1. Der älteste, schriftlich überlieferte Streit zwischen dem frühen Christentum und der hellenistischen Kosmologie – der Kolosserbrief

J. Lähnemann

der Briefschreiber, Verfasser  =  'Pls'

 

1.1 Zum Hymnus (1,15-20)

1. (15) „Er (Christus) ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der Schöpfung. (16) Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und zu ihm geschaffen.

Zwischenstrophe: (17) Und er ist vor allem und alles besteht in ihm. (18a) Und er ist das Haupt des Leibes (nämlich der Gemeinde).

2. (18b) Er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten (damit er in allem der Erste sei). (19) Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte (20) und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden und im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz“.

Es ist anzunehmen, dass 'Pls' selbst dem Hymnus einen 'Introitus' vorangestellt hat (1,13): „Er hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, (14) in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden“.

In Kol 2,9f sind die Inhalte aus dem Hymnus aufgenommen: Von „Mächten und Gewalten“ ist die Rede, vom „Haupt und Leib“ und von der Einwohnung des Pleroma in Christus. Von den Mächten und Gewalten, die in Christus und auf ihn hin geschaffen sind (1,16) wird gesagt, dass Christus ihr Haupt (und damit ihr Herrscher) ist (2,10). Die Wendung von der 'Einwohnung des Pleroma' wird in einem Nachsatz für die Leser aktualisiert: „ihr seid in ihm erfüllt“ (2,9f) (35).

Die Einleitung der ersten (1,15f) und der zweiten (1,18b f) Strophe des Hymnus ist parallel. Es entsprechen sich jeweils drei Aussagen:

a. „er ist das Bild“ - „er ist der Anfang“ ;

b. „Erstgeborener aller Schöpfung“ - „Erstgeborener aus den Toten“;

c. „denn in ihm ist alles geschaffen“ - „denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte“.

Die Parallelität wird gestört durch einen Einwurf des 'Pls': „damit er in allem der Erste sei“ (1,18b). Während der Hymnus Christus als Mittler der Schöpfung und der Erlösung beschreibt, will 'Pls' darüber hinaus Christi Herrschaft in allen Bereichen aussagen (36).

Der ganz auf das 'Kosmische' ausgerichtete Hymnus wird um einen Ausdruck erweitert, der die Geschichte der Gläubigen betrifft. Indem 'Pls' zu der Wendung „dieser ist das Haupt des Leibes“ (1,18a) das „der Gemeinde“ hinzufügt, macht er sich den Haupt-Leib-Gedanken in neuer Weise nutzbar: den 'Haupt'-Gedanken nimmt er auf, um Christi Herrschaftsstellung über die „Mächte und Gewalten“ dazutun (2,10), den Leib-Gedanken, um damit den Ort der Gemeinde zu kennzeichnen (1,24). 2,19 (der Irrlehrer „hält sich nicht an das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken“) vereint beide Auslegungen (polemisch gegen die Irrlehrer, positiv für die Gemeinde) (37).

Die zweite Strophe des Hymnus enthält das urchristliche Kerygma: Christus ist „der Erstgeborene aus den Toten“. Dieses Kerygma führte zu der Aussage, dass das All versöhnt ist „durch sein Kreuzesblut“. Die Versöhnung des Alls ließ folgern, dass Christus auch als Mittler der Schöpfung und als ihr Erhalter zu begreifen ist. Deshalb nahm die Gemeinde die Schöpfungsvorstellungen, wie sie das hellenistische Judentum bot, in den Dienst, um Christus damit zu preisen. Folgende Aussagen über Christus lassen sich herausstellen:

„in ihm“ allein ist die 'Weisheit' Gottes als sein Abbild und als der Erstling der Schöpfung Fleisch geworden;

„in ihm“ erkennt der Gläubige Gott als den Erhalter der Welt, als das „Haupt“ des allumfassenden „Leibes“.

„in ihm“ nahm das ganze Pleroma Wohnung, um durch ihn das All zu versöhnen „auf ihn hin“ (41f).

Die erste Strophe des Hymnus (1,15f) sagt im vorbrieflichen Zusammenhang, dass Christus der Erstling und Anführer der Schöpfung ist; denn in ihm wurde alles geschaffen. Die zweite Strophe (1,18b f) sagt, dass Christus der Erstling und Anführer der Erlösung ist, denn er repräsentiert das Pleroma. Im Kol wird aus der Anführerschaft in der Schöpfung die Vorherrschaft über alle Mächte und Gewalten, an der die Gemeinde Teil hat. Aus der Anführerschaft in der Befriedung des Kosmos wird die Erledigung kosmischer Zwingherrschaft. Der Hymnus wird 'Pls' aus Gemeinden hellenistisch-judenchristlicher Prägung bekannt geworden sein. In Kolossae war er noch nicht in Gebrauch, denn im Hymnus ist das Problem der kosmischen Mächte bewältigt, in der (heidenchristlichen) kolossischen Gemeinde aber noch nicht (42).

Die Anwendung des Hymnus (1,21-23): Hier wird der Inhalt des Hymnus für die Gläubigen aktualisiert: Anstelle des Pleroma ist es nun Christus, der die Versöhnung wirkt. Was im Hymnus als zeitloses Geschehen beschrieben wird, das haben die Gläubigen bereits. Die kosmische Weite des Christusgeschehens, wie sie im Hymnus entfaltet wurde, wird auf das aller Welt geltende Evangelium bezogen. Die Gläubigen sind durch die Teilhabe an der Christusversöhnung gleichsam der kosmischen Versöhnung voraus. Den Lesern wird das 'schon' des Heils deutlich vor Augen geführt (2,11.12.13.20). Die Versöhnung betrifft das Denken (1,21) und die Lebensführung (1,22) der Gläubigen. Das wird der 'Philosophie' und der besonderen Ethik der Gegner entgegengestellt (43).

In 1,9-11 war als Ziel der Fürbitte noch ganz allgemein angegeben, dass die Kolosser erfüllt werden möchten mit der Erkenntnis des Willens Gottes, würdig des Herrn zu wandeln. Das „Christus hat versöhnt“ (1,22) folgert in 1,23, dass die Kolosser im Glauben gegründet und fest bleiben sollen, um sich nicht abbringen zu lassen von der Hoffnung des Evangeliums. In 2,7 heißt es, die Kolosser sollen eingewurzelt und auferbaut in Christus sein. Das Ziel ist das Wachstum der Gläubigen in der Erkenntnis Gottes (1,9-11). Der Hymnus enthält (nach den überleitenden Versen 12-14) eine erste Belehrung über den kosmischen Rang Christi. In der Anwendung wird die Folgerung ausgesprochen, dass die Gläubigen als in Christus Versöhnte dem Kosmos voraus sind (43f).

 

1.2 Die Briefmitte: Lehre und Mahnung angesichts der Häresie (2,6-23)

a. Die Zielangabe: Verwurzelt in Christus und Festigkeit gegen den Raub durch die Philosophie (2,6-8)

(2,6) „Wie ihr den Herrn Christus Jesus angenommen habt, (so) wandelt in ihm, (7) gewurzelt und aufgebaut in ihm und gefestigt im Glauben, wie ihr unterwiesen seid, reich an Dank. (8) Gebt acht, dass euch niemand fange durch die Philosophie und leere Täuschung, nach der Überlieferung von Menschen, nach den Welt-Elementen und nicht nach Christus“.

Skopos: „Wie ihr den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so wandelt auch in ihm“ (2,6).

Das Ziel: zu wachsen in der „Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, Christus, in dem alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind“ (2,2f). Lieblingsworte der den Lesern bekannten 'Philosophen' werden auf Christus bezogen. In 2,4 erfolgte die erste Warnung, nicht auf betrügerische Rhetorik hereinzufallen (111).

Die Gläubigen werden an einer bewusst geistigen Auseinandersetzung beteiligt, ohne dabei auf eine tradierte Norm festgelegt zu sein. Was die Gläubigen angenommen haben, ist aus der bisherigen Existenz der Gemeinde zu ersehen. In ihr ist „der Glaube an Christus Jesus und die Liebe zu allen Heiligen“ (1,5) wirksam geworden. Das Nacheinander der Verben: „Wie ihr angenommen habt – so wandelt“ (2,6) stellt einen Versuch dar, das Wachstum der Gemeinde zur Sprache zu bringen, ihr die Zukunft ihres Anfangs bewusst zu machen. Der Dank: „seid reichlich dankbar“ (2,7) ist gleichsam die Atmosphäre, in der die Gläubigen wachsen; ihr Wachsen ist stetiger Dank und aller Dank wird wieder zu einem Wachstum im Glauben (112).

Die Stoicheia-Verehrer propagierten Sonderlehren (2,22), sie rühmten sich ihrer 'Philosophie' (2,8) und konnten deswegen mit geistigem Hochmut auftreten (2,18). Es bestand die Gefahr, dass die Gemeinde in die Klugen und Frommen einerseits und die 'Normalen' andererseits auseinanderfiel, sich somit selbst auflöste. 'Pls' zeigt, dass der Christus-Glaube nicht begrenzt ist, wie es die Gegner meinen. Die Liebe, die die Kolosser an allen Heiligen üben (1,4), gibt es von Anfang an nicht ohne Erkenntnis (1,9f). Der Hymnus illustriert, dass die kosmische Sonderweisheit in Christus bereits zur Erfüllung gekommen ist. Darum führt auch Erkenntnis nicht aus der Gemeinschaft heraus, sondern in die Gemeinde hinein: es kann unter Christus keine Weisheit geben, die außerhalb der Verantwortung der Gemeindeglieder füreinander Bestand hätte (1,28;  3,16). Es geht im Kol beim Lehr- wie beim 'Traditions'-Gedanken um die folgerichtige Entfaltung der christlichen Existenz aus ihrem Anfang heraus, nicht um ein statisches 'Bleiben beim Alten'. „Wandelt in ihm“: Die Gemeinde wird allein an ihre Christuszugehörigkeit verwiesen. Es kommt auf die rechte Ausrüstung an, auf das „gefestigt im Glauben“. Die Gemeinde soll in ihrem Wachstum den mit Christus allein gesetzten Anfang fortsetzen. Dieses Bestehen im Begonnenen ist im Kol kein ängstliches Festklammern an Überliefertem; es wird der Gemeinde als aktive Auseinandersetzung vorgeführt. Allein in Christus, der in der Existenz der ganzen Gemeinde gegenwärtig ist, haben Anfang und Zukunft, Wandel und Erkenntnis der Gläubigen ihren Grund und Antrieb (113f).

In 2,8 werden die Stoicheia-Verehrer der Gemeinde gegenübergestellt und von ihr geschieden: Jeder, der die Zukunft der Gemeinde wo anders sucht als im Weiterwachsen aus dem Anfang heraus auf den erhöhten Christus hin, ist ein Zerstörer: „er führt als Beute hinweg“. Die 'Philosophie', die die Überlegenheit der 'wissenschaftlichen' Gotteserkenntnis bezeichnen soll, ist leere Täuschung. Die Paradosis, die der Eingeweihte als heiligen Logos empfangen zu haben wähnt, ist „Überlieferung von Menschen“. Eine Zerteilung der Erlösung, dass man den Elementen dient, um mit dem Kosmos Frieden zu haben und Christus dient, um einer Erlösergestalt huldigen zu können, wird abgewiesen. Das 'und' zwischen den Elementen und Christus ist unmöglich (114f).

b. Belehrung gegen falsche Lehre: die in Christus geschenkte Fülle, Beschneidungs- und Schuldfreiheit (2,19-15)

(2,9) „Denn in ihm (Christus) wohnt die ganze Fülle der Gottheit leiblich (10) und ihr seid in ihm erfüllt, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist.

(11) In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus.

(12) Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. (13) Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Übertretungen und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Übertretungen. (14) Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.

(15) Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus“.

Das Pleroma der Gemeinde (2,9f)

Dadurch, dass 'Pls' in 2,9f den Hymnusinhalt aufnimmt, ihn polemisch gegen die Irrlehre wendet und damit gleichzeitig den Hymnus korrigiert, begegnen sich drei theologische Positionen: die der Gemeinde, die den Hymnus geprägt hat, die der Gegner in Kolossae und die des 'Pls'. Die Begriffe des Hymnus und der Gegnerschaft werden der Profanisierung unterzogen. Sie verlieren ihre kosmische Bedeutung (Hymnus) und ihren kultischen Rang (Gegnerschaft) und werden der Gemeinde zugesprochen (115f).

Die Wendung „die Fülle der Gottheit“ scheint aus der Begrifflichkeit der Häretiker übernommen zu sein und meint ursprünglich die Fülle des Göttlichen, wie es in den kosmischen Mächten präsent ist und dem Gehorsamen durch Befolgen des 'philosophischen' Weges zugänglich wird (117).

Indem 'Pls' das Adverb „leiblich“ hinzufügt, verwendet er die von den Gegnern übernommene Wendung kritisch und aktualisiert damit zugleich den Hymnus. Das „leiblich“ betont die volle Menschlichkeit Jesu gegenüber der Abwertung des Leibes („Härte gegen den Leib“) (2,23) der 'Philosophen' (117f).

So sehr die Inanspruchnahme des Pleroma allein für Christus den Prinzipien ihrer Gottsuche entgegenstand, um so mehr musste die 'Philosophen' der Satz treffen, dass die Fülle der Gottheit „leiblich“ im Erlöser wohnt. Hinter diesem „leiblich“ steht die Geschichte Jesu selbst. Dadurch, dass der Erlöser in seinem Leibe die Erlösung schuf, kann der Leib nicht mehr als dem Göttlichen ferne Teile des Menschen zum Feld der Askese degradiert werden. Der Leib stellt nun eine neue, positive Wirklichkeit dar, wie die Einfügung „der Gemeinde“ (1,18.24) bereits andeutete (118).

Der Einwurf in das Hymnuszitat „und ihr seid in ihm erfüllt“ (2,10) bringt 'Pls' Anliegen, die Inhalte des Liedes (1,15-20) polemisch zuzuspitzen und auf die Kolosser anzuwenden, zur Geltung. Bei den 'Philosophen' wird das Pleroma, das in der Vielzahl der kosmischen Mächte existiert, am Ende ihrer Bemühungen erreicht und bleibt einer Auswahl Würdiger vorbehalten. 'Pls' kann die Konsequenz christlichen Glaubens positiv formulieren: „in ihm“ (Christus), in dem die Fülle der Gottheit gegenwärtig ist (2,9), haben alle Gläubigen, nicht nur die 'Fähigen', bereits die 'Fülle'. Sie ist nicht erst durch besondere Dienste zu erlangen. Die Gläubigen leben bereits aus der Fülle, die in Christus ganz gegeben ist. Die Erkenntnis, dass das Pleroma bereits am Anfang des Weges des Christen steht, scheint sich 'Pls' angesichts des Pleroma-Denkens der Irrlehrer erschlossen zu haben. Begründend wird der Nachsatz „der das Haupt ist jeder Herrschaft und Gewalt“ (2,10b) angefügt. 'Pls' stellt die 'Haupt'-Aussage aus dem Haupt-Leib-Schema (1,18a) mit der Aufzählung der Mächte (1,16) zusammen, so dass die Aussage von der Erstlingsschaft Christi zu einem Herrschaftstitel verschärft wird: Die himmlischen Mächte müssen ihre Plätze an die Getauften abtreten (118f).

Weil Christus über den ganzen Kosmos (dessen Mächte als Schicksalslenker regierten) zum Haupt gesetzt ist, können seine Jünger nun frei nach der neuen 'Erfüllung' streben, die ihnen als Aufgabe gesetzt ist, nach der Erfüllung in der Erkenntnis des Willens Gottes (1,9), die verbunden ist mit dem Üben der Liebe in der ganzen Gemeinde (2,2). Auch hier ist es das Bild vom Wachstum (1,10f), das die Zusage des „erfüllt“ und die Aufforderung des „lasst euch erfüllen“ verbindet, so dass Indikativ und Imperativ nicht auseinanderklaffen. Gegen die gegnerische Behauptung der Unvollständigkeit des Christentums muss gerade der Indikativ genannt werden (119f).

Die Christusbeschneidung (2,11)

In 2,11-15 entfaltet 'Pls' den Gedanken, dass die Leser der Christus-Erfüllung zugehören, an den drei Streitpunkten: der Beschneidung, der Gültigkeit des Schuldscheins und des Vollmachtsanspruchs der kosmischen Mächte. Mit dem sakramentalen Brauch der Beschneidung erhält unter Nicht-Juden (2,13) der Anfang ihrer Gottesverehrung eine nicht-christliche Basis. Die Zusage: „in ihm (Christus) seid ihr auch beschnitten“ (2,11) ist 'geschichtlich' zu verstehen, denn sie wird in der Geschichte des Erlösers und im Leben der Gläubigen verankert. Das zeigt sich an der Wendung „im Ablegen eures fleischlichen Wesens“, an dem Hinweis auf die „Christus-Beschneidung“ und auf die Taufe der Leser (120).

Soma ist in 1,18 ursprünglich kosmisch bestimmt. In 1,24 ist Soma Bild für die Gemeinde, in 2,23 Objekt der Askese. In 1,22 ist der am Kreuz hingegebene Leib Jesu gemeint. Die Versöhnung ist leiblich geschehen! So tritt in 2,11 (gegenüber der Beschneidungsforderung) eine Verschärfung ein: 'Pls' spricht hier vom 'Ablegen' und von der 'Christus-Beschneidung'. In der Hingabe Jesu ist die Beschneidung in ihrer radikalsten Form enthalten. Die Leser blicken bereits auf eine Beschneidung zurück, die unüberbietbar ist (121f).

Diese Totalität wird auch in der Fortführung ausgesagt: „mit ihm begraben in der Taufe“. Die völlige Übereignung von Tod und Leben Christi an die Gläubigen muss die „Strenge gegen den Leib“ (2,23), die von den Gegnern in Kolossae mit der Beschneidung in Gang gesetzt wird, als größte Sinnwidrigkeit erscheinen lassen. Das Soma muss seinen Inhalt von der Geschichte der Gläubigen her bestimmen lassen: weil der 'Fleischesleib' als das Vollzugsorgan der heidnischen Laster ausgeschaltet ist, gibt es für die Gläubigen das Soma nur noch als den Leib der Gemeinde. Diesem Leib hat auch das 'Fleisch' zu dienen, wie 'Pls' an seinen Leiden für die Gemeinde deutlich machen kann (1,24).

Der scheinbare Widerspruch zwischen der Zusage (2,11) und der Aufforderung (3,9) drückt die Dynamik der Erlösung aus, mit der die Gläubigen nicht in ein physisches neues Sein, sondern unter eine neue Herrschaft versetzt sind, die sich im täglichen Kampf gegen die scheinbar noch herrschenden Laster durchsetzen will. 'Pls' deckt die grundverschiedene Denkbewegung zwischen dem Christusglauben und der Elementenphilosophie auf; es geht um die Ganzheit der Erlösung (122).

Das neue Leben (2,12f)

'Pls' stellt der Christus-Beschneidung, die die Gläubigen erfahren haben und die im „mitbegraben in der Taufe“ verankert wird, die Auferweckung mit Christus gegenüber. In 2,13 wird der alte Zustand als „tot in den Übertretungen“ charakterisiert. Der vorausgesetzte Tod ist der vorchristliche Zustand der Leser. Der eigentliche Vergleichspunkt der Aussage liegt in der Totalität der Verwandlung des Lebens, die im Blick auf Sterben und Auferweckung Jesu über die Gläubigen ausgesprochen werden kann (123).

In Kol 2,12f kommen zwei unterschiedliche Gedankengänge zusammen. Zunächst wird die Zusage der Beschneidung in dem „mitbegraben in der Taufe“ verankert, demgegenüber hat nur noch die Erweckung mit Christus Gültigkeit (2,11f). Danach (2,13) wird das neue Leben als Gegenüber zu den alten Übertretungen hingestellt. Diese Aussage kann gegen den „Schuldschein“ der Gegner (2,14) aktualisiert werden. So unvermittelt 'Pls' den Lesern das „ihr sein beschnitten“ zugesprochen hat, so bestimmt er auch den Ort dieser Aussage im Leben der Gläubigen: „indem ihr mit ihm begraben seid in der Taufe“. Als die Kolosser Christen wurden, haben sie die Geschichte Christi erfahren, indem an ihnen eine 'Beschneidung' geschehen ist, die ein Ablegen des alten Menschen, seine Versenkung ins Grab bedeutet. Es gilt nur noch das neue Leben (123f).

'Pls' hebt das „miterweckt“ gegenüber dem 'noch nicht' bei den Gegnern hervor. Die 'Erweckung' ist nur „in Christus“ Wirklichkeit wie die Beschneidung. Sie steht „durch den Glauben an die Macht Gottes, der ihn (Christus) von den Toten erweckt hat“ in Geltung. In Kol 2,12 ist die Botschaft aufgenommen, dass Gott Christus von den Toten erweckt hat. Das schließt ein, dass die Gläubigen sich als 'Miterweckte' begreifen können. In der Erweckung zeigt sich die „Macht Gottes“, die den Ansprüchen der „Mächte und Gewalten“ entgegensteht (124).

Denen, die tot waren in ihren Übertretungen, hat Gott die Übertretungen vergeben. Gegen die heidnischen Laster (3,5.8) ist die Gnade in Geltung getreten. Der Ton fällt ganz auf die Aussage „lebendig gemacht hat er uns mit ihm“. In 2,13 erscheint das alte Dasein als Todesexistenz, da nur das Leben in der Vergebung als Leben gelten kann. Die Alternative 'tot – lebendig' dient 'Pls' dazu, die christliche Ethik gerade angesichts der Askese bei den Gegnern zu begründen. Tod und Leben stehen allein bei Gott als dem Herrn über Leben und Tod. So zerreißt das „ihr seid miterweckt“ die mystische Verschleierung der Erlösung (125f).

Der annullierte Schuldschein (2,14)

'Pls' entwirft eine geschichtliche Theologie, indem er Gottes Handeln in der Geschichte mit profanen Bildern umschreibt und gegen den Mythos der Gegner ins Feld führt. Hier liegt kein vorbriefliches Lied vor, sonder eine Argumentation des 'Pls' (126f).

In dem Ausdruck 'Schuldschein' verbirgt sich wahrscheinlich die metaphysische Begründung der Ethik bei den Häretikern: es ist der Schuldschein, den die „Mächte und Gewalten“ in der Hand haben und der die Satzungen enthält, denen man sich beugen muss. 'Pls' greift diesen Terminus auf und beurteilt ihn von der den Gläubigen zugesprochenen Wirklichkeit des neuen Lebens aus. Die Schuldhandschrift, von den Gegnern als mythische Größe deklariert, ist von Gott in einem profanen Rechtsakt ungültig gemacht worden: Sie ist „an das Kreuz angenagelt“ (128).

Die Entkleidung der Mächte (2,15)

Was ist aus der Vollmacht der kosmischen Gewalten geworden, wenn Christus (2,10) als ihr Haupt anzusehen ist und die Gläubigen bereits 'Erfüllte' genannt werden können? Wie kann man sich noch der Elementenverehrung zuwenden, wenn die Mächte – wie der Hymnus zeigt – durch Christi Erweckung zum Frieden gekommen sind (129f)?

Gott hat die Mächte und Gewalten „ausgezogen“, „öffentlich zur Schau gestellt“, „sie im Triumph einhergeführt“. Was in 2,11 über den Fleischesleib (als Sinnbild der Gottesferne) gesagt ist, wird nun weiter ausgeführt für den Anspruch der Mächte, deren Position entleert ist, wenn ihnen keine negative Substanz im Menschen mehr gegenübersteht. In 2,13f war die Frage aufgeworfen: wenn die Vergangenheit mit den Übertretungen und der Unbeschnittenheit dem Tod übergeben und der Schuldschein durchgestrichen ist, was haben dann die Mächte noch in der Hand? Sie sind „völlig entkleidet“! „Er hat sie öffentlich zur Schau gestellt“ (= bloßgestellt). Die Mächte und Gewalten, deren Zwang man sich im Geheimkult durch Demutshaltung und Askese beugt, sind gleichsam an den Pranger gestellt. Die Mythisierung der Elemente ist nichts anderes als menschliche Erfindung. „Im Triumphzug hat er sie einhergeführt“ (2,15). Im Triumphzug führte der Triumphator seine Gegner öffentlich vor, bewies damit ihre Vernichtung und sich selbst als Sieger und Herrscher (131f).

Wie ein irdischer Gerichtsherr hat Gott den Schuldschein durchgestrichen, wie ein irdischer Feldherr hat er die Mächte, die in den Mysterien hinter 'philosophischen' Lehren verborgen gehalten werden, als Trophäen im Triumphzug öffentlich vorgeführt. Das „in ihm“ ist auf Christus bezogen. In jedem der Vorgänge – vom Ausstreichen des Schuldscheins an – steht Christus im Mittelpunkt. Wer in Christus wandelt (2,6), muss auch am Triumphzug über die Mächte teilnehmen (132f).

Zur Argumentation in 2,9-15

Die Argumentation ist dadurch bestimmt, dass 'Pls' an den wichtigsten Kennzeichen der 'Philosophie' (Pleroma, Beschneidung, Schuldschein, Mächte und Gewalten) aufzeigt, wie von den Gegnern die Ganzheit der Erlösung rückgängig gemacht wird. Denn Christus angenommen zu haben, heißt, sich in allen Bezügen von ihm bestimmen zu lassen. Wer in ihm die Herrschaft Gottes wahrnimmt, muss sein ganzes irdisches Leben in den Dienst gestellt sehen und alle anderen göttlichen Ansprüche als Anmaßung von Geschöpfen erkennen (133).

Die Begründung des Aufrufs, in Christus und nicht nach den Elementen der Welt zu wandeln (2,6-8), lässt sich so zusammenfassen:

Ihr habt teil an Gottes Pleroma, denn

ihr seid in Christus bereits beschnitten,

so wie ihr mit Christus erweckt seid;

und weil Gott euch lebendig gemacht hat mit ihm,

sind nicht nur eure Übertretungen vergeben,

sondern auch der Schuldschein ist zerrissen,

die Mächte sind entkleidet!

Das Faszinierende an Kol 2,9-15 ist, wie 'Pls' in der Auseinandersetzung mit der kolossischen 'Philosophie' neue theologische Horizonte eröffnet, was sich an seiner Deutung des Pleroma-Begriffs, an der neuen Prägung des Leibverständnisses und an der Darstellung der Herrschaft Gottes über die Mächte beobachten lässt. Er radikalisierte die alte Verkündigung mit neuen Bildern, die christozentrisch zusammengefasst werden, was sich besonders an der Verarbeitung des Hymnus zeigt (134).

c. Folgerungen – die Abwehr der häretischen Gebote: die Kult- und Speisesatzungen als Verlust der Bindung an das Haupt (2,16-23)

(2,16) „So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats. (17) Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Leib aber gehört Christus.

(18) Lasst euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich gefällt in falscher Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat und ist ohne Grund aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn (19) und hält sich nicht an das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken.

(20) Wenn ihr nun mit Christus den Mächten der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt: (21) Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren? (22) Das alles soll doch verbraucht und verzehrt werden. Es sind Gebote und Lehren von Menschen, (23) die zwar einen Schein von Weisheit haben durch selbsterwählte Frömmigkeit und Demut und dadurch, dass sie den Leib nicht schonen; sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch“.

'Pls' benutzt verschiedene Spielarten der Polemik (neben kritischem Referat auch positive Entgegnung und am Schluss die Karikatur 2,21), um die 'Philosophie' ihres göttlichen Scheins zu berauben (135).

Der Schatten des Kommenden (2,16f)

In der Gegenwart gilt für 'Pls' allein die Realität des „Leibes Christi“, so dass die häretischen Anweisungen nicht nur als „Schatten“ zu begreifen sind, sondern darüber hinaus in die Vergangenheit verwiesen werden. Der „Leib aber gehört Christus“, der Leib Christi ist die Gemeinde (136f).

Engeldienst und Christusleib (2,18f)

Demut ist das Schlüsselwort für die Haltung der Unterwürfigkeit, die von den kosmischen Mächten gefordert und in der Askese geübt wird. Die Engel werden als kosmische Herren verehrt. „Der sich dessen rühmt, was er geschaut hat“ weist auf die Einweihung in die Mysterien hin. Der Erfolg des Wettkampfes (in dem Paulus 1,29 und Epaphras 4,12 die Gläubigen in Kolossae leiten) ist gefährdet dadurch, dass sich Gläubige in Kolossae von den Entscheidungen der 'falschen Schiedsrichter' irremachen lassen (138f).

Der 'Philosoph' konnte zugeben, dass er aus freiwilliger Einsicht heraus seinen Weg beschritt. Wenn 'Pls' diese Aussage dahin umdreht, dass der 'Philosoph' gerade im Verstand des 'Fleisches' aufgeblasen sei, dann traf das den Anspruch der Weisheitslehrer am empfindlichsten Punkt. Denn sie wollten gerade vom Fleisch freikommen, um ihren Verstand ganz der Gottheit zuwenden zu können. Im neuen Leben mit Christus (2,13) ist kein Raum mehr für den Anspruch der kosmischen Mächte (2,14); wer sich ihnen aber unterwürfig zeigt, indem er Askese übt, kommt nicht frei vom Fleisch, sondern er macht es wichtig. Die besonderen Leitsätze des Irrlehrers erweisen sich als Selbsterfindung (139f).

„Demut und Engeldienst“, die der 'Philosoph' sich in eigener Regie vorschreibt, schaffen nur Selbstgefälligkeit und Aufgeblasenheit und das zerstört die Gemeinde. 'Pls' setzt einander entgegen:

(1) die 'Demut', die mit geistigem Hochmut zusammengeht – und (3,12) die 'Demut', die sich in Barmherzigkeit, Rechtschaffenheit, Sanftmut und Geduld verwirklicht.

(2) das 'Schiedsrichten', das Trennwände aufbaut und den einfachen Christusglauben verurteilt – und (3,15) der Friede Christi, der die Herzen der Gläubigen aufeinander 'ausrichtet' (140).

Christus ist das Haupt über die Welt, aber nur die Kirche ist sein Leib, dem alle Kraft des Wachstums von ihm zuströmt. Das Haupt-Leib-Schema ist 'Pls' nicht vorgegeben, sondern er wertet hier eine Vorstellung des Hymnus aus. Das darin kosmologisch verstandene Bild legt er durch den Zusatz „der Gemeinde“ (1,18.24) aus. Die kosmologische Komponente aber verwendet er polemisch, indem er in 2,10 die Mächte als dem Haupt Christus untergeordnet hinstellt. Nachdem in 2,15 die Mächte als öffentlich „entkleidet“ vorgeführt wurden, kann 'Pls' nun die positive Funktion des Christusleibes aufzeigen. In 2,19 ist ein Bild erreicht, nach dem sich die Gemeinde in neuer Weise als Organismus verstehen kann, der von Christus her belebt wird (140f).

Es soll die Dynamik der Gemeinde gezeigt werden, die von Gott herrührt (so wie die 'Aufgeblasenheit' der Irrlehrer aus ihnen selbst kommt):

(1) Die Gemeinde hat ein Haupt, an dem sie festhält. Deshalb ist sie nicht auf die 'Fülle' der göttlichen Mächte angewiesen.

(2) Von diesem Haupt aus wächst die Gemeinde als ein lebendiger Organismus. Der Gedanke des Wachstums schließt ein, dass die Gläubigen kontinuierlich die Erkenntnis des Anfangs fortsetzen (1,10). Das Wachstum bedingt die Unabgeschlossenheit der Gemeindeexistenz, ihre unablässige Ausrichtung auf Christus hin (3,1-4).

(3) Die Vorstellung vom Organismus verdeutlicht, dass die Gläubigen wie „Gelenke und Bänder“ eines Körpers aufeinander angewiesen sind.

'Pls' zeigt das grundverschiedene Wesen der 'philosophischen' und der christlichen Gemeinschaft auf. In 2,9-15 kämpfte er um die Ganzheit der Erlösung, nun um die Ganzheit der Gemeinde als des einen Leibes Christi (142f).

Menschliche Gebote und Lehren (2,20-23)

Der Kosmos (für die 'Philosophen' der Wohnraum der göttlichen Elemente) ist seiner Mächtigkeit entkleidet (2,15) und kann deshalb nicht mehr zur Lebensbasis für eine Christenheit werden. Die kosmologischen Gedanken des Hymnus 1,15-20 werden der christlichen Verkündigung eingefügt, die die weltweite Herrschaft des Kyrios proklamiert und die kosmische Durchdringung (1,16.19f) erfolgt geschichtlich, in der Völkermission. 'Pls' unterwirft den Kosmos der Geschichte Christi, die ganz irdisch den gesamtem Erdkreis ergreift. Der 'Weltraum' im Sinne der Gegner ist zu einer leeren Fassade geworden, die sich mit nichts anderem mehr schmücken lässt als mit den von den Gegnern selbst erfundenen Dogmata. Die kolossischen Gebote werden polemisch überspitzt (2,21). Diesen Geboten ist die weltanschauliche Fundierung genommen. Die 'Objekte' sind schlicht Lebensmittel. Zu den Geboten (2,21) werden konsequent die dahinter stehenden 'Lehren' hinzugenommen und damit nicht nur der ethische, sondern auch der 'philosophische' Anspruch der Gegner mit der Wertung „von Menschen“ versehen: menschliche Erfindung muss es sein, wenn man die Speisen zu Kultgegenständen, die Elemente zu göttlichen Herren macht. Damit erklärt der gesunde Menschenverstand die 'Philosophie' zu einer selbst erdachten Größe (144f)!

Was die Gegner lehren, ist von Menschen und nicht göttlich, was sie gebieten, führt zur 'Fleischesfülle' nicht zum himmlischen Pleroma. Da die 'Philosophen' ihren Weisheitsanspruch auf menschliche Erfindungen gründen, wird der Logos der Weisheit zu einem bloßen 'Gerücht'. Der freiwillige Gottesdienst wird zum selbstgewählten Gottesdienst, die „Demut“ zu scheinbarer Unterwürfigkeit. Beides lässt sich einzig in der „Strenge gegen den Leib“ begründen (146f).

d. Ergebnisse

(1) Der Lehre der Gegnerschaft begegnet 'Pls', indem er in neuer Weise den Erkenntnischarakter des christlichen Glaubens hervorhebt. Dabei stellt er den „Geboten und Lehren“ (2,22) (über die die Gegner als göttlichen Besitz zu verfügen meinen), nicht abgesicherte Lehrgegenstände entgegen, sondern die Aufgabe, den Willen Gottes zu erkennen (1,9f). In ihr stehen die Gläubigen, da ihre einstige Feindesgesinnung „in schändlichen Werken“ durch Christi leiblichen Tod verwandelt ist (1,21f) (150).

(2) 'Pls' stellt der Tradition der Häretiker (2,8) einen eigenen Überlieferungsgedanken voran (2,6). Die Gläubigen in Kolossae stehen längst in der umfassenderen Tradition als die 'Philosophen', weil sie Jesus als den Christus ihres Glaubens und den Kyrios ihres Handelns angenommen haben (2,6). Diese Überlieferung macht die Einheit des irdischen Lebens in der Ausrichtung auf den Erlöser möglich (2,7;  3,1f) (151).

(3) Der Satz von der Einwohnung des Pleroma in Christus (1,19) wird in 2,9 polemisch gegen die 'philosophische' Spekulation über die 'Fülle der Gottheit' ausgespielt, dann (2,10) dahingehend erweitert, dass die Gläubigen bereits Teilhaber an diesem Pleroma sind. Die Leser, in deren Leben die Erfüllung hineingeholt wird, haben das Erfülltwerden in der Erkenntnis des Willens Gottes nicht nur als Ziel (1,9), sondern leben bereits aus ihm. Dadurch wird das Pleroma aus einer kosmischen Größe zu einer Klammer des christlichen Erkenntnisweges.

(4) Der Leib als das Gegenüber zum Haupt gewann erst bei der Briefabfassung Gestalt. Der Hymnus gab 'Pls' das Bild an die Hand, das sich polemisch gegen die Gegner und positiv für die Umschreibung des Wesens der Gemeinde verwenden ließ. Denn da Christus im leiblichen Tod den Gläubigen die Versöhnung bereitete (1,22), ist er nun ihr einziges Haupt, die Gemeinde sein einziger Leib. Allein von Christus aus wächst die Gemeinde in göttlichem Wachstum (2,19).

(5) Der Kosmos kann nicht das Weltgebäude sein, in dessen Satzungen gefangen sich die Gläubigen vorfinden (2,20), denn er ist kein metaphysisches Subjekt mehr, sondern Objekt des „in der ganzen Schöpfung“ verkündigten Evangeliums (1,23) (151).

'Pls' führt den Gläubigen in Kolossae ein erweitertes Bild von der Herrschaft Christi und von seinem Wirken in der Gemeinde vor. Er geht von der Erkenntnis aus, das Gott in Christus den Menschen, der das Evangelium hört, in eine neue Solidarität mit den Mitgläubigen (3,16) und Nichtgläubigen (4,5f) stellt (152).

Die Bilder des Wachstums (1,6.10;  2,19) und der Erfüllung (1,9;  2,10) illustrieren die Kontinuität der Bewegung aus diesem Anfang her. Der Hymnus 1,15-20 und die Auslegung des neuen Lebens (2,12f) machen die unbeschränkte Regentschaft Christi gegenüber den kosmischen Mächten anschaulich. Der Gedanke vom Organismus (2,19) weist die Gläubigen aufeinander gegenüber den Aufspaltungen durch die Gegner und das Verständnis der 'Welt' als Arbeitsfeld des Evangeliums wendet sich gegen die Erhebung des Kosmos zu einer weltanschaulichen Größe. In allem streitet der Glaube an den einen Gott und die eine Erlösung mit aller ihm verfügbaren 'Logik' gegen die Angriffe der kosmischen Gottheiten und Erlösungswege. 'Pls' will die von der Vielfalt der Mysterienweisheit betörten Gläubigen in Kolossae zu der Einsicht führen, dass alle Erfüllung in der Ganzheit der Gemeinde Christi gegeben und zur Aufgabe gestellt ist (152).

'Pls' begegnet der Weltanschauung der kolossischen Lehre vom christlichen Glauben aus in neuartiger weltanschaulicher Auseinandersetzung. Er führt diese Auseinandersetzung so, dass er die Kosmologien, mit denen er streitet, konsequent vergeschichtlicht, indem er den übernommenen Hymnus geschichtlich korrigiert. Er hebt die Gemeinde als den irdischen Leib Christi, in dem alle Gläubigen an Lehre und Mahnung mitarbeiten, von der häretischen Sondergemeinschaft ab. Er setzt die Ganzheit des Heils dem 'noch nicht' der gegnerischen Gebote entgegen. Er kann von der Aufgabe der Weltmission aus die geheimen kosmischen Verpflichtungen der 'Philosophen' ins Lächerliche ziehen (154).

 

1.3 Paulinische Argumentation

Im Kol hat eine neue Problemlage innerhalb des Urchristentums ihren Niederschlag gefunden; es geht um die erste bewusste Auseinandersetzung des Christentums mit einer Mysterienreligion und deren Weltanschauung (155).

Die Vorstellung vom Mitsterben und Mitauferstehen: 'Pls' stellt gegenüber: „mitbegraben – miterweckt“ (2,12); „tot – mit lebendig gemacht“ (2,13). Das Gewicht fällt ganz der Gültigkeit des „miterweckt“ zu, das im Kontext schon durch das „erfüllt“ (2,10) und das „beschnitten“ (2,11) vorbereitet ist. Es geht darum, dass die Leser die Reichweite des „neuen Lebens“ und die Ungültigkeit des „Schuldscheins mit den Satzungen“ erkennen (2,14) (158).

Die Häresien in Korinth und Kolossae hatten einen grundverschiedenen Charakter. Handelte es sich in Korinth um einen Libertinismus, so warb man in Kolossae für eine rigoristische Religion. In Kolossae wurde bezweifelt, dass die Gnade Christi den Menschen, der den Schicksalskräften des Kosmos unterworfen war, ganz erlösen könne (160).

Die Gegnerschaft ist in ihren weltanschaulichen Bezügen deutlich erkannt. Hätte 'Pls' die Gültigkeit des neuen Lebens eingegrenzt, so hätten sich die Gegner bestätigt gefühlt, die auf einem 'noch-nicht' der Schicksalserlösung aufbauten und damit die Unvollständigkeit des Christusglaubens erweisen wollten. Sie mussten in ihrem Anspruch getroffen werden von der Zusage an die Gläubigen: „in ihm (Christus) seid auch ihr miterweckt“. 'Pls' will die Leser zu der Erkenntnis führen, dass das Christ-Werden für ihr Leben eine solche Verwandlung bedeutet, als hätten sie die Grenze des Todes überschritten (161).

Andererseits wehrt 'Pls' der Gefahr, aus dieser Zusage einen objektiven Heilsbesitz abzuleiten, indem er das „miterweckt“ im Glauben an die wirkende Macht Gottes verankert („der Christus auferweckt hat von den Toten“ 2,12). In der Vorstellung von der Erweckung mit Christus wird der Aufruf zur unablässigen Ausrichtung auf Christus begründet (3,1f). Das neue Leben ist nur verborgen im Wandel der Gläubigen da und doch ist es das „den Heiligen“ offenbarte Mysterium, das in der Völkermission wirksam werden soll; Christus ist sein Bürge (1,26-28;  2,2;  3,3f) (161).

Die Argumentation trägt deutlich pln Charakter. Die Leser werden in 'Pls' Denkweise hineingezogen, indem er zeigt, was sie mit ihm verbindet (2,1-5). Dieser dialogische Umgangsstil, durch den die Gemeinde nicht belehrend untergeordnet, sondern zur Erkenntnis und Initiative aufgerufen wird, lässt den Ausgangspunk für die Verkündung des Kol sichtbar werden: es ist das völlige 'Ergriffensein' von Gott, der in der Geschichte Christi den Gläubigen eine neue Geschichte schuf. Sie haben Tod und Leben Christi als die Umwandlung ihres Lebens erfahren, und da Christus Bürge ihres Heils ist, sind sie nun in der Gemeinde frei für ihr irdisches Leben und für eine nicht berechnende Solidarität (165).

Die Vorstellung vom Geheimnis: In Kolossae war das Mysterium nur mittels Demütigung und Askese zugänglich. 'Pls' hebt darum das „offenbart“ stark hervor. Das Geheimnis Gottes ist „seinen Heiligen“ kundgetan, denn dieses Mysterium soll gerade unter den Völkern wirken (1,27). Im Gegensatz zur 'Philosophie' ist es einzig auf Christus bezogen (2,2f). Das Geheimnis besteht darin, dass Christus in den Gläubigen wirkt (1,27), indem der Apostel in Ermahnung und Lehre Christus verkündigt (1,28) und indem die Kolosser „in ihm“ (Christus) wandeln (2,6). Das Geheimnis ist kultisch unverfügbar; es gewinnt für den Gläubigen sichtbar im Aufbau der Gemeinde Gestalt (168).

Im Kol handelt es sich darum, der falschen 'Weisheit' die wahre entgegenzustellen. In Auseinandersetzung mit der gegnerischen Position wird im Kol so offen von den Möglichkeiten der christlichen Erkenntnis gesprochen, die der ganzen Gemeinde zur Aufgabe gestellt ist (3,16). Sie besteht im Wachstum aus dem Anfang heraus (1,9f) und richtet sich auf das eine Geheimnis Gottes, das in Christus offenbar geworden ist (1,26f;  2,2f). Durch ihn sind die dem Gegner heiligen Mächte als entthront zur Schau gestellt (2,15). Da bei den 'Philosophen' die Weisheit in die Gleise eines Sonderkultes gesperrt wird, muss 'Pls' die allen zugängliche und allen helfende Erkenntnis positiv darlegen (169f).

Für Paulus ist die Freiheit von Gesetzen, die zur Erlangung des Heils abverlangt werden, ein entscheidendes Element christlicher Existenz. In Kolossae gaben sich diejenigen als 'Philosophen' (als die 'Starken') aus, die sich an die von den kosmischen Mächten geforderten Satzungen hielten. Deswegen ist im Kol gerade auch den 'Schwächeren' in der Gemeinde nichts als die Freiheit zu verkünden, die in Christus gegeben ist (2,13-23). Der ethische Impuls ergibt sich dann gerade aus der Loslösung von den knechtenden Verpflichtungen (2,20ff;  3,1ff) (171).

Wenn im Kol der Traditionsgedanke betont wird (2,6), so ist das durch das Gegenüber gefordert. 'Tradition' ist für 'Pls' nichts kultisch Festlegbares, sondern die Kraft zum weiteren Wachstum, die vom Anfang her in der Gemeinde wirkt (2,7). An Jesus allein orientiert können die Gläubigen den Streit mit den 'Philosophen' ausfechten (2,6-15) (171).

Gegenüber der Praxis der 'Philosophen', deren Haupteinsatz (in Askese und Kult) den Weltelementen gilt, wird der ganzheitliche Einsatz des Apostels für die Verkündung Christi dargestellt: Christus ist der einzige Inhalt der Predigt (1,27f;  2,2); in ihm ist alle Weisheit und Erkenntnis zu finden, die die Gegner anderswo suchen. Der Apostel braucht dazu seinen Leib nicht zu knechten (2,23), sondern die bei ihm tatsächlich (durch seine Fesseln 4,18) vorhandenen Leiden sind ihm ein Freudenzeichen dafür, dass er auch mit seinem (von den Gegnern verachteten) Fleisch der Gemeinde (als dem Leib Christi) dienen kann. Gerade auf diesem Wege erfüllt er den „Mangel“ den die Gegner bei Christus voraussetzen, wenn sie sich den „Mächten und Gewalten“ unterwerfen. 'Pls' hat ein Mysterium zu bringen, das allen Gläubigen offenbart ist (1,26) (172).

Die Gemeinde als der Leib Christi: die Vorstellung von Christus als Haupt der Schöpfung entnahm 'Pls' dem Hymnus (1,15-20) und formte sie um zu einer neuen Aussage über die Gemeinde. In Kolossae drohte eine Überfremdung  des Glaubens durch die von außen herangetragene Sondererkenntnis. Der Irrlehrer hält sich nicht an Christus als das Haupt (2,19), da es für ihn nicht ein Haupt, sondern die Fülle der göttlichen Kräfte gibt. Darum liegt in Bezug auf den Leib der Ton auf der Einzigkeit seiner Bestimmung vom Haupt Christus her, auf der Ganzheit der Gottesfülle, die in ihm gegenwärtig ist (2,9) und auf der Einheitlichkeit seines Wachstums (2,19). Da in der Gemeinde alle von Christus her leben, sind alle aufeinander gewiesen. Christus beruft alle, nicht nur die zu besonderer Weisheit oder Leistung Befähigten (173f).

Nur aufgrund der Kenntnis der Situation der kolossischen Gemeinde lassen sich die Neuheiten und Einseitigkeiten des Kol verstehen: die Hoffnung der Christen liegt nicht bei irgendwelchen Zwischenmächten, sondern „oben“, in Christus, zur Rechten Gottes (3,1). Die Ausrichtung auf dieses 'ganz oben' befreit die Gläubigen, ganz irdisch den neuen Menschen „anzuziehen“. 'Pls' argumentiert von dem geschichtlich verankerten „mit Christus erweckt“ aus. Das theologische Zentrum ist die von den Gläubigen erfahrene und in Jesu Tod sichtbar gewordene Versöhnung (die Erlösung aus der Gottesferne, die sich in der Preisgabe an die heidnischen Laster darstellte), die Freiheit für die irdische Erfüllung der Agape (174f).

Die gesamte Argumentation im Kol – die Unmittelbarkeit der Anrede, das Engagement, mit dem der Verfasser sich und die Leser vor die Erkenntnis des Willens Gottes stellt, die geschichtliche Verwandlung der überkommenen Bilder und die unautoritär sachliche Redeweise – weist auf Paulus als Verfasser. Der Kol ist seiner Theologie nach ein echter Paulusbrief. Die Inhalte des Kol sind gerade in ihrer Neuartigkeit paulinisch (176f).

Das geistige Ringen mit der Erkenntnisreligion in Kolossae ist so deutlich geworden, dass der Brief im Rahmen ntl Verkündigung ein sehr eigenständiges Zeugnis darstellt. Christus wird nicht als kosmische Über-Figur, sondern als in der Gemeinde wirkend sichtbar. Die Gemeinde aber erkennt sich als der den Kosmos (= der Weltkreis der Völker) geschichtlich durchdringende Leib Christi (182).

L.M.: Paulus ist m.E. der Verfasser des Kol. Er könnte den Brief in der Gefangenschaft in Cäsarea vor seiner Berufung auf den Kaiser (Apg 25,10f) geschrieben haben. Die Quartiersbitte Phlm 22 ist von Cäsarea aus verständlich. Kol und Phlm sind gleichzeitig geschrieben und von Tychikus und Onesimus überbracht worden (4,9) (vor dem verheerenden Erdbeben im Lykostal zur Zeit Neros, gest. 68) (181).