2. Jakobus der Herrenbruder

2.1 Vorbemerkungen

a. Zur Situation im NT


Im Bericht des Paulus über das ’Apostelkonzil’ (Gal 2,9) steht Jakobus an der ersten Stelle der drei Säulen in Jerusalem, vor Kephas und Johannes. Offenbar war er schon 48 n.Chr. der führende Repräsentant des Judenchristentums in Jerusalem. In Diskrepanz zu dieser hervorgehobenen Stellung des Herrenbruders in Jerusalem steht sein Zurücktreten in den ntl Schriften. Jakobus ist die einzige Person neben Petrus, von der Paulus eine anerkannte Sonderoffenbarung des Auferstandenen (1Kor 15,7) berichtet. Doch schon die kanonischen Evangelien schweigen über ihn. Nach Joh 7,5 „glaubten seine [Jesu] Brüder nicht an ihn“ und wurden von Jesus hart zurechtgewiesen (s. auch Mk 3,21 u. 3,31-35 parr). Dieses Zurücktreten des Bruders Jesu, das sich in den Apostolischen Vätern und bei den Apologeten fortsetzt, ist ein Zeichen für die einseitige, tendenziöse Auswahl der uns überlieferten historischen Nachrichten im Kanon und der frühen Literatur des 2. Jh.s, die deutlich macht, dass man in der heidenchristlich geprägten Großkirche nach 70 von Jakobus und den anderen Brüdern Jesu bald nicht mehr viel wissen wollte (549f).

b. Das Jakobusmartyrium nach Josephus

Der Bericht des Josephus demonstriert die gespannte, ja lebensbedrohende Situation für die Judenchristen in Jerusalem wenige Jahre vor Ausbruch des Jüdischen Krieges. Durch die Hinrichtung des Jakobus brach eine Katastrophe über die Gemeinde herein, von der sie sich nicht mehr erholen sollte. Offenbar sahen die Anhänger der Partei des Priesteradels in Jakobus und seinen Freunden eine ähnliche religiös-politische Gefahr für das Volk wie 32 Jahre zuvor in Jesus (552).

Der Bericht demonstriert zum anderen die relative Toleranz, die die Pharisäer den Judenchristen entgegenbrachten und die in einem gewissen Widerspruch zur Ausstoßung aus der Synagoge in den Jahren nach 70 steht. Dies mag damit zusammenhängen, dass zumindest die gemäßigten Pharisäer hillelitischer Prägung damals den Judenchristen noch näher standen als den Sadduzäern. Das wird auch dadurch bestätigt, dass – trotz aller scharfen Kontroversen bei Markus und Lukas die Pharisäer (und Schriftgelehrten) die wichtigsten Gesprächspartner Jesu und der Jünger darstellen (552).

Der Herrenbruder ist – abgesehen von Stephanus und dem Zebedaiden Jakobus – die erste führende Gestalt des Urchristentums, die das Martyrium erleidet – vor Paulus und Petrus. Die Erschütterung dieser Jahre zwischen 62 und 70, die die ganze Kirche betraf, war am schwersten für das palästinische Judenchristentum, denn dieses verlor nicht nur seinen Führer, sondern wurde wenige Jahre danach im Sog des Jüdischen Krieges weitgehend zerschlagen bzw. zerstreut und damit entmächtigt. In den für die Entstehung der frühchristlichen Literatur so entscheidenden Jahre ab 70 tritt es nicht mehr als tonangebende Gruppe hervor (552f).

c. Die christliche Überlieferung des Jakobusmartyriums

In den späteren christlichen Darstellungen des Jakobusmartyriums wird kaum mehr etwas von der von Josephus beschriebenen Konstellation sichtbar. Origenes berichtet nur, der jüdische Historiker habe die Hinrichtung des Jakobus erzählt, um die Zerstörung Jerusalems zu begründen: „diese sei ihnen aufgrund von Gottes Zorn zugestoßen wegen des an Jakobus durch sie begangenen Verbrechens“. Der sachliche Bericht des Josephus wird hier der christlichen Apologetik dienstbar gemacht (553).

d. Der Gerechte

Das 12. Logion des Thomasevangeliums lautet: „Es sprachen die Jünger zu Jesus: Wir wissen, dass du von uns gehen wirst. Wer ist’s, der groß sein wird über uns? Jesus sprach zu ihnen: Am Ort wohin ihr gekommen seid, werdet ihr gehen zu Jakobus dem Gerechten, dessentwegen der Himmel und die Erde geworden sind“. Dieses Logion muss man mit dem Felsenwort in Mt 16,18ff vergleichen. Wie Petrus darin zum Felsen wird, auf dem der Herr seine Kirche baut, so erhält hier der Bruder Jesu die absolute Autorität über die Jünger nach dem Weggang Jesu. Der Satz, dass um des Jakobus willen „Himmel und Erde geworden sind“, unterstreicht seine Autorität als einzigartiger (saddig) Gerechter. Dieser Satz erinnert an rabbinische Traditionen: dass ein wahrer vollkommener Gerechter die ganze Welt aufwiege, ja dass die Macht der Gerechten der Gottes nahe komme, dass die ganze Schöpfung dem saddig zu Diensten stehe. Der Beiname „der Gerechte“ hat in ähnlicher Weise ekklesiologische Bedeutung wie „Kephas“ für Simon. Zugleich erklärt die Funktion des Jakobus als saddig seine Bezeichnung als ’Schutzmauer’. Seine Existenz hält Unheil von seinem Volk fern, seine Fürbitte dringt zu Gott und hat sühnende Funktion, denn der Gerechte verwandelt Gottes Strafgerechtigkeit in Barmherzigkeit. Ursprünglich wird der Bruder Jesu diesen Ehrennamen aufgrund seines vorbildlichen Toragehorsams und seiner vom Gebot Jesu geprägten Lebensführung erhalten haben. Dikaios/Gerechter war im NT wie schon im AT messianischer Titel. Es ist verständlich, dass Judenchristen wenige Jahre nach seinem Martyrium die über die Heilige Stadt hereinbrechende Katastrophe als Gottes Strafe für die Hinrichtung des „Gerechten“ betrachten mussten: die ’Mauer’, die das Gericht aufgehalten hatte, war frevlerisch zerstört worden. Die Gestalt des Bruders Jesu ist als exemplarischer Fürbitter und vollkommener Gerechter ganz in die palästinisch-jüdische Frömmigkeit eingebettet. Zugleich verbindet sich damit ein einzigartiger Führungs- ja Offenbarungsanspruch in der Kirche (557-559).

e. Der besondere Autoritätsanspruch

Es begegnet uns beim späteren judenchristlichen Jakobusbild des 2. Jh.s eine Autorität, wie wir sie im NT nur noch bei dem führenden Jesusjünger Simon-Petrus und in anderer Weise bei dem Außenseiter Paulus finden. Auffallend ist, dass das spannungsvolle Verhältnis dieser drei Männer selbst noch in einem stark ebionitisch beeinflussten Apostelroman, wie den Pseudoclementinen im 3. bzw. 4. Jh. nachwirkt, in dem Petrus dem Jakobus völlig untergeordnet wird, und Paulus als der Erzfeind erscheint. Die unmittelbar auf den Kyrios bezogene Autorität der drei wird schon im NT dadurch sichtbar, dass uns dort – abgesehen von Maria Magdalena – nur von ihnen exklusive Erscheinungen des Auferstandenen berichtet werden (559f).

f. Der ’Offenbarungsmittler’

Die Offenbarungsmittlerfunktion des Jakobus wird durch Clemens bezeugt: „Der Herr übergab nach seiner Himmelfahrt die Gnosis Jakobus dem Gerechten, Johannes und Petrus, diese übergaben sie den übrigen Aposteln, die übrigen Apostel den Siebzig, unter denen auch Barnabas war“. Die Parallele zur Übergabe der Tora an Mose und der sich anschließenden Tradentenkette Abot 1,1 ist offensichtlich. Dies deutet auf judenchristlichen Ursprung hin. Die drei Jünger entsprechen Mose, sie sind die eigentlichen Vermittler der Offenbarung (563f).