3. Antipaulinismus im Judenchristentum zu Lebzeiten des Paulus
Anhang: Konflikte und Konfliktlösungen nach der Apg

3. Antipaulinismus im Judenchristentum zu Lebzeiten des Paulus

G. Lüdemann

a. Antipaulinismus auf dem Apostelkonzil (Apg 15)

Auf dem Apostelkonzil stand die Forderung zur Debatte, ob Heidenchristen beschnitten werden sollten, um Mitglieder der christlichen Gemeinde werden zu können (Gal 2,3). Dieses Ansinnen richtete sich gegen die pln Praxis, Heiden ohne Beschneidung in die Gemeinde aufzunehmen. Diese Forderung wurde in der gemischten Gemeinde Antiochiens erhoben, in die sich „falsche Brüder“ (Gal 2,4) eingeschlichen hatten (59f).

Paulus konnte den Säulen die Zustimmung abringen, dass die Heidenchristen nicht beschnitten werden müssten. Der Heidenchrist Titus wurde nicht zur Beschneidung gezwungen (Gal 2,3). Gleichwohl war die Zustimmung hart umkämpft, und man wird annehmen müssen, dass die falschen Brüder eine erhebliche Unterstützung seitens der Jerusalemer Gemeinde bei ihrer Forderung nach der Beschneidung des Titus auf ihrer Seite hatten. Ein großer Teil der Gemeinde muss die Falschbrüder unterstützt haben, denn sonst hätten sie die Beschneidungsforderung nicht so wirkungsvoll erheben können (60f).

Paulus konnte sich dieses Ansinnens erwehren und erhielt die grundsätzliche Zustimmung der Säulen zu seiner gesetzesfreien Heidenmission. Der Grund für die mit einem feierlichen Handschlag besiegelte Einigung war offensichtlich der Erfolg der pln Heidenmission und die Bereitschaft der heidenchristlichen Gemeinden, die Gemeinschaft mit einer Geldgabe zu dokumentieren. Die Falschbrüder, die Mitglieder der Jerusalemer Gemeinde blieben, werden die Einigung nach Kräften bekämpft haben. Ihr offener Antipaulinismus ist jedenfalls als maßgeblicher Faktor auf dem Konzil und in der Folgezeit vorauszusetzen (61).

Man sollte annehmen, dass die falschen Brüder trotz der Niederlage in der Beschneidungsfrage von Einfluss auf die Einzelheiten des Verhandlungsergebnisses gewesen waren. Das Missionsfeld wurde aufgeteilt: „Wir zu den Heiden, sie zu den Juden“ (Gal 2,9). Diese Formel sicherte zwar Paulus das Recht zur Heidenmission zu. Sie konnte aber auch dazu benutzt werden, um eine Mission der Heiden und Juden rückgängig zu machen. D.h. diese Regelung schloss nicht aus, dass in Zukunft Juden auf das Halten des jüdischen Gesetzes verpflichtet werden konnten (61f).

Ein weiteres antipln Element der Einigungsformel betrifft Paulus Apostolat: Die Regelung (Gal 2,9) enthält nicht die Anerkenntnis seines Apostolats, sondern spricht lediglich von der Heidenmission des Paulus. Paulus hätte sich zwecks Widerlegung der gegnerischen Anwürfe in Galatien nicht eine Konzils-Tradition entgehen lassen, die seinen eigenen Apostolat zum Inhalt hatte. Wahrscheinlich hielt Paulus es aus taktischen Gründen nicht für geraten, seinen Apostolat zu thematisieren, weil das die erzielte Einigungsformel hätte gefährden können. Die Nichterwähnung des pln Apostolats im Verhandlungsergebnis entspringt antipln Opposition in Jerusalem (62f).

b. Antipaulinismus beim Zwischenfall in Antiochien (Gal 2,11ff)

In der gemischten Christengemeinde Antiochiens hatten geborene Juden mit Heiden Tischgemeinschaft gehalten. Dieser Praxis schloss sich Petrus an, als er in Antiochien weilte. Als einige von den Jakobusleuten kamen, zogen sich Petrus, Barnabas und die übrigen Judenchristen zurück. Die Abgesandten des Herrenbruders Jakobus betrieben die Trennung der Judenchristen von den Heidenchristen. Der Grund für die Separation liegt in jüdischen Gesetzesvorschriften, die die Trennung der Juden vom heidnischen Tisch forderten. Paulus dagegen erwartete von Judenchristen im Verkehr mit Heidenchristen die Nichtbeachtung der Speisegesetze (64f).

c. Das Jerusalemer Christentum bei Paulus letztem Besuch (Apg 21f)

Apg 21,17-20a: In Jerusalem werden Paulus und seine Begleiter von den Brüdern willkommen geheißen. Paulus kann am folgenden Tag Jakobus und den Presbytern von seinen Missionserfolgen unter den Heiden berichten. Obgleich Paulus mit seinem Gefolge bereits in Jerusalem ist (V16), werden er und seine Begleiter in V 17 nochmals dorthin befördert. In V 17 begrüßt die Gemeinde (die Brüder) Paulus, während laut V 22 die Mitglieder der Gemeinde hören werden, dass Paulus in der Stadt weilt. Wenn V 22 auf Tradition zurückgeht, lässt sich V17 nur als Redaktion verstehen. Lukas will das gute Verhältnis der Jerusalemer Gemeinde zu Paulus aufzeigen. Dabei unterläuft ihm die Ungeschicklichkeit, dass er alle Brüder den Paulus begrüßen lässt, obwohl die meisten der Brüder von Paulus Ankunft in der Stadt erst hören werden (86f).

Die Präsenz von unzähligen christlichen Zeloten des Gesetzes in Jerusalem (21,20b.26) und die Existenz von Gerüchten, dass Paulus die Juden in der Diaspora den Abfall vom Gesetz lehre, veranlassen Jakobus und die Ältesten, Paulus zu einem demonstrativen Akt seiner Gesetzestreue aufzufordern. Er soll sich mit 4 Nasiräern heiligen und die Kosten dafür übernehmen, damit alle erkennen: Paulus erfüllt treu das Gesetz.

Es ist merkwürdig, dass Gerüchte über Paulus Kritik am Gesetz in Jerusalem umliefen. Denn die Apg hatte bisher in ihrer jüdischen Zeichnung des Paulus keinerlei Anlass zu den obigen Gerüchten gegeben. Daraus folgt, dass die Gerüchte Bestandteil der Lukas überkommenen Tradition waren, die Lukas im Sinne seines eigenen Paulusbildes zu korrigieren trachtete (87).

d. Die Apg 21 zugrundeliegende Quelle

Paulus reiste mit Begleitern von Milet über Cäsarea nach Jerusalem. In Cäsarea erhielt er gastliche Aufnahme beim Hellenisten Philippus und in Jerusalem beim Hellenisten Mnason. In der Jerusalemer Gemeinde, die gesetzestreu lebt und der Jakobus vorsteht, ist seine Person umstritten, denn Gerüchte kursieren, dass Paulus antinomistisch sei und sich gegen die Beschneidung von jüdischen Knaben ausspreche. Paulus tritt dem durch die Übernahme der Auslösung von vier Nasiräern entgegen. Mit Paulus Anwesenheit im Tempel, in den er sich zwecks eigener Entsühnung begeben hatte, endet die Quelle (91f).

Der in V 21 ausgesprochene Vorwurf gegen Paulus dürfte historisch sein und gibt zutreffend die Vorbehalte Jerusalemer Christen gegen Paulus wieder. Jedenfalls hatte er einen Anhalt an dem, was in pln Gemeinden vor sich ging. Zwar predigte Paulus in Übereinstimmung mit den Absprachen auf dem Konzil vornehmlich den Heiden das Evangelium. Doch verlangte er von geborenen Juden im Verkehr mit Heidenchristen die Nichtbeachtung von Speisegesetzen und lehrte in seinen Briefen mehrfach die Indifferenz des Gesetzes gegenüber der neuen Schöpfung in Christus (1 Kor 7,19; Gal 6,15). Da konnte es nicht ausbleiben, dass geborene Juden in der Folge einer solchen Praxis dem Gesetz entfremdet wurden und ihre Kinder nicht mehr beschnitten (93).

e. Die Ablehnung der Kollekte

Für Paulus hatte die Kollekte ekklesiologische Bedeutung. In und mit ihr wird die Einheit der aus Juden und Heiden bestehenden Kirche dokumentiert. Ein Scheitern der Kollekte würde nach pln Verständnis die theologische Existenz der Heidenchristenheit gefährden. Es nimmt daher kein Wunder, dass der pln Opposition daran gelegen war, die Kollekte zu Fall zu bringen. Indizien für ein Gelingen dieser Absicht sind vorhanden: so kam die Sammlung in Korinth teilweise und in Galatien völlig zum Erliegen. In Korinth setzte sich Paulus schließlich durch, während er die galatischen Gemeinden samt Kollekte verloren haben dürfte (94).

Paulus schreibt Röm 15,30f: „Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, mir im Gebet vor Gott bitten zu helfen für mich, dass ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa, und dass meine Dienstleistung für Jerusalem von den Heiligen wohl aufgenommen werde“. Paulus sieht sich angesichts der ungläubigen Juden nicht nur der Lebensgefahr ausgesetzt, sondern er hält sogar die Annahme der Kollekte durch die Jerusalemer Gemeinde für bedroht. Kurz vor seiner Vollendung ist die Gefahr einer Empfangsverweigerung durch die Jerusalemer derart akut, dass Paulus eine völlig unbeteiligte Gemeinde mit stärksten Worten dazu aufrufen muss, in ihrem Gebet um eine wohlwollende Annahme der Kollekte, besorgt zu sein. Paulus selbst fährt nach Jerusalem, um die Annahme der Kollekte sicherzustellen (95).

Lukas meidet in Apg 21 absichtlich das Kollektenthema, weil die von ihm benutzte Quelle von ihrer Ablehnung berichtete. Denn wenn die Quelle von ihrer Annahme berichtet hätte, würde Lukas diese Nachricht an dieser Stelle aufgenommen haben, kommt es ihm doch gerade darauf an (21,17), das gute Verhältnis zwischen Paulus und der Jerusalemer Gemeinde aufzuzeigen. Stattdessen vorverlegt er das Kollektenthema und bringt es in Apg 11,27ff, wo er eine Modellreise konstruiert und Barnabas und Paulus eine Kollekte nach Jerusalem bringen lässt. Selbst dort wird nicht von einer Annahme der Sammlung berichtet (96f)!

Zur Zeit der letzten Jerusalemreise des Paulus stand die christliche Gemeinde Jerusalems vollständig innerhalb des Judentums und hätte eine Abrogation des Gesetzes nicht hingenommen. Ihre passive Haltung bei der Festnahme des Paulus und ihre Zurückweisung der von Paulus überbrachten Kollekte sind Ausdruck dafür, dass das auf dem Konzil geschlossene Abkommen zwischen der Jerusalemer Gemeinde und Paulus als nicht länger gültig angesehen worden war. Der Grund dafür dürfte in dem Apg 21,21 beschriebenen Gerücht bündig zusammengefasst sein: die pln Predigt zerstöre das Judentum. Andererseits drückt sich in der obigen Haltung der Jerusalemer Gemeinde ihre Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk aus.

Die Jerusalemer nahmen spätestens seit dem Konzil in überwiegendem Maße eine antipln Haltung ein. Die Ablehnung der Kollekte besiegelte die Paulusfeindschaft der Jerusalemer (97f).

f. Zusammenfassung

Die galatischen Gegner sind zu den auf dem Konzil anwesenden falschen Brüdern zu rechnen, während die nach Korinth gekommenen Prediger eher eine Mittelposition in Jerusalem eingenommen haben dürften und Kephas verehrten. Bei den galatischen Gegnern scheint es sich um eine Gegenmission in den pln Gemeinden Galatiens zu handeln, die nur daran interessiert war, die unzureichende Verkündigung des Paulus zu korrigieren (162f).

Die Theologie der Gegner kristallisiert sich bei sämtlichen Antipaulianern im erbitterten Widerstand gegen Paulus und seinen Anspruch auf apostolische Autorität. Die apostolische Autorität bedeutete für Paulus zweierlei: Einerseits ermächtigte sie ihn zur gesetzesfreien Heidenmission, andererseits stellte sie ihn mit den Jerusalemer Aposteln auf eine Stufe. Die galatischen Gegner bezweifelten beides, die korinthischen Antipaulianer letzteres (163f).

Zwischen Konzils- und Kollektenbesuch hatte sich in der Jerusalemer Gemeinde eine Veränderung in der Leitung vollzogen. Ihre Folge war eine größere Einflussnahme der falschen Brüder auf die Geschicke der Gemeinde. Die ohnehin in Jerusalem umstrittene Gestalt des Paulus geriet so in ein noch größeres Zwielicht, so dass in der Folgezeit der Antipaulinismus obsiegte und die Kollekte nicht mehr angenommen wurde. Theologisch schlug sich der antipln Widerstand in Jerusalem in der Behauptung nieder, Paulus Verkündigung und Praxis veranlasse die Juden der Diaspora, ihre Identität als Juden aufzugeben (164).

Die galatischen Gegner konnten trotz ihrer offensichtlichen Nichtbeachtung des Jerusalemer Abkommens zumindest mit der Neutralität der Jerusalemer rechnen. Sie zweifelten das Apostelamt des Paulus grundsätzlich an. Dieses von Paulus im Sinne einer Gleichberechtigung mit den Jerusalemer Aposteln aufgefasste Amt konnten sie nur für eine Anmaßung halten, da für sie die Kirche an Jerusalem gebunden war.

Die Auseinandersetzungen in Korinth sind nicht so sehr Kämpfe um die Judaisierung der Heidenchristen, sondern um die Autorität des Paulus im Verhältnis zu den Jerusalemern. Es geht um den Primat von bestimmten Personen und um den Primat des Ortes. Offensichtlich hatten Kephas und seine Anhänger den pln Anspruch auf Ebenbürtigkeit während des Konzils nicht genügend zur Kenntnis genommen, bzw. Paulus hatte keinen Wert auf die Hervorhebung von theologischen Differenzen gelegt.

Eine antipln Einstellung wurde seit der korinthischen und der galatischen Krise Anfang der fünfziger Jahre sowohl von den liberalen als auch von den konservativen Judenchristen Jerusalems geteilt (165).

Anhang: Konflikte und Konfliktlösungen nach der Apg

R. Roloff (1991)

a. Apg 6,1-7; 8,1 Der Auszug der Hellenisten aus Jerusalem

Hier geht es um die einschneidendste Krise in der Anfangsgeschichte der Kirche. Es geht um das Auseinandertreten von zwei Gemeinden: der aramäischsprachigen judenchristlichen Gemeinde, die weiterhin unter der Leitung der Zwölf stand, und der von einem Sieben-Männer-Gremium geleiteten hellenistisch-judenchristlichen Gruppe. Die Gründe für diese Spaltung sind nicht nur in Unzulänglichkeiten der Versorgung der hellenistischen Witwen zu suchen. Vielmehr dürften Differenzen hinsichtlich des Inhalts und der Trägerschaft der Verkündigung ursächlich für die Spaltung gewesen sein: Ersteres ergibt sich aus den Vorwürfen gegen Stephanus (6,14), letzteres aus dessen Schilderung als geistesmächtiger Prediger und Missionar (6,6-8). Lukas teilt seinen Lesern über den Konflikt nur das Minimum dessen mit, was zum Verständnis der im Folgenden erzählten Stephanus-Verfolgung und zur Herkunft der nunmehr auf der Bildfläche erscheinenden Hellenisten erforderlich ist. Soweit 6,1-7 auf Tradition fußt, ist diese durch Lukas bis zur Unkenntlichkeit überformt worden (117).

Dass Lukas auch von anderen Konfliktfeldern zwischen ‚Hebräern’ und ‚Hellenisten’ gewusst hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Jedenfalls legt der Umstand, dass er auch sonst jede Erwähnung von Lehrdifferenzen innerhalb der christlichen Gemeinde vermeidet, einen solchen Schluss nahe. Alles Gewicht liegt auf der Konfliktbewältigung (117).

b. Apg 11,1-18 Petrus erfährt Widerspruch durch die Urgemeinde

Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer von Lukas völlig frei und ohne Traditionsgrundlage gestalteten Szene zu tun. Es handelt sich um die Darstellung einer innerkirchlichen Kontroverse: Petrus, die herausragende Gestalt in der ersten Hälfte der Apg, erfährt schroffen Widerspruch durch die übrigen Glieder der Jerusalemer Urgemeinde. Lukas vermeidet, die Apostel selbst als Kontrahenten des Petrus direkt zu benennen, indirekt sind sie jedoch in den Leuten mit enthalten. Diese werfen ihm den Kontakt und die Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen vor, was letztlich auf eine Infragestellung der Legitimität seiner missionarischen Zuwendung zu nichtjüdischen Menschen überhaupt hinausläuft (V3) (118f).

Dass die Öffnung der Kirche für die Heiden ein schwieriger und umstrittener Prozess war, der gegen starke Opposition durchgesetzt werden musste, kann er nicht verschweigen. Hier veranschaulicht er die Schwierigkeit der Mission an ‚Gottesfürchtigen’, an Menschen, die bereits in einer relativen Nähe zum Judentum standen. Er tut dies in einer konstruierten Szene (119).

Lukas berichtet diesen Konflikt so, dass er für den Leser bereits vorentschieden ist. Dieser kennt die vorhergegangene Erzählung von Kp 10. So bleibt für Lukas angesichts der Konfliktschilderung von 11,2f lediglich die Frage, wann und wie sich die Jerusalemer Judenchristen der unumgänglichen Einsicht in den bereits bekundeten Willen Gottes öffnen werden. In 11,4-11 wird er zum Zeugen dieser Öffnung gemacht: „Als sie das hörten, beruhigten sie sich und priesen Gott, indem sie sagten: Also auch den Heiden hat Gott die Umkehr zum Leben gegeben“ (V18).

Die Funktion des Konflikts besteht darin, den Beteiligten die Augen zu öffnen für das, was jetzt nach dem Willen Gottes an der Zeit ist. Denn die Lösung des Konflikts besteht weder in der Durchsetzung einer Position gegen eine andere, noch in einem Ausgleich der Interessen auf mittlerer Ebene, sondern in der Erkenntnis des Weges, den Gott selbst seiner Gemeinde vorgezeichnet hat (119f).

c. Apg 15,1-35 das Apostelkonzil

Lukas hat das vorgegebene Material stark durch seine eigenen Intentionen überformt. Der Konflikt entsteht dadurch, dass „einige, die von Judäa herabgekommen waren“, mit ihrer Forderung nach Beschneidung der Heidenchristen in Antiochien auftraten (V 1). Diese ‚einige’ sind in Jerusalem zum Glauben gekommene Pharisäer, von deren Zugehörigkeit zur Urgemeinde wir hier erstmals erfahren (V 5). Lukas setzt hier 11,1-18 voraus. Für ihn ist der anfängliche Widerstand der Urgemeinde gegen die Heidenmission seit der Petrus-Kornelius-Episode bereits ein für allemal überwunden. Da der das Apostelkonzil auslösende Streitpunkt nach Meinung des Lukas mit dem von 11,3 identisch war, mussten diejenigen, die jetzt widersprachen, deutlich von den damals Widersprechenden abgesetzt werden. Dies geschieht durch die Kennzeichnung als „Pharisäer, die zum Glauben gekommen waren“. Es handelt sich um einen Kreis, der an dem damaligen Lernprozess noch keinen Anteil haben konnte (120).

In der Kontroverse zwischen Petrus und der Urgemeinde war es um die Möglichkeit der Aufnahme einzelner Gottesfürchtiger in die Gemeinde gegangen. Jetzt dagegen stand die volle Integration gesetzesfreier Heiden ohne Beschneidung zur Debatte (Anm. 25).

Der Konflikt ist kein Konflikt mehr zwischen der Urgemeinde bzw. ihren maßgeblichen Gestalten und den Vertretern Antiochiens, sondern nur noch eine Kontroverse innerhalb der Jerusalemer Gemeinde, in der sich Befürworter und Gegner der Heidenmission gegenüberstehen, wobei die ersteren sich auf die bereits längst erfolgte Entscheidung des Streitfalls durch Gott berufen können (120f).

Paulus (Gal 2) lässt erkennen, dass diese ‚Falschbrüder’ in ihrer Position von den ‚Geltenden’ keineswegs grundsätzlich getrennt waren. Wenn er von deren Verzicht auf die Beschneidung des Titus spricht (Gal 2,3), so tut er dies im Sinn einer Konzession, die er ihnen abgerungen hat (Anm. 26).

Die Kornelius-Episode dient, wie schon in Kp 11, als Erweis für eine längst von Gott her erfolgte Richtungsbestimmung für die Kirche. Petrus und Jakobus machen sich zu Interpreten der von Gott bekundeten Heilsabsichten und seines bereits eingeleiteten Handelns. Damit bringen sie den Widerspruch der christlichen Pharisäer zum Schweigen. Der Missionsbericht des Paulus und Barnabas fällt ausgesprochen karg aus (V 4b) und die Petrusrede nimmt auf ihn keinen Bezug (121).

Dass diese Richtung nun endgültig und von allen Gliedern der Kirche einmütig erkannt wird, ist der Skopus der lkn Darstellung des Jerusalem-Konflikts (121).

d. Gal 2,11-20 der Zwischenfall in Antiochien

Das Aposteldekret ist erst nach dem Apostelkonzil entstanden und zwar als Kompromiss zur Schlichtung des in Antiochien aufgebrochenen Konflikts (122).

Lukas berichtet von einer „heftigen Auseinandersetzung“ zwischen Paulus und Barnabas, die zur endgültigen Trennung zwischen beiden und zur Auflösung der missionarischen Partnerschaft führte (Apg 15,36-41). Die hierfür angeführte Ursache, nämlich das Bestehen des Barnabas auf der Mitnahme des von Paulus als Mitarbeiter abgelehnten Johannes Markus dürfte nur einen Teil des Konfliktpotentials benennen. Barnabas hatte sich theologisch auf die Seite der antiochenischen Mehrheit und damit gegen Paulus gestellt (Gal 2,13). Der Bruch mit Barnabas war zugleich der Bruch mit Antiochien. Dass Lukas das wusste, geht aus der weiteren Darstellung seines Weges in der Apg deutlich hervor. Er mildert die Härte des Konflikts, indem er, analog seinem Verfahren in Apg 6,1f, dessen theologische Komponenten ausklammert, ihn auf vordergründige Vorgänge reduziert und personalisiert (122).

e. Apg 21,17-26 Paulus dritter und letzter Jerusalembesuch

Dieser Besuch diente der Überbringung der Kollekte, die Paulus als Zeichen kirchlicher Gemeinschaft galt (2Kor 9,10-14), deren mögliche Ablehnung er bang befürchtete (Röm 15, 30-32). Dass Lukas die Kollekte bewusst verschweigt, verrät sein Wissen von der Kollekte in 24,17. Die von ihm benutzte Quelle berichtete vom Scheitern des pln Vorhabens. Anscheinend hat Paulus, dem bei seinem Besuch der feindselige Widerstand der Mehrheit der Urgemeinde entgegenschlug, einen Kompromissvorschlag des Jakobus akzeptiert, seine Gesetzestreue dadurch zu beweisen, dass er einen Teil der Kollektensumme für die Ausweihung des Nasiräatsgelübdes einiger armer Judenchristen verwendete. Als er zu diesem Zweck in den Tempel ging, wurde er festgenommen. Die Gemeinde tat nichts zu seiner Befreiung und sie wies die Kollekte zurück (122f).

Dies zu berichten, hätte für Lukas eine unerträgliche Infragestellung der ihn leitenden Vorstellung der von Gott über und durch alle Konflikte gewirkten Einmütigkeit der Kirche bedeutet. Den verfänglichen Kern der Konfliktszene bricht Lukas heraus, um den verbleibenden Rest so zu erzählen, dass er sich dem Einmütigkeitsprinzip notdürftig einordnen lässt.

So betont Lukas zunächst die positive Aufnahme des Paulus durch die Jerusalemer Christen (Vv 17-20). Er vermeidet es, Jakobus eine kritische Äußerung gegen Paulus und sein Wirken in den Mund zu legen, denn dies wäre seinem Verständnis nach ein Rückfall hinter den durch frühere Konflikte durch Gott selbst dem Jakobus aufgenötigten Lernprozess (11,1-18). Diejenigen, die sich kritisch gegen Paulus wenden, sind zwar, wie in 15,5, streng gesetzestreue Judenchristen, aber sie kommen nicht direkt zu Wort. Ihre Meinung wird durch die Ältesten lediglich referiert. Diese referierte Kritik spart die gesetzesfreie Heidenmission aus, um sich ganz einem bislang in der Apg noch nicht diskutierten Thema, der vermuteten Apostasie des Paulus vom Judentum zuzuwenden (V21). Es besteht unter den strengen Judenchristen der Gemeinde der Verdacht, Paulus sei ein Apostat vom Judentum, der unter Juden den Abfall vom Gesetz lehre (123f).

Die Konfliktlösung besteht in dem Vorschlag der Nasiräatslösung. Indem Paulus bereit ist, ihm zu folgen, demonstriert er seinen judenchristlichen Kritikern die Haltlosigkeit ihres Verdachts und erweist damit den Konflikt als Scheinkonflikt (124).

f. Die Ablösung des Petrus durch Jakobus in der Leitung der Urgemeinde

Lukas weiß von ihr, erwähnt sie jedoch nirgends. Er überbrückt die Lücke durch die eindrucksvolle Legende von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (12,6-17), die er beziehungsvoll mit dem Abschied des Petrus aus Jerusalem und seiner Bitte, das Geschehene „Jakobus und den Brüdern“ zu berichten (12,17), beschließt. Dass es Auseinandersetzungen um Petrus aufgrund von dessen zu weitgehender Offenheit gegenüber Heiden (Apg 10) gegeben haben dürfte, die es der Gemeinde geraten sein ließen, ihn durch den in seiner jüdischen Haltung unverdächtigen Jakobus zu ersetzen, und dass die Gefangensetzung des Petrus durch Herodes Agrippa im Zusammenhang damit zu sehen sein könnte, liegt nahe, bleibt jedoch ungesagt (124).

g. Lukas Schweigen über den Tod des Paulus und über die Existenz einer christlichen Gemeinde in Rom

Warum bricht Lukas seinen Bericht vor dem Tode des Paulus ab (28,30f), obwohl er von diesem Tode weiß (21,13)? Warum verschweigt er, von Andeutungen abgesehen (28,15), die Existenz einer römischen Christengemeinde und deren Verhältnis zu Paulus? Man wird die Möglichkeit, dass er auf diese Weise sich bemüht, Kontroversen der römischen Gemeinde um und mit Paulus, schwierige und belastende Vorgänge um seinen Tod, mit dem Vorhang des Vergessens zu verhüllen, ernstlich in Betracht zu ziehen haben (125).

J. Roloff (1981): Einige Forscher haben vermutet, Lukas lasse die römische Gemeinde unerwähnt, weil er den Eindruck erwecken wolle, dass erst Paulus in Rom das Evangelium verkündet habe. In diesem Fall hätte er die Existenz römischer Christen in 28,15 ebenfalls verschweigen müssen. Ungleich mehr hat die Vermutung für sich, dass Lukas über die Gemeinde schweigt, weil er weiß, dass ihr Verhältnis zu Paulus nicht eindeutig war. So wird man die Bemerkung in 1Clem 5,5-7, wonach Petrus und Paulus in Rom „wegen Eifersucht und Neid“ zu Tode gekommen sind, dahingehend verstehen müssen, dass innergemeindliche Kontroversen und Parteiungen zumindest zu den indirekten Ursachen für den Lebensausgang der beiden Apostel gezählt haben. Es ist nicht undenkbar, dass aus Gruppenrivalitäten gespeiste Intrigen mit Schuld getragen haben an der schlimmen Wendung, die sein Prozess genommen hatte. Lukas hat diese Vorgänge verschwiegen, um das von ihm durchweg programmatisch gezeichnete Bild einer von Konflikten freien kirchlichen Harmonie nicht zu beeinträchtigen (372).

h. Petrus und Paulus - das ökumenische Zweigespann

F. Mußner: Zwischen Petrus und Paulus gab es Spannungen heftigster Art. Nach dem Tod der beiden zeigen sich bedeutende Versuche zu einer ‚Versöhnung’ der beiden Gestalten. Der beachtlichste unter ihnen findet sich im NT in der Apg. Petrus wird in ihr zum Vertreter des Paulinismus und Paulus in die Kirche der ‚Apostel’ eingebunden als ‚der dreizehnte Zeuge’. Die koinonia (Gemeinschaft), zu der es nach Gal 2,9 zwischen Paulus und den ‚Säulen’ der Urgemeinde gekommen war, wird in der Apg zum bewussten Programm erhoben. Die Apg (Kp. 10, 11, 15) lässt deutlich erkennen, dass Lukas um die alten Kämpfe einschließlich des Streits um die Tischgemeinschaft weiß. Lukas denkt ökumenisch. Er denkt Petrus und Paulus zu einem ökumenischen Zweigespann zusammen (125f).