2.3 Anhang: A. Schlatter: Der gute Kampf des Glaubens

Paulus Anweisungen an die Gemeinde

Paulus Äußerungen in den Briefen an Timotheus und Titus zeigen, dass er auf die Haltung der von ihm gesammelten Gemeinden mit Sorge sah, und dies deshalb, weil ihnen die Zusammenfassung seines ganzen religiösen Wollens in den auf Christus gerichteten Glauben fremd blieb und zum Aufbau der Kirche unbrauchbar schien. Für Paulus war die Befriedigung im Erreichten unmöglich, weil er der Glaubende war und deshalb das suchte, was der Christus ist und wirkt, dessen Werk in den gegenwärtigen Zuständen der Kirche sein Ziel noch nicht erreicht hat. Bis er seine Arbeit vollständig getan hat, nimmt er die Haltung des Wettläufers an, den der Blick auf das Kleinod zur Anspannung aller seiner Kräfte treibt. Diesen vorwärtsstrebenden Willen hat die neben ihm stehende Christenheit nicht; denn das über allem Irdischen stehende Ziel, nach dem Paulus strebt, lockt sie nicht (405).

In den Briefen an Timotheus und Titus wird die Vereinsamung, in die Paulus die ihn völlig beherrschende Kraft seines Glaubens gebracht hat, sichtbar. Das Glauben ist in diesen Briefen der den gesamten Christenstand und alle seine Ergebnisse tragende Vorgang. “Ich habe das Glauben bewahrt” (2Tim 4,7); so formuliert Paulus den Ertrag seiner gesamten Apostelarbeit für sich selbst. Darin, dass er am Schluss seines Lebens zu glauben vermag, erweist sich, dass er den Kampf gekämpft, den Lauf vollendet hat. Damit ist ihm der “Kranz der Gerechtigkeit” gesichert (2Tim 4,8). Christus berief ihn aus seiner Versündigung heraus ins Apostelamt und verlieh ihm dadurch das Glauben und Lieben (1Tim 1,12ff). An seiner Lebensgeschichte sieht die Gemeinde die ganze Geduld Jesu, mit der er die Glaubenden zum ewigen Leben führt (1Tim 1,16). Sein Anteil am göttlichen Heilswerk beruht darauf, dass er Lehrer der Völker “im Glauben und in der Wahrheit” ist (1Tim 2,7) (406).

Weil Timotheus und Titus seine “Söhne durch den Glauben” sind, haben sie an seinem Apostelwerk teil (1Tim 1,2; Tit 1,4). Der Beruf des Timotheus lässt sich in das eine Wort zusammenfassen, dass er “den edlen Kampf des Glaubens zu kämpfen” habe (1Tim 6,12). Indem er der Gemeinde sichtbar macht, was Glaube ist und wie ein Glaubender handelt, hat er seinen Beruf in ihrer Mitte erfüllt und für sich selbst das ewige Leben gewonnen, genauso wie Paulus dadurch sein Leben zu seinem heilsamen Ziel gebracht hat, dass er “das Glauben bewahrte”.

Darum wird auch für die übrigen an der Leitung der Gemeinde beteiligten Männer einzig das Glauben als derjenige religiöse Besitz genannt, der sie zu ihrer Wirksamkeit befähigt. Wichtig allein ist, dass sie “das Geheimnis des Glaubens mit reinem Gewissen bewahren” (1Tim 3,9). Alle christliche Arbeit, die in der Gemeinde zu geschehen hat, fasst sich in dem Begriff “Haushalteramt für Gott” zusammen und hat den heilsamen Gebrauch der der Gemeinde verliehenen Gaben zum Zweck. Im Glauben hat aller Gemeindedienst seinen Grund (1Tim 1,4) (407).

Der Neigung, den Wert des Evangeliums in religiöser Erkenntnis und theologischen Spekulationen zu suchen wird entgegengehalten, dass sie das Glauben zerstöre (1Tim 1,19; 6,21; 2Tim 3,8). Den Gegnern wird vorgehalten, ihnen fehle jene Ergriffenheit durch den Christus, die sie Gottes und seiner Gnade gewiss machte und sie in die Verbundenheit mit ihm versetzte. Ihnen fehle nicht nur die “Wahrheit”, sondern auch die Glaubenswilligkeit und Glaubenskraft. Paulus betont, dass das vom Glauben abgeschiedene Denken zum Unverstand entartet, ins leere Gerede zerfließt und der “Mythenbildung” erliegt (1Tim 1,4.7; 4,7; 6,4.20; 2Tim 2,16; 3,7ff; Tit 3,9). Glauben und Denken sind zu einträchtigem Verband nebeneinandergestellt, sie sollen durch wechselseitige Unter- und Überordnung einander dienen. So wenig im Römerbrief aus der Abwehr des Gesetzes eine Verherrlichung der Gesetzlosigkeit ward, so wenig entsteht hier aus der Abwehr der Gnosis eine Verherrlichung der Ignoranz. Das religiöse Geschwätz zerstört mit dem Glauben auch die Fähigkeit und Willigkeit zum guten Werk und gibt das gute Gewissen preis (1Tim 1,6.19; 6,5; Tit 3,11) (409f).

Der Gemeinde werden nachdrücklich die natürlichen Lebensbeziehungen als das Gebiet angewiesen, in dem sie sich zu betätigen hat (1Tim 3). Diese Leistungen haben den Wert einer absolut gültigen Pflicht und sind daher die Bedingung und das Mittel zum Empfang des Heils. Dem, der für die Seinen nicht sorgt, wird gesagt, er habe das Glauben abgeleugnet und sei schlimmer als ein Heide (1Tim 5,8). Die natürlichen Beziehungen sind der Ort, an dem die Liebe der Glaubenden ihre reine, wohltätige Arbeit tut. Die natürlichen Aufgaben sind in der vollen Würde und Wichtigkeit eines von Gott uns gegebenen Berufs auszuführen. Diesen natürlichen Beziehungen wird die christliche Gemeinschaft mit den für sie nötigen dienstlichen Verrichtungen hinzugefügt als der Bereich, in dem das dem Herrn wohlgefällige und bei ihm Lohn findende Werk zu geschehen hat. Wer seinen Dienst in der Gemeinde wohl versieht, erwirbt sich hohe Anerkennung und einen offenen Zugang im Glauben an Jesus Christus (1Tim 3,13) wie der, der seinen Reichtum richtig gebraucht, sich einen guten Grund für die Zukunft erwirbt (1Tim 6,19). Die Anweisung über die Amtsführung ist nicht abgesondert neben die Heilsfrage gestellt, sondern schließt diese mit ein, so dass die Fürsorge für die Gemeindearbeit mit derjenigen für den eigenen Heils- und Glaubensstand zusammenfällt. Durch ein und dasselbe Verhalten erreicht Timotheus beides, dass er sich selbst und dass er die, die ihn hören, errettet (1Tim 4,16) (410-413).

Mit dem Nachweis, dass die Erfüllung der ‘Berufspflicht’ ein unentbehrliches Glied des Christenstandes sei, verbindet sich die nachdrückliche Erklärung, dass unsere Werke niemals den die göttliche Gnade bestimmenden Grund bilden, wohl aber das Ziel, zu dem sie führt (2Tim 1,9; Tit 3,5). Das Glauben wird als das erste Glied in die Kette der guten, von Gott uns verliehenen Tätigkeiten eingereiht. “Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Lieben, Standhaftigkeit, Sanftmut” werden nebeneinander gestellt (1Tim 6,11) und namentlich das Lieben nachdrücklich dem Glauben beigesellt, weil erst durch das Zusammenbestehen beider Bewegungen des Willens die göttliche Gabe und das Ziel des Evangeliums vollständig beschrieben ist (1Tim 1,14; 2Tim 1,13). Die Mahnung: “habe Glauben” erweitert sich: “und ein gutes Gewissen”, weil nur so das Glauben in uns bleibt (1Tim 1,19). Es wird als Gottes Gabe in den sündigen Menschen hineingelegt (1Tim 1,14) und weil es ursächlich durch Christus bedingt ist, nur im Lebensverband mit ihm erhalten. Mit dem Glauben muss sich das reine Herz und gute Gewissen verbinden, damit die Liebe in uns entsteht und das göttliche Gebot durch uns geschehen kann (1Tim 1,5). Auch Paulus und seine Mitarbeiter erhalten sich ihren Glaubensstand nur durch die reine, treue Ausführung ihres Werkes. Ihr Glaube ist das Gut, um dessen Gewinn sie ringen, das Ziel, auf das sie immer von neuem ihr gesammeltes Streben wenden. Ohne Rücksicht auf “das, was dahinten liegt” (die größten Erfolgen der Heidenmission) wird Timotheus und Titus die neue Aufgabe mit dem tiefen Ernst einer Lebensfrage an sie herangebracht, deren Lösung ihnen mit der bewährten Treue gleichzeitig den Fortbestand ihres Glaubens bringen wird. Paulus hat stets in der hingebenden, aufopfernden Durchführung seiner Apostelarbeit die Bedingung gesehen, an der für ihn der Anteil am Evangelium und am Reich des Christus hing (1Kor 9,23f) (413-416).

Die Pastoralbriefe beweisen, indem sie das Verhältnis neuer Theorien und Religiositäten zum Glauben als den über ihre Kirchlichkeit entscheidenden Maßstab benutzen, dass Paulus der Gemeinde ihr Fundament im Glauben gab. Wohl äußert sich sowohl in dieser Betonung des Glaubens, als in der ernsten Verweisung auf das Werk die Überzeugung, die Werdezeit der Gemeinde sei abgeschlossen. Es sei jetzt die Aufgabe der Christenheit, das durch die Geschichte und Lehre der früheren Jahre Erworbene zu bewahren und bei sich fruchtbar zu machen, so dass das Glauben auf den Christus gestellt und in ihm begründet bleibt (Schl. 417f).