3. Das 'O S T E R N' des Paulus: sein Zum - Glauben - an - Jesus - Kommen

 

Die älteste Ostergeschichte: Paulus Damaskuserlebnis

 

E. Biser (1984)

Paulus versichert, dass er nur das überliefere, was er selbst empfangen habe: (3) Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, (4) dass er begraben worden ist und dass er auferstanden ist am dritten Tag nach der Schrift.

(5) „Und er ist dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen. (6) Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal...(7) Danach ist er dem Jakobus erschienen, dann allen Aposteln. (8) Zuletzt erschien er mir, gleichsam einer Fehlgeburt“ (1Kor 15,3-8).

In diesem Katalog öffnet sich eine Tür zu Zeugnissen, die den Berichten der Evangelien vorausliegen und denen sich zuletzt auch Paulus selber noch anreiht. Das Zeugnis besteht jeweils in dem Protokollsatz: Er ist (ihm) erschienen“, der nach Paulus auch lauten könnte: „Ich habe den Herrn gesehen“. Die Osterberichte vermitteln kein ausführliches Bild von dem, was der Katalog in protokollarischer Kürze zusammenfasst. Den klassischen Beleg dafür bietet die vom JohEv an erster Stelle aufgeführte Erscheinung vor Maria von Magdala. Bestürzt über den Anblick des offenen Grabes sucht sie weinend in seiner Umgebung nach dem Verbleib des Leichnams Jesu. Schließlich bittet sie einen Fremden, den sie für den Gärtner hält, um Auskunft. Da ruft sie der vermeintliche Gärtner beim Namen: „Maria“! Der Anruf genügt, um ihr zum Durchbruch in die volle Ostergewissheit zu verhelfen. Sie erkennt den Auferstandenen, fällt ihm zu Füßen und vernimmt sein Wort: „Halte mich nicht fest...Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,16f) (62f).

Maria von Magdala entledigt sich ihres Auftrags auf eine unerwartete Weise. Anstatt in dramatischer Ausführlichkeit von der ihr widerfahrenen ‚Geschichte‘ zu berichten, fasst sie ihre Ostererfahrung in den einen Satz zusammen: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18). Damit führt sich die Geschichte selbst auf den Protokollsatz zurück, in den der Katalog des 1Kor die von ihm aufgeführten Osterzeugnisse zusammenfasst. Das gilt für sämtliche Ostererzählungen der Evangelien. Ihrem Selbstverständnis nach wollen sie keine Berichte über Ereignisse im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu sein, sondern bildhaft-suggestive Umschreibungen dessen, was mit dem grundlegenden Protokollsatz gesagt ist: „Ich habe den Herrn gesehen“ (64).


Der ‚letzte‘ Osterzeuge: Paulus versichert: „Zuletzt erschien er mir, gleichsam einer Fehlgeburt. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, nicht wert, Apostel zu heißen, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe“ (1Kor 15,8f) (64).

Wenn Paulus für sich auch zunächst nur denselben Protokollsatz verwendet, bringt er ihn doch auf eine neue Weise zur Sprache, indem er sein ganzes Geschick damit verknüpft. Er begnügt sich nicht damit, sein Zeugnis ‚zu erstatten‘, vielmehr ist er in ihm mit seiner ganzen Existenz präsent. Zwar gründen auch alle anderen Osterzeugnisse auf persönlicher Erfahrung, doch gibt nur Paulus darüber auch Auskunft. Seine Briefe eröffnen die Chance, ihn nach Inhalt und Bedeutung des Erlebten zu befragen. Paulus antwortet auf die Frage nach seinem Auferstehungszeugnis mit seinem ‚Damaskuserlebnis‘.

Soviel der Apg an dieser Szene gelegen ist, beschreibt sie die von Paulus erlebte Lichtvision doch so, dass sie nicht als Ostererscheinung gelten kann. Aber gerade darauf legt der Apostel alles Gewicht. Man kann sogar sagen, dass die Apg durch ihre dreimalige Beschreibung der Damaskusvision Paulus bewusst aus dem Kreis der Osterzeugen und damit als Apostel ausschließt, um ihn dafür umso kräftiger zum großen Heidenmissionar zu stilisieren. Bei aller Würdigung setzt sie sich damit in Widerspruch zu seinem innersten Selbstverständnis. Hier zeigt sich, wie es von den Protokollsätzen, die der Katalog des 1Kor aufführt, zu den bildhaft-dramatischen Ostergeschichten der Evangelien kommen konnte: Sie haben als das Werk nachträglicher Ausgestaltung zu gelten. Von den Zeugen hatte die Gemeinde lediglich das Bekenntnis: „Ich habe den Herrn gesehen“ erhalten. Das war ihr Grund und Stoff genug, daraus ihre dramatischen Ostergeschichten zu entwickeln (65-67).


Das zugesprochene Geheimnis: Was Paulus am Schluss seines Zeugniskatalogs in den Satz zusammenfasst: „Zuletzt erschien er mir“ (1Kor 15,8), fächert er zuvor in drei Fragen auf: „Bin ich nicht frei? Bin ich nicht Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen“ (1Kor 9,1)? 2Kor 4,6: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“. Phil 3,12: „Nicht, dass ich‘s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich‘s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“.

Seine Berufung zum Heidenapostel begründet Paulus mit den Worten: „Da gefiel es Gott in seiner Güte, seinen Sohn in mir zu offenbaren“ (Gal 1,16). Es ist nicht von einem äußeren Vorgang die Rede, aber von einem Geschehen innerer Art: dass Gott es im Herzen des Apostels „tagen ließ“, dass er „von Jesus Christus ergriffen“ und dass ihm das Geheimnis des Gottessohnes „geoffenbart wurde“. Das sind Worte, die von einer Lebenswende sprechen (68f).

Paulus kennt den Zwiespalt des Herzens und die Maßlosigkeit eines Willens, der sich einem falschen Ziel – in seinem Fall: der Verfolgung der Christen – verschrieb. Deshalb geht es wie ein Aufatmen durch seine Worte, wenn er von der Stunde spricht, in der ihm mit dem Geheimnis des Gottessohnes der Kristallisationskern der Selbstfindung ins Herz gesenkt wurde. In dieser Dimension heißt ‚finden‘ soviel wie ‚aufbrechen zu neuer Suche‘, während umgekehrt ‚suchen‘, soviel wie ‚heimgesucht werden‘ besagt. Phil 3,12: „Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder bereits vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, wie ich von Christus Jesus ergriffen worden bin“. Dass Paulus durch diese Geschichte mit sich selbst ‚geschichtsfähig‘ wird, tritt zutage, wenn dieser von mancherlei Leiden geplagte Mann darangeht, das römische Reich für den zu erobern, von dem er sich in Beschlag genommen weiß (69f).


Mystische Selbstaneignung: Gal 2,19f: „Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich dahingegeben hat“.

Dass Paulus das Geheimnis des Gottessohnes ins Herz gesprochen wurde, war die ‚Gottestat‘, die ihm widerfuhr. Die andere Seite besteht in einem Akt mystischer Selbstaneignung, die dadurch möglich wird, dass Paulus den Sinn seines Selbstseins in dem entdeckt und findet, von dem er sich bis zur Hingabe seiner selbst geliebt weiß. Was ihm zur Identität verhilft, ist ein Herzenstausch, durch den er dem für immer angehört, der sich ihm zuwendet und schenkt. Es ist die Nachricht von der Geburt der christlichen Innerlichkeit. Man könnte sagen, Christus sei für Paulus in die Innerlichkeit des von ihm ergriffenen Herzens auferstanden. Für Paulus ist die Auferstehung Christi das Ereignis, an dem sich die Menschheitsgeschichte entscheidet. Doch weiß er zugleich, dass mit dieser ‚gegenständlichen‘ Sicht des Ereignisse nichts gewonnen wäre, wenn damit nicht auch die Geschichte des Menschen mit sich selbst entschieden würde. Diese ist für Paulus der primäre Ort der Auferstehung. Denn diese Geschichte könnte nicht zugunsten der menschlichen Identität entschieden werden, wenn nicht der Auferstandene auf den Plan träte und sie durch sich zur Entscheidung brächte. Das aber geschieht immer dann, wenn ein Mensch (wie Paulus) sein Ich in ihm finden und aussprechen lernt: Nicht mehr ich sondern er in mir (71f).

Die Paulusbriefe gehen den Evangelien weit voran; sie bilden den Grundstock der ntl Schriften. Paulus erzählt eine Geschichte von großer Dramatik, denn sie betrifft die Neuorientierung seines Daseins insgesamt. Dazu kam es, weil der Auferstandene in seine Lebensgeschichte eintrat, weil ihm sein Geheimnis ins Herz gesprochen und damit die entscheidende Hilfe zur Selbstwerdung gegeben wurde. Um die ‚älteste‘ Ostergeschichte handelt es sich dabei auch in dem Sinn, dass keine von allen tiefer als sie in den menschlichen Lebensvollzug eindringt. Durch sie wird mit dem Menschsein des Apostels ein neuer Anfang gemacht (73f).


Widerspiegelung im Glauben: Was Paulus beschreibt, ist kein vergangenes Ereignis, sondern ein unabgeschlossener, offener Vorgang. Wenn der Glaube zustande kommt, spiegelt sich in ihm das, was dem Apostel in seiner Berufungsstunde widerfuhr. Das Menschenherz gewinnt eine neue Beziehungsmitte, in der es sich festmacht und vor Anker gehen kann. Ein anderer nimmt von ihm Besitz, doch so, dass das Gegenteil von Selbstentfremdung geschieht. Denn in ihm lernt es sich verstehen und sich selbst bejahen. Durch ihn erfährt es Bestätigung, Gewissheit und Festigkeit. So gilt für den Glaubenden: Christus ist in den Glauben auferstanden (74f).

In der Zusammenschau von Heils- und Endgeschehen (1Kor 15,16ff.20) bleibt die dritte Auferstehung, die ‚innere Auferstehung‘, die sich im Herzen des Glaubenden ereignet, unausgesprochen. Was ein für allemal geschah (Apg 2,24), will und muss sich immerfort in denen erneuern, die auf Jesus Christus ihre Hoffnung setzen (76f).