2.2 Drei Briefe an die Heiligen von Philippi (Phil)
Paulus und seine Lieblingsgemeinde

a. Die Gründung der Gemeinde in Philippi und der Philipperbrief
b. Der Philipperbrief – eine Briefkomposition

R.Pesch (1985)

a. Die Gründung der Gemeinde in Philippi und der Philipperbrief

Die Mission in Philippi: Lydia, eine Purpurhändlerin, eine Gottesfürchtige, hört Paulus besonders gut zu. Jetzt erfährt sie, dass der Messias Jesus auch ihr, der heidnischen Frau, die Möglichkeit ganz zum Volk Gottes zu gehören, eröffnet hat. Gott schloss ihr das Herz auf. Die heidnische Frau als 'Gottesfürchtige' kennt den Glauben an den einen wahren Gott und dessen Geschichte mit seinem Volk Israel; sie muss nur noch den Glauben an das Evangelium von Jesus Christus hinzugewinnen, den ihr die Predigt des Paulus vermittelt hat. Mit Lydia haben sich auch die Mitglieder ihres Hauses, ihre Familie, Hausangestellte und Sklaven, bekehrt. Das Haus der Lydia wurde durch ihre Einladung an die Missionare, denen sie Quartier gewährte, zum Stützpunkt der Mission in Philippi und zum Versammlungsort der entstehenden Gemeinde (Apg 16,40). Zur Gemeinde gehören neben Lydia und ihrem 'Haus' der Kerkermeister „und alle die Seinen“(16,33). Weitere Gemeindemitglieder sind Epaphroditus (Phil 2,25;  4,18), die beiden Frauen Evodia und Syntyche (4,2) und Klemens (4,3). Die Christen in Philippi sind hauptsächlich Heidenchristen (Phil 3,3) (16f).

Die Ausweisung von Paulus und Silas aus Philippi: Paulus konnte wahrscheinlich nur wenige Wochen in Philippi wirken. Als Paulus und Silas aus der Stadt ausgewiesen wurden, dürfte Timotheus dort geblieben sein und die weitere Festigung der entstehenden Gemeinde betrieben haben. In Philippi hatte Paulus Unbilden und Misshandlung zu erdulden (1Thess 2,2). Die Apostelgeschichte (16,16-40) berichtet von der Einkerkerung und Ausweisung von Paulus und Silas nach der Austreibung eines Wahrsagergeistes aus einer Magd, deren Herren ihr Geschäft geschädigt sahen und Anzeige erstatteten. Die Sklavin hatte Paulus und dessen Begleiter mehrere Tage hindurch dadurch belästigt, dass sie hinter ihnen herlief und schrie. Paulus hatte nach Tagen geduldiger Gelassenheit schließlich aufgebracht reagiert und den Wahrsagegeist ausgetrieben, an der Sklavin einen Exorzismus vollzogen (18).

Die Besitzer der Sklavin ließen Paulus und Silas ergreifen und vor die städtischen Behörden schleppen. Die obersten Beamten, tragen der antijüdischen Volksstimmung Rechnung und lassen Paulus und Silas ohne Verhör und Urteil die Kleider vom Leib reißen und auspeitschen (wobei Paulus viele Wunden (Apg 16,33) zugefügt wurden) und dann ins Gefängnis werfen. In 2Kor 11,23-27 erwähnt Paulus, dass er „häufiger im Gefängnis“ war und „dreimal ausgepeitscht“ wurde. Der Kerkermeister, der die Gefangenen Missionare sicher verwahren soll, bringt sie in die innerste Sicherheitszelle. Zusätzlich sichert er ihre Füße im hölzernen Block. Die Überlieferung erzählt von einem mitternächtlichen 'Türöffnungswunder' und von der Bekehrung des Kerkermeisters, der den nächtlichen Lobgesang der Missionare gehört hatte. Am nächsten Tag kommt es dann zur Freilassung und Ausweisung von Paulus und Silas aus der Stadt. „Vom Gefängnis aus gingen die beiden zu Lydia. Dort fanden sie die Brüder, sprachen ihnen Mut zu und zogen dann weiter“ (Apg 16,40). Der Weg führte sie über Amphipolis und Apollonia nach Thessalonich (19f).

Die weitere Verbindung des Paulus mit der Gemeinde in Philippi: Timotheus war wohl in Philippi zurückgeblieben, um die Gemeinde zu stützen. In Saloniki hat Paulus aus Philippi eine finanzielle Unterstützung erhalten, die ihm die Missionsarbeit dort erleichtern sollte (Phil 4,16). Als Paulus von den Juden in Saloniki aus der Hauptstadt Mazedoniens und danach aus Beröa vertrieben worden war, traf er spätestens in Athen wieder mit Timotheus zusammen, den er von hier aus mit dem ältesten Brief nach Saloniki schickte. Spätestens in Athen ist Paulus also auch von Timotheus über die Entwicklung der Gemeinde in Philippi unterrichtet worden. In Korinth, wo er 1 ½ Jahre bleiben konnte, hat er erneut eine Geldspende aus Philippi erhalten. Wahrscheinlich ist eine Delegation aus Philippi mit Silas und Timotheus, als sie dem Apostel nach Athen nachreisten (Apf 18,5), mitgezogen. Paulus war erneut mit den Philippern in Verbindung. Als Paulus seine Mission nach Ephesus verlegt hatte, musste er von hier aus „drei Jahre lang“ (Apg 20,31) den Kontakt mit seinen europäischen Gemeinden halten. Die im 1Thess vereinigten Schreiben waren schon auf der Gründungsreise in Europa von Athen und Korinth aus geschrieben worden. Dass der Philipperbrief nicht mehr auf der sog. zweiten Missionsreise, die Paulus nach Europa führte, geschrieben ist, geht daraus hervor, dass nur noch Timotheus, nicht mehr Silas (der den Apostel nach der Zeit in Korinth nicht mehr begleitete) als Mitabsender genannt ist (20f).

Paulus wurde gegen Ende seiner dreijährigen Wirksamkeit in Ephesus (52-55 n. Chr.) dort ins Gefängnis geworfen. Das 'Quittungsschreiben' und der Brief aus dem Gefängnis anlässlich der Rücksendung des Epaphroditus dürften im Jahr 55 entstanden sein, der Kampfbrief Anfang des Jahres 56 in Korinth. Seit der Gründung der Gemeinde von Philippi waren 5-6 Jahre vergangen. Paulus blickt in 1,5 auf „den ersten Tag“ und in 4,15 auf „den Anfang der Evangeliumsverkündigung“ aus gutem Abstand zurück (58).

b. Der Philipperbrief – eine Briefkomposition

(2) aus dem Gefängnis Phil
Präskript                                                                       1,1-2
 Danksagung                                                                 1,3-11  
 Bericht                                                                          1,12-26  
 Weisung                                                                       1,27  -  2,18  
 Ankündigung                                                               2,19-30  
 Mahnungen/Übergang 3,1   (3) Kampfschreiben
  3,2-21           Auseinandersetzung
  4,1-3 Mahnungen
 Mahnungen 4,4-7  
  4,8-9 Mahnungen; Zwischenschluss
  4,10-18 (1) Empfangsbestätigung/Spende
  4,19-20 Schluss
 Schlussgrüße                                                                4,21-22  
 Schlusssegenswunsch                                                4,23  

Der Brief aus dem Gefängnis anlässlich der Rücksendung des Epaphroditus – das Präskript (1,1f): Paulus nennt neben sich Timotheus (der schon bei der Gemeindegründung mit in Philippi war und dort vermutlich länger bleiben konnte als Paulus und Silas) als Mitabsender. Das bedeutet: Timotheus ist beim gefangenen Paulus. Im Frühjahr 49 n.Chr. war Paulus in Philippi und 50/51 in Korinth, zwischen 52 und 55 n.Chr. hat er sich in Ephesus aufgehalten. In der ersten Zeit seines Aufenthalts dort schickte er Timotheus nach Korinth (1Kor 4,17). Vor seinem Aufbruch von Ephesus nach Troas und Mazedonien (2Kor 2,12f) sandte Paulus „zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien voraus“ (Apg. 19,22). Paulus hat Timotheus und Erastus (Mitabsender des 2Kor) in Mazedonien wiedergetroffen (2Kor 7,5). Im Philipperbrief (2,19-23) stellt Paulus eine baldige Sendung des Timotheus nach Philippi in Aussicht, doch erwartet der Apostel seinen Mitarbeiter in Ephesus zurück, weil er erfahren möchte, wie es um die Gemeinde in Philippi steht. Paulus muss gegen Ende seines Aufenthalts in Ephesus im Kerker gewesen sein. Dazu passt auch sein Hinweis im aus Mazedonien geschriebenen 2Kor 1,8-10 auf die in der Hauptstadt der Provinz Asia überstandene Todesgefahr. Paulus stellt sich und Timotheus als „Knechte Christi Jesu“ (Phil 1,1) vor. Zum ersten und einzigen Mal in seinen Briefen nennt Paulus eine besondere Gruppe von Gemeindeleitern im Präskript: die Episkopen und Diakone. Dass in Philippi diejenigen, die im Leitungsdienst der Gemeinde stehen schon Titel tragen, setzt voraus, dass die Lieblingsgemeinde des Paulus eine kontinuierliche Entwicklung ihrer Festigung seit der Gemeindegründung durchlaufen hat (76f).