2.5 Anhang: Das Nein des Johannes zu Jakobus und zur Jakobustradition

C. Dietzfelbinger

Jakobus war, als das Joh-Ev niedergeschrieben wurde, längst tot und auch die anderen Brüder Jesu waren nicht mehr am Leben. Bei den kritischen Abgrenzungen handelt es sich um judenchristliche Gruppen, die sich auf den Herrenbruder Jakobus berufen, der seine christliche Existenz entschieden als jüdischer Christ gelebt hat (389f).

a. Die jüdische Kirche des Jakobus

Wir begegnen Jakobus auf dem Apostelkonvent 48 n.Chr. (Gal 2,1.10). Damals fungierte er als primus inter pares, als die erste der drei Säulen, die das Leitungsgremium der Jerusalemer judenchristlichen Gemeinde darstellen. Bei dieser Gelegenheit hat er sich als durchsetzungsfähiger Mann des Ausgleichs erwiesen: Jesusmission in der Völkerwelt ist nicht an die Tora Israels als an ihre Voraussetzung gebunden. Damit lässt Jakobus dem Paulus freie Hand. Dagegen gilt für die Judenchristen in Jerusalem mit innerer Selbstverständlichkeit und von äußerer Notwendigkeit her, dass sich ihr Leben an der Tora ausrichtet. Bindung an die Tora war vermutlich inneres Anliegen der an Jesus glaubenden Juden Jerusalems ebenso wie die Bedingung für ihre Lebensmöglichkeit innerhalb der jüdischen Umwelt. Schon der bloße Verdacht, dass sie wie Apostaten lebten, hätte ein Fortbestehen der Judenchristen als geschlossene Gemeinde unmöglich gemacht. Es besteht Grund zu der Annahme, dass Jakobus diese Grundsätze vertrat und wenn sie verletzt wurden, verteidigte. Von daher ist sein Eingreifen in Antiochien zu verstehen, als er hörte, dass Petrus, führender Vertreter der Jerusalemer Judenchristen, dort die jüdischen Speise- und Reinheitsvorschriften überging und mit Heidenchristen Tischgemeinschaft hielt. Was Petrus tat, musste den Judenchristen Jerusalems zur Last gelegt werden. So gefährdete Petrus deren Existenz. Als verantwortlicher Vertreter dieser Judenchristen musste Jakobus auf der Separierung des Petrus von den antiochenischen Heidenchristen bestehen (Gal 2,11-13) (390f).

Das sog. Aposteldekret (Apg 15,19-21; 15,29; 21,25) legt hinsichtlich des Zusammenlebens von Judenchristen und Heidenchristen Mindestregelungen fest. Es sind, bedenkt man das Problem in seinem Gewicht für die damalige Kirche, nur kleine Forderungen, sofern die Heidenchristen davon betroffen sind. Wenn sie beachtet werden, ist eine gemeinsame Lebenspraxis von Christen aus den Völkern und aus Israel möglich. Dabei müssen Heidenchristen nicht Juden werden und Judenchristen können Juden bleiben. Die judenchristliche Gemeinde Jerusalems nahm Weisungsbefugnis für die Gesamtkirche in Anspruch. Sie hatte die judenchristlichen Belange zu wahren gegenüber einer Entwicklung, die die Tora auch für Judenchristen zu einer Größe ohne Belang machen wollte. Das Dekret verlangte von den Heidenchristen nur das Sich-Freihalten vom Götzendienst und von dämonischer Befleckung – eine erstaunliche Liberalität, an der, auch Jakobus Anteil gehabt haben muss. Er hat sich den Scharfmachern aus den eigenen Reihen (Gal 2,4f) nicht unterworfen. Er hat den Judenchristen einen Verzicht zugemutet, der den von den Heidenchristen verlangten Verzicht weit überstieg. Man kann daran ermessen, wieviel ihm daran lag, die Verbindung zu den nichtjüdischen Christen zu halten und gleichzeitig die Verbindung zur Synagoge, die Lebensmöglichkeit innerhalb der Synagoge nicht aufzugeben. Dazu fügt sich, dass Jakobus auch gegenüber Paulus die Tür offenhielt trotz aller Vorwürfe, die man in judenchristlichen Gemeinden gegen Paulus erhob. So dürfte Jakobus in der Kollektensache Paulus zu einem Kompromiss veranlasst haben (Apg 21,23ff), bei dem Paulus sich bestimmten Toravorschriften unterzog. Das sollte den Jerusalemern die Annahme der Kollekte, der heidenchristlichen Gabe, möglich machen (391f).

Jakobus hat darauf hingearbeitet, dass Judenchristen und Heidenchristen in einer Kirche zusammenleben können und dass Judenchristen und Juden miteinander in der Synagoge leben können. Jakobus wollte für Juden, die an Jesus den Messias Israels glaubten und die seinen baldigen Herrschaftsantritt über das eschatologisch restituierte Israel erhofften, den Platz innerhalb des empirischen Israel, innerhalb der Synagoge, wahren (392).

Jakobus ringt um den Platz der Judenchristen in der Synagoge. Sie ist der Ort, an dem sie Israel seine durch Jesus qualifizierte Zukunft zu bezeugen haben. Darum liegt alles daran, dass die Judenchristen an diesem Ort bleiben und an ihm ihre Stimme erheben können (393).

Jakobus fiel 62 n.Chr. einem Justizmord zum Opfer. Es war der sadduzäische Hohepriester Ananos, der die Steinigung des Herrenbruders und einiger seiner Gefährten durchsetzte. Dieses Ereignis und der bald darauf ausbrechende jüdische Krieg, gipfelnd in der Tempelzerstörung, hat die Judenchristen Palästinas im Kern getroffen. Ihr Einfluss auf die Entwicklung der heidenchristlichen Kirche erlosch und die Kirche entbehrte mehr und mehr des judenchristlichen Elements. Das Judenchristentum wurde zu einem kirchengeschichtlich ohnmächtigen Faktor.

Wir haben damit zu rechnen, dass in verschiedenen judenchristlichen Gruppen der Wille des Jakobus sich fortsetzte: Sie wollten als jesusgläubige Juden in der Synagoge leben und in dieser Position darauf hinwirken, dass die Synagoge sich der Erkenntnis Jesu als des Messias öffnet (393).


b. Das Problem des Bleibens in der Synagoge angesichts einer Synagoge, die der Jesusbotschaft und ihren Anhängern mit wachsender Feindschaft begegnet

Hier stoßen wir auf das Nein des Johannes zur Synagoge. Das AT ist selbstverständlich heilige Schrift und der Gott des AT ist der Gott, der Jesus gesandt hat. So setzt Johannes alle Möglichkeiten ein, um das AT als Christuszeugnis zur Geltung zu bringen. Die Art des john Umgangs mit dem AT will den verkehrten Schriftgebrauch der Synagoge statuieren. Der john Jesus erklärt in 5,45-47, dass der wirklich auf Mose Hörende seinen Gehorsam gegenüber Mose im Glauben an Jesus als den Sohn Gottes lebt, wie denn die Schriften des AT, richtig gelesen, sich als Zeugnisse für Jesus darstellen (1,45; 5,39). Dabei wird vorausgesetzt, dass eine in dieser Weise sachgemäße Lektüre des AT in der Synagoge notorisch nicht praktiziert wird, so dass von ihr und von der Geschichte ihres Umgangs mit dem AT gilt, man habe dort Gottes Stimme nie gehört noch seine Gestalt geschaut (5,37b). Die Kluft zwischen denen, die sich nur noch illegitimerweise Jünger des Mose nennen, und denen, die sich zu Jesus bekennen und die von 5,45f her die wahren Jünger des Mose sind, tritt in 9,28f zutage. Die Vertreter der Synagoge wissen zwar, dass Gott zu Mose gesprochen hat, aber sie wissen nicht und wollen nicht wissen (9,39-41), dass er zu Mose über Jesus gesprochen hat. So stellt Johannes die Synagoge seiner Zeit dar (394f).

Für das leidenschaftliche Anliegen des Jakobus (die judenchristliche Predigt innerhalb der Synagoge) ist im Joh-Ev die Voraussetzung verlorengegangen. Das hat seine geschichtlichen Gründe, die z.Zt. des Jakobus noch nicht aktuell waren und die uns in den Stellen entgegentreten, an denen vom Synagogenausschluss die Rede ist (9,22; 12,42; 16,2). Diesen Stellen ist zu entnehmen, wie die john Gemeinde auf ihren Ausschluss aus der Synagoge reagierte. In 16,2 gehört der Synagogenausschluss zu den Jesusaussagen, die der Gemeinde die Merkmale ihrer Christuszugehörigkeit aufzählen. Am Ausgeschlossensein aus der Synagoge kann man erkennen, dass man ein zu Christus Gehörender ist. In 9,22; 12,42f gehört es zum Christusbekenntnis der Gemeinde, dass sie sich der Birkat ha-minim, der Ketzerverfluchung, nicht entzieht, dass sie das Nein der Synagoge ihrerseits bejaht, d.h. dass sie ihren Platz außerhalb der Synagoge bejaht (395).

In 15,18-25 reflektiert die Gemeinde ihr vergebliches missionarisches Bemühen um die Synagoge: “Wenn sie mein Wort bewahrt hätten, würden sie auch euer Wort bewahren“ (15,20c), sie bewahren es aber nicht. “Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen gesprochen hätte, hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie keinen entschuldigenden Vorwand für ihre Sünde“ (15,22). Es ist die Rede vom schuldhaften Nicht-hören-Wollen des Gehörten. Der Singular, in dem 15,18f von dem die Gemeinde hassenden und verfolgenden Kosmos spricht, geht in 15,20-24 in die 3. Person Plural über: sie kennen den nicht, der mich gesandt hat, sie hassen mich und meinen Vater. Die Synagoge ist der Kosmos, an den das Wort Christi in der Gestalt des Wortes der Gemeinde ergangen ist, der dieses Wort aber verworfen hat und diejenigen verfolgt, die es ihm vermitteln wollten. Die derart Abgewiesenen geben das von der Synagoge erfahrene Nein an seinen Urheber zurück. Wer sich so verhält wie die Synagoge, der repräsentiert den an seine Sünde verfallenen Kosmos. Solche Verfallenheit äußert sich darin, dass man weder den Vater noch den von ihm gesandten Sohn kennt. Eine Gemeinsamkeit mit diesem Kosmos kann es nicht geben, deshalb wird der Verlust der Beziehung zur Synagoge im Joh-Ev weder betrauert noch versucht man, ihn rückgängig zu machen. Die Trennung hatte ihren Ursprung im Nein der Synagoge zur Jesusbotschaft (15,18-25; 16,1-4a). Die Gemeinde, von bitterer Erfahrung gesättigt, bejaht diese Trennung mit der Erklärung, dass der, der zur Jesusgemeinde gehört, nicht mehr zur Synagoge gehören kann (395f).

In der john Gemeinde hatte sich die Konfrontation bis zu einem Grad entwickelt, bei dem Verständigung nicht mehr möglich und nicht mehr gewollt war und die Synagoge nur noch als der gegen Gott verschlossene Kosmos empfunden wurde. Die Erfahrungen haben den Graben unheilbar tief und breit gemacht. Wie sollte ein Brückenschlag zur Synagoge noch Raum haben, wo doch die Synagoge gar nicht hören kann (12,39), nachdem sie in der Verwerfung des Messias Jesus die messianische Hoffnung Israels insgesamt preisgegeben hat (19,15). Pilatus fragt: “Euren König soll ich kreuzigen“? Die Hohenpriester reagieren: “Wir haben keinen König außer dem Kaiser“. Wer dem absagt, in dem das wahre Königtum Israels erschienen ist, sagt dem Königtum, der messianischen Erwartung Israels überhaupt ab. Da aber der Messias der Platzhalter Gottes ist, verzichtet die Synagoge, indem sie sich gegenüber dem Messias Jesus zum Kaiser in Rom bekennt, auf die Herrschaft Gottes überhaupt. Das Vorrecht Israels, Gott allein zum Herrn zu haben (“dich allein kennen wir, deinen Namen preisen wir“), wird von den empirischen Vertretern Israels verspielt. So verwandelt sich das Volk Gottes, soweit es sich der Jesusgemeinde nicht anschließt, in einen Teil des gottfeindlichen Kosmos. Die Konsequenz: Ein an Jesus Glaubender kann dem Kosmos, wie er sich in der Synagoge präsentiert, nicht angehören wollen. Solches Urteil wird christologisch untermauert, indem der Gemeinde vor Augen geführt wird, dass der in der Synagoge gelebte Kult Sinn und Inhalt verloren hat. Was an Sinn und Inhalt in ihm lag, ist in das Christusgeschehen übergegangen (396f).

1,14: In Jesus hat sich die Doxa Gottes niedergelassen. Vorbei ist die Zeit, in der diese Doxa im heiligen Zelt, im Tempel, Wohnung genommen hat.

1,51: Nicht Jakobs Stein in Bethel ist der Platz, an dem Gott sich mit der Erde verbindet. In Jesus vollzieht sich das Hinauf- und Herabsteigen der Engel, das Sich-Berühren von Himmel und Erde.

In 2,18-22 ist die john Fassung des Tempelwortes von Mk 14,58 verarbeitet. In den synoptischen Fassungen und in Apg 6,14 ist der reale Tempel im Blick, dessen Funktion einer Reform unterzogen werden soll. Joh 2,21 erklärt im Widerspruch zur synoptischen Tradition das Problem des Tempels für abwesend. Jesus selbst ist an die Stelle dieses Tempels getreten. Das Logion Mt 12,6 (“Hier ist Größeres als der Tempel“) ist in extremer Weise radikalisiert worden: Tempel und Tempelkult sind durch Jesus und seine Geschichte belanglos geworden. Der Kontrast dieses Urteils zur Haltung der Jerusalemer Gemeinde, die bei gewandelter Einschätzung des Tempels diesem Treue hielt, so lange er Bestand hatte (Apg 2,46; 5,42), könnte nicht größer sein (397f).

4,21-24: Nicht mehr auf dem Garizim, aber auch nicht mehr in Jerusalem, d.h. im Tempel findet die wahre Gottesverehrung statt, sondern dort, wo Geist und Wahrheit sich verkörpert haben, nämlich in Christus. Eine reformierte Tempelfunktion, wie Mk 11,17 sie von Jes 56,7 einfordert, interessiert das Joh-Ev nicht. Der Drang gegen den Tempel, das Lebenszentrum der Synagoge, ist unübersehbar (398).

Johannes lässt Jesus auftreten, als den, der das Legitime des jüdischen Kults in sich aufgesogen hat mit der Folge, dass jüdischer Kult, wie er jetzt außerhalb der Christusverkündigung und des Glaubens an Jesus gelebt wird, als leeres, illegitimes Geschehen erscheint. Davon sind auch die jüdischen Feste betroffen.

Nicht von der Wasserspende des Laubhüttenfestes geht das lebendige Wasser aus, sondern Jesus ist die Quelle (7,37-39). Der im Eschaton erwartete Geist hat mit den Elementen des Laubhüttenfestes nichts zu tun. Jesus sendet ihn (15,26), oder der Vater sendet ihn im Namen Jesu (14,26) (398).

Im Zusammenhang mit dem Passafest ersetzt Jesus das Manna des Exodus (die Väter aßen es und starben trotzdem) durch das Brot, das er selber ist: wer an ihn glaubt, hat ewiges Leben (6,35.47-49). Das jüdische Passa wird durch die john Passionserzählung aufgehoben, denn Jesus ist es, der als das wahre Passalamm stirbt (19,33.36). Erledigt ist damit die herkömmliche Schlachtung und das Essen der Passalämmer, das jüdische Passa insgesamt (399).

Das Chanukkafest wurde zum Gedenken an die Wiedereinweihung des Tempels 164 v.Chr. gefeiert. Das Fest selbst löst sich auf angesichts des Jesus, den der Vater geheiligt hat (10,36). Was ist der von Menschen geheiligte Tempel gegenüber dem vom Vater geheiligten Jesus?

Die Rede von 'eurem' Gesetz (8,17; 10,34) oder von 'ihrem' Gesetz (15,25), die Weise in der die Synagoge mit Mose und dem Gesetz umgeht, ist nicht die Weise, in der die john Gemeinde das AT als ihre Schrift ansieht. Beide Arten der Schriftauslegung stehen in unversöhnlichem Streit miteinander. Man kann nicht an der Schriftauslegung der Synagoge teilhaben und an der der Gemeinde. Das führt zu dem Urteil: dass durch Mose nur der Nomos gegeben worden ist, während durch Jesus Christus Gnade und Wahrheit geschehen sind (1,17).

Glaube an Jesus und Zugehörigkeit zur Synagoge vertragen sich nicht mehr. Sollte beides früher miteinander vereinbar gewesen sein, so hat solche Vereinbarkeit durch das fortgesetzte Nein der Synagoge zu Jesus und zur Jesusgemeinde sein Ende gefunden. Durch dieses Nein ist die Synagoge in schuldhafte Blindheit geraten (9,39-41), in die Sünde, die im Nein zu dem Jesus sendenden Gott wurzelt (15,22-41) und die sie zu dem sich Gott verweigernden Kosmos werden ließ. Wo Gemeinsamkeit mit dieser Synagoge gesucht wird, gerät man notwendig in den Sog der Welt, der in die Verleugnung Jesu hineinreißt (399).


c. Jakobus im Joh-Ev

Die Autorität des Jakobus wirkte innerhalb vieler judenchristlicher Gruppen weiter. Es gab Judenchristen nach dem Vorbild des Jakobus, die nicht gesonnen waren, die Gemeinschaft der Synagoge zu verlassen (12,42f; 19,38). Die Heftigkeit des Nein des Johannes lässt sich an den Stellen des Joh-Ev ablesen, in denen indirekt die Auseinandersetzung mit Jakobus geführt wird, wobei das gemeinte Gegenüber judenchristliche Gruppen sind, die die Gemeinschaft mit der Synagoge bewahren wollten (400).

Johannes begegnet dem Einfluss des Jakobus, wo immer er wirksam wurde, von der Erfahrung her, dass christliche Existenz innerhalb der Synagoge unmöglich geworden ist. Jakobus hing dem Wahn an, Jesusverkündigung innerhalb der zum Kosmos gewordenen Synagoge könne diese zum Glauben an Jesus als den Messias Israels bewegen. Mit seinem Bestreben, die Judenchristen vor dem bis zum Ausschluss und zur Tötung gehenden Hass der Synagoge zu bewahren, verkennt Jakobus, verkennen die auf ihn sich berufenden Judenchristen, dass anderes als Hass ihnen von seiten der Welt nicht entgegenkommen kann, da Jesus selbst als der von Gott Kommende der von der Welt Gehasste ist (15,18f). Wenn sich Jakobus und seine Nachfolger trotzdem vor dem Hass der Welt bewahren wollen, müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie noch an der Seite des von der Welt gehassten Jesus stehen, wie sie behaupten (400f).

In dem Willen jener Judenchristen, in der Synagoge zu bleiben, sieht Johannes eine Tendenz, die er dem Unglauben zuordnet. Das Modell, das Jakobus gelebt und das er den von ihm beeinflussten judenchristlichen Gruppen weitergegeben hat, ist nach john Urteil verfehlt, ist christuswidrig.

Die Szene unter dem Kreuz (19,26f): Warum wird Jakobus, der als der nächstälteste Sohn dazu bestimmt wäre, die Sohnesrolle gegenüber Maria zu übernehmen, aus dieser Sohnespflicht ausgeschlossen? Als der, der den Bruch mit der Synagoge mit allen Kräften zu verhindern sucht, ist er ungeeignet, die Verantwortung für die zu tragen, die bei dem von der Synagoge Verworfenen aushalten, die unter dem gleichen Hass der Welt stehen wie der Gekreuzigte. An die Stelle des Jakobus muss ein anderer treten, der geliebte Jünger, der zu Jesus im engsten Vertrauensverhältnis stand, der, symbolisch für dieses Verhältnis, an der Brust Jesu lag (13,23), der sich am Kreuz einfindet, wo von Jakobus so wenig zu sehen ist wie von den Jüngern. In dieser Weise distanziert sich Johannes von Jakobus und der Jakobustradition (401).

Johannes komponiert selbst die Szene unter dem Kreuz, um das Nein des Jakobus auf die letztgültige Autorität zurückzuführen, auf Jesus selbst. Er lässt Jesus die Verfügung treffen, mit der der ungeliebte Bruder durch den geliebten Jünger, die Leitfigur der john Gemeinde, ersetzt wird (401f).

In 12,42f ist von führenden Juden die Rede, die an Jesus glaubten, die aber der Pharisäer wegen das nicht öffentlich zeigten, damit sie nicht aus der Synagoge ausgeschlossen würden. Ihre Furcht und das Festhalten an äußeren Vorteilen hindern sie an dem nötigen offenen Bekenntnis (sie liebten den Glanz bei den Menschen, nicht den bei Gott).

Das Judenchristentum um 90 war keine Einheit. Es war es auch früher nicht: Paulus hat seine erbittertsten theologischen Auseinandersetzungen nicht mit Juden, sondern mit Judenchristen ausgefochten. Bereits am Anfang der Kirche zeichnen sich die zwei unterschiedlichen Gruppen der Stephanusanhänger und der Gemeinde um den Zwölferkreis ab (402f).

Im Joh-Ev haben sich die Fronten neu gebildet. Eine judenchristliche Gemeinde, die den erlittenen Ausschluss aus der Synagoge umformt in den heftigsten Angriff auf die Synagoge, bestreitet denjenigen Judenchristen die echte Zugehörigkeit zu Jesus, die jenem Ausschluss und seinen Folgen entgehen möchten. Die Polemik, in der sich das vollzieht, erinnert an die Ausfälle des Paulus gegen seine Widersacher (2Kor 11,12-15; Phil 3,18f; Gal1,8; 5,10.12) und auch dabei handelte es sich um Judenchristen (403).

Im Urchristentum begegnet nicht nur die Vielfalt der frühesten Gemeinde, sondern auch die Schwierigkeit, vor die das Zusammenspielen der verschiedenen Konzeptionen stellte. Dem wurde von nicht wenigen ntl Autoren das unaufgebbare Wissen von der grundsätzlichen Einheit der Kirche entgegengehalten. In 10,16; 11,52; 17,21ff wird dieses Wissen auch im Joh-Ev laut.

Die Kirche des Johannes ist Vorläuferin der heutigen Kirche, die in jeder Epoche von neuem sich zu fragen hat, wann Verschiedenheiten zum Bruch führen müssen und wann die Einheit der Kirche gerade in der Anerkennung der Verschiedenheiten zu leben ist (403).