprachgebrauch als Vorgabe für Eph 2,15a angesehen werden. Die Umschreibung des vom Heidentum trennenden Ritualgesetzes durch die Trennmauer und den Zaun (Eph 2,14) lässt sich so nur im hellenistischen Judentum nachweisen (ep.Arist.; Philo): Der Gesetzgeber umzäunte die Juden im Interesse des rechten Kultes “mit einer undurchdringlichen Verschanzung und mit eisernen Mauern, damit wir mit keinem der anderen Völker irgend eine Gemeinschaft pflegten, rein an Körper und Seele, frei von törichtem Glauben, den einen und mächtigen Gott über alle Kreatur verehrend“ (118).

Konnten hellenistische Juden das Gesetz einerseits im identitätsstiftenden Sinn einer schützenden, abzäunenden Trennmauer erfahren, so verband sich damit als Kehrseite die schmerzhafte Wahrnehmung eigener Isolation und Anfeindung (Eph 2,14b.16; Ester 3,8f; 3Makk 3,4) (120).


G. Sellin: Auf christlicher Seite ist die “Trennmauer, der Zaun“ das, was einer Vereinigung aller Menschen unter dem Frieden Gottes im Wege steht. Wahrscheinlich haben die Hellenisten des Stephanus-Kreises auf Grund der im Diasporajudentum schon verbreiteten Entschränkungsideen die Beschneidung (und damit die Observanz der geschriebenen Tora) als Kriterium ihrer Religion aufgegeben, woraus sich dann bald das von Paulus mitgestaltete antiochichenische Verständnis von einheitlicher Gemeinde entwickelte. In Christus sind diese bis dahin trennenden Unterschiede belanglos geworden; in ihm ist die (neue) Einheit hergestellt (Gal 3,28: “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“) (214).

Gal 3,26-28 scheint die unmittelbare Begründung der antiochenischen Gemeindepraxis gewesen zu sein, die erst seit dem antiochenischen Zwischenfall in Frage gestellt wurde, was zum Bruch des Paulus mit dieser Gemeinde führte (Gal 2,11-14).

2,15: (A 146). “Einen neuen Menschen schaffen“ entspricht der “neuen Schöpfung“ (2Kor 5,17; Gal 6,15). Der “neue Mensch“ kann sowohl individuelles Beispiel wie Gattung sein. Inhaltlich geht es um die Transformation einer Zweiheit in eine neue Einheit (219f).

In 2,16 geht es um die Versöhnung beider (Juden und Heiden) mit Gott. Christus selbst gilt als Subjekt und Initiator dieser Versöhnung (in 2Kor 5,18ff ist Gott Subjekt und Christus das Mittel der Versöhnung). Dadurch dass Christus der Friedensstifter zwischen “den beiden“ ist, indem er sie zu einer neuen Einheit machte und damit die Trennmauer und Feindschaft beseitigte, bewirkt er, dass beide in einer einheitlichen Heilskörperschaft mit Gott versöhnt werden. “Beide“ , Heiden und Juden bedürfen der Versöhnung mit Gott (Röm 5,8-11). In 2,17 wird deutlich, dass die Botschaft des Friedens den “Fernen“ und den “Nahen“ gilt (223).

Mit dem “nachdem er gekommen war“ ist nicht an das Auftreten des irdischen Jesus, sondern an sein Kommen im (nachösterlichen) Kerygma gedacht. Der Gekreuzigte und Auferweckte ist das Subjekt der Friedensverkündigung (227).

“Durch Christus haben beide (Juden und Heiden) Zugang zum Vater in einem Geist“.

Das Haus für alle (2,19-22)

(19) "So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Beisassen,

sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes,

(20) aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei sein Eckstein Christus Jesus selbst ist,

(21) in dem das ganze zusammengefügte Gebäude wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn,

(22) in welchem auch ihr aufgebaut werdet zu einer Wohnung Gottes im Geist".

2,19: Das Außenseiterdasein (2,12: ausgeschlossen, fremd) wird für beendet erklärt (“nicht mehr Fremde und Beisassen“). Im Gegensatz zu den “Fremden“ sind die paroiki dauernd Ansässige ohne vollständige Bürgerrechte (Bürger 2. Klasse). Die Heiden sind jetzt vom vollen Bürgerrecht nicht mehr ausgeschlossen, “sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (231).

Die Heiligen sind bei Paulus die Angehörigen der Jerusalemer Urgemeinde (Röm 15,25f.31; 1Kor 16,1; 14,33; 2Kor 8,4; 9,1.12). Die eingebürgerten Heiden sind ebenfalls Heilige wie die Judenchristen (1,1). Die Bestimmung: “Hausgenossen Gottes“ enthält (wie in 2,14-18) eine doppelte Aussage: die soziale von der Vereinigung der ehemaligen Heiden mit den “Heiligen“ (Mitbürger der Heiligen) und die theologische von der nahen Gottesbeziehung (entsprechend der Versöhnung mit Gott 2,16) (233).

2,20: “aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei sein Eckstein Christus Jesus selbst ist“. Bei dem Stein handelt es sich um den für das Fundament zuerst gelegten Eckstein, der Richtung und Winkel des ganzen Gebäudes festlegt. Mit diesem Bild wird Christus als normierende Größe des Fundamentes bestimmt. Nur bei dieser Interpretation ist die Aussage vom “Wachsen“ des Gebäudes “zum heiligen Tempel“ sinnvoll (die Bedeutung des Steins als Schlussstein ist dagegen nicht sinnvoll) (238f).

2,21: Die Kirche ist – “in dem das ganze zusammengefügte Gebäude zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst“ – ein lebendiger Prozess mit einer geschichtlichen Entwicklung in die Zukunft. Diese Entwicklung ist “in Christus“ festgelegt. Das Ziel des Prozesse ist: “zu einem heiligen Tempel im Herrn“. Insofern die Kirche “im Herrn“ existiert, “wächst“ sie zu einem “heiligen Tempel“ (241f).

Das Bild von der Gemeinschaft als Bau / Tempel ist traditionell geprägt (1Kor 6,19f; 2Kor 6,14ff; 1Ptr 2,4ff). Eph 2,21 ist eine Weiterbildung von 1Kor 3,5ff (235).

2,22: Das Mit-erbaut-Werden ist ein andauernder Vorgang. “Zu einem heiligen Tempel“ entspricht “zu einer Wohnung Gottes“. Der Modus der Anwesenheit Gottes bei dieser in Christus erbauten Gemeinschaft ist der Geist. Der Geist ist sowohl das Instrument der Anwesenheit Gottes, als auch die Sphäre, die der Gottesgeist durch seine Anwesenheit schafft. “Im Geist“ sind die Verheißungen erfüllt (2,12), die jetzt nicht mehr nur Israel, sondern auch den Heiden gelten. Zur Wirkung gekommen ist die geistliche Realität “in Christus“, “durch Christus“ / “im Wirkungsbereich Christi“ (242f).

Übereinstimmungen mit anderen Paulusbriefen:

Gal 3,28: “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“.

1Kor 12,13: “Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie und sind alle mit einem Geist getränkt“.

Gal 5,6: “Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“.

Gal 6,15: “Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur“.

Röm 3,30: “Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben“.

Röm 12,5: “So sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied“.

2Kor 5,17: “Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“.