3. Zum Kolosser-, Epheser- und zum zweiten Timotheusbrief

1. Zum Kolosserbrief
Der älteste, schriftlich überlieferte Streit zwischen dem frühen Christentum und der hellenistischen Kosmologie
1.1 Zum Hymnus (1,15-20)
1.2 Die Briefmitte: Lehre und Mahnung angesichts der Häresie (2,6-23)
1.3 Paulinische Argumentation

J. Lähnemann

der Briefschreiber, Verfasser  =  'Pls'

1.1 Zum Hymnus (1,15-20)

1. (15) „Er (Christus) ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der Schöpfung. (16) Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und zu ihm geschaffen.

Zwischenstrophe: (17) Und er ist vor allem und alles besteht in ihm. (18a) Und er ist das Haupt des Leibes (nämlich der Gemeinde).

2. (18b) Er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten (damit er in allem der Erste sei). (19) Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte (20) und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden und im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz“.

Es ist anzunehmen, dass 'Pls' selbst dem Hymnus einen 'Introitus' vorangestellt hat (1,13): „Er hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, (14) in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden“.

In Kol 2,9f sind die Inhalte aus dem Hymnus aufgenommen: Von „Mächten und Gewalten“ ist die Rede, vom „Haupt und Leib“ und von der Einwohnung des Pleroma in Christus. Von den Mächten und Gewalten, die in Christus und auf ihn hin geschaffen sind (1,16) wird gesagt, dass Christus ihr Haupt (und damit ihr Herrscher) ist (2,10). Die Wendung von der 'Einwohnung des Pleroma' wird in einem Nachsatz für die Leser aktualisiert: „ihr seid in ihm erfüllt“ (2,9f) (35).

Die Einleitung der ersten (1,15f) und der zweiten (1,18b f) Strophe des Hymnus ist parallel. Es entsprechen sich jeweils drei Aussagen:

a. „er ist das Bild“ - „er ist der Anfang“ ;

b. „Erstgeborener aller Schöpfung“ - „Erstgeborener aus den Toten“;

c. „denn in ihm ist alles geschaffen“ - „denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte“.

Die Parallelität wird gestört durch einen Einwurf des 'Pls': „damit er in allem der Erste sei“ (1,18b). Während der Hymnus Christus als Mittler der Schöpfung und der Erlösung beschreibt, will 'Pls' darüber hinaus Christi Herrschaft in allen Bereichen aussagen (36).

Der ganz auf das 'Kosmische' ausgerichtete Hymnus wird um einen Ausdruck erweitert, der die Geschichte der Gläubigen betrifft. Indem 'Pls' zu der Wendung „dieser ist das Haupt des Leibes“ (1,18a) das „der Gemeinde“ hinzufügt, macht er sich den Haupt-Leib-Gedanken in neuer Weise nutzbar: den 'Haupt'-Gedanken nimmt er auf, um Christi Herrschaftsstellung über die „Mächte und Gewalten“ dazutun (2,10), den Leib-Gedanken, um damit den Ort der Gemeinde zu kennzeichnen (1,24). 2,19 (der Irrlehrer „hält sich nicht an das Haupt, von dem her der ganze Leib durch Gelenke und Bänder gestützt und zusammengehalten wird und wächst durch Gottes Wirken“) vereint beide Auslegungen (polemisch gegen die Irrlehrer, positiv für die Gemeinde) (37).

Die zweite Strophe des Hymnus enthält das urchristliche Kerygma: Christus ist „der Erstgeborene aus den Toten“. Dieses Kerygma führte zu der Aussage, dass das All versöhnt ist „durch sein Kreuzesblut“. Die Versöhnung des Alls ließ folgern, dass Christus auch als Mittler der Schöpfung und als ihr Erhalter zu begreifen ist. Deshalb nahm die Gemeinde die Schöpfungsvorstellungen, wie sie das hellenistische Judentum bot, in den Dienst, um Christus damit zu preisen. Folgende Aussagen über Christus lassen sich herausstellen:

in ihm“ allein ist die 'Weisheit' Gottes als sein Abbild und als der Erstling der Schöpfung Fleisch geworden;

in ihm“ erkennt der Gläubige Gott als den Erhalter der Welt, als das „Haupt“ des allumfassenden „Leibes“.

in ihm“ nahm das ganze Pleroma Wohnung, um durch ihn das All zu versöhnen „auf ihn hin“ (41f).

Die erste Strophe des Hymnus (1,15f) sagt im vorbrieflichen Zusammenhang, dass Christus der Erstling und Anführer der Schöpfung ist; denn in ihm wurde alles geschaffen. Die zweite Strophe (1,18b f) sagt, dass Christus der Erstling und Anführer der Erlösung ist, denn er repräsentiert das Pleroma. Im Kol wird aus der Anführerschaft in der Schöpfung die Vorherrschaft über alle Mächte und Gewalten, an der die Gemeinde Teil hat. Aus der Anführerschaft in der Befriedung des Kosmos wird die Erledigung kosmischer Zwingherrschaft. Der Hymnus wird 'Pls' aus Gemeinden hellenistisch-judenchristlicher Prägung bekannt geworden sein. In Kolossae war er noch nicht in Gebrauch, denn im Hymnus ist das Problem der kosmischen Mächte bewältigt, in der (heidenchristlichen) kolossischen Gemeinde aber noch nicht (42).

Die Anwendung des Hymnus (1,21-23): Hier wird der Inhalt des Hymnus für die Gläubigen aktualisiert: Anstelle des Pleroma ist es nun Christus, der die Versöhnung wirkt. Was im Hymnus als zeitloses Geschehen beschrieben wird, das haben die Gläubigen bereits. Die kosmische Weite des Christusgeschehens, wie sie im Hymnus entfaltet wurde, wird auf das aller Welt geltende Evangelium bezogen. Die Gläubigen sind durch die Teilhabe an der Christusversöhnung gleichsam der kosmischen Versöhnung voraus. Den Lesern wird das 'schon' des Heils deutlich vor Augen geführt (2,11.12.13.20). Die Versöhnung betrifft das Denken (1,21) und die Lebensführung (1,22) der Gläubigen. Das wird der 'Philosophie' und der besonderen Ethik der Gegner entgegengestellt (43).

In 1,9-11 war als Ziel der Fürbitte noch ganz allgemein angegeben, dass die Kolosser erfüllt werden möchten mit der Erkenntnis des Willens Gottes, würdig des Herrn zu wandeln. Das „Christus hat versöhnt“ (1,22) folgert in 1,23, dass die Kolosser im Glauben gegründet und fest bleiben sollen, um sich nicht abbringen zu lassen von der Hoffnung des Evangeliums. In 2,7 heißt es, die Kolosser sollen eingewurzelt und auferbaut in Christus sein. Das Ziel ist das Wachstum der Gläubigen in der Erkenntnis Gottes (1,9-11). Der Hymnus enthält (nach den überleitenden Versen 12-14) eine erste Belehrung über den kosmischen Rang Christi. In der Anwendung wird die Folgerung ausgesprochen, dass die Gläubigen als in Christus Versöhnte dem Kosmos voraus sind (43f).