1.11 Petrus - Begründer der Heidenmission (Apg 10-11)?

E. Haenchen

Das Ereignis im Haus des Cornelius wird nicht als ein unbedeutender Einzelfall hingenommen, sondern als eine die ganze Heidenwelt betreffende Entscheidung Gottes geschildert. Die Judenchristen aus Joppe „entsetzten sich, weil auch auf die Heiden die Gabe des heiligen Geistes ausgegossen wurde, denn sie hörten, dass sie in Zungen redeten und Gott hoch priesen. Da antwortete Petrus: Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den heiligen Geist empfangen haben wie wir? Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi. Da baten sie ihn, noch einige Tage dazubleiben“ (10,45-48).

Dass Petrus 'einige Tage' bei den Christen in Cäsarea blieb, (ergibt sich aus dem Zusammenhang und) beweist, dass er sie als Christen im vollen Sinn und als 'rein' betrachtete (299).

Nicht nur die jerusalemische Gemeinde mit den Aposteln, sondern die Christen in ganz Judäa hören (8,14; 11,22), dass „auch die Heiden das Wort Gottes angenommen haben“ (11,1). Lukas will diese Bekehrung als einen grundsätzlichen Wendepunkt hinstellen. Die Jerusalemer sprachen: „Du bist zu Männern gegangen, die nicht Juden sind, und hast mit ihnen gegessen“ (11,3). Dieser Vorwurf richtet sich gegen die Tischgemeinschaft. Lukas lässt die jerusalemische Gemeinde nicht offen gegen die Heidentaufe protestieren: „Als sie das hörten, schwiegen sie still“ (11,18). Die Gegner des Petrus (die 11 anderen Apostel samt der Urgemeinde) beruhigen sich und erkennen an: Gott hat auch die Heiden zur christlichen Gemeinde und damit zum Heil zugelassen, ohne dass sie zuvor Juden geworden sind. Die Formulierung ‚den Heiden’ (10,45; 11,1) zeigt: hier ereignet sich kein belangloser Sonderfall, sondern hier kommt es zu einer grundsätzlichen Entscheidung (299f).

Was in der Urgemeinde Bedenken erregt hatte, war ausschließlich dies, dass Petrus zu den Unbeschnittenen eingegangen war und mit ihnen gegessen hatte, was er als gesetzestreuer Jude nicht durfte. Daraus sehen wir, dass die Urapostel zunächst an eine Heidenmission gar nicht denken konnten. Die Bekehrung des Cornelius ist die grundsätzliche Rechtfertigung der Heidenmission (301).

Lukas hat die Corneliusgeschichte so erzählt, dass sie nur von ihrem theologischen Sinn her verständlich wird. Cornelius ist Hauptmann und Kompanieführer in einem Provinzregiment, fromm und gottfürchtend, Hospitant bei der jüdischen Gemeinde, wo er wegen seiner Almosen hoch angesehen ist. Cornelius ist der Typus des Gottesfürchtigen, der viele Almosen gibt, der in jedem Volk Gott angenehm ist und deshalb in die christliche Gemeinde aufgenommen werden kann. Seine Frömmigkeit macht ihn der Erhörung wert. Die christliche Gemeinde nimmt nicht jeden beliebigen Heiden auf, sondern nur so fromme, dass auch ein Jude damit einverstanden sein müsste, sind doch Gebet und Almosen (neben dem Fasten) die guten Werke des Judentums. Dass zu einem solchen Mann ein Engel kommt, ist durchaus verständlich: Gott hat seines frommen Tuns gedacht (10,4) (302f).

Gott selbst hat im Gesicht von den reinen und unreinen Tieren Petrus gezeigt, dass kein Mensch (durch seine Volkszugehörigkeit) unrein ist. Die Missionspredigt des Petrus geht von der neuen Erkenntnis des Apostels aus: Gott bevorzugt nicht in ungerechter Weise ein Volk in der Frage des Heils (Lukas denkt dabei nicht an Israels Erwählung in der Vergangenheit, sondern nur an die Frage, wer jetzt in die messianische Heilsgemeinde eintreten darf). „In jedem Volk ist Gott angenehm, wer Gott fürchtet und das Rechte tut“ (10,35). Von der Aufnahme in die Gemeinde wendet sich der Gedanke zunächst zu der berufenden Botschaft: Gott hat die Botschaft den Juden gesandt. Das Kerygma ist im Blick auf Israel formuliert. Mit den Aussagen, dass durch Jesus Christus der Friede (zwischen Gott und den Menschen) hergestellt ist, dass Jesus der Herr aller ist und dass jedem, der an ihn glaubt, die Sünden vergeben werden, überwindet Lukas die nationale Schranke (304).

In der Szene 11,1-18 wird das Widerstreben der Urgemeinde überwunden. Lukas lässt sie nicht expressis verbis gegen die vollzogene Heidentaufe protestieren, sondern nur gegen die Tischgemeinschaft mit den Unbeschnittenen: der Widerspruch der Urgemeinde gegen den Gotteswillen darf nicht mit verletzender Schärfe erscheinen. Als Rechtfertigung erzählt Petrus einfach, wie es zur Taufe gekommen ist. Die Tadler beruhigen sich und preisen Gott, der auch den Heiden „die Buße zum Leben“ gegeben hat. Dieses letzte Wort der Erzählung (wie 11,1) zeigt, dass auch die apostolische Kirche hier keinen Sonderfall sieht, sondern das grundsätzliche Ja zur Aufnahme der Heiden. Der Gesamtsinn der lkn Darstellung lässt sich an den Wiederholungen ablesen: die Christen haben sich gegen die Aufnahme der Heiden gesträubt (10,14.28.47; 11,2.8.17), Gott selbst hat die Heiden in die Kirche geführt (10,3.11-16.22.30; 11,5-10.13). Petrus war es, der den ersten Heiden taufte. Die jerusalemische Gemeinde hat schließlich diese Entscheidung gebilligt und sich zu eigen gemacht. Es war nach Lukas die legitime apostolische Kirche, die die Heidenmission begonnen hat, nicht irgendwelche Einzelgänger (304f).

Bezieht man die Vision des Petrus auf Speisen, dann besagt sie: es gibt keine unreinen Speisen. Damit sind die atl Speiseverbote außer Kraft gesetzt. Diesen Standpunkt hat die jerusalemische Gemeinde niemals anerkannt. Dass die Apg ihn nicht teilt, geht aus dem sog. Aposteldekret hervor. Wenn sich die Vision auf Menschen bezieht, hat die Antwort des Petrus nur Sinn, wenn ihm lauter Unreines vorgesetzt wird. Damit legt sich die Vermutung nahe, dass diese Vision zur Veranschaulichung der Lehre 10,28: „Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt; dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll“ vom Schriftsteller selbst entworfen ist (307).

In Kp 11 ziehen die Jerusalemer nicht den Schluss: Also darf man auch unreine Speisen essen, sondern: „Also hat Gott auch den Heiden die Buße zum Leben gegeben“. Hier hat Lukas die Historie in den Dienst der Verkündigung gestellt. Er beschreibt nicht unmittelbar ein wirkliches Geschehen, sondern stellt eine Glaubensüberzeugung (Gott hat die Heidenmission herbeigeführt) im Gewand der Historie dar (307).

L.M.: Petrus hat den Centurio Cornelius bekehrt. Unhistorisch ist die Darstellung des Lukas, dass hier die grundsätzliche Rechtfertigung der Heidenmission erfolgt sei. In der Anfangszeit der Gemeinde waren Juden und Gottesfürchtige wie in der Synagoge so auch in der Gemeinde problemlos beisammen. Erst mit der Zeit traten Probleme auf. Wäre Lukas Bericht historisch, dann hätte Paulus sich auf Petrus berufen können und das Apostelkonzil wäre überflüssig, weil die dort verhandelte Frage längst durch den Leiter der Urgemeinde geklärt war.