3.3 Das Alte Testament als Teil des christlichen Kanons

A.H.J. Gunneweg

a. Das Neue Testament als Kriterium der kanonischen Geltung des Alten Testaments

Ist die Religion des ATs nicht als Fremdreligion zu betrachten, so ist sie immerhin vor-christlich und – ohne Christus – unchristlich. Über Geltung und Nichtgeltung kann nur vom Christlichen her, also auf Grund und anhand des NTs entschieden werden. Von daher wird deutlich, dass die Suche nach einer theologischen Mitte des ATs aussichtslos ist, weil in einer so verschiedenartigen und vielgestaltigen Literatursammlung kaum eine Mitte zu erwarten ist. Eine solche Suche ist theologisch verfehlt, weil sie beim AT statt beim NT ansetzt. Nur anhand eines christlichen Kriteriums kann entschieden werden, was christlich ist und als christlich Gültigkeit beanspruchen kann (184f).

Ob die Bannung von im heiligen Jahwekrieg gefangen Feinden oder ein Gebet um Rache wie Ps 109 oder das Vergeltungsdogma (Chronik) mit dem christlichen Ethos der Bergpredigt übereinstimmt, ist nicht eine Frage des Glaubens. Diese Unterschiede kann jeder beobachten und aus diesen Beobachtungen die Folgerung der Unvereinbarkeit ziehen (185).

Ist der Gott, der Josua und den Israeliten in blutigen Schlachten voran marschiert, der die Feinde zu „bannen“ befiehlt, der Gott Jesu Christi? Es hieße das AT auf ein einziges Gottesbild (Hos 2,21f;  11,8f;  Jes 66,13) festlegen, wollte man überhaupt von dem Gott des ATs sprechen. Dieser Gott hat viele Namen und so unterschiedliche Eigenschaften, dass die Rede von dem Gott des ATs in der Gefahr steht, zu einer Leerformel zu werden. Die Rede von dem Gott des ATs, der der Vater Jesu Christi sei, überspringt das hermeneutische Problem und setzt voraus, was erst noch begründet werden muss. Die Begründung kann nur vom NT her erfolgen. Diesen Maßstab an das AT anlegen heißt nicht, dass AT christlich auszulegen. Was nicht chrislich ist, kann auch nicht christlich ausgelegt werden. Christliche Auslegung dessen, was nicht christlich ist, ist falsche Auslegung. Rechte Auslegung ist bemüht, das AT sein eigenes Wort sagen zu lassen (186).

Das NT ist Maßstab für die Kanonizität des ATs. Eine für alle Teile gleichermaßen gültige Entscheidung über die christliche Kanonizität des alt Kanonteiles kann nicht getroffen werden. Allein eine differenzierende Sicht entspricht der Uneinheitlichkeit, der Vielgestaltigkeit, dem Reichtum sowohl als auch der mehrdeutigen Ambivalenz der im AT gesammelten Schriften. Eine gesamtbiblische Theologie kann als christliche nur vom NT her entworfen werden (186f).

b. Schrift, Sprache, Monotheismus

Der Vielgestaltigkeit und Ambivalenz der im AT enthaltenen Schriften entspricht es, dass sie im NT immer schon nach dem Auswahlprinzip des Christlichen herangezogen werden. Wenn nur von Fall zu Fall und von Text zu Text über die christliche Geltung entschieden werden kann, so entspricht dieses Vorgehen der Art und Weise, wie schon im NT mit dem AT umgegangen wird. Das in die griechische Sprache der Ökumene übertragene AT liefert die Sprachmittel für die Verkündigung des Christusgeschehens. Die christliche Verkündigung schafft sich selbst eine neue Sprache, die der eschatologischen Neuheit des Christusgeschehens würdig ist, aber sie tut das, indem sie auf die Sprache des ATs zurückgreift. Darin, dass die Anfangsverkündigung von Jesus Christus diese Sprache aufgriff und in diese Sprache einging, liegt die Kanonizität atl Texte begründet (187f).

Die Kirche übernahm eine Sammlung von Schriften. Für diese Sammlung war der Monotheismus eine Selbstverständlichkeit. Die Beibehaltung der Schrift bedeutet Wahrung des Monotheismus und der Geschöpflichkeit von Welt und Mensch. Die Verkündigung des in Jesus Christus erschienenen Heils predigt dies Ereignis als Handeln des einen Gottes, den das AT meint, wenn es von dem Schöpfer und Herrn Israels und der Welt spricht. Das Christusereignis stellt diesen Gott des ATs nicht in Frage. Es wird als sein endgültiges Werk verkündigt. Als endgültige Tat Gottes stellt es alles andere Wirken desselben Gottes in den Schatten. Im Licht der Christusoffenbarung kann auch fragwürdig werden, ob alle im AT Gott zugeschriebenen Taten und Eigenschaften wirklich göttliches Handeln und göttliche Wesensart waren. Auch Kritik nach dem Kriterium des Christlichen und gemäß der Bergpredigt-Antithese („Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist, ich aber sage euch“!) stellt nicht den konkreten Monotheismus in Frage. Die christliche Verkündigung verstand sich darum auch nie anders denn als Predigt vom Handeln des einen Gottes, außer dem kein Gott ist (190f).

Wo das AT zitiert wird, ist aus Jahwe der Kyrios geworden. Kyrios ist aber auch Jesus Christus (1Kor 12,3;  Phil 2,11) und ursprünglich auf Jahwe bezogene Aussagen gelten nunmehr von Jesus Christus: im Anschluss an Jes 45,3, wo vom Herrsein Jahwes gesprochen wird, heißt es nun im Christushymnus von Phil 2,10f, dass alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Kyrios sei (Röm 10,12;  1Kor 1,2;  Apg 2,36). Gott der Herr und sein endzeitlicher Heilbringer Jesus Christus als Herr gehören so eng zusammen, dass beide denselben Hoheitstitel tragen können (Mt 11,25;  Lk 10,21;  Mt 9,38;  1Tim 6,14f;  Apg 17,24 2,36), weil Gott der Herr dem Herrn Christus alle Macht auf Erden gegeben hat (Mt 28,18;  1Kor 15,28) (191f).

c. Die Sprache der Christusverkündigung

Kritik des sog. Weissagungsbeweises

Die Art und Weise, wie prophetische und quasi-prophetische Stellen als messianische Weissagungen zitiert werden, ist heute nicht mehr möglich. Die jungfräuliche Geburt Jesu wird mit Jes 7,14 belegt (Mt 1,23), der Kindermord in Bethlehem mit Jer 31,15 (Mt 2,17f), Jesu Heilungswunder mit Jes 53,4 (Mt 8,17), die dreißig Silberlinge des Judas mit Sach 11,12f (Mt 27,9). In allen diesen Fällen gewinnen die ntl Schriftsteller nicht neue Erkenntnisse aus den atl Texten, sondern sie lesen aus ihnen heraus bzw. in sie hinein, was sie schon wissen. Diese Methode, Weissagung zu finden, gibt den atl Text der Willkür preis (175f).

Gilt die Schrift als das Zeugnis von dem einen Gott, dem Schöpfer und Erlöser, so musste sie auch von dem Christusgeschehen Zeugnis ablegen, und darum musste Christus die Schrift erfüllen. Die Schrift legt dieses Christuszeugnis ab, indem sie mit der Sprache die sprachlich geformten Inhalte liefert, mit deren Hilfe das Christuszeugnis nunmehr formuliert wird. Darum wird der Christus aus einer Jungfrau (Js 7,14;  Mt 1,23;  Lk 1,35) geboren. Er erblickt das Licht der Welt in Bethlehem (Mi 5,1;  Mt 2,1;  Lk 2,4) und muss nach Ägypten (Hos 11,1;  Mt 2,15.18) fliehen, damit die Weissagung erfüllt werde, dass Gott seinen Sohn aus Ägypten gerufen habe (Mt 1,23;  2,1;  Lk 2,1-7;  Mt 2,15.18;  Jes 7,14;  Mi 5,1;  Hos 11,1;  Jer 31,15). Er selbst verkündet bei seiner Antrittspredigt in Nazareth, dass in ihm die Schrift sich erfüllt habe (Lk 4,16-21). Zu seiner grundlegenden Predigt besteigt er wie Mose, dessen Gesetz er erfüllt und überbietet, einen Berg (Mt 5,1). Die Leidensgeschichte Jesu ist mit Hilfe atl Zitate gestaltet. Jesus zieht gemäß Sach 9,9 in Jerusalem ein, auf zwei Reittieren reitend, weil es der Prophet so geweissagt haben soll (Mt 21,4). Judas verrät ihn um dreißig Silberlinge, weil das Sach 11,12f geschrieben steht (Mt 27,3-9). Ansonsten folgt die Darstellung dem Detail von Ps 22. Sie will dartun, dass und wie bis in Einzelheiten hinein die Schrift erfüllt wurde (196f).

Die Unmöglichkeit solchen Schriftgebrauchs ist heute einhellig. Das Christusgeschehen wird erzählerisch so dargestellt, dass es als Erfüllung der Schrift gelten kann: Die Darstellung lässt den Christus als Davidssohn und Messias in Bethlehem aus einer Jungfrau geboren werden, nach Ägypten fliehen, wo er sich gewiss nie aufgehalten hat; lässt ihn auf zwei Lasttieren auf einmal reiten, damit sein Geschick sich als schriftgemäß erweise. Solcher Weissagungsbeweis ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Eine Historiographie, die mit solchen Mitteln eine Vita Jesu darstellen will, ist noch weniger akzeptabel. Aber geht es hier um eine Vita des historischen Jesus? In Gestalt einer Leben-Jesu-Darstellung ergeht Christusverkündigung, die darum als Christusverkündigung gelesen und verkündigt werden soll. Diese Christusverkündigung ergeht in der Sprache, die das AT als das Zeugnis von dem einen und einzigen Gott bereitstellte, und die in die Christusverkündigung des NTs einging. Verkündigung und Glaube sind und bleiben (sola scriptura) gebunden an das Ursprungszeugnis des NTs. Dies spricht weitgehend die Sprache der alten Schrift und setzt deren Geltung als Zeugnis von dem einen und selbigen Gott voraus (197f).

L.M.: Die Sprache der Christusverkündigung muss kulturbedingt zwangsläufig verschieden sein. Ein mess. Jude wird auf Jesu Frage: "Für wen haltet ihr mich?" nicht in der griechisch philosophischen Sprache der Trinitätslehre antworten. Das ist auch nicht meine Sprache. Die Sprache der Christusverkündigung kann man nicht diktieren. Die allen Jüngern Jesu gemeinsame 'Sprache' ist der Lebenswandel in der Nachfolge Jesu.