1.3 Petrus als die apostolische Grundgestalt der Kirche

Matthäus wusste sich als judenchristlicher Schriftsteller ganz einer Petrustradition verpflichtet, die gegenüber der Heidenmission geöffnet ist und darum wie er ein enges, dem bloßen Buchstaben der Tora verpflichtetes Judenchristentum ebenso ablehnte wie ein Heidenchristentum, das unter Berufung auf die Freiheit vom Gesetz Gottes Willen, wie er in den Geboten Jesu sichtbar wird, missachtete. Für Matthäus sind weder Jakobus, der Herrenbruder in Jerusalem, noch Paulus und seine heidenchristlichen Missionsgemeinden, noch Johannes und sein Schülerkreis für die weitere Zukunft der Kirche grundlegend, für ihn war Kephas/Petrus die einzige ’Säule’, die diese Bezeichnung verdient. Der Erfolg seines Evangeliums zeigt, dass er mit dieser Anschauung nicht allein stand. Petrus erhält nicht erst in nachapostolischer Zeit diesen besonderen Rang, er ist diese Grundgestalt schon in der ersten Generation, im Rückblick bereits vor Ostern und er bleibt es über sein Martyrium hinaus – zusammen mit seinem Kontrahenten Paulus – für die ganze Kirchengeschichte bis heute. Seine überragende Bedeutung bezeugt die Evangelienüberlieferung zwei Jahrzehnte vor Matthäus: das Mk-Ev und drei Jahrzehnte früher: die Briefe des Paulus (Gal; 1/2Kor) (50-2).

Ohne kraftvolle, geisterfüllte Verkündigung wäre Petrus nicht der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde mit ihren Missionserfolgen und zum Felsenmann geworden. Er verfügte nicht nur über die Fülle der Jesustradition, sondern er wird auch als erster Zeuge der Auferstehung Jesu die Entstehung der vorpln Anfänge der Christologie entscheidend mitgestaltet haben. Dass die anderen Jerusalemer Apostel so sehr hinter diesem zurücktreten, hängt sicher auch mit seiner besonderen theologischen Kompetenz zusammen (54f).

Warum besuchte Paulus nach den drei Jahren im nabatäischen Arabien nur ihn in Jerusalem und nicht die anderen Apostel? Ohne Autorität und theologische Ausstrahlung des Petrus hätte es keine Kephaspartei in Korinth gegeben, und Paulus hätte sich in 2Kor 10 - 12 nicht so erbittert über Abgesandte der Petrusmission äußern müssen. Wie kommen Christen in Korinth dazu, in der von Paulus gegründeten Gemeinde eine Kephasgruppe zu gründen, und woher kommen die besonderen Schwierigkeiten des Paulus in Korinth mit judenchristlichen Sendboten? Mt 16,17-19 bezeugt diese Autorität. Die Voraussetzung dazu hat Jesus selbst geschaffen, als er Simon in seine Nachfolge berief und ihm den Namen Kephas gab (56f).