3.2 Ein durch Feindschaft verzerrtes Bild der Juden

Antijudaismus im Neuen Testament

G. Lüdemann

(1) Erster Thessalonicher Brief (1Thess 2,14-16)

Die ungläubigen Juden, die Paulus an der Predigt zu den Heiden hindern, sind dem Zorngericht Gottes verfallen. Im Röm 11 schreibt Paulus, dass am Ende der Zeiten ganz Israel gerettet werden wird. Der Grund dafür ist ein erneutes Nachdenken über das Heilshandeln Gottes an Israel angesichts der Erfahrung des faktischen Scheiterns der Judenmission. Es sieht so aus, dass Paulus mit seiner Voraussage der Rettung von ganz Israel in Röm 11 seine antijüd. Entgleisung von 1Thess aufheben will. So hinterlässt Paulus als Vermächtnis einen bleibenden Hinweis auf die Verwurzelung der Kirche in Israel (82f).

(2) Das Markusevangelium

a. Die bösen Weingärtner (Mk 12,1-12)

Der Text ist eine Allegorie, die an das Lied vom Weinberg in Jes 5,1-7 anknüpft. Der Weinberg versinnbildlicht Israel, die Weingärtner sind seine Führer der Grundbesitzer ist Gott, die Knechte sind die Propheten, der Sohn ist Christus, die Bestrafung der Weingärtner steht für die Verwerfung Israels, 'die anderen' zielt auf die Heidenkirche. Das Fazit lautet: Weil die jüd. Oberen Jesus ermordet haben, werden sie selbst getötet, und Israel wird den Heiden gegeben (84f).

Mt 21,33-46: Matthäus übernimmt alle antijüd. Aussagen des Mk; er spitzt sie noch zu, indem er die explizite Übergabe des Weinbergs an die Heiden hervorhebt und Israel jegliche Verheißung abspricht. Die Kirche tritt sein Erbe als auserwähltes Volk an, sofern sie Jesu Gebote hält (86).

Lk 20,9-19: Auch Lukas intensiviert die antijüd. Auslegung und verdeutlicht sie christologisch. So wird der Sohn in Entsprechung zur Passionsgeschichte erst aus dem Weinberg hinausgestoßen und dann außerhalb desselben umgebracht (Lk 20,15;  Mt 21,39). Der Schriftbeweis Mk 12,10f wird ergänzt: „Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen“ (Lk 20,18). Diese Drohung zielt auf die Juden (vgl. Apg 4,10f) (86).

Die Synoptiker bemühen sich in zunehmender Weise, den Tod Jesu antijüd. zu interpretieren. Man legte Jesus judenfeindliche Aussagen in den Mund. Wenn der Gottessohn den (ungläubigen) Juden alle Schuld an seinem Tod in die Schuhe geschoben und ihre Strafe vorausgesagt hatte, dann war ein Verdammungsurteil ausgesprochen, wie es effektiver nicht hätte gefällt werden können. Die ungläubigen Juden sind nach der Meinung der Synoptiker von der Gnade Gottes ausgenommen (86f).

b. Die Passionsgeschichte (Mk 14 – 15)

Der Antijudaismus des MkEv erhält eine Fortsetzung in der Passionsgeschichte. Die drei Weissagungen Jesu über sein Leiden gliedern das MkEv. Der Inhalt lautet: Jesus zieht nach Jerusalem, um von den Oberen der Juden zu Tode gebracht zu werden. Die dreifach gemachte und Jesus in den Mund gelegte Aussage findet eine Entsprechung in Mk 3,6: (Nach einer Heilung am Sabbat) „gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat mit den Anhängern des Herodes, wie sie ihn umbringen könnten“. Mk 12,12: (Die jüd. Oberen) „suchten ihn festzunehmen..., denn sie merkten, dass er das Gleichnis gegen sie gesagt hatte“. Der Antijudaismus hat sich in der Passionsgeschichte noch verstärkt: Die Juden, d.h. Hohepriester, Schriftgelehrte, Älteste, Pharisäer und das Volk tragen die alleinige Verantwortung für den Jesu Tod (87f).

Mt 27: Das MkEv hat Matthäus als Vorlage gedient. Er ergänzt:

a) Judas, der Jesus für dreißig Silberlinge verraten hatte, bereute dies, brachte sie den Hohepriestern und Ältesten zurück (Mt 27,4f). Wenn ein Jünger, der Jesus verraten hat, trotz Reue seine Tat nicht mehr gutmachen kann und deswegen sterben muss, ist das im Vergleich mit den Hohepriestern und Ältesten, die ihr Vorgehen nicht einmal bereuen, noch gar nichts (88).

b) Eine römische Frau wird zur Unschuldszeugin, während das jüd. Volk, angestachelt von den Oberen, den Tod Jesu fordert. Die Szene ist eine Erfindung des Mt.

c) Als Pilatus erkennt, dass das jüd. Volk die Kreuzigung Jesu verlangt, nimmt er Wasser, wäscht sich vor dem Volk die Hände und sagt: „Ich bin unschuldig an diesem Blut; seht ihr zu“ (Mt 27,24)! Pilatus bekräftigt das Urteil seiner Frau: Jesus ist als Gerechter unschuldig. Damit wird die Schuld der Juden gesteigert. Die Geste, dass der heidnische Römer einen jüd.-biblischen Entsühnungsritus (das Händewaschen) vollzieht, demonstriert die Absicht des Mt, dem jüd. Volk die Schuld am Tod Jesu in die Schuhe zu schieben.

d) Diese Intention kommt vollends in der sich nur bei Mt findenden Selbstverfluchung des jüd. Volkes zum Ausdruck: “Und alles Volk sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25). Mit diesem Vers verweist Mt zurück auf 23,34-36. Ganz Israel als von Jahwe auserwähltes Volk nimmt die Schuld am Tode für sich und alle Generationen auf seine Schultern. Zwar hat Pilatus den Befehl zur Kreuzigung gegeben, doch trifft Mt zufolge Israel die Schuld am Tod Jesu, womit es seine besondere Erwählung eingebüßt hat (88f).

Lk 23: Lukas folgt der Mk-Vorlage mit bezeichnenden Veränderungen. Lk greift auf Lk 20,20-26 zurück (Die Frage nach der kaiserlichen Steuer). Indem Lk die Verbindung zwischen Lk 23,2 und 20,20-26 herstellt, macht er deutlich, dass die Anklage der jüd. Oberen auf einer Lüge beruht. Denn Jesus hatte ausdrücklich die Zahlung von Steuern bejaht. Das Vorgehen gegen Jesus ist daher in einer üblen Verleumdung begründet, auf die Pilatus nicht hereingefallen ist (Lk 23,4;  23,13-16). An diesen beiden Ergänzungen wird klar, dass Lk die jüd. Elite und das Volk als Einheit sieht. Die Schuld erreicht darin einen Höhepunkt, dass Lk zufolge nicht die Römer, sondern Juden Jesus hingerichtet haben. Lk lässt die Geißelungsszene (Mk 15,16-20) aus, so dass sich an die Übergabe Jesu unmittelbar seine Abführung anschließt: Pilatus übergab Jesus dem Willen der Juden (23,25). Sie führten ihn ab (26)... Sie kreuzigten ihn (33): Daraus ergibt sich: Diejenigen, die Jesu Tod fordern, richten ihn auch hin. In Lk 24,20 erläutern die Emmausjünger dem auferstandenen Jesus, der ihnen in der Gestalt eines Wanderers begegnete, dass die Hohenpriester und Oberen Jesus zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt hätten. In Apg 3,15 wird neben der Elite ausdrücklich auch das Volk belastet. Der Antijudaismus ist gegenüber Mk gesteigert, ebenso die Unschuld des Römers Pilatus (90f).

Jh 18: Das von allen drei Synoptikern erzählte Verhör vor dem Hohen Rat findet sich bei Jh nicht. Jh berichtet nur von einer Verhandlung vor Pilatus (Jh 18,28 – 19,16). Pilatus muss sich mit der Angelegenheit befassen, weil die Juden den Gefangenen Jesus zu ihm bringen. Sie erscheinen einerseits als Ankläger vor dem Richter Pilatus, andererseits verlangen sie vom Statthalter die Ausführung eines von ihnen gefällten rechtsgültigen Urteils, das sie nicht ausgesprochen haben. Pilatus lässt sich nicht auf ein öffentliches Verfahren mit Jesus ein, sondern spricht mit ihm unter vier Augen innerhalb des Prätoriums. Die Juden bleiben draußen und erfahren nur durch Pilatus etwas über den Stand seiner Verhandlung mit dem Angeklagten. Zu dem Zweck muss er ständig zwischen dem Parteien hin und herlaufen, bald in das Prätorium hinein, bald aus dem Prätorium heraus. Das ist ein Kunstgriff, mit dem der Erzähler zwei verschiedene Schauplätze schafft. Dies geschieht auch, um die Juden von Anfang an in das Prozessgeschehen einzubinden. Deswegen lässt Jh eine eigentliche Verhandlung vor dem Hohen Rat nicht stattfinden. Er flickt die Juden in den Bericht vom römischen Prozess ein und steigert so ihre Schuld (91f).

Obwohl die eigentliche Verhandlung vor dem Hohen Rat ausfällt, sind die Juden am Prozess gegen Jesus unmittelbar beteiligt. Sie werden noch mehr belastet,, weil sie Jesus ausgeliefert haben (Jh 18,35) und Jesus dies ausdrücklich als Frevel hinstellt: „Der mich dir (Pilatus) überantwortet hat, der hat größere Sünde“ (Jh 18,11) (92).

Mit der gesteigerten Schuldzuweisung an die Juden erfolgt eine Entlastung des Pilatus. Dieser gibt seiner Überzeugung von der Unschuld Jesu mehrfach Ausdruck (18,38;  19,4.6) und versucht wiederholt, den Gefangenen freizusetzen (18,39;  19,1-5.12)(92).

Die bei Jh wirksame Apologetik gegenüber dem römischen Staat auf Kosten der Juden findet eine weitere Steigerung im Petrusevangelium (Anfang des 2.Jh.s). Hier ist Pilatus ein Freund Josephs von Arimathäa (2,3) und damit indirekt ein Freund Jesu. Anfang des 3.Jh.s zeichnen Tertullian und Origenes den römischen Statthalter als Christen (92).

c. Wer verurteilte Jesus zum Tode?

Da sowohl Mt als auch Lk und wohl auch Jh von dem Bericht des Mk abhängig sind, darf für die Faktenfrage allein die Mk-Erzählung herangezogen werden. Der Mk-Bericht über die Verhandlung und Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat (Mk 14,53-65) ist sekundär. Er entspricht dem Verhör vor Pilatus (Mk 15,1-5.16b-20a). Daraus folgt, dass das Verhör vor dem Hohen Rat auf der Grundlage der Erzählung von dem Verhör vor Pilatus komponiert worden ist und daher als Geschichtsbericht ausfällt. Dann bleibt historisch zurück: a) ein Prozess vor dem römischen Präfekten Pilatus; b) eine politische Verleumdung seitens der Jerusalemer Priesterschaft – diese allein veranlasste Pilatus zum Eingreifen; c) die Kreuzigung Jesu (93).

Heute ist historisch geklärt, dass die Belastung der Juden durch die ntl Evangelien geschichtlich unwahr ist. Sie geht auf ihre apologetische Tendenz zurück, die Römer zu entlasten und die Juden als Feinde hinzustellen (95).

(3) Das Matthäusevangelium

a. Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14)

Die Vv 2-10 sind eine Allegorie der Heilsgeschichte, über die Periode nach Ostern. Der König, Gott, veranstaltet ein Mahl für seinen Sohn, Jesus Christus. Mt verwandelt den Singular Knecht des Lk in einen Plural von Knechten, worunter dann die Apostel verstanden werden. Sie laden die Juden durch ihre Predigt des Evangeliums ein, in das Reich Gottes einzutreten, stoßen aber bei den oberen Schichten auf Gleichgültigkeit. Die erste Gruppe von Knechten (V 3) steht für die Propheten und die Ablehnung ihrer Botschaft, die zweite Gruppe (V 4) bezeichnet die nach Israel (Jerusalem) gesandten Apostel und Missionare und die Misshandlungen und Martyrien (V 6), die einzelne von ihnen erlitten haben. Die Sendung auf die Straßen (Vv 9f) lässt an die Heidenmission denken, der Eintritt in den Hochzeitssaal (V 10b) an die Taufe. Die drastische Aussage von V 7 zeigt eine Steigerung des Antijudaismus: Die mörderischen Juden werden umgebracht und ihre Stadt (Jerusalem) angezündet, wie Mt es im Rückblick auf den Jüdischen Krieg im Jahr 70 n.Chr. schildern kann (97).

b. Die Rede gegen Schriftgelehrte und Pharisäer (Mt 23,1-38)

Die jüd. Führer tun nicht, was sie lehren und suchen nur äußerliche Anerkennung (Vv 2b-7). Sie eignen sich wegen dieses Selbstwiderspruchs nicht als Vorbild. Damit ist der später folgende Hauptvorwurf der Heuchelei vorweggenommen. Sieben Weherufe nageln die Schriftgelehrten und Pharisäer als Heuchler fest (Vv 13-33) (90).

Die Vv 34-36 zielen auf die Gegenwart des Mt. Die christl. Propheten, Weisen und Schriftgelehrten werden das Schicksal der Tötung, Kreuzigung und Geißelung erleiden (Mt 10,17;  22,6) und zwar durch die von Jesus der Heuchelei bezichtigten Pharisäer und Schriftgelehrten. Die Vv 35f zeigen, dass Mt an ein Gericht über ganz Israel denkt. Die Klage über Jerusalem (Vv 37f) setzt die Strafe der Verwüstung Jerusalems (im Jüdischen Krieg) voraus. Die Stadt ist verwüstet und soll in Trümmern liegen bleiben. Dieses Verdammungsurteil wird Jesus in den Mund gelegt (100).

c. Die Auferstehungsgeschichten (Mt 27,62 – 28,20)

Das MtEv enthält eine Grabwächtergeschichte (Mt 27,62-66;  28,11-25). Entgegen besserem Wissen sollen die Soldaten das Gerücht verbreite, die Jünger hätten den Leichnam Jesu gestohlen, während sie selbst schliefen. Einen solchen Leichenraub hatten die jüd. Oberen schon vorher befürchtet (Mt 27,64). Nun, da Jesus auferstanden ist, bestechen sie die Soldaten, diese falsche Kunde zu verbreiten. Sie sind also freche Lügner (100).

Am Ende des MtEv findet sich eine weitere Ostererzählung (28,16-20). Sie ist darin antijüdisch, dass ihr zufolge die christl. Botschaft nicht einmal mehr an Israel ausgerichtet werden soll, während nach Mt 10,5f die Jünger ausschließlich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel und nicht zu den Heiden gesandt waren. Die Zielgruppe des Missionsbefehls (28,19: „Gehet hin und machet zu Jüngeren alle Völker...“), der sich bewusst auf Mt 10,5f zurückbezieht, sind ausschließlich Heiden. An beiden Stellen dürfte 'Völker' (ethne) gleich zu deuten sein. In Mt 10,5f liegt wegen des Gegensatzes zu Israel eindeutig das Verständnis der Völker als Heiden vor. Mt hätte die Juden schwerlich unter dem Begriff Völker einordnen können. Israel als dem von den Pharisäern neu konstituierten Judentum gilt die scharfe Polemik von Mt 23. Der Dialog mit Israel ist endgültig abgerissen (101).

(4) Das lukanische Doppelwerk

a. Der heilsgeschichtliche Gesichtspunkt

Die im LkEv und in der Apg geschilderten Personen beachten die jüd. Sitten: Jesus wird am achten Tag beschnitten (Lk 2,21), hält sich schon als Zwölfjähriger im Tempel auf (Lk 2,46), ebenso wie es die erste Gemeinde praktizieren wird (Lk 24,53;  Apg 2,46;  3,1;  5,42). Auch Paulus beobachtet streng das Gesetz: Er besucht an jedem Sabbat die Synagoge, beschneidet seinen Begleiter Timotheus (Apg 16,3), beteiligt sich an dem jüd. Ritual des Nasiräats (Apg 21,23-26) und ist als Christ darauf stolz, Pharisäer gewesen zu sein (Apg 26,5) (101f).

Das Verhältnis von Kirche und Judentum wird durch eine allmähliche schrittweise Ablösung bestimmt. Die Kirche bleibt nach Tod und Auferweckung Jesu im Verband des Judentums. Ihre Predigt gilt den Juden. So zeigt es die Pfingstgeschichte (Apg 2,1-13), deren Völkerkatalog (2,9-11) sich nicht auf die Heiden, sondern auf Diasporajuden bezieht, die in verschiedenen Ländern außerhalb Palästinas beheimatet sind (102).

Erst die Ablehnung der Verkündigung durch die Juden schafft eine selbstständige, aus Juden und Heiden bestehende Kirche, die sich in der heilsgeschichtlichen Kontinuität mit dem jüd. Gottesvolk verbunden weiß und sich damit als die Wahrerin des eigentlichen Erbes des Judentums versteht. Das lkn Christentum stellt historisch eine Fortentwicklung eines griechischsprachigen Judentums dar (102).

Von dieser heilsgeschichtlich begründeten Sicht ist die Stoßrichtung von Aussagen zu unterscheiden, die unmittelbar auf die Gegenwart zielen. Ihr antijüd. Inhalt wurde an der lkn Fassung der Allegorie von den bösen Weingärtnern und an der Passionsgeschichte deutlich, bei der Lk über Mk hinaus sowohl den Juden die Schuld an der Hinrichtung Jesu in die Schuhe geschoben als auch den Römer Pilatus weiter entlastet hat. Verantwortlich für den Tod Jesu sind die jüd. Oberen und das jüd. Volk (Apg 3,15;  4,10;  7,52;  13,17-29) (102f).

b. Das Gleichnis vom Gastmahl (Lk 14,15-24)

Das Gleichnis stammt aus der Q-Überlieferung, wie die Mt-Parallele (22,1-10) zeigt. Im Kontext des LkEv dient das Gleichnis als Beispielerzählung zu der in Lk 14,12-14 ergangenen Aufforderung, die Ärmsten einzuladen, denn in V 21 erscheint dieselbe Aufzählung wie in V 13 (Arme, Verkrüppelte, Lahme, Blinde). Die außerhalb der Stadt wohnenden Leute V 23 dürften sich auf die Heiden beziehen. In V 24 wird den ursprünglich Eingeladenen (den Juden) der Zugang zum Mahl abgesprochen, weil sie die Einladung nicht annahmen (103).

c. Der Bericht von der Wirksamkeit des Paulus in Rom (Apg 28,17-31)

Der Antijudaismus des Lk zeigt sich in der Apg dort, wo er stereotyp davon berichtet, dass Paulus zwar den Juden das Evangelium verkündigt, diese aber regelmäßig die Botschaft ablehnen und Paulus in der Folge zum reinen Heidenmissionar wird (104).

Den römischen Juden gegenüber gibt sich Paulus als jüd. Patriot: „Um der Hoffnung Israels willen“ trage er die Ketten (V 20). In V 24 liegt das Schwergewicht darauf, dass die pln Predigt unter den Juden Entzweiung bewirkt: „Die einen stimmten dem zu, was Paulus sagte, die anderen aber glaubten nicht“ (ebenso in Apg 17,4;  19,9). Als Fazit der Auseinandersetzung des Paulus mit den Juden bleibt, dass Lk ein Zitat des Propheten Jesaja gebraucht, um zu begründen, dass die Augen der Juden geschlossen sind, damit (!) sie nicht verstehen und sich bekehren (28,26f) (105).

Lk schreibt eine Heilsgeschichte, die von einer allmählichen Loslösung der Kirche von Israel bestimmt ist, bis am Ende der Apg die endgültige Trennung beider angezeigt und die Ehrentitel Israels für die lkn Kirche in Anspruch genommen werden (105).

(5) Das Johannesevangelium

a. Antijudaismus als Bestandteil einer historischen Darstellung des Wirkens Jesu

Die Auseinandersetzung Jesu mit den jüd. Gegnern zieht sich wie ein roter Faden durch das JhEv. Diese Kontroverse findet eine Zuspitzung dort, wo Jesus die Juden als Teufelssöhne bezeichnet (Jh 8,44). Von Anfang an wird die Tötungsabsicht der Juden vom Verfasser des JhEv betont: (5,16.18;  7,1;  8,19.22-24.37-59). Sie setzt sich fort in 10,31-39;  11,45-53;  19,7. Der erbitterte Streit erreicht einen vorläufigen Höhepunkt in 8,37-45. In diesem Text werden die ungläubigen Juden als Teufelskinder bzw. Teufelssöhne bezeichnet. Die ungläubigen Juden werden im Text dämonisiert (106f).

b. Antijudaismus im Rahmen der jhn Theologie

Im jhn Dualismus gilt der Gegensatz Gott und Welt, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, wobei die Juden als Vertreter der Welt die nichtglaubenden Menschen darstellen. Sie gehören zur Finsternis (8,12), zur Lüge (8,44) und zum Tod (8,51). Sie sind aus dieser Welt und stammen 'von unten' (8,23). Sie haben den nicht erkannt, der 'von oben' und 'nicht aus dieser Welt' ist. Deshalb müssen sie in ihren Sünden sterben (8,24). Sie nehmen Anstoß daran, dass Jesus Gott seinen Vater nennt und sich Gott gleichmacht (5,18), dass er behauptet, vor Abraham zu sein (8,58). Damit geben sie zu erkennen, dass ihnen das Woher und Wohin des Offenbarers unbekannt ist (7,33f;  8,14). Sie kennen Gott nicht (5,19-47;  7,28;  15,21;  16,3), sie können ihn nicht kennen, da Gott nur durch den Sohn erkannt wird (8,14.19.42). Weil sie 'nach dem Fleisch' urteilen (8,15), bleiben sie in der Unfreiheit, denn allein der Sohn macht wirklich frei (8,53ff). Kommt auch von den Juden das Heil (4,22), so gilt dies nur in einem vorläufigen Sinn, denn die wahre Anbetung vollzieht sich im Geist und in der Wahrheit (4,23) (107f).

(6) Die Offenbarung des Johannes

a. Der Brief an die Gemeinde von Smyrna (Offb 2,9)

„Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – aber du bist reich und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind es nicht, sondern sind die Synagoge des Satans“ (2,9). Der Verfasser streitet einer anderen Gruppe den Judennamen ab und bezeichnet ihre Mitglieder als Synagoge des Satans. Er beansprucht den Judennamen aber für sich selbst und seine Gemeinde. Die Leugnung, dass Jesus der Messias ist, fasst Johannes als Lästerung auf. Er steht auf dem Standpunkt der christl. Gemeinden ab der zweiten Generation, die allen Juden, die den Glauben an Christus verweigern, die Zugehörigkeit zum Gottesvolk absprechen. Der auferstandene Christus bekämpft mit dem Ausdruck 'Synagoge des Satans' den Anspruch der jüd. Gemeinde, Versammlung (Synagoge) Gottes zu sein (Num 16,3). Wer sich der Herrschaft Jesu Christi und damit Gottes nicht unterstellt, der gibt sich der Herrschaft des dämonischen Widersachers Gottes anheim (108f).

b. Der Brief an die Gemeinde von Philadelphia (Offb 3,9)

„Siehe, ich werde einige aus der Synagoge des Satans schicken, die sagen, sie seien Juden und sind es nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe“ (3,9). Auch hier spricht der auferstandene Christus Juden den Ehrentitel Juden ab.

An zwei Stellen spricht der auferstandene Christus (bzw. Johannes) (ungläubigen) Juden den Judennamen ab, weil sie nicht mit seiner Christologie übereinstimmen bzw. diese angreifen (109).