1.2 Das Wort vom 'Felsenmann'

Für Matthäus ist Petrus, entsprechend dem Namen, den ihm der Herr selbst gegeben hat, der beherrschende Kopf im Jüngerkreis und in der werdenden Kirche gewesen. Seine Autorität als Vermittler von Jesusüberlieferung hat im Mt-Ev ihren Niederschlag gefunden (22):

a) Durch sein Bekenntnis
zu Jesus als Messias und Gottessohn erweist sich Petrus als einzigartiger Offenbarungsempfänger. Das Bekenntnis: „Du bist der Gesalbte, der Sohn des lebendigen Gottes“ steht nicht im Belieben eines sündigen Menschen von „Fleisch und Blut“. Darum kann es nur vom himmlischen Vater stammen. Der Makarismus hebt den Offenbarungsempfänger deutlich über die kollektive Seligpreisung der Jünger als Augen- und Ohrenzeugen (13,6f) hervor. Die Parallele zu dieser speziellen Offenbarung an Petrus ist das Selbstzeugnis des Paulus über die Offenbarung des Gottessohnes in ihm durch Gott selbst. Dahinter steht die Erwählung (Gal 1,15f) in Verbindung mit der Offenbarung seines Evangeliums durch Christus (Gal 1,12) ohne menschliche Vermittlung. Hier begegnen sich zwei Offenbarungserfahrungen (22-24).

b) Petrus erscheint als der Fels,
d.h. als das Fundament, auf dem der Auferstandene seine endzeitliche Gemeinde bauen wird. Dagegen ist für Paulus Christus das eine Fundament: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1Kor 3,11). Derselbe ist durch Paulus gelegt, der gemäß der ihm gegebenen Gnade Gottes als „weiser Baumeister“ die Gemeinde in Korinth gegründet hat (V 10). Unmittelbar darauf folgt die Interpretation der Gemeinde als heiliger Tempel Gottes, in dem Gottes Geist wohnt (1Kor 3,16f). Paulus erscheint durch seine Missionsarbeit als der eigentliche Gründer derselben. Andere können auf dem von ihm gelegten Grund nur weiterbauen, die Qualität ihrer Arbeit wird dann im Jüngsten Gericht offenbar werden. Die indirekte Polemik gegen Petrus ist dabei unübersehbar. Sie mag sich zugleich gegen das Gemeindeverständnis der Jerusalemer Gemeinde richten. Vermutlich hatte man dort schon Petrus als ’Fundament’ der Kirche betrachtet (24-26).

In Eph 2,20f ist die Gemeinde von Gott „aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten, wobei Jesus Christus der Eckstein ist, durch den der ganze Bau festgefügt wächst zum heiligen Tempel im Herrn“. In Mt 16,18 hat Jesus selbst dem von ihm berufenen Fischer Simon den aramäischen Beinamen ’Kephas’ gegeben, der dann mit dem Griechischen Petros übersetzt wurde. Nur Matthäus stellt einen Zusammenhang zwischen dem Messiasbekenntnis und dem Beinamen Petros her, auch verwendet er ihn, im Gegensatz zu seiner Mk-Vorlage, von Anfang an: D.h. er legt auf diesen Beinamen, der den Träger ehrt, größten Wert (28-30).

Das Bild vom Felsen Petrus, auf den Christus seine Kirche baut, erinnert an Jes 51,1f, wo Abraham als der Fels bezeichnet ist: „Schaut den Fels an, aus dem ihr gehauen seid. Schaut Abraham an, euren Vater... Denn als einzelnen habe ich ihn berufen, gesegnet und gemehrt“ (38f).

Petrus erscheint als die eine maßgebliche Jüngergestalt, hinter der die anderen Jünger völlig zurücktreten, in der Regel nur als Kollektiv handeln und wie Statisten erscheinen. Für Matthäus war die Namensgebung ein Akt göttlicher Erwählung und Verheißung (40f).

Petrus ist der beherrschende Wortführer der Jünger und der einzige wirkliche Gesprächspartner Jesu. Das Wort von den Schlüsseln zur Gottesherrschaft stellt Petrus als wahrhaft bevollmächtigten Verkünder und Lehrer in schroffen Gegensatz zu den Schriftgelehrten und Pharisäern, die die Gottesherrschaft vor den durch sie Belehrten verschließen, aber auch zu allen, die die neue Tora des Messias und die in ihr geforderte Gerechtigkeit verachten (44).