2.4 Gottes Handeln in Christus vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4f)

K.-J. Kuschel

Die Heidenchristen sollen ein Geheimnis begreifen, das dem Verfasser “durch eine Offenbarung“ (3,3) mitgeteilt worden ist. Dieses Geheimnis “von Ewigkeit her in Gott“ (3,9) ist jetzt in Christus konkrete Wirklichkeit geworden und durch die Kirche der Welt verkündigt: “Dass die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und an derselben Verheißung in Christus teilhaben durch das Evangelium“ (3,6) (447).

Weil es in diesem Schreiben darum geht, durch den Verweis auf die Vorleistungen Gottes in Christus die Heidenchristen an ihren Platz im ewigen Plan Gottes mit seinem Volk zu erinnern, ist der Rückgriff auf die Zeit vor der Schöpfung, d.h. vor Gottes Bund mit Israel, vor dem Gesetz, vor dem Tempel nötig. Israels exklusive Heilsprivilegien waren in Christus von Gott her unterlaufen worden, um auch den Heidenchristen Zugang zu Gott zu ermöglichen. Auch die Heidenchristen haben damit Anteil an Gottes Heilsplan bekommen. Ihr Heil konnte nur im “ewigen Plan“ (3,11) Gottes begründet werden. Der Rückgriff auf die Ewigkeit Gottes, auf ein Geheimnis vor aller Schöpfung, bedeutet eine Relativierung aller Heilsprärogativen in der Zeit, ist Rückerinnerung an eine in Ewigkeit geplante Gemeinsamkeit von mess. Juden und Heidenchristen (447f).

Liebe als Grund der Erwählung

Denn in Christus hat er (Gott) uns erwählt“. Es ist die göttliche Wahl / Erwählung, die “vor der Erschaffung der Welt“ getroffen wurde: Die Vorherbestimmung Christi als Erlöser und die Vorherbestimmung derjenigen, die in und durch Christus erlöst werden. Die Aussage über den Anfang ist soteriologisch gezielt: es geht um die Erwählung der Christen zum Heil durch Gott selbst (448).

In Christus“ erwählt sein fordert zu einer konkreten Praxis friedenstiftender Versöhnung auf. Die Erwählungchristologie ist die Bedingung der Möglichkeit ekklesialer Versöhnungs- und Friedensarbeit (448f).

Die Eulogie, wie der ganze Brief ist theozentrisch ausgerichtet. Gott selbst hat stets die Initiative, ein Gott, der überall in Christus und auf Christus hin handelt. Die Aussage “Gott handelte in Christus vor der Weltschöpfung“ muss als Bekenntnis zu einem Gott verstanden werden, der als der Gott Jesu Christi, der Vater dieses Sohnes erkannt sein will. Dieses Bekenntnis zielt auf die Sohnschaft aller Menschen. Diese Sohnschaft aller Menschen will Gott aufgrund der Liebe, die zwischen ihm als Vater und Christus als dem geliebten Sohn besteht (1,4f). Die Liebe Gottes ist für den Eph der eigentliche Grund der Erwählung des Menschen und damit der eigentliche Grund von Geschichte und Schöpfung überhaupt (449).


Anhang: Der Abfassungsort des Epheserbriefes (sowie des Kolosser- und Philemonbriefes)

H. Stadelmann

Vieles spricht dafür, dass Paulus diese Briefe aus der Gefangenschaft in Cäsarea (ca. 57-59 n.Chr.) geschrieben hat, über die uns die Apostelgeschichte ausführlich berichtet: Apg 24-26. Paulus war vor seiner Gefangennahme anlässlich einer Geldsammlung nach Jerusalem gereist (2Kor 8-9). Die Leute, die ihn auf dieser letzten Jerusalemreise begleitet hatten (Apg 20,4-6: Aristarchus, Timotheus, Tychikus, Lukas = “wir“), sind jetzt in der Gefangenschaft bei dem Apostel: Timotheus (Kol 1,1; Phlm 1), Tychikus (Eph 6,21; Kol 4,7), Aristarchus (Kol 4,10; Phlm 24) und Lukas (Kol 4,10; Phlm 24). In Cäsarea sind diese noch bei ihm. Auf der Reise nach Rom begleiten Paulus nur noch Aristarchus und Lukas (Apg 27,2) (14f).

Paulus war gefangengenommen worden, weil er angeblich Heiden bis jenseits der 'Scheidewand' in den Tempel gebracht hatte. Im Epheserbrief schreibt Paulus, dass die 'Scheidewand' in Christus abgetan (Eph 2,14) und die Feindschaft zwischen Juden und Heiden (Eph 2,14.16; Kol 1,21) in Christus aufgehoben ist (Eph 2,15.17). In ihm haben beide ein neues Bürgerrecht (Eph 2,19; 3,6) (16).

Die Empfänger des Epheserbriefes (sowie des Kolosser- und Philemonbriefes)

In Eph 1,1 steht im Luthertext: “Paulus, ein Apostel Jesu Christi..., den Heiligen in Ephesus“. Mit den beiden Wörtchen “in Ephesus“ gibt es Probleme: Unsere ältesten griechischen Handschriften, der Papyrus 46 (ca. 200 n.Chr.), der Kodex Sinaiticus und der Kodex Vaticanus (4. Jh. n.Chr.), haben die beiden Worte “in Ephesus“ nicht. Dort heißt es: “Paulus..., den Heiligen, die auch gläubig sind an Christum Jesum“.

Der Inhalt des Briefes macht nicht den Eindruck, als sei er an eine Gemeinde geschrieben, mit der der Apostel eng verbunden war. Er enthält keine persönlichen Erinnerungen, keine Anspielungen auf die örtliche Situation, sondern Ausführungen über die Universalgemeinde, keine persönlichen Grüße an Gemeindeglieder am Schluss, kein Gefährte des Apostels lässt die Gemeinde grüßen, und der Schlusssegen (6,23f) erfolgt nicht als direkte Anrede, sondern in allgemeiner Form. Stellen wie Eph 1,15; 3,2; 4,21 lassen die Frage aufkommen, ob alle Empfänger Paulus persönlich kennen. Der Epheserbrief ist der unpersönlichste aller Paulusbriefe. Diese Tatsachen lassen sich am besten durch die Annahme erklären, dass der Epheserbrief ein Rundschreiben war, das sich an die Gemeinden in der Provinz Asia richtete. Haupt- und Hafenstadt dieser Provinz war Ephesus. Tychikus war wahrscheinlich mit dem Schiff nach Ephesus gekommen und hatte dort seine Rundreise angetreten. (Vielleicht ging er den gleichen Rundweg wie der Bote, der die Sendschreiben der Johannesoffenbarung zu den Gemeinden brachte: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia, Laodizea).

Da der Rundbrief am Ende der Rundreise in Ephesus aufbewahrt wurde, bezeichnete man ihn seit frühester Zeit als Epheserbrief. Die Rundbrieftheorie erklärt den unpersönlichen und lehrhaften Charakter des Briefes sowie das Fehlen der beiden Worte “in Ephesus“ (Eph 1,1) in den frühesten Manuskripten (17f).

Paulus denkt bei den Lesern seines (Rund-)Briefes in erster Linie an Heidenchristen (Eph 2,11f). Das entspricht seiner Berufung als Heidenmissionar (3,1). Er setzt aber zugleich Kenntnisse des AT bei seinen Lesern voraus, wenn er im Eph atl Schriftzitate interpretiert. Dies zeigt, dass er unter den Briefempfängern auch mit judenchristlichen und mit dem AT vertrauten Lesern rechnet.

Ephesus war die Hauptstadt der Provinz Asia. Diese Stadt mit etwa 300.000 Einwohnern war durch den Hafen ein bedeutendes Handelszentrum, von dem Straßen in die ganze Provinz führten. Zugleich war sie ein wichtiges, religiöses Zentrum. Der Tempel der Artemis (lat. Diana) in der Stadt gehörte zu den sieben Weltwundern der Antike (vgl. Apg 19,24) (18f).