1. Der unterschätzte Petrus

M. Hengel (2006)

1.1 Mt 16,17-19

(17) „Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel. (18) Und ich sage dir: Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreichs werden sie nicht überwältigen. (19) Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden bindest, das soll im Himmel gebunden sein und was du auf Erden löst, das soll im Himmel gelöst sein“.

Die Verheißung an Petrus lässt sich nicht direkt auf Jesus selbst zurückführen. Jesus hatte im Blick auf die Zukunft nicht Ereignisse der nach Ostern beginnenden Kirchengeschichte im Auge, sondern den für alle sichtbaren Anbruch der Gottesherrschaft mit der Offenbarung des Menschensohnes.

’Binden und Lösen’ sind rabbinische termini technici für Entscheidungen, die ‚verbieten’ und ‚erlauben’ bzw. ‚den Bann verhängen’ und ‚aufheben’ bedeuten. Matthäus, ein judenchristlicher Schriftgelehrter und vermutlich ein erfahrener Gemeindeleiter gegen Ende des 1. Jh.s, übernimmt diese Terminologie von seinen Gegnern, den pharisäischen Schriftgelehrten und bringt dadurch die ganz besondere für Erde und Himmel geltende Vollmacht des Petrus in Verkündigung und Kirchenleitung, in Lehre und Ordnung zum Ausdruck. (In der allgemein auf die zwölf Jünger bezogenen Parallele 18,18 wird dagegen nur deren Disziplinarvollmacht hervorgehoben). Die „Schlüssel des Himmelreichs“ beziehen sich auf die Petrus nach Ostern anvertraute Botschaft, deren Kern das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias, Sohn des lebendigen Gottes (16,16) und Bringer der Gottesherrschaft ist. Wer diese Botschaft in glaubendem Gehorsam ergreift und sein Leben ihr entsprechend führt, dem öffnet sich der Zugang zum Gottesreich, während die pharisäischen Schriftgelehrten für sich selbst und andere durch ihre Feindschaft gegen Jesus diesen Zugang verschließen. Ähnliches gilt für alle, die „Herr, Herr“ sagen, aber „den Willen meines Vaters im Himmel“ missachten. Matthäus will diese Botschaft Ende des 1. Jh.s in seinem Werk für die ganze Kirche neu zur Sprache bringen (4-7).

Jesu Wort vom ‚’Felsenmann’ ist einzigartig im NT. Nirgendwo sonst wird ein einzelner Jünger Jesu in vergleichbarer Weise ausgezeichnet. Dies gilt schon für die an ihn allein gerichtete Seligpreisung. Am ehesten könnte man an den rätselhaften Lieblingsjünger im Joh-Ev denken, der in einer gewissen Konkurrenz zu Petrus dargestellt wird, aber auch dieser ideale Jünger erhält keine solche einmalige heilsgeschichtliche Funktion. In Joh 21,15-17 wird nicht ihm, sondern Petrus nacheinander dreimal der Auftrag gegeben: „weide meine Schafe“, d.h. selbst bei Johannes verleiht der Auferstandene Petrus eine überragende Führungsrolle (11f).

Nach Apg 4,13 wundern sich die Hohenpriester (4,6) über die unerschrockene Rede des Petrus und des Johannes, da sie „ungebildete Laien“ waren. Auch die Griechischkenntnisse des Petrus werden nicht einwandfrei gewesen sein, darum ist die durch Papias erhaltene Nachricht, Markus sei Dolmetscher des Petrus gewesen, nicht einfach abzuweisen (19).

Was die rhetorische Ausdrucksweise anbetrifft, war Paulus aus der Weltstadt Tarsus, der in Jerusalem studiert hatte, dem einstigen Fischer aus einem galiläischen Dorf haushoch überlegen. Im freien Vortrag muss jedoch auch Petrus ein geistesmächtiger Redner gewesen sein in seiner Muttersprache, dem Aramäischen und auch in einem etwas fehlerhaften Griechisch. Nur so lässt sich seine einzigartige Autorität zunächst als Sprecher der Jünger in Jerusalem und später als Missionar auch außerhalb Palästinas erklären (20f).