2.2 Konsequenzen und weiterführende Fragen

Die weit verstreuten judenchristlichen und großkirchlichen Traditionen wollen in sehr verschiedenen Abstufungen die überragende Autorität des Herrenbruders bis hin zur Offenbarungsmittlerfunktion darstellen. Die Jakobuslegende gestaltet aus, was letztlich auf einen historischen Kristallisationspunkt, die Persönlichkeit des Herrenbruders, zurückgehen muss. Es wird so verständlich, warum die Großkirche nach einigem Zögern schließlich auch eine Jakobusschrift in den Kanon aufnahm und an die Spitze der katholischen Briefe stellte, einen Brief, der mit dem Anspruch einer Enzyklika an die Gesamtkirche auftritt (566).

a. Die apokryphen Traditionen über Jakobus müssen ihre Wurzeln letztlich in dem besonderen Autoritätsanspruch des Bruders Jesu besessen haben. Es verband sich mit ihm eine Führungsforderung, die nicht nur die judenchristlichen Gemeinden betraf. Die Kirche in Jerusalem, mit Jakobus an der Spitze, betrachtete sich als die Mutter- und Hauptgemeinde der ganzen Kirche. Dieser Anspruch hatte durchaus kirchenrechtlichen Charakter. Wenn das Mk-Ev demgegenüber wieder Galiläa in den Vordergrund rückt, könnte dies auf eine konkurrierende petrinische Tradition zurückgehen. Vom Standpunkt der palästinischen Judenchristen ist die christliche Kirche eine einzige große Gemeinde, denn sie hat einen unverrückbaren Mittelpunkt: Jerusalem. Und sie hat seit der Verfolgung unter Agrippa einen mit einzigartiger Autorität begabten Leiter: Jakobus, den Bruder Jesu.

b. Diese Hervorhebung des Jakobus ist um so auffallender, als kurz nach seiner Hinrichtung durch die Katastrophe des Jüdischen Krieges die Jerusalemer Gemeinde zerschlagen wurde. Die Kirche des römischen Aelia Capitolina (Jerusalem) begann von neuem nach dem Bar Kochba-Aufstand 132-135 als rein heidenchristliche Gemeinde. Auf den Kontinuität und Autorität verleihenden ’Bischofsthron’ des Jakobus und den Anspruch, dass dieser unmittelbar nach der Himmelfahrt vom Herrn selbst eingesetzt der erste Bischof der Kirche gewesen sei, wollte man auch dort nicht verzichten (567).

c. Wie kommt es zu einer ab der 2. Hälfte des 2. Jh.s nachweisbaren und sich weit bis ins 4. Jh. hinein erstreckenden Überlieferung von der ganz besonderen, durch den Herrn selbst begründeten Autorität des Jakobus? Das plötzliche Hervortreten des Jakobus fällt um so mehr auf, als die Evangelien den Brüdern Jesu eher feindlich gegenüberstanden, und die frühe Überlieferung der heidenchristlichen Kirche sich zunächst im Totschweigen übte. Lukas erwähnt Jakobus nur dreimal in der Apg, wobei er ihn in 12,17 ohne seinen Ehrentitel, Bruder des Herrn, zu nennen, einführt. Trotz seines spürbaren Widerwillens kann er die überragende Bedeutung des Jakobus nicht völlig verdrängen. Im Grunde verdanken wir es allein diesem Sachzwang und noch mehr den wenigen Erwähnungen bei Paulus, dass Jakobus nicht völlig vergessen wurde (569).