(2) Ein durch Feindschaft verzerrtes Bild der Juden
Antijudaismus im Neuen Testament

a. 1Thessalonicherbrief (1Thess 2,14-16)
b. Das Markusevangelium
c. Das Matthäusevangelium
d. Das lukanische Doppelwerk
e. Das Johannesevangelium
f. Die Offenbarung des Johannes

G. Lüdemann (1996)

a. 1Thessalonicherbrief (1Thess 2,14-16)

Die ungläubigen Juden, die Paulus an der Predigt zu den Heiden hindern, sind dem Zorngericht Gottes verfallen. Im Röm 11 schreibt Paulus, dass am Ende der Zeiten ganz Israel gerettet werden wird. Der Grund dafür ist ein erneutes Nachdenken über das Heilshandeln Gottes an Israel angesichts der Erfahrung des faktischen Scheiterns der Judenmission. Es sieht so aus, dass Paulus mit seiner Voraussage der Rettung von ganz Israel in Röm 11 seine antijüd. Entgleisung von 1Thess aufheben will. So hinterlässt Paulus als Vermächtnis einen bleibenden Hinweis auf die Verwurzelung der Kirche in Israel (82f).

b. Das Markusevangelium

- Die bösen Weingärtner (Mk 12,1-12)

Der Text ist eine Allegorie, die an das Lied vom Weinberg in Jes 5,1-7 anknüpft. Der Weinberg versinnbildlicht Israel, die Weingärtner sind seine Führer der Grundbesitzer ist Gott, die Knechte sind die Propheten, der Sohn ist Christus, die Bestrafung der Weingärtner steht für die Verwerfung Israels, 'die anderen' zielt auf die Heidenkirche. Das Fazit lautet: Weil die jüd. Oberen Jesus ermordet haben, werden sie selbst getötet, und Israel wird den Heiden gegeben (84f).

Mt 21,33-46: Matthäus übernimmt alle antijüd. Aussagen des Mk; er spitzt sie noch zu, indem er die explizite Übergabe des Weinbergs an die Heiden hervorhebt und Israel jegliche Verheißung abspricht. Die Kirche tritt sein Erbe als auserwähltes Volk an, sofern sie Jesu Gebote hält (86).

Lk 20,9-19: Auch Lukas intensiviert die antijüd. Auslegung und verdeutlicht sie christologisch. So wird der Sohn in Entsprechung zur Passionsgeschichte erst aus dem Weinberg hinausgestoßen und dann außerhalb desselben umgebracht (Lk 20,15;  Mt 21,39). Der Schriftbeweis Mk 12,10f wird ergänzt: „Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen“ (Lk 20,18). Diese Drohung zielt auf die Juden (vgl. Apg 4,10f) (86).

Die Synoptiker bemühen sich in zunehmender Weise, den Tod Jesu antijüd. zu interpretieren. Man legte Jesus judenfeindliche Aussagen in den Mund. Wenn der Gottessohn den (ungläubigen) Juden alle Schuld an seinem Tod in die Schuhe geschoben und ihre Strafe vorausgesagt hatte, dann war ein Verdammungsurteil ausgesprochen, wie es effektiver nicht hätte gefällt werden können. Die ungläubigen Juden sind nach der Meinung der Synoptiker von der Gnade Gottes ausgenommen (86f).

- Die Passionsgeschichte (Mk 14 – 15)

Der Antijudaismus des MkEv erhält eine Fortsetzung in der Passionsgeschichte. Die drei Weissagungen Jesu über sein Leiden gliedern das MkEv. Der Inhalt lautet: Jesus zieht nach Jerusalem, um von den Oberen der Juden zu Tode gebracht zu werden. Die dreifach gemachte und Jesus in den Mund gelegte Aussage findet eine Entsprechung in Mk 3,6: (Nach einer Heilung am Sabbat) „gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat mit den Anhängern des Herodes, wie sie ihn umbringen könnten“. Mk 12,12: (Die jüd. Oberen) „suchten ihn festzunehmen..., denn sie merkten, dass er das Gleichnis gegen sie gesagt hatte“. Der Antijudaismus hat sich in der Passionsgeschichte noch verstärkt: Die Juden, d.h. Hohepriester, Schriftgelehrte, Älteste, Pharisäer und das Volk tragen die alleinige Verantwortung für den Jesu Tod (87f).

Mt 27: Das MkEv hat Matthäus als Vorlage gedient. Er ergänzt:

a) Judas, der Jesus für dreißig Silberlinge verraten hatte, bereute dies, brachte sie den Hohepriestern und Ältesten zurück (Mt 27,4f). Wenn ein Jünger, der Jesus verraten hat, trotz Reue seine Tat nicht mehr gutmachen kann und deswegen sterben muss, ist das im Vergleich mit den Hohepriestern und Ältesten, die ihr Vorgehen nicht einmal bereuen, noch gar nichts (88).

b) Eine römische Frau wird zur Unschuldszeugin, während das jüd. Volk, angestachelt von den Oberen, den Tod Jesu fordert. Die Szene ist eine Erfindung des Mt.

c) Als Pilatus erkennt, dass das jüd. Volk die Kreuzigung Jesu verlangt, nimmt er Wasser, wäscht sich vor dem Volk die Hände und sagt: „Ich bin unschuldig an diesem Blut; seht ihr zu“ (Mt 27,24)! Pilatus bekräftigt das Urteil seiner Frau: Jesus ist als Gerechter unschuldig. Damit wird die Schuld der Juden gesteigert. Die Geste, dass der heidnische Römer einen jüd.-biblischen Entsühnungsritus (das Händewaschen) vollzieht, demonstriert die Absicht des Mt, dem jüd. Volk die Schuld am Tod Jesu in die Schuhe zu schieben.

d) Diese Intention kommt vollends in der sich nur bei Mt findenden Selbstverfluchung des jüd. Volkes zum Ausdruck: “Und alles Volk sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25). Mit diesem Vers verweist Mt zurück auf 23,34-36. Ganz Israel als von Jahwe auserwähltes Volk nimmt die Schuld am Tode für sich und alle Generationen auf seine Schultern. Zwar hat Pilatus den Befehl zur Kreuzigung gegeben, doch trifft Mt zufolge Israel die Schuld am Tod Jesu, womit es seine besondere Erwählung eingebüßt hat (88f).

Lk 23: Lukas folgt der Mk-Vorlage mit bezeichnenden Veränderungen. Lk greift auf Lk 20,20-26 zurück (Die Frage nach der kaiserlichen Steuer). Indem Lk die Verbindung zwischen Lk 23,2 und 20,20-26 herstellt, macht er deutlich, dass die Anklage der jüd. Oberen auf einer Lüge beruht. Denn Jesus hatte ausdrücklich die Zahlung von Steuern bejaht. Das Vorgehen gegen Jesus ist daher in einer üblen Verleumdung begründet, auf die Pilatus nicht hereingefallen ist (Lk 23,4;  23,13-16). An diesen beiden Ergänzungen wird klar, dass Lk die jüd. Elite und das Volk als Einheit sieht. Die Schuld erreicht darin einen Höhepunkt, dass Lk zufolge nicht die Römer, sondern Juden Jesus hingerichtet haben. Lk lässt die Geißelungsszene (Mk 15,16-20) aus, so dass sich an die Übergabe Jesu unmittelbar seine Abführung anschließt: Pilatus übergab Jesus dem Willen der Juden (23,25). Sie führten ihn ab (26)... Sie kreuzigten ihn (33): Daraus ergibt sich: Diejenigen, die Jesu Tod fordern, richten ihn auch hin. In Lk 24,20 erläutern die Emmausjünger dem auferstandenen Jesus, der ihnen in der Gestalt eines Wanderers begegnete, dass die Hohenpriester und Oberen Jesus zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt hätten. In Apg 3,15 wird neben der Elite ausdrücklich auch das Volk belastet. Der Antijudaismus ist gegenüber Mk gesteigert, ebenso die Unschuld des Römers Pilatus (90f).

Jh 18: Das von allen drei Synoptikern erzählte Verhör vor dem Hohen Rat findet sich bei Jh nicht. Jh berichtet nur von einer Verhandlung vor Pilatus (Jh 18,28 – 19,16). Pilatus muss sich mit der Angelegenheit befassen, weil die Juden den Gefangenen Jesus zu ihm bringen. Sie erscheinen einerseits als Ankläger vor dem Richter Pilatus, andererseits verlangen sie vom Statthalter die Ausführung eines von ihnen gefällten rechtsgültigen Urteils, das sie nicht ausgesprochen haben. Pilatus lässt sich nicht auf ein öffentliches Verfahren mit Jesus ein, sondern spricht mit ihm unter vier Augen innerhalb des Prätoriums. Die Juden bleiben draußen und erfahren nur durch Pilatus etwas über den Stand seiner Verhandlung mit dem Angeklagten. Zu dem Zweck muss er ständig zwischen dem Parteien hin und herlaufen, bald in das Prätorium hinein, bald aus dem Prätorium heraus. Das ist ein Kunstgriff, mit dem der Erzähler zwei verschiedene Schauplätze schafft. Dies geschieht auch, um die Juden von Anfang an in das Prozessgeschehen einzubinden. Deswegen lässt Jh eine eigentliche Verhandlung vor dem Hohen Rat nicht stattfinden. Er flickt die Juden in den Bericht vom römischen Prozess ein und steigert so ihre Schuld (91f).

Obwohl die eigentliche Verhandlung vor dem Hohen Rat ausfällt, sind die Juden am Prozess gegen Jesus unmittelbar beteiligt. Sie werden noch mehr belastet,, weil sie Jesus ausgeliefert haben (Jh 18,35) und Jesus dies ausdrücklich als Frevel hinstellt: „Der mich dir (Pilatus) überantwortet hat, der hat größere Sünde“ (Jh 18,11) (92).

Mit der gesteigerten Schuldzuweisung an die Juden erfolgt eine Entlastung des Pilatus. Dieser gibt seiner Überzeugung von der Unschuld Jesu mehrfach Ausdruck (18,38;  19,4.6) und versucht wiederholt, den Gefangenen freizusetzen (18,39;  19,1-5.12)(92).

Die bei Jh wirksame Apologetik gegenüber dem römischen Staat auf Kosten der Juden findet eine weitere Steigerung im Petrusevangelium (Anfang des 2.Jh.s). Hier ist Pilatus ein Freund Josephs von Arimathäa (2,3) und damit indirekt ein Freund Jesu. Anfang des 3.Jh.s zeichnen Tertullian und Origenes den römischen Statthalter als Christen (92).

- Wer verurteilte Jesus zum Tode?

Da sowohl Mt als auch Lk und wohl auch Jh von dem Bericht des Mk abhängig sind, darf für die Faktenfrage allein die Mk-Erzählung herangezogen werden. Der Mk-Bericht über die Verhandlung und Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat (Mk 14,53-65) ist sekundär. Er entspricht dem Verhör vor Pilatus (Mk 15,1-5.16b-20a). Daraus folgt, dass das Verhör vor dem Hohen Rat auf der Grundlage der Erzählung von dem Verhör vor Pilatus komponiert worden ist und daher als Geschichtsbericht ausfällt. Dann bleibt historisch zurück: a) ein Prozess vor dem römischen Präfekten Pilatus; b) eine politische Verleumdung seitens der Jerusalemer Priesterschaft – diese allein veranlasste Pilatus zum Eingreifen; c) die Kreuzigung Jesu (93).

Heute ist historisch geklärt, dass die Belastung der Juden durch die ntl Evangelien geschichtlich unwahr ist. Sie geht auf ihre apologetische Tendenz zurück, die Römer zu entlasten und die Juden als Feinde hinzustellen (95).

c. Das Matthäusevangelium

- Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl (Mt 22,1-14)

Die Vv 2-10 sind eine Allegorie der Heilsgeschichte, über die Periode nach Ostern. Der König, Gott, veranstaltet ein Mahl für seinen Sohn, Jesus Christus. Mt verwandelt den Singular Knecht des Lk in einen Plural von Knechten, worunter dann die Apostel verstanden werden. Sie laden die Juden durch ihre Predigt des Evangeliums ein, in das Reich Gottes einzutreten, stoßen aber bei den oberen Schichten auf Gleichgültigkeit. Die erste Gruppe von Knechten (V 3) steht für die Propheten und die Ablehnung ihrer Botschaft, die zweite Gruppe (V 4) bezeichnet die nach Israel (Jerusalem) gesandten Apostel und Missionare und die Misshandlungen und Martyrien (V 6), die einzelne von ihnen erlitten haben. Die Sendung auf die Straßen (Vv 9f) lässt an die Heidenmission denken, der Eintritt in den Hochzeitssaal (V 10b) an die Taufe. Die drastische Aussage von V 7 zeigt eine Steigerung des Antijudaismus: Die mörderischen Juden werden umgebracht und ihre Stadt (Jerusalem) angezündet, wie Mt es im Rückblick auf den Jüdischen Krieg im Jahr 70 n.Chr. schildern kann (97).

- Die Rede gegen Schriftgelehrte und Pharisäer (Mt 23,1-38)

Die jüd. Führer tun nicht, was sie lehren und suchen nur äußerliche Anerkennung (Vv 2b-7). Sie eignen sich wegen dieses Selbstwiderspruchs nicht als Vorbild. Damit ist der später folgende Hauptvorwurf der Heuchelei vorweggenommen. Sieben Weherufe nageln die Schriftgelehrten und Pharisäer als Heuchler fest (Vv 13-33) (90).

Die Vv 34-36 zielen auf die Gegenwart des Mt. Die christl. Propheten, Weisen und Schriftgelehrten werden das Schicksal der Tötung, Kreuzigung und Geißelung erleiden (Mt 10,17;  22,6) und zwar durch die von Jesus der Heuchelei bezichtigten Pharisäer und Schriftgelehrten. Die Vv 35f zeigen, dass Mt an ein Gericht über ganz Israel denkt. Die Klage über Jerusalem (Vv 37f) setzt die Strafe der Verwüstung Jerusalems (im Jüdischen Krieg) voraus. Die Stadt ist verwüstet und soll in Trümmern liegen bleiben. Dieses Verdammungsurteil wird Jesus in den Mund gelegt (100).

- Die Auferstehungsgeschichten (Mt 27,62 – 28,20)

Das MtEv enthält eine Grabwächtergeschichte (Mt 27,62-66;  28,11-25). Entgegen besserem Wissen sollen die Soldaten das Gerücht verbreite, die Jünger hätten den Leichnam Jesu gestohlen, während sie selbst schliefen. Einen solchen Leichenraub hatten die jüd. Oberen schon vorher befürchtet (Mt 27,64). Nun, da Jesus auferstanden ist, bestechen sie die Soldaten, diese falsche Kunde zu verbreiten. Sie sind also freche Lügner (100).

Am Ende des MtEv findet sich eine weitere Ostererzählung (28,16-20). Sie ist darin antijüdisch, dass ihr zufolge die christl. Botschaft nicht einmal mehr an Israel ausgerichtet werden soll, während nach Mt 10,5f die Jünger ausschließlich zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel und nicht zu den Heiden gesandt waren. Die Zielgruppe des Missionsbefehls (28,19: „Gehet hin und machet zu Jüngeren alle Völker...“), der sich bewusst auf Mt 10,5f zurückbezieht, sind ausschließlich Heiden. An beiden Stellen dürfte 'Völker' (ethne) gleich zu deuten sein. In Mt 10,5f liegt wegen des Gegensatzes zu Israel eindeutig das Verständnis der Völker als Heiden vor. Mt hätte die Juden schwerlich unter dem Begriff Völker einordnen können. Israel als dem von den Pharisäern neu konstituierten Judentum gilt die scharfe Polemik von Mt 23. Der Dialog mit Israel ist endgültig abgerissen (101).

d. Das lukanische Doppelwerk

- Der heilsgeschichtliche Gesichtspunkt

Die im LkEv und in der Apg geschilderten Personen beachten die jüd. Sitten: Jesus wird am achten Tag beschnitten (Lk 2,21), hält sich schon als Zwölfjähriger im Tempel auf (Lk 2,46), ebenso wie es die erste Gemeinde praktizieren wird (Lk 24,53;  Apg 2,46;  3,1;  5,42). Auch Paulus beobachtet streng das Gesetz: Er besucht an jedem Sabbat die Synagoge, beschneidet seinen Begleiter Timotheus (Apg 16,3), beteiligt sich an dem jüd. Ritual des Nasiräats (Apg 21,23-26) und ist als Christ darauf stolz, Pharisäer gewesen zu sein (Apg 26,5) (101f).

Das Verhältnis von Kirche und Judentum wird durch eine allmähliche schrittweise Ablösung bestimmt. Die Kirche bleibt nach Tod und Auferweckung Jesu im Verband des Judentums. Ihre Predigt gilt den Juden. So zeigt es die Pfingstgeschichte (Apg 2,1-13), deren Völkerkatalog (2,9-11) sich nicht auf die Heiden, sondern auf Diasporajuden bezieht, die in verschiedenen Ländern außerhalb Palästinas beheimatet sind (102).

Erst die Ablehnung der Verkündigung durch die Juden schafft eine selbstständige, aus Juden und Heiden bestehende Kirche, die sich in der heilsgeschichtlichen Kontinuität mit dem jüd. Gottesvolk verbunden weiß und sich damit als die Wahrerin des eigentlichen Erbes des Judentums versteht. Das lkn Christentum stellt historisch eine Fortentwicklung eines griechischsprachigen Judentums dar (102).

Von dieser heilsgeschichtlich begründeten Sicht ist die Stoßrichtung von Aussagen zu unterscheiden, die unmittelbar auf die Gegenwart zielen. Ihr antijüd. Inhalt wurde an der lkn Fassung der Allegorie von den bösen Weingärtnern und an der Passionsgeschichte deutlich, bei der Lk über Mk hinaus sowohl den Juden die Schuld an der Hinrichtung Jesu in die Schuhe geschoben als auch den Römer Pilatus weiter entlastet hat. Verantwortlich für den Tod Jesu sind die jüd. Oberen und das jüd. Volk (Apg 3,15;  4,10;  7,52;  13,17-29) (102f).

- Das Gleichnis vom Gastmahl (Lk 14,15-24)

Das Gleichnis stammt aus der Q-Überlieferung, wie die Mt-Parallele (22,1-10) zeigt. Im Kontext des LkEv dient das Gleichnis als Beispielerzählung zu der in Lk 14,12-14 ergangenen Aufforderung, die Ärmsten einzuladen, denn in V 21 erscheint dieselbe Aufzählung wie in V 13 (Arme, Verkrüppelte, Lahme, Blinde). Die außerhalb der Stadt wohnenden Leute V 23 dürften sich auf die Heiden beziehen. In V 24 wird den ursprünglich Eingeladenen (den Juden) der Zugang zum Mahl abgesprochen, weil sie die Einladung nicht annahmen (103).

- Der Bericht von der Wirksamkeit des Paulus in Rom (Apg 28,17-31)

Der Antijudaismus des Lk zeigt sich in der Apg dort, wo er stereotyp davon berichtet, dass Paulus zwar den Juden das Evangelium verkündigt, diese aber regelmäßig die Botschaft ablehnen und Paulus in der Folge zum reinen Heidenmissionar wird (104).

Den römischen Juden gegenüber gibt sich Paulus als jüd. Patriot: „Um der Hoffnung Israels willen“ trage er die Ketten (V 20). In V 24 liegt das Schwergewicht darauf, dass die pln Predigt unter den Juden Entzweiung bewirkt: „Die einen stimmten dem zu, was Paulus sagte, die anderen aber glaubten nicht“ (ebenso in Apg 17,4;  19,9). Als Fazit der Auseinandersetzung des Paulus mit den Juden bleibt, dass Lk ein Zitat des Propheten Jesaja gebraucht, um zu begründen, dass die Augen der Juden geschlossen sind, damit (!) sie nicht verstehen und sich bekehren (28,26f) (105).

Lk schreibt eine Heilsgeschichte, die von einer allmählichen Loslösung der Kirche von Israel bestimmt ist, bis am Ende der Apg die endgültige Trennung beider angezeigt und die Ehrentitel Israels für die lkn Kirche in Anspruch genommen werden (105).

e. Das Johannesevangelium

- Antijudaismus als Bestandteil einer historischen Darstellung des Wirkens Jesu

Die Auseinandersetzung Jesu mit den jüd. Gegnern zieht sich wie ein roter Faden durch das JhEv. Diese Kontroverse findet eine Zuspitzung dort, wo Jesus die Juden als Teufelssöhne bezeichnet (Jh 8,44). Von Anfang an wird die Tötungsabsicht der Juden vom Verfasser des JhEv betont: (5,16.18;  7,1;  8,19.22-24.37-59). Sie setzt sich fort in 10,31-39;  11,45-53;  19,7. Der erbitterte Streit erreicht einen vorläufigen Höhepunkt in 8,37-45. In diesem Text werden die ungläubigen Juden als Teufelskinder bzw. Teufelssöhne bezeichnet. Die ungläubigen Juden werden im Text dämonisiert (106f).

- Antijudaismus im Rahmen der jhn Theologie

Im jhn Dualismus gilt der Gegensatz Gott und Welt, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, wobei die Juden als Vertreter der Welt die nichtglaubenden Menschen darstellen. Sie gehören zur Finsternis (8,12), zur Lüge (8,44) und zum Tod (8,51). Sie sind aus dieser Welt und stammen 'von unten' (8,23). Sie haben den nicht erkannt, der 'von oben' und 'nicht aus dieser Welt' ist. Deshalb müssen sie in ihren Sünden sterben (8,24). Sie nehmen Anstoß daran, dass Jesus Gott seinen Vater nennt und sich Gott gleichmacht (5,18), dass er behauptet, vor Abraham zu sein (8,58). Damit geben sie zu erkennen, dass ihnen das Woher und Wohin des Offenbarers unbekannt ist (7,33f;  8,14). Sie kennen Gott nicht (5,19-47;  7,28;  15,21;  16,3), sie können ihn nicht kennen, da Gott nur durch den Sohn erkannt wird (8,14.19.42). Weil sie 'nach dem Fleisch' urteilen (8,15), bleiben sie in der Unfreiheit, denn allein der Sohn macht wirklich frei (8,53ff). Kommt auch von den Juden das Heil (4,22), so gilt dies nur in einem vorläufigen Sinn, denn die wahre Anbetung vollzieht sich im Geist und in der Wahrheit (4,23) (107f).

f. Die Offenbarung des Johannes

- Der Brief an die Gemeinde von Smyrna (Offb 2,9)

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – aber du bist reich und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind es nicht, sondern sind die Synagoge des Satans“ (2,9). Der Verfasser streitet einer anderen Gruppe den Judennamen ab und bezeichnet ihre Mitglieder als Synagoge des Satans. Er beansprucht den Judennamen aber für sich selbst und seine Gemeinde. Die Leugnung, dass Jesus der Messias ist, fasst Johannes als Lästerung auf. Er steht auf dem Standpunkt der christl. Gemeinden ab der zweiten Generation, die allen Juden, die den Glauben an Christus verweigern, die Zugehörigkeit zum Gottesvolk absprechen. Der auferstandene Christus bekämpft mit dem Ausdruck 'Synagoge des Satans' den Anspruch der jüd. Gemeinde, Versammlung (Synagoge) Gottes zu sein (Num 16,3). Wer sich der Herrschaft Jesu Christi und damit Gottes nicht unterstellt, der gibt sich der Herrschaft des dämonischen Widersachers Gottes anheim (108f).

- Der Brief an die Gemeinde von Philadelphia (Offb 3,9)

Siehe, ich werde einige aus der Synagoge des Satans schicken, die sagen, sie seien Juden und sind es nicht, sondern lügen. Siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe“ (3,9). Auch hier spricht der auferstandene Christus Juden den Ehrentitel Juden ab.

An zwei Stellen spricht der auferstandene Christus (bzw. Johannes) (ungläubigen) Juden den Judennamen ab, weil sie nicht mit seiner Christologie übereinstimmen bzw. diese angreifen (109).

(3) Das Alte Testament als Teil des christlichen Kanons

A.H.J. Gunneweg

a. Das Neue Testament als Kriterium der kanonischen Geltung des Alten Testaments

Ist die Religion des ATs nicht als Fremdreligion zu betrachten, so ist sie immerhin vor-christlich und – ohne Christus – unchristlich. Über Geltung und Nichtgeltung kann nur vom Christlichen her, also auf Grund und anhand des NTs entschieden werden. Von daher wird deutlich, dass die Suche nach einer theologischen Mitte des ATs aussichtslos ist, weil in einer so verschiedenartigen und vielgestaltigen Literatursammlung kaum eine Mitte zu erwarten ist. Eine solche Suche ist theologisch verfehlt, weil sie beim AT statt beim NT ansetzt. Nur anhand eines christlichen Kriteriums kann entschieden werden, was christlich ist und als christlich Gültigkeit beanspruchen kann (184f).

Ob die Bannung von im heiligen Jahwekrieg gefangen Feinden oder ein Gebet um Rache wie Ps 109 oder das Vergeltungsdogma (Chronik) mit dem christlichen Ethos der Bergpredigt übereinstimmt, ist nicht eine Frage des Glaubens. Diese Unterschiede kann jeder beobachten und aus diesen Beobachtungen die Folgerung der Unvereinbarkeit ziehen (185).

Ist der Gott, der Josua und den Israeliten in blutigen Schlachten voran marschiert, der die Feinde zu „bannen“ befiehlt, der Gott Jesu Christi? Es hieße das AT auf ein einziges Gottesbild (Hos 2,21f;  11,8f;  Jes 66,13) festlegen, wollte man überhaupt von dem Gott des ATs sprechen. Dieser Gott hat viele Namen und so unterschiedliche Eigenschaften, dass die Rede von dem Gott des ATs in der Gefahr steht, zu einer Leerformel zu werden. Die Rede von dem Gott des ATs, der der Vater Jesu Christi sei, überspringt das hermeneutische Problem und setzt voraus, was erst noch begründet werden muss. Die Begründung kann nur vom NT her erfolgen. Diesen Maßstab an das AT anlegen heißt nicht, dass AT christlich auszulegen. Was nicht chrislich ist, kann auch nicht christlich ausgelegt werden. Christliche Auslegung dessen, was nicht christlich ist, ist falsche Auslegung. Rechte Auslegung ist bemüht, das AT sein eigenes Wort sagen zu lassen (186).

Das NT ist der Maßstab für die Kanonizität des ATs. Eine für alle Teile gleichermaßen gültige Entscheidung über die christliche Kanonizität des alt Kanonteiles kann nicht getroffen werden. Allein eine differenzierende Sicht entspricht der Uneinheitlichkeit, der Vielgestaltigkeit, dem Reichtum sowohl als auch der mehrdeutigen Ambivalenz der im AT gesammelten Schriften. Eine gesamtbiblische Theologie kann als christliche nur vom NT her entworfen werden (186f).

b. Schrift, Sprache, Monotheismus

Der Vielgestaltigkeit und Ambivalenz der im AT enthaltenen Schriften entspricht es, dass sie im NT immer schon nach dem Auswahlprinzip des Christlichen herangezogen werden. Wenn nur von Fall zu Fall und von Text zu Text über die christliche Geltung entschieden werden kann, so entspricht dieses Vorgehen der Art und Weise, wie schon im NT mit dem AT umgegangen wird. Das in die griechische Sprache der Ökumene übertragene AT liefert die Sprachmittel für die Verkündigung des Christusgeschehens. Die christliche Verkündigung schafft sich selbst eine neue Sprache, die der eschatologischen Neuheit des Christusgeschehens würdig ist, aber sie tut das, indem sie auf die Sprache des ATs zurückgreift. Darin, dass die Anfangsverkündigung von Jesus Christus diese Sprache aufgriff und in diese Sprache einging, liegt die Kanonizität atl Texte begründet (187f).

Die Kirche übernahm eine Sammlung von Schriften. Für diese Sammlung war der Monotheismus eine Selbstverständlichkeit. Die Beibehaltung der Schrift bedeutet Wahrung des Monotheismus und der Geschöpflichkeit von Welt und Mensch. Die Verkündigung des in Jesus Christus erschienenen Heils predigt dies Ereignis als Handeln des einen Gottes, den das AT meint, wenn es von dem Schöpfer und Herrn Israels und der Welt spricht. Das Christusereignis stellt diesen Gott des ATs nicht in Frage. Es wird als sein endgültiges Werk verkündigt. Als endgültige Tat Gottes stellt es alles andere Wirken desselben Gottes in den Schatten. Im Licht der Christusoffenbarung kann auch fragwürdig werden, ob alle im AT Gott zugeschriebenen Taten und Eigenschaften wirklich göttliches Handeln und göttliche Wesensart waren. Auch Kritik nach dem Kriterium des Christlichen und gemäß der Bergpredigt-Antithese („Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist, ich aber sage euch“!) stellt nicht den konkreten Monotheismus in Frage. Die christliche Verkündigung verstand sich darum auch nie anders denn als Predigt vom Handeln des einen Gottes, außer dem kein Gott ist (190f).

Wo das AT zitiert wird, ist aus Jahwe der Kyrios geworden. Kyrios ist aber auch Jesus Christus (1Kor 12,3;  Phil 2,11) und ursprünglich auf Jahwe bezogene Aussagen gelten nunmehr von Jesus Christus: im Anschluss an Jes 45,3, wo vom Herrsein Jahwes gesprochen wird, heißt es nun im Christushymnus von Phil 2,10f, dass alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Kyrios sei (Röm 10,12;  1Kor 1,2;  Apg 2,36). Gott der Herr und sein endzeitlicher Heilbringer Jesus Christus als Herr gehören so eng zusammen, dass beide denselben Hoheitstitel tragen können (Mt 11,25;  Lk 10,21;  Mt 9,38;  1Tim 6,14f;  Apg 17,24 2,36), weil Gott der Herr dem Herrn Christus alle Macht auf Erden gegeben hat (Mt 28,18;  1Kor 15,28) (191f).

c. Die Sprache der Christusverkündigung

Kritik des sog. Weissagungsbeweises

Die Art und Weise, wie prophetische und quasi-prophetische Stellen als messianische Weissagungen zitiert werden, ist heute nicht mehr möglich. Die jungfräuliche Geburt Jesu wird mit Jes 7,14 belegt (Mt 1,23), der Kindermord in Bethlehem mit Jer 31,15 (Mt 2,17f), Jesu Heilungswunder mit Jes 53,4 (Mt 8,17), die dreißig Silberlinge des Judas mit Sach 11,12f (Mt 27,9). In allen diesen Fällen gewinnen die ntl Schriftsteller nicht neue Erkenntnisse aus den atl Texten, sondern sie lesen aus ihnen heraus bzw. in sie hinein, was sie schon wissen. Diese Methode, Weissagung zu finden, gibt den atl Text der Willkür preis (175f).

Gilt die Schrift als das Zeugnis von dem einen Gott, dem Schöpfer und Erlöser, so musste sie auch von dem Christusgeschehen Zeugnis ablegen, und darum musste Christus die Schrift erfüllen. Die Schrift legt dieses Christuszeugnis ab, indem sie mit der Sprache die sprachlich geformten Inhalte liefert, mit deren Hilfe das Christuszeugnis nunmehr formuliert wird. Darum wird der Christus aus einer Jungfrau (Js 7,14;  Mt 1,23;  Lk 1,35) geboren. Er erblickt das Licht der Welt in Bethlehem (Mi 5,1;  Mt 2,1;  Lk 2,4) und muss nach Ägypten (Hos 11,1;  Mt 2,15.18) fliehen, damit die Weissagung erfüllt werde, dass Gott seinen Sohn aus Ägypten gerufen habe (Mt 1,23;  2,1;  Lk 2,1-7;  Mt 2,15.18;  Jes 7,14;  Mi 5,1;  Hos 11,1;  Jer 31,15). Er selbst verkündet bei seiner Antrittspredigt in Nazareth, dass in ihm die Schrift sich erfüllt habe (Lk 4,16-21). Zu seiner grundlegenden Predigt besteigt er wie Mose, dessen Gesetz er erfüllt und überbietet, einen Berg (Mt 5,1). Die Leidensgeschichte Jesu ist mit Hilfe atl Zitate gestaltet. Jesus zieht gemäß Sach 9,9 in Jerusalem ein, auf zwei Reittieren reitend, weil es der Prophet so geweissagt haben soll (Mt 21,4). Judas verrät ihn um dreißig Silberlinge, weil das Sach 11,12f geschrieben steht (Mt 27,3-9). Ansonsten folgt die Darstellung dem Detail von Ps 22. Sie will dartun, dass und wie bis in Einzelheiten hinein die Schrift erfüllt wurde (196f).

Die Unmöglichkeit solchen Schriftgebrauchs ist heute einhellig. Das Christusgeschehen wird erzählerisch so dargestellt, dass es als Erfüllung der Schrift gelten kann: Die Darstellung lässt den Christus als Davidssohn und Messias in Bethlehem aus einer Jungfrau geboren werden, nach Ägypten fliehen, wo er sich gewiss nie aufgehalten hat; lässt ihn auf zwei Lasttieren auf einmal reiten, damit sein Geschick sich als schriftgemäß erweise. Solcher Weissagungsbeweis ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Eine Historiographie, die mit solchen Mitteln eine Vita Jesu darstellen will, ist noch weniger akzeptabel. Aber geht es hier um eine Vita des historischen Jesus? In Gestalt einer Leben-Jesu-Darstellung ergeht Christusverkündigung, die darum als Christusverkündigung gelesen und verkündigt werden soll. Diese Christusverkündigung ergeht in der Sprache, die das AT als das Zeugnis von dem einen und einzigen Gott bereitstellte, und die in die Christusverkündigung des NTs einging. Verkündigung und Glaube sind und bleiben (sola scriptura) gebunden an das Ursprungszeugnis des NTs. Dies spricht weitgehend die Sprache der alten Schrift und setzt deren Geltung als Zeugnis von dem einen und selbigen Gott voraus (197f).

L.M.: Die Sprache der Christusverkündigung muss kulturbedingt zwangsläufig verschieden sein. Ein mess. Jude wird auf Jesu Frage: "Für wen haltet ihr mich?" nicht in der griechisch philosophischen Sprache der Trinitätslehre antworten. Das ist auch nicht meine Sprache. Die Sprache der Christusverkündigung kann man nicht diktieren. Die allen Jüngern Jesu gemeinsame 'Sprache' ist der Lebenswandel in der Nachfolge Jesu.