1.8 Zur Theologie des Petrus

Petrus erhält in der Apg eine einzigartige -historisch nicht zutreffende - Brückenfunktion zwischen der Wirksamkeit Jesu und der Völkermission des Paulus. Petrus ist unter den „Augenzeugen und Dienern am Wort“ (Lk 1,2) der entscheidende Zeuge, dem die Späteren, die für ihren Glauben grundlegende Jesusüberlieferung verdanken. Entsprechend lässt Lukas Petrus und Johannes vor den Volksführern bekennen: „Unmöglich können wir von dem schweigen, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20), und vor Cornelius kann Petrus seine Erzählung von Jesus mit dem Nachsatz begründen: „Wir sind Zeugen von allem, was er im jüdischen Land und in Jerusalem getan hat“ (Apg 10,38f). Wahrscheinlich hat Lukas im Gefolge des Paulus im Jahre 57 in Jerusalem diese Überlieferung kennengelernt, die auch seine Theologie als Reisegefährte des Paulus veränderte. Das Beispiel des „geliebten Arztes“ (Kol 4,14) könnte verständlich machen, warum Petrus bzw. dessen Boten auf ihren späteren Missionsreisen auch in pln Gemeinden wie Korinth Erfolg hatten (129-31).

Da Jesus in der Regel von einer Jüngerschar umgeben war, ist die hervorragende Rolle, die Petrus bei den Synoptikern als Ansprechpartner zugeschrieben wird, besonders auffallend. Er kann für die Evangelisten als der maßgebliche Jünger die Schar der Jünger vertreten und wird dadurch zu dem entscheidenden apostolischen Zeugen. Petrus wird bis zu seinem Martyrium direkt oder indirekt durch Boten in den Gemeinden des Westens von Antiochien über Korinth bis Rom gewirkt haben (133f).

Es fällt auf, dass im 1Kor die Kephaspartei nicht für Beschneidung und Ritualgesetze eintritt und dass Paulus in Gal 2,16 durch den Gebrauch der 1. Person Plural auch dem Petrus das Wissen darum zuschreibt: „Wir wissen: dass ein Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“. Das klingt nach einem Grundkonsens. Lukas lässt in Apg 15,7-11 den Petrus in seiner letzten Rede auf dem ‚Konzil’ pln klingende Formeln vortragen: Gottes Erwählung wirkte, „dass aus meinem Munde die Heiden das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben kommen“. Er gab ihnen den „heiligen Geist wie auch uns“ und „hat durch den Glauben ihre Herzen gereinigt“. Darum darf man ihnen nicht das Joch des Gesetzes auferlegen, „vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus gerettet zu werden wie auch jene“. Dementsprechend hatte auch Petrus in Antiochien zuerst ganz selbstverständlich mit den Nichtjuden Tischgemeinschaft gehalten und so nach dem Urteil des Paulus „heidnisch und nicht jüdisch gelebt“ (Gal 2,12.14). D.h. auch für ihn selbst waren die Reinheitsgebote unwesentlich geworden. Erst als Boten von Jerusalem kamen, brach er, um des Friedens und um der Einheit der Kirche willen und um den unter dem zelotischen Druck ihrer Volksgenossen stehenden Brüdern in Jerusalem keine Schwierigkeiten zu bereiten, diese Tischgemeinschaft ab und rief den zornigen, ihn persönlich schwer verletzenden Protest des Paulus hervor (135-7).

Bei der führenden Rolle, die der maßgebliche Jünger Jesu und erste Auferstehungszeuge in der Urgemeinde spielte, muss man annehmen, dass er auch die Anfänge der „Lehre der Apostel“ (Apg 2,42) entscheidend mitgestaltet hat. Lukas ist kein Pauliner, aber er zeigt deutlich, dass er den Paulinismus kennt und aus ihm schöpft. Daraus ergab sich für ihn die Aufgabe, Paulus und die Urgemeinde erzählerisch zu versöhnen. Ähnliches mag für Markus gelten. Dass er Schüler und evtl. Dolmetscher des Petrus war, bedeutet weder historische Zuverlässigkeit seines Berichts im modernen Sinne noch Verzicht auf ein eigenes theologisches Profil (138f).

Punkte einer ptrn Theologie
Die Taufe „zur Vergebung der Sünden“ (Lk 3,3) wird von Johannes dem Täufer übernommen. Sie geschieht jetzt im Namen Jesu und wird mit der Gabe des Geistes verbunden. Mit der Aufforderung, sich „im Namen Jesu“ taufen zu lassen, endet die Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2,38). Nach Markus (und von ihm abhängig Lukas und Matthäus) bestimmt die Zuwendung zum Sünder und der Zuspruch der Vergebung der Sünden nicht nur Jesu Wirken, sondern auch die Predigt des Petrus und der Apostel. In dem Geistenthusiasmus der Urgemeinde erfüllen sich die Verheißungen der Propheten (140f).

Dass Jesus schon in Jerusalem als „unser Herr“ angerufen werden kann, hängt einmal mit dem Rückblick auf ihn als den „Herrn“ der Jüngergemeinde, aber dann auch mit der Interpretation der Auferstehung Jesu als Erhöhung zum Throngenossen zur Rechten Gottes aufgrund von Ps 110,1 zusammen: „Der Herr hat zu meinem Herrn gesagt: Setze dich zu meiner Rechten“. In der Pfingstpredigt (Apg 2,34-36) spricht Petrus das Bekenntnis: „Gott hat Jesus zum Herrn und Messias gemacht“. Die christologische Auslegung der Psalmen muss schon ganz früh begonnen haben. Diese für ihren Glauben entscheidenden Grundeinsichten der vorpln Gemeinde der ersten zwei/drei Jahre der neuen Bewegung, können nicht ohne die maßgebliche Mitwirkung des ersten Auferstehungszeugen und Leiters der Jerusalemer Urgemeinde zustandegekommen sein. Petrus wird bei der Herausbildung des frühesten Kerygmas eine entscheidende, wenn nicht die entscheidende Rolle gespielt haben (142f).

Es ist kein Zufall, dass Paulus wenige Jahre nach seiner Bekehrung nur Petrus in Jerusalem besuchte und sich fünfzehn Tage bei ihm aufgehalten hat (Gal 1,18). In diesen zwei Wochen werden beide voneinander gelernt haben. Bei Matthäus wird Petrus durch seine einzigartige Autorität als Bekenner, Missionar, Lehrer, als Tradent von Jesusüberlieferung, wie auch als Gemeindeleiter und am Ende als Märtyrer zu dem ’Felsen’, auf dem der Auferstandene seine Kirche bauen wird, und darum trägt er diesen Ehrennamen „Petrus“ zu Recht. Deshalb gingen große Teile der Urkirche, zuerst in Jerusalem und Judäa, später aber auch Missionsgemeinden im Westen von Antiochien bis Rom bei ihm in die Schule. Über Markus, dann auch über Lukas, Matthäus und Johannes ist er unser aller Lehrer geworden (144f).