1.3 Paulinische Argumentation

Im Kol hat eine neue Problemlage innerhalb des Urchristentums ihren Niederschlag gefunden; es geht um die erste bewusste Auseinandersetzung des Christentums mit einer Mysterienreligion und deren Weltanschauung (155).

Die Vorstellung vom Mitsterben und Mitauferstehen: 'Pls' stellt gegenüber: „mitbegraben – miterweckt“ (2,12); „tot – mit lebendig gemacht“ (2,13). Das Gewicht fällt ganz der Gültigkeit des „miterweckt“ zu, das im Kontext schon durch das „erfüllt“ (2,10) und das „beschnitten“ (2,11) vorbereitet ist. Es geht darum, dass die Leser die Reichweite des „neuen Lebens“ und die Ungültigkeit des „Schuldscheins mit den Satzungen“ erkennen (2,14) (158).

Die Häresien in Korinth und Kolossae hatten einen grundverschiedenen Charakter. Handelte es sich in Korinth um einen Libertinismus, so warb man in Kolossae für eine rigoristische Religion. In Kolossae wurde bezweifelt, dass die Gnade Christi den Menschen, der den Schicksalskräften des Kosmos unterworfen war, ganz erlösen könne (160).

Die Gegnerschaft ist in ihren weltanschaulichen Bezügen deutlich erkannt. Hätte 'Pls' die Gültigkeit des neuen Lebens eingegrenzt, so hätten sich die Gegner bestätigt gefühlt, die auf einem 'noch-nicht' der Schicksalserlösung aufbauten und damit die Unvollständigkeit des Christusglaubens erweisen wollten. Sie mussten in ihrem Anspruch getroffen werden von der Zusage an die Gläubigen: „in ihm (Christus) seid auch ihr miterweckt“. 'Pls' will die Leser zu der Erkenntnis führen, dass das Christ-Werden für ihr Leben eine solche Verwandlung bedeutet, als hätten sie die Grenze des Todes überschritten (161).

Andererseits wehrt 'Pls' der Gefahr, aus dieser Zusage einen objektiven Heilsbesitz abzuleiten, indem er das „miterweckt“ im Glauben an die wirkende Macht Gottes verankert („der Christus auferweckt hat von den Toten“ 2,12). In der Vorstellung von der Erweckung mit Christus wird der Aufruf zur unablässigen Ausrichtung auf Christus begründet (3,1f). Das neue Leben ist nur verborgen im Wandel der Gläubigen da und doch ist es das „den Heiligen“ offenbarte Mysterium, das in der Völkermission wirksam werden soll; Christus ist sein Bürge (1,26-28;  2,2;  3,3f) (161).

Die Argumentation trägt deutlich pln Charakter. Die Leser werden in 'Pls' Denkweise hineingezogen, indem er zeigt, was sie mit ihm verbindet (2,1-5). Dieser dialogische Umgangsstil, durch den die Gemeinde nicht belehrend untergeordnet, sondern zur Erkenntnis und Initiative aufgerufen wird, lässt den Ausgangspunk für die Verkündung des Kol sichtbar werden: es ist das völlige 'Ergriffensein' von Gott, der in der Geschichte Christi den Gläubigen eine neue Geschichte schuf. Sie haben Tod und Leben Christi als die Umwandlung ihres Lebens erfahren, und da Christus Bürge ihres Heils ist, sind sie nun in der Gemeinde frei für ihr irdisches Leben und für eine nicht berechnende Solidarität (165).

Die Vorstellung vom Geheimnis: In Kolossae war das Mysterium nur mittels Demütigung und Askese zugänglich. 'Pls' hebt darum das „offenbart“ stark hervor. Das Geheimnis Gottes ist „seinen Heiligen“ kundgetan, denn dieses Mysterium soll gerade unter den Völkern wirken (1,27). Im Gegensatz zur 'Philosophie' ist es einzig auf Christus bezogen (2,2f). Das Geheimnis besteht darin, dass Christus in den Gläubigen wirkt (1,27), indem der Apostel in Ermahnung und Lehre Christus verkündigt (1,28) und indem die Kolosser „in ihm“ (Christus) wandeln (2,6). Das Geheimnis ist kultisch unverfügbar; es gewinnt für den Gläubigen sichtbar im Aufbau der Gemeinde Gestalt (168).

Im Kol handelt es sich darum, der falschen 'Weisheit' die wahre entgegenzustellen. In Auseinandersetzung mit der gegnerischen Position wird im Kol so offen von den Möglichkeiten der christlichen Erkenntnis gesprochen, die der ganzen Gemeinde zur Aufgabe gestellt ist (3,16). Sie besteht im Wachstum aus dem Anfang heraus (1,9f) und richtet sich auf das eine Geheimnis Gottes, das in Christus offenbar geworden ist (1,26f;  2,2f). Durch ihn sind die dem Gegner heiligen Mächte als entthront zur Schau gestellt (2,15). Da bei den 'Philosophen' die Weisheit in die Gleise eines Sonderkultes gesperrt wird, muss 'Pls' die allen zugängliche und allen helfende Erkenntnis positiv darlegen (169f).

Für Paulus ist die Freiheit von Gesetzen, die zur Erlangung des Heils abverlangt werden, ein entscheidendes Element christlicher Existenz. In Kolossae gaben sich diejenigen als 'Philosophen' (als die 'Starken') aus, die sich an die von den kosmischen Mächten geforderten Satzungen hielten. Deswegen ist im Kol gerade auch den 'Schwächeren' in der Gemeinde nichts als die Freiheit zu verkünden, die in Christus gegeben ist (2,13-23). Der ethische Impuls ergibt sich dann gerade aus der Loslösung von den knechtenden Verpflichtungen (2,20ff;  3,1ff) (171).

Wenn im Kol der Traditionsgedanke betont wird (2,6), so ist das durch das Gegenüber gefordert. 'Tradition' ist für 'Pls' nichts kultisch Festlegbares, sondern die Kraft zum weiteren Wachstum, die vom Anfang her in der Gemeinde wirkt (2,7). An Jesus allein orientiert können die Gläubigen den Streit mit den 'Philosophen' ausfechten (2,6-15) (171).

Gegenüber der Praxis der 'Philosophen', deren Haupteinsatz (in Askese und Kult) den Weltelementen gilt, wird der ganzheitliche Einsatz des Apostels für die Verkündung Christi dargestellt: Christus ist der einzige Inhalt der Predigt (1,27f;  2,2); in ihm ist alle Weisheit und Erkenntnis zu finden, die die Gegner anderswo suchen. Der Apostel braucht dazu seinen Leib nicht zu knechten (2,23), sondern die bei ihm tatsächlich (durch seine Fesseln 4,18) vorhandenen Leiden sind ihm ein Freudenzeichen dafür, dass er auch mit seinem (von den Gegnern verachteten) Fleisch der Gemeinde (als dem Leib Christi) dienen kann. Gerade auf diesem Weg erfüllt er den „Mangel“, den die Gegner bei Christus voraussetzen, wenn sie sich den „Mächten und Gewalten“ unterwerfen. 'Pls' hat ein Mysterium zu bringen, das allen Gläubigen offenbart ist (1,26) (172).

Die Gemeinde als der Leib Christi: die Vorstellung von Christus als Haupt der Schöpfung entnahm 'Pls' dem Hymnus (1,15-20) und formte sie um zu einer neuen Aussage über die Gemeinde. In Kolossae drohte eine Überfremdung  des Glaubens durch die von außen herangetragene Sondererkenntnis. Der Irrlehrer hält sich nicht an Christus als das Haupt (2,19), da es für ihn nicht ein Haupt, sondern die Fülle der göttlichen Kräfte gibt. Darum liegt in Bezug auf den Leib der Ton auf der Einzigkeit seiner Bestimmung vom Haupt Christus her, auf der Ganzheit der Gottesfülle, die in ihm gegenwärtig ist (2,9) und auf der Einheitlichkeit seines Wachstums (2,19). Da in der Gemeinde alle von Christus her leben, sind alle aufeinander gewiesen. Christus beruft alle, nicht nur die zu besonderer Weisheit oder Leistung Befähigten (173f).

Nur aufgrund der Kenntnis der Situation der kolossischen Gemeinde lassen sich die Neuheiten und Einseitigkeiten des Kol verstehen: die Hoffnung der Christen liegt nicht bei irgendwelchen Zwischenmächten, sondern „oben“, in Christus, zur Rechten Gottes (3,1). Die Ausrichtung auf dieses 'ganz oben' befreit die Gläubigen, ganz irdisch den neuen Menschen „anzuziehen“. 'Pls' argumentiert von dem geschichtlich verankerten „mit Christus erweckt“ aus. Das theologische Zentrum ist die von den Gläubigen erfahrene und in Jesu Tod sichtbar gewordene Versöhnung (die Erlösung aus der Gottesferne, die sich in der Preisgabe an die heidnischen Laster darstellte), die Freiheit für die irdische Erfüllung der Agape (174f).

Die gesamte Argumentation im Kol – die Unmittelbarkeit der Anrede, das Engagement, mit dem der Verfasser sich und die Leser vor die Erkenntnis des Willens Gottes stellt, die geschichtliche Verwandlung der überkommenen Bilder und die unautoritär sachliche Redeweise – weist auf Paulus als Verfasser. Der Kol ist seiner Theologie nach ein echter Paulusbrief. Die Inhalte des Kol sind gerade in ihrer Neuartigkeit paulinisch (176f).

Das geistige Ringen mit der Erkenntnisreligion in Kolossae ist so deutlich geworden, dass der Brief im Rahmen ntl Verkündigung ein sehr eigenständiges Zeugnis darstellt. Christus wird nicht als kosmische Über-Figur, sondern als in der Gemeinde wirkend sichtbar. Die Gemeinde aber erkennt sich als der den Kosmos (= der Weltkreis der Völker) geschichtlich durchdringende Leib Christi (182).

L.M.: Paulus ist m.E. der Verfasser des Kol. Er könnte den Brief in der Gefangenschaft in Cäsarea vor seiner Berufung auf den Kaiser (Apg 25,10f) geschrieben haben. Die Quartiersbitte Phlm 22 ist von Cäsarea aus verständlich. Kol und Phlm sind gleichzeitig geschrieben und von Tychikus und Onesimus überbracht worden (4,9) (vor dem verheerenden Erdbeben im Lykostal zur Zeit Neros, gest. 68) (181).