1.7 Petrus in Korinth

In 1/2Kor sind die Auswirkungen der ptrn (Konkurrenz-)Mission, die jetzt unterschiedslos Juden und Heiden umfasste, deutlich zu spüren. Die Entstehung einer ’Kephaspartei’ in Korinth und die damit verbundenen „Spaltungen“ und „Streitigkeiten“ (1Kor 1,11f), das genaue Wissen der dortigen Gemeinde um die anderen Missionsmethoden der Jerusalemer Apostel und Brüder Jesu (1Kor 9,4ff) samt den vielfältigen Vorwürfen gegen Paulus, insbesondere die Bestreitung seines Apostalats (1Kor 9,1-7), legen die Vermutung nahe, dass der ’Felsenmann’ (1Kor 3,10ff: Röm 15,20) während des ca. dreijährigen Aufenthalts des Paulus in Ephesus auch die Hauptstadt Achaias besuchte. Dieser Vorgang bereitete Paulus erhebliche Schwierigkeiten, die dann im zweiten Brief noch stärker sichtbar werden (2Kor 10 - 13). Die Betonung seiner apostolischen Würde und die Beteuerung, er sei als ehemaliger Verfolger „nicht würdig, Apostel genannt zu werden“, habe aber durch Gottes Gnade „mehr gearbeitet als sie alle“, richtet sich gegen die Abwertung seines apostolischen Anspruchs durch die Jerusalemer Apostel „vor mir“ (Gal 1,17), deren wichtigster Missionar seit jeher Petrus gewesen war. Die Kephas-Anhänger werden diesen wegen seiner besonderen Bedeutung und Autorität „gerühmt“ haben (1Kor 3,21f; 2Kor 10,17) (107-110).

Die Rolle der ’Kephasgruppe’ und damit auch die Bedeutung des Petrus und die negative Nachwirkung des antiochenischen Konfliktes darf nicht unterschätzt werden. Paulus stellt die Spaltungen und Streitigkeiten als erstes Ärgernis an den Anfang seines Briefes (1Kor 1,10f) und verbindet sie ähnlich wie im Gal mit der Grundfrage nach der Heilsbedeutung des Kreuzes Christi: „Ist Christus zerteilt“ (1Kor 1,13)? Wer sollte gemäß 1Kor 9,1-5 den Apostolat des Paulus bezweifelt haben, wenn nicht die Kephasgruppe? Zwischen 1Kor 15,5 der Protophanie des Petrus, die Paulus Jahre zuvor bei der Gemeindegründung den Korinthern mitgeteilt hatte, und 15,11, dem Hinweis auf die grundlegende Einheit des Kerygmas bei allen Verkündigern, steht der auffallende Selbstruhm des Paulus: „mehr als sie alle habe ich mich abgemüht, nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes mit mir“ (1Kor 15,10). Warum hat Paulus diesen Selbstruhm gegenüber den Korinthern nötig? Dass sich nur irgendwelche Leute auf Petrus berufen haben, ohne dass Petrus selbst dahinter steckt, ist unwahrscheinlich. Man darf den harten Zusammenstoß in Antiochien wenige Jahre zuvor und seine Auswirkungen auf die pln Mission nicht unterschätzen. Aufgrund der einzigartigen Bedeutung des Petrus kann Paulus nicht offen gegen ihn oder Jerusalem polemisieren. Er kann und will ja gerade nicht endgültig mit Jerusalem brechen, denn das Evangelium ist von dort ausgegangen. Wegen seiner Außenseiterposition vermeidet er nach Möglichkeit eine direkte Polemik gegen Männer und Anordnungen der Urgemeinde. Der Bericht von seiner Kritik an Petrus Gal 2,11-14 ist ihm durch die schwerste Not des Kampfes um die galatischen Gemeinden abgepresst. Der Gal zeigt die noch offene Wunde (107, Anm. 215).

1Kor 3,10f wird auf Petrus Besuch in Korinth indirekt anspielen: „Gemäß der mir gegebenen Gnade Gottes habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt, ein anderer aber baut darauf weiter. Jeder aber sehe zu, wie er darauf weiterbaut! Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, der ist Jesus Christus“ und Röm 15,20: „...damit ich nicht auf fremden Grund baue“.

Die Schwierigkeiten in Korinth kommen nicht von der Apollosseite, sondern von radikalen ’antinomistischen Paulinern’ auf der einen und von der Kephasgruppe auf der anderen Seite. Jakobus, der den Korinthern ebenfalls bekannt ist (15,7; 9,5), spielt dort – im Gegensatz zu Galatien – als Leitfigur offenbar keine Rolle (108, Anm. 217).

Die durch die Katastrophe in Antiochien verschärfte Spannung wird durch den entscheidenden Satz 1Kor 15,11 eingeschränkt: „Es seien nun ich oder jene, so verkündigen wir [alle], und so habt ihr geglaubt“. An der Spitze dieser ’jene’ steht Kephas als der erste Auferstehungszeuge, aber auch die Zwölf und der Herrenbruder Jakobus sind eingeschlossen. Die Wahrheit des die Gemeinde konstituierenden Evangeliums von 1Kor 15,1ff begründet trotz aller Risse und Schwierigkeiten die Einheit der Kirche (Anm. 225-6).

Paulus liegt unbeschadet aller Spannungen ganz entscheidend an der durch Christus begründeten Einheit der Kirche. Sie ist für ihn heilsnotwendig: Ohne sie wäre er „ins Leere hineingelaufen“ (Gal 2,2). Diese Auseinandersetzungen, bei denen Angriffe gegen die Gleichberechtigung des pln Apostolats im Mittelpunkt standen, setzten sich im 2Kor fort mit Abgesandten der Petrusmission bzw. der Antiochener, mit denen er gebrochen hatte und die jetzt mit Petrus eng verbunden waren (110f).

„Alles ist euer, es sei Paulus, Apollos, Kephas, Welt Leben, Tod, Gegenwärtiges und Zukünftiges: Alles ist euer. Ihr aber gehört Christus, Christus aber Gott“ (1Kor 3,21-23). „Ihr aber gehört Christus“, daran ändern auch die erheblichen Spannungen zwischen Paulus und Kephas nichts.

Die Situation in Korinth war eine wesentlich andere als in der Provinz Galatien, wohin radikale Judenchristen aus Jerusalem, die schon in Antiochien den Streit angestoßen hatten, mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung weitergereist waren, und dort die Beschneidung und den Gesetzesgehorsam in einer neuen Weise gefordert hatten, die der Abmachung des Apostelkonzils offen widersprach (Gal 2,1-10). Die Frontstellung im Gal ist klarer sichtbar als im 1/2 Kor. In dem Briefteil 2Kor 10 - 11, in dem sich Paulus verzweifelt wehrt, bleibt das Profil der Gegner des Paulus und ihre Botschaft undeutlich. Es handelt sich um keine Häretiker, deren Irrlehren klar hervortreten. Es sind weder wie im Gal Nomisten, die die Beschneidung der Heidenchristen fordern, noch sind es Gnostiker bzw. Doketen, noch hellenistische Wundertäter (theos aner) oder gar Libertinisten, vielmehr Judenchristen aus Palästina oder Syrien und – wie auch Paulus selbst – „Diener Christi“ (2Kor 11,22f), d.h. Missionare, deren Bild sich für Paulus auf schlimme Weise verzerrt, so dass er einmal von „Pseudoaposteln“ und zweimal von „Überaposteln“ sprechen kann, ohne deutlich zu sagen, wen er damit meint. Sie bringen an die Korinther gerichtete „Empfehlungsbriefe“ (2Kor 3,1-3) mit, die von den Korinthern bekannten Autoritäten stammen müssen, sonst wären sie wertlos. Solche Empfehlungsbriefe könnten von Petrus stammen, der die Gemeinde besucht hatte (112-115).

Es sind Missionare, die sich ihrer besonderen charismatischen Fähigkeiten und visionärer Erlebnisse rühmen und sich durch rednerischen Schwung, physische Kraft und Gesundheit auszeichnen, die bei Paulus fehlen, obgleich er ihnen im Blick auf die literarische Rhetorik seiner Briefe überlegen ist (2Kor 10,7-11). Bewusst nennt er keine Namen und gibt keine klaren Anhaltspunkte, von wem diese Missionare, die in seinen Augen Verführer sind, ausgesandt wurden. Die Korinther wissen darüber nur zu gut Bescheid. Nur ihre geographische Herkunft wird deutlich: Es sind Judenchristen, die als ’Hebräer’ – wie Paulus selbst (Phil 3,5) – noch mit dem Mutterland verbunden sind. Der Vorwurf des Paulus gipfelt darin, dass die Korinther sich „einen anderen Jesus verkündigen“ lassen, dass sie einen „anderen Geist annehmen“, „sich ein anderes Evangelium gefallen lassen“ (2Kor 11,4). Worin dieses „andere“ besteht bleibt (im Unterschied zu Gal 1,6) unklar. Man könnte fragen, ob es eine stärker ’synoptische’ Form der neuen Botschaft war, die Jesu Lehre und Wunder mehr in den Mittelpunkt stellte. In 2Kor 10 - 13 fehlt sowohl die pln Sprache von der Rechtfertigung, als auch, abgesehen von 13,4, ein Hinweis auf das Kreuz Christi. Deutlich wird nur, dass die Gegner Paulus einen erheblichen Mangel an charismatischen Gaben und Glaubwürdigkeit vorwerfen. Ähnlich wie schon in 1Kor 9,1ff bezweifeln sie seine Apostelwürde und erheben darüber hinaus schwere persönliche Vorwürfe gegen ihn (2Kor 10,2: Wandel „nach dem Fleisch“ bzw. „fleischliche Strategien“; maßloser Selbstruhm 10,13), was bei seinem leidenschaftlichen Charakter, der sich zu schärfster Polemik hinreißen ließ, durchaus verständlich ist (Phil 3,2; 1Kor 16,22; 1Thess 2,15) (116f).

Durch den Konflikt in Antiochien kam es zum schroffen Bruch zwischen den beiden Führern der christlichen Mission. Es ging nicht mehr um die Frage des jüdischen Gesetzes, sondern um tiefe persönliche Verletzungen, um die Frage der bestimmenden Autorität in den Missionsgemeinden und um die autoritative Geltung der überwiegend ethischen Jesustradition bzw. um die pln theologia crucis. Nach Röm 3,8 hat man Paulus die Förderung des Libertinismus vorgeworfen. Die ethischen Missstände in Korinth, die wohl mit einem falschen Verständnis der pln Freiheit vom Gesetz zusammenhängen, könnten zu solchen Vorwürfen Anlass gegeben haben. Wahrscheinlich beruhten dieselben auf einer Fehlinterpretation der pln Gesetzeslehre (siehe dazu die Richtigstellung in 1Kor 6,9-13; 7,19; Gal 5,6.13ff.25). Eine eindrückliche Begründung der neu formulierten Ethik finden wir in Röm 6 und 12,1ff (Anm. 228).

E. Meyer: „Im 2Kor gelangt der Gegensatz zwischen der ursprünglichen, von Petrus und den Zwölf geschaffenen Auffassung des Christentums und seiner Umwandlung durch Paulus zu lebendigem Ausdruck. Das Bild einer friedlich-harmonischen Entwicklung, das nach der furchtbaren Katastrophe der neronischen Verfolgung Lukas aus dem religiösen Bedürfnis der Folgezeit heraus gezeichnet hat, entspricht der Wirklichkeit in keiner Weise. Vielmehr wird von beiden Seiten mit leidenschaftlicher Erbitterung gekämpft. Der persönliche Gegensatz ist unüberbrückbar, eine Versöhnung zwischen Paulus und Petrus ist ausgeschlossen“ (459).

M. Hengel: Es gibt Konfliktsituationen, in denen man den Namen der Gegner bewusst verschweigt bzw. mit einigen (tines) umschreibt (2Kor 3,1; 10,2.12; Röm 3,8; Phil 1,15). Die schlimmsten Gegner nennt man nicht. Wer konnte nach ca. fünfjährigem Bestehen der Jesusbewegung in Korinth mit solcher Autorität auftreten, so dass Paulus darüber in größte Schwierigkeiten geriet, wenn nicht Abgesandte der Petrusmission (Anm. 231)?

Einen Nachklang dieser Auseinandersetzungen haben wir im Röm, in dem der Apostel in 3,8 Vorwürfe gegen ihn andeutet, wonach einige (tines) behaupten, Paulus lehre: „lasst uns Böses tun, damit Gutes daraus komme“ (Röm 3,5-8). Seine Botschaft von der Freiheit vom Gesetz, die von einigen radikalen ’Paulinern’ in ethikfeindlicher Weise missverstanden wurde, brachte ihm den Vorwurf ein, er fördere den Libertinismus. Dem könnte das Urteil 2Kor 11,15 über die „teuflischen Diener der Gerechtigkeit“ entsprechen: „ihr Ende wird gemäß ihren Werken sein“. Es fällt auf, dass Paulus im Röm mit keinem Wort auf Petrus, die anderen Apostel oder ehemalige Missionsgefährten wie Barnabas eingeht. Er blickt nur auf sein eigenes Apostolat und die Erfolge seiner Mission, die hier sonderbarerweise von Jerusalem ausgeht (Röm 15,19 gegen Gal 1,15-23), obwohl die zuvor geschriebenen 1/2 Kor sehr deutlich auf die Wirksamkeit anderer Missionare hingewiesen haben. Auch auf die Gründung der römischen Gemeinde geht er nicht ein (118f).

Dass Paulus trotz der massiven Spannungen die Einheit der Kirche am Herzen liegt, zeigt seine geplante riskante Kollektenreise nach Jerusalem, bei der er weiß, dass sein Leben dort bedroht ist und es ungewiss ist, ob die Urgemeinde seinen Liebesdienst annehmen wird. Der hier sichtbar werdende Zwiespalt in der späteren Wirksamkeit des Paulus wird viel zu wenig wahrgenommen, weil er selbst nicht offen unter Namensnennung über seine Schwierigkeiten in den Gemeinden und deren Verursacher schreiben kann – abgesehen von Gal 2, wo er aus einer Zwangslage heraus schreibt und auf ganz persönliche biographische Vorhaltungen der Galater antworten und diese richtig stellen muss. Es bleibt so eine wohlbegründete Vermutung, dass Petrus in diesen für beide Beteiligten spannungsvollen Jahren nach dem Zusammenstoß in Antiochien der direkte missionarische Kontrahent des Paulus war (120).

Paulus stellte sich als der erfolgreiche Apostel der Heiden dar, der sich in seiner Sendung zu den Völkern aufopferte. Petrus konnte als der maßgebliche Jesusjünger und erste Leiter der Urgemeinde in Jerusalem auftreten, der Paulus im Blick auf die Fülle seiner Jesustradition haushoch überlegen war. Auch als Missionar wird er seine Aufgabe darin gesehen haben, die Worte und Taten des Messias und Gottessohnes Jesus, die er selbst miterlebt hatte, seinen jüdischen und heidnischen Hörern nahezubringen. Paulus hatte einstmals als Feind Jesu diesen nur „auf fleischliche Weise“ (2Kor 5,16) gekannt, persönliche vorösterliche Erfahrungen mit ihm besaß er nicht, Petrus dagegen in überreichem Maße. Aber auch Paulus war auf Jesusüberlieferung angewiesen, denn er musste ja berichten, wer dieser gekreuzigte Jesus war und ist (122f).

In Bezug auf die Jesusüberlieferung musste Paulus sich im Vergleich mit Petrus und „den Aposteln vor ihm“ in Jerusalem (Gal 1,17) unterlegen gefühlt haben, auch wenn er das so nicht sagen kann. Hier lag die einzigartige Stärke des Felsenmannes, die begleitet war von dem sichtbaren Charisma apostolischer Krafttaten, wie sie Lukas in der Apg erzählt und wie sie in den Evangelien sonst nur noch von Jesus berichtet werden. Sie haben offenbar bei den Gegnern des Paulus im 2Kor eine entscheidende Rolle gespielt. Dort, wo Paulus auf die zur Konkurrenz gewordene Mission des Petrus und seiner Sendboten stößt, betont er, dass er „die Zeichen des Apostels gewirkt habe mit Zeichen, Wundern und Krafttaten“ (2Kor 12,11-13; Röm 15,19), so dass er „obwohl ein Nichts“„in keiner Weise hinter den Überaposteln“ zurückstehe, so wenig wie die Korinther hinter den „übrigen Gemeinden“. Krafttaten und Zeichen waren in der Urgemeinde und bei den von Jesus ausgesandten Aposteln zu Hause. „Ich meine freilich, in nichts zurückgeblieben zu sein hinter den [übermäßigen Aposteln] Überaposteln “ (2Kor 11,5). „Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr“ (2Kor 11,23)! Der Ausdruck von den „Überaposteln“ erinnert an sein distanziertes Urteil in Gal 2,6: „Von denen aber, die das Ansehen hatten – was sie früher gewesen sind, daran liegt mir nichts“. Könnten mit den rätselhaften „Überaposteln“ nach dem verhängnisvollen Streit in Antiochien nicht in erster Linie Petrus, seine antiochenischen und Jerusalemer Freunde und Sendboten gemeint sein (124f)?

Nicht zufällig macht die Apg (die Paulus den Aposteltitel zugunsten des Petrus und des Zwölferkreises abspricht - Ausn. 14,4.14) die beiden Kontrahenten zu den größten nachösterlichen Wundertätern. Diese ausgleichende Tendenz der Apg erklärt auch die schroffe erzählerische Trennung zwischen der Wirksamkeit des Petrus und der des Paulus. Lukas nimmt hier eine rigorose Scheidung vor. Er verabschiedet Petrus mit dessen betont propln Rede Apg 15,7-11, ohne ihn später noch einmal zu erwähnen. Mit Petrus verschwindet auch der Kreis der Apostel. Sie werden in Kapitel 15 noch fünfmal immer zusammen mit den Ältesten genannt und sind mit diesen die Absender des Briefes über das Aposteldekret an die „Brüder in Antiochien, Syrien und Kilikien“ (Apg 15,22f; 16,4). Dagegen tauchen die Ältesten als Kreis um Jakobus beim Jerusalembesuch des Paulus zum Wochenfest 57 n. Chr. wieder auf (Apg 21,18). Die auf das Konzil folgenden zwölf Kapitel Apg 16 – 28 beherrscht Paulus ganz allein. Petrus und die Apostel sind verschwunden. In gewisser Weise stellt Lukas so Paulus als den Nachfolger des Petrus dar, obwohl – wie die Kephaspartei in Korinth und die weitere Entwicklung der ptrn Autorität zeigen - dessen Rolle außerhalb von Eretz Israel keine geringere, sondern eher eine größere wird. D.h. Lukas lässt – historisch zu Unrecht – Petrus durch Paulus verdrängt werden. Zumindest in Antiochien war es gerade umgekehrt – und vermutlich nicht nur dort. Petrus darf nach Lukas zwar in Caesarea an der Grenze zum heidnischen Gebiet im Haus des Cornelius die Heidenmission begründen, aber (Missions-) Reisen und Gemeindebesuche außerhalb Palästinas werden durchweg verschwiegen (Apg 12,17): „Er ging an einen anderen Ort“ ist von Lukas bewusst undeutlich ausgedrückt. Lukas wird über die Reisetätigkeit des Petrus informiert gewesen sein. Er wusste mehr, als er schreibt. Auf diese Weise kommt er zu einer klaren geographischen und zeitlichen Trennung der Wirksamkeit des Petrus und des Paulus. Den schweren Konflikt in Antiochien und die jahrelangen Spannungen danach, die die pln Mission seither begleiteten und die in den pln Briefen Gal, 1/2Kor, Röm und Phil sichtbar werden, kann Lukas so dem Theophilos vorenthalten. Sie hingen ja nicht zuletzt mit dem Eindringen des Felsenmannes in das überwiegend heidenchristliche Missionsgebiet des Paulus zusammen. Diese scharfe Trennung und das damit verbundene Schweigen des Lukas dienen dem Ausgleich zwischen den beiden größten Missionaren und damit auch dem Frieden in der Kirche (126-8).

Im Röm geht Paulus mit keinem Wort auf die Gründung und die Gründer der römischen Gemeinde ein, er preist nur seine eigene Missionsarbeit von Jerusalem bis Illyrikum und betont, dass er nicht in fremde Missionsgebiete einbrechen will, „damit er nicht auf ein fremdes Fundament baue“ (15,19f). Auch hier liegt eine Anspielung auf die ptrn Konkurrenzmission vor (Phil 1,15f; 1Kor 3,11) (Anm. 261).