(2) Die Stellung des Paulus zum Judentum und zur Tora

a. Paulus als Missionar der Heiden
b. Das neue Verständnis der Tora
c. Die bleibende Verheißung für Israel

F.Hahn (1996)

a. Paulus als Missionar der Heiden

Der entscheidende Aspekt für Paulus als Missionar der Heiden war die Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott (88).

Blieb für Juden die Erwählungsgeschichte und die Bindung an die Tora die notwendige Voraussetzung, so konnte die Verpflichtung der Heiden auf die jüdisch verstandene Tora nur ein Zwang und eine Versklavung sein. Paulus hat sich daher mit Entschiedenheit gegen alle judaisierenden Bestrebungen innerhalb seines Missionsgebiets gewehrt, wie vor allem aus dem Gal hervorgeht. Es ging ihm um die „Wahrheit des Evangeliums“ (Gal 2,5.14), die in der Ausschließlichkeit und Uneingeschränktheit des Heilszuspruchs besteht. Das Gesetz darf keinen Vorrang vor dem schon im AT verheißenen Evangelium haben (Röm 1,2), nicht einmal mit diesem gleichgestellt werden, weil nur so der Gnadencharakter des im Glauben ergriffenen Heils gewahrt bleibt. Der Mensch wird ohne jede Bedingung und Vorleistung von Gott durch das Evangelium gerechtgesprochen. Das wird in Röm 4,3-21 an der Gestalt Abrahams aufgezeigt, der der Vater der Beschnittenen wie der Unbeschnittenen ist und dem seinerseits, als er noch unbeschnitten war, aufgrund seines Glaubens die Rechtfertigung zuteil geworden ist (vgl. Gal 3,6-18).

Der Heilszuspruch des Evangeliums gilt jedem Menschen, der an den Gott glaubt, „der den Gottlosen gerecht macht“. Daher wird das Wort auf Gen 15,6, dass Abraham Gott glaubte und ihm das zu Gerechtigkeit angerechnet wurde, von Paulus in dem Sinn erläutert, dass der Glaube als die einzig wahre Haltung vor Gott anerkannt wird, womit dem Glaubenden Gerechtigkeit und Heil widerfährt (Röm 4,3-5). Glaube ist nichts anderes als das rückhaltlose Vertrauen auf die Zusage Gottes und zwar in der Radikalität, dass „gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt wird“, ohne jeden Zweifel und in der Überzeugung, „dass Gott die Macht besitzt zu tun, was er verheißen hat“ (Röm 4,18-21) (88).

Wenn Paulus sich mit aller Entschiedenheit gegen Bestrebungen zur Wehr gesetzt hat, die den Heidenchristen nachträglich den Gesetzesgehorsam auferlegen wollten, so lag ihm andererseits doch alles an der Zusammengehörigkeit von Juden- und Heidenchristen. Es kam deshalb auch in Antiochien zu einem Streit mit Petrus und Barnabas, nachdem die gemeinsame Tischgemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen aufgehoben worden war (Gal 2,11-14). Die Einheit der Kirche war durch den unterschiedlichen Zugang zum Heil und durch die verschiedene Haltung gegenüber der Tora für Paulus nicht in Frage gestellt. Die Heidenchristen wurden nach urchristlichem Verständnis in die Gemeinschaft der Judenchristen und damit indirekt auch in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen (88f).


b. Das neue Verständnis der Tora

Gegensätzliche Aussagen des Paulus über das Gesetz: Angesichts des Heilszuspruchs im Evangelium kann Paulus im Blick auf sich und die anderen Judenchristen in Gal 2,16 sagen: „Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus“. In Gal 2,19f fügt er hinzu: „Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“. In Phil 3,7f kann er seine frühere Gesetzesobservanz als „Verlust“ oder „Dreck“ bezeichnen, die er zugunsten der alles übertreffenden Erkenntnis Jesu Christi preisgegeben habe. In Röm 10,4 begegnet die Aussage über Christus als das „Ende des Gesetzes“.

Dem stehen Aussagen gegenüber, die von der bleibenden Bedeutung der Tora sprechen. Die Tora hat ihrerseits nicht nur Verheißungscharakter (Röm 3,21), sie wird vielmehr „aufgerichtet“ durch den Glauben (3,31). Ihre Forderung soll „erfüllt“ werden und sie kann erfüllt werden, wenn der Glaube durch die Liebe wirksam wird (Röm 8,4; 13,8-10; Gal 5,6b.14).

Die negativen Aussagen über das Gesetz sind nur zu verstehen, wenn man zweierlei beachtet: Die Tora hat nicht den Rang des Evangeliums, daher darf sie das Evangelium nicht überlagern oder einschränken; die Tora hat schon gegenüber der Heilsverheißung, die ihr im AT vorgeordnet ist (Gal 3,15-18) und erst recht gegenüber dem Evangelium eine untergeordnete Stellung. Ferner geht es Paulus um die Abwehr jener falschen Haltung gegenüber dem Gesetz, die davon ausgeht, aufgrund von Werken und einem untadeligen Gesetzesgehorsam, das Heil finden zu können (89).

Die Ablehnung der „Gesetzeswerke“: Christus ist das „Ende“ einer auf die Tora konzentrierten Frömmigkeit, bei der der Mensch meint, Gottes heilstiftende Gerechtigkeit durch Gesetzesobservanz erlangen zu können, aber in Wahrheit nur seine eigene Gerechtigkeit dabei aufrichtet (10,3). Bei allem „Eifer um die Tora“ geschieht das „ohne Erkenntnis“ (10,2), ohne die Erkenntnis der von Gott in Christus offenbarten und gewährten Gerechtigkeit. In diesem Sinn ist Christus das „Ende“ einer nur am Gesetz orientierten Frömmigkeit (90).

Die heilschaffende Gerechtigkeit kann nur im Glauben empfangen werden, „ohne die Werke des Gesetzes“, nur als Geschenk, nicht im Sinn eines verdienten Lohnes (Röm 4,3-5). Die „Gesetzeswerke“, wie Paulus sie versteht, stehen im Zusammenhang mit dem eigenen „Ruhm“ (3,27). Deshalb stehen für Paulus alle, die sich um solche „Werke des Gesetzes“ bemühen, unter dem in Dtn 27,26 angedrohten „Fluch“ (Gal 3,10f).

Die „Gesetzeswerke“ sind nicht deshalb verwerflich, weil es um ein Tun der Forderungen der Tora geht, sondern weil dieses Tun unlösbar verstrickt ist mit der menschlichen Sünde (Röm 3,9). Der Ausdruck „Gesetzeswerke“ bei Paulus ist nur verständlich, wenn man beachtet, dass er damit eine Form der Gesetzesobservanz bezeichnet, bei der der sündige Mensch sich um seine eigene Rechtfertigung bemüht. Wegen dieser speziellen Bedeutung der Wortverbindung spricht Paulus im Zusammenhang mit der wahren Erfüllung der Tora aufgrund der von Christus bewirkten Befreiung von der Sünde nicht von „Werken“, sondern von „Früchten“ (Gal 5,22-25) (90).

Die „Aufrichtung“ des Gesetzes: Die Tora steht auch für den Christen Paulus unverrückbar fest. Sie ist „heilig“, ihr Gebot ist daher „heilig, gerecht und gut“ (Röm 7,12). Sie ist „geistlich“, d.h. vom göttlichen Geist bewirkt (7,14). Ihr Gebot ist daher ein „Gebot zum Leben“, was besagt, dass es zum Leben führt bzw. führen soll (7,10) (91).

Aus diesem Grund kann Paulus sagen, dass die Tora durch den Glauben an Christus nicht außer Kraft gesetzt, sondern „aufgerichtet“ wird (Röm 3,31). Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass es keinen Gegensatz zwischen dem Christusgeschehen und der Grundordnung des alten Bundes gibt. Die Gerechtigkeitstat Gottes in Christus ist sowohl von der Tora als auch von den Propheten bezeugt (Röm 3,21) und die Tora selbst ist Ausdruck des Willens Gottes (2,18).

Die Verwirklichung der „Forderung der Tora“: Die Verstrickung des Menschen in die Sünde kann von Seiten des Menschen nicht überwunden werden. Selbst wenn erkannt wird, dass das Gesetz „gut“ ist und wenn ein Ringen um die Verwirklichung des Guten vorhanden ist, bleibt der Mensch „verkauft unter die Sünde“, ist abhängig von der „in ihm wohnende Sünde“. Das Gute zu wollen und letztlich doch immer wieder nur Böses zu wirken, ist das Geschick des Sünders (Röm 7,14-24).

Ein Tun des Guten und ein Verwirklichen dessen, was das Gesetz will, gibt es erst dort, wo der Mensch durch Gottes heilstiftendes Wirken von der Sünde befreit ist. Durch die Sendung Jesu Christi und seine Hingabe in den Tod hat Gott die Sünde „verurteilt“ und ihre Macht gebrochen (Röm 8,3b; vgl. Gal 3,13f). Das, wozu die Tora allein „unfähig“ war (Röm 8,3a), ist auf diese Weise verwirklicht worden. Daher kann nun auch die „Forderung der Tora“ erfüllt werden, von denen, die sich vom Geist Gottes leiten lassen (Röm 8,4), in denen darum nicht mehr die Sünde, sondern der Heilige Geist „wohnt“ (Röm 7,17; 8,9) (91).

Die „Erfüllung des Gesetzes“: Wo der Mensch von der Sünde befreit ist, hat die Tora eine neue Funktion. War sie zunächst erlassen „um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt“ (Gal 3,19a), so hatte sie die Bestimmung, die Sünde einzuschränken, aber zugleich eine darüberhinausweisende Funktion (Gal 3,23-25). Die Zusage, dass die gehorsame Erfüllung der Gebote Leben schaffen könne (Dtn 30,15-20; Röm 7,10), besitzt Gültigkeit, wenn nicht für die Zeit der Sünde, so für die Zeit des Heils (92).

Ging es z.Zt der Sünde um die korrekte Einhaltung der Gebote, so ist mit der Freiheit von der Sünde ein neues Verhältnis zur Tora begründet. Sie ist Offenbarung des göttlichen Willens und hat ihre bleibende Funktion als Orientierung für das Leben des Menschen vor Gott und in der menschlichen Gemeinschaft. Aber die wahre Erfüllung erfolgt nicht in einer peniblen Observanz, sondern in der Freiheit und der Liebe (Gal 5,1.14). Hier gilt der Grundsatz: „Bleibt niemand etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander immer; wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt“ (Röm 13,8). So ist der Glaube als Vertrauen auf die Befreiung von der Sünde zugleich die Kraft der Liebe, die ihrerseits das wahre und entscheidende Kriterium für die Erfüllung der Tora ist (Gal 3,13f; 5,6.14).

Das Gesagte gilt nicht nur für die an das Gesetz gebundenen Judenchristen, sondern ebenso für die Heidenchristen. Paulus hat in Röm 2,14f davon gesprochen, dass die Heiden eine ihnen ins Herz geschriebene Grundkenntnis der Tora und des göttlichen Willens haben. So wenig die Heiden an die Tora als Heilsbdingung gebunden sind, so sehr ist auch für sie die Tora eine Weisung „zum Leben“ (Röm 7,10). Nicht nur die atl Verheißung, auch das atl Gesetz gewinnt für sie Bedeutung. Für sie gilt gleichfalls, dass die „Forderung des Gesetzes“ erfült werden soll und kann (Röm 8,4) und dass im Tun der aus dem Glauben resultierenden Liebe die Tora tatsächlich erfüllt wird (Röm 13,8-10) (92).


c. Die bleibende Verheißung für Israel

Die Ablehnung Jesu Christi: Für Paulus steht fest, dass die Juden in besonderer Weise von Gott erwählt wurden und in ihrer Geschichte die Träger der Verheißung waren und sind (Röm 3,1). Diese Zusage Gottes ist nicht hinfällig geworden (Röm 9,6). Den Juden gilt daher „zuerst“ das Handeln Gottes in Jesus Christus und die Heilsbotschaft (Röm 1,16f u.ö.). Paulus steht vor der Tatsache, dass diejenigen, denen das Handeln „zuerst“ gilt, zu einem großen Teil die Botschaft von Jesus Christus ablehnen. Durch Israel geht insofern eine Spaltung, die alle, die Jesus Christus verwerfen, von denen trennt, die ihn als den Messias und Offenbarer Gottes anerkennen (93).

Angesichts der Ablehnung eines Großteils der Juden sieht Paulus die Verheißung aus Hos 2,25 verwirklicht, dass Gott ein Volk beruft, das nicht sein Volk war (Röm 9,24-26). Paulus ist zugleich damit konfrontiert, dass die Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden von Juden bestritten, ja massiv behindert wird. So kommt es zu seinen scharfen Aussagen im 1Thess 2,15f: „Sie haben Jesus, den Herrn und die Propheten getötet und uns verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkündigen und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß der Sünden voll, aber der Zorn (Gottes) ist über sie gekommen...“. „Der Zorn ist über sie gekommen bis zum Ende“. Es handelt sich um eine Befristung, innerhalb der die Juden, die Christus ablehnen, an dem Heil noch nicht partizipieren (Röm 11,25-27) (93).

Der getrennte Weg von Juden und Christen: Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der Juden die Botschaft des Evangeliums ablehnt, greift Paulus den seit Jes 7,3; 10,21f bekannten Rest-Gedanken auf: Nur ein „Rest“ aus Israel hat bisher die Heilsbotschaft angenommen, die Mehrheit verharrte dagegen im Unglauben (Röm 11,1-6). Paulus kann von einer „Verstockung“ reden (11,7); die ungläubigen Juden haben gemäß der Aussage von Jes 29,10 einen „Geist der Betäubung“ empfangen (11,8). Aber das bedeutet nicht, dass sie verworfen sind, sondern dass ihnen ein von Gott vorherbestimmter Weg zugewiesen ist. Zwar gibt es nach Röm 9,10-13.14-21 auch eine definitive Verwerfung, aber das gilt dort nicht, wo die Zusage Gottes aufgrund seines Erwählungshandelns feststeht. So kann Paulus sagen: „Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen“ (11,11). Ihr Versagen schließt die Gültigkeit der an sie ergangenen Heilsverheißung nicht aus (11,12). Vielmehr sind sie auf einen eigenen Weg gestellt, der das Ziel der Heilsteilhabe noch vor sich hat. Wenn Paulus dabei vom „Eifersüchtigmachen“ spricht, dann in der Hoffnung, dass wenigstens „einige von ihnen“ jetzt schon gerettet werden (11,14) (93f).

Paulus verwendet in Röm 11,16b-24 das Gleichnis vom Ölbaum, bei dem es herausgebrochene und neu eingepfropfte Zweige gibt. Für die herausgebrochenen Zweige gibt es die Möglichkeit, wieder eingepfropft zu werden. Und für die neu eingepfropften Zweige ist die gemeinsame Wurzel entscheidend (Röm 11,16b). Das bedeutet für die Heiden, dass sie nicht unabhängig von Israel das Heil empfangen haben. Sie sind als wilde Zweige in den edlen Ölbaum eingepfropft worden (11,17) und haben damit Teil an der Geschichte der Erwählung und des verheißenen Heils. So sind nun die Heiden, die zum Glauben gekommen sind, ebenfalls an den Ort und auf den Weg gestellt, der für Israel bestimmt ist. Auch ihnen gilt das Gnadenhandeln, das in der Erwählung Abrahams und Isaaks manifest geworden ist.

So gibt es nun eine Glaubensgemeinschaft, zu der ein „Rest“ aus Israel und die wachsende Zahl der Heiden gehört. Daneben steht die „Mehrheit“ aus Israel, die Jesus Christus nicht anerkennt, die aber weiterhin die gültige Verheißung der Rettung besitzt. D.h. dass es in der Geschichte fortan zwei getrennte Wege des einen Gottesvolkes gibt. Gemeinsam ist der Glaube an den einen Gott, gemeinsam ist die Erwählung und die Verheißung sowie die Hoffnung auf die endzeitliche Heilserfüllung. Unterschiedlich ist die Auffassung vom bereits gekommenen Messias (94).

Die endzeitliche Umkehr des ungläubigen Israel: Für Paulus steht fest, dass Gott sein Volk, das er erwählt hat, nicht verstößt (Röm 9,6; 11,1). Gottes Gnadengaben und seine Berufungen sind unumstößlich (11,29). Die Israeliten sind und bleiben „Geliebte um der Väter willen“ (11,28). Paulus ist voller Trauer und würde selbst wünschen, verflucht zu sein, wenn es keine Hoffnung für Israel gäbe (Röm 9,1-3). Er verkündet daher in prophetischer Vollmacht ein „Geheimnis“: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden das Heil erlangt hat, dann wird ganz Israel gerettet werden“ (11,25f).

Ganz Israel wird gerettet“: Zunächst geht es um die Frage, wer mit „Israel“ gemeint ist: Handelt es sich um das alte Gottesvolk oder um das Gottesvolk aus Juden und Heiden? Nach Röm 9-11 kann nur das alte Gottesvolk gemeint sein.

Die endzeitliche Rettung ganz Israels wird bei der Wiederkunft Christi erfolgen, wenn sich das Schriftwort aus Jes 59,20 erfüllt: „Der Retter wird aus Zion kommen, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen“ (Röm 11,26b). Zion ist hier die Himmelsstadt, aus der Jesus als der Messias herabkommen wird (vgl. Gal 4,26-28; Phil 3,20f; 1Thess 1,10; Hebr 12,18-24). Hinzugefügt wird aus Jes 27,9: „Das ist der Bund, den ich ihnen gewähre, indem ich ihre Sünden hinwegnehme“ (Röm 11,27). Gottes Erbarmen ergeht über sie, so wie sein Erbarmen den Heiden zuteil wurde (11,31f) (95f).

Heil ist für Paulus gleichbedeutend mit Rechtfertigung (9,30 - 10,21). „Rechtfertigung“ heißt, dass der Mensch in die ihm angemessene Stellung vor Gott versetzt wird. Was ihm durch eigenes Tun unmöglich ist, wird ihm von der „Gerechtigkeit Gottes“, die ein heilstiftendes göttliches Handeln ist, gewährt. So haben die Heiden, die von Gottes Gerechtigkeit nichts wussten und sie nicht erstrebten, „Gerechtigkeit erlangt“, während Israel, das nach ihr strebte, das „Gesetz der Gerechtigkeit“, nämlich die die göttliche Gerechtigkeit bezeugende Tora, verfehlt hat (Röm 9,30f). Aber am Ende der Zeiten wird „ganz Israel“ diese Gerechtigkeit erfahren und sich im Glauben ihr „unterordnen“ (vgl. 10,3). Die „Verstockung“ Israels steht in Beziehung zum Unglauben Israels (11,7-10). Diese Verstockung ist befristet und wird aufgehoben, „wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist“ (11,25c). Und wie Gott Heiden und Juden im Ungehorsam zusammengeschlossen hat, so will er sich aller erbarmen und diesen Ungehorsam aufheben (11,32). „Ungehorsam“ ist dabei gleichbedeutend mit „Unglaube“; der Unglaube soll überwunden und beseitigt werden. Angesichts des wiederkommenden Christus wird mit dem sich verwirklichenden endzeitlichen Heil Glaube und Vertrauen für „ganz Israel“ begründet (96).

Rechtfertigung und Glaube werden sich angesichts des sich offenbarenden Christus ereignen. Seine endzeitliche Erscheinung erfolgt zum Heil und Gericht. Heil ist für Paulus vom Glauben des Menschen als einer vertrauenden, rückhaltlosen Selbstpreisgabe an den sich erbarmenden Gott unablösbar. Er rettet „allein aus Gnaden“, aber der Gnadentat Gottes korrespondiert das „allein aus Glauben“. Jesus ist der von Israel erwartete Messias, dafür sollen den jetzt ungläubigen Israeliten die Augen noch geöffnet werden (96f).

Es bleibt die Erwartung, dass Christen und Juden gemeinsam den von Gott bestimmten Messias erkennen und anerkennen (98).

(3) „Die Juden“ im Johannesevangelium
a. Für das JohEv ist die endgültige Trennung der Christen vom Judentum bereits vollzogen
b. Eine zweite Linie in der Verwendung von „die Juden
c. Die dritte Linie
d. An vielen Stellen im JohEv hat die Bezeichnung „die Juden“ einen negativen Klang

F.Hahn (1996)

Jede pauschale Beurteilung des Begriffes „die Juden“ im JohEv führt zu groben Fehldeutungen der eigentlichen Aussageabsicht dieser ntl Schrift (119).

a. Für das JohEv ist die endgültige Trennung der Christen vom Judentum bereits vollzogen. Die entstandene Konfrontation von Synagoge und Kirche hat einen deutlichen Niederschlag gefunden. Hinzu kommt: das Judentum selbst hat sich erheblich gewandelt. An die Stelle der verschiedenen Gruppen und des vielgestaltigen Erscheinungsbildes z.Zt. Jesu und der Apostel ist nach der Katastrophe des Jahres 70 n.Chr. die Reorganisation des Judentums unter ausschließlich pharisäischer Führung getreten. Das Judentum steht nun in viel stärkerem Maß als Einheit der Kirche gegenüber, sodass fließende Übergänge nicht mehr vorhanden sind (Hinweise auf die synagogale Exkommunikation: Joh 9,22; 12,42; 16,2). Aussagen von äußerster Schärfe gegen „die Juden“ dürfen nicht zum alleinigen hermeneutischen Schlüssel gemacht werden. Es bliebe dann unverständlich, was demgegenüber die positiven Stellen zu bedeuten haben (119f).

Linien, die die Verwendung des Begriffs „die Juden“ im JohEv kennzeichnen: Wo von den „Festen der Juden“ die Rede ist (5,1; 6,4; 7,2; 2,13; 19,42), geht es um Spezifika einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, die in den jeweiligen Festfeiern ihren Ausdruck finden. Dasselbe gilt, wenn von „euren“ bzw. „ihrem Gesetz“ gesprochen wird (7,22; 8,17; 10,34). Jeweils handelt es sich um wesensbestimmende Elemente der religiösen Tradition. Derartige Aussagen sind nicht von vornherein polemisch verstanden, da auch Jesus sich an den Feste beteiligt und auf die Tora berufen hat (2,13; 5,1; 7,2ff; 10,22f; 11,55ff). Die Zugehörigkeit zur religiösen Gemeinschaft der Juden ist für Jesus wie für seine Jünger eine selbstverständliche Gegebenheit, bis es dann zu seiner Verwerfung und der Verwerfung der Jünger (16,1-4) kommt. Die Trennung steht nicht am Anfang und die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft ist als solche keineswegs negativ qualifiziert. Weil das Heil von den Juden kommt (4,22b), darf auch bei einer äußeren Trennung die Rückbindung an die Gemeinschaft, die Träger der Verheißung und Ursprungsort der Heilsverkündigung war, nicht preisgegeben werden (120f).

Das gilt auch dann, wenn die Juden diese Tradition für sich beanspruchen und in ihrem Sinn auslegen. Die Spannung und Gegensätzlichkeit wird dort erkennbar, wo sich die Juden (5,39-47) auf das Gesetz beziehen, aber von einem Verständnis dieses Gesetzes ausgehen, das dessen Verheißungscharakter verkennt. Auch wenn sie unter Inanspruchnahme ihres Gesetzes Jesus verwerfen, werden sie dennoch durch das Gesetz und die prophetischen Schriften auf das eschatologische Heil verwiesen. Deshalb wird auch Mose, auf den sie sich berufen, im Gericht Gottes ihr „Ankläger“ sein. So stoßen wir an diesen Stellen auf einen Sprachgebrauch, der für das Selbstverständnis der Christen im Gegenüber zum Judentum bezeichnend ist, weil hiermit die gemeinsame Herkunft und die unterschiedliche Grundhaltung gleichzeitig zum Ausdruck kommen, ohne dass damit eine prinzipielle Polemik verbunden ist (121).

b. Eine zweite Linie in der Verwendung von „die Juden“: Es ist in der Darstellung des Evangelisten durchweg vorausgesetzt, dass die zur ‚Menge‘ gehörenden Menschen Juden sind. Das wird in 12,9 ausdrücklich gesagt, ist in Joh 5 und 7 aufgrund des Kontextes eindeutig, gilt aber auch für die ‚Menge‘ bei der Brotvermehrung „jenseits des Meeres“ (Joh 6), weil die Absicht, den, der „wahrhaft der in die Welt gekommene Prophet ist“, zum „König“ zu machen, nur aus der messianischen Erwartung des Judentums verständlich ist. Kennzeichnend für diese zur ‚Menge‘ gehörenden Menschen ist es, dass sie durch Jesu Wort und Wirken betroffen, aber noch nicht abschließend festgelegt sind. So kann es von ihnen auch heißen, dass sie darüber streiten, ob Jesus der verheißene Heilbringer ist (Joh 7,12.31.40f.43). Nicht nur im Blick auf die ‚Menge‘ kann gesagt werden, viele Menschen seien zum Glauben an Jesus gekommen (7,31; 2,23; 11,48), sondern dass auch direkt formuliert wird, „Juden“ seien gläubig geworden (8,31; 11,45; 12,11; 12,42). Der Evangelist zeigt auch, wie schwer es für einen „Lehrer Israels“ wie Nikodemus sein kann, die Botschaft Jesu zu akzeptieren (3,1-12). Der Begriff „die Juden“ ist nicht einseitig negativ festgelegt. Auch mit dieser Bezeichnung wird zum Ausdruck gebracht, dass die in Jesus sich ereignende Offenbarung all denen gilt, die zur jüdischen Gemeinschaft gehören und dass sie gerufen sind, sich Jesus glaubend anzuschließen. Die Berufung des Nathanael am Anfang des JohnEv (1,35-51) ist Höhepunkt der Nachfolgeerzählung. Er erkennt im Zusammenhang mit Gesetz und Propheten, wer Jesus ist und wird deshalb von diesem als „wahrer Israelit“ angesprochen (122f).

c. Die dritte Linie: Der Evangelist verwendet die Bezeichnung „die Juden“, wenn es sich speziell um die gegen Jesus einschreitenden jüdischen Autoritäten handelt. Die offiziellen Repräsentanten des Judentums sind es, die ihn zur Rede stellen, sie betreiben seine Verhaftung und schließlich seine Verurteilung. Der Hohepriester Kajafas gibt den letzten Ausschlag (11,47-52). Der Evangelist hat nicht vergessen, dass es eine bestimmte Gruppe von Juden war, die die Beseitigung Jesu vorbereitet und veranlasst hat (124).

Z.Zt Jesu und der Apostel war Jerusalem mit seinem Tempel der Mittelpunkt und Sitz der obersten jüdischen Instanz, des Synedriums. In der Zeit nach der Katastrophe von 70 n.Chr. war nicht mehr Jerusalem, wohl aber immer noch Judäa mit Jabne als neuem Zentrum maßgebend für alles, was das Judesein betraf. An vielen Stellen des JohEvs sind bei der Verwendung von „die Juden“ die offiziellen Vertreter des Judentums gemeint. Im Zusammenhang mit Jesu Wirken ist es fraglich geworden, ob die Inhaber amtlicher Funktionen als Repräsentanten des Judentums zu Recht reden und handeln und zwar noch abgesehen von seinem göttlichen Auftrag und Anspruch, sondern allein schon im Blick auf die Glieder der jüdischen Gemeinschaft, die sich zu einem großen Teil Jesus bereits angeschlossen haben und nicht mehr jenen Autoritäten zu folgen bereit sind. Diese offiziellen Vertreter repräsentieren in keiner Weise mehr das atl Gottesvolk als ganzes. Es ist durch das Wirken Jesu zu einer Scheidung gekommen. Wer sich zu Jesu Person und Wort hält, wird als „wahrer Israelit“ bezeichnet, wer sich den Autoritäten unterordnet, gehört zu jenen „Juden“, die Jesus und damit das Heilsangebot Gottes ablehnen. Wo Gesetz und Glaubenstradition lediglich dazu dienen, den Unglauben zu legitimieren und Jesus zu verurteilen, ist die Chance der Umkehr vertan, dort gilt das Wort aus Jes 6,9f (Joh 12,39f). Die Autoritäten repräsentieren nur einen Teil des jüdischen Volkes, jene Gruppe, die Jesus verwirft und damit zugleich ein Judentum konstituiert, das aus der Feindschaft gegen Jesus und seine Jünger lebt und wegen dieser Feindschaft unter das Gerichtswort gestellt ist (124f).

Die äußere Trennung zwischen dem sich neuformierenden Judentum und den Christen war gerade deswegen unumgänglich geworden, weil eine Großzahl von Gliedern des atl Gottesvolkes jetzt in der Kirche lebte. Dass die Trennung von den Juden ausgegangen ist, lässt das JohEv klar erkennen (9,22; 12,42; 16,2). Es war seitens der Vertreter des Jesus verwerfenden Judentums eine Bewältigung jener Krise im 1.Jh.n.Chr., die nicht allein durch den Jüdischen Krieg samt Zerstörung Jerusalems und des Tempels hervorgerufen worden war, sondern ebenso tiefgreifend durch Jesu Wirken und die christliche Mission verursacht gewesen ist, denn die vielen Judenchristen ließen sich nicht mehr in die von Pharisäern geleiteten Synagogen zurückholen (125f).

d. An vielen Stellen im JohEv hat die Bezeichnung „die Juden“ einen negativen Klang. Es geht um die Angehörigen eines Judentums, die eine eigene kultische und rituelle Ordnung vertreten, die nicht mehr bereit sind, auf Jesu Wort und Ruf zum Glauben zu hören und die sich ihren Autoritäten, von denen Jesus und seine Jünger verworfen und verfolgt werden, unterordnen. Für sie ist die Frage, wer Jesus ist, entschieden. Sie können in ihm nicht den Offenbarer und Heilbringer Gottes sehen, sind daher der Auffassung, dass er besessen sei und mit seinem Anspruch, Sohn Gottes zu sein, Gotteslästerung begehe (8,48f.52; 10,20f; 10,33). Für den Evangelisten konstituiert sich damit eine neue religiöse Gemeinschaft, die sich ebenfalls auf die atl Tradition beruft, aber aus der Ablehnung der Person und Botschaft Jesu heraus ihr Selbstverständnis gewinnt. In gewissem Sinn kann man sagen, dass der 4. Evangelist die Auffassung vom fortan „gespaltenen Gottesvolk“ vertritt. Für ihn geht es hierbei um Glaube und Unglaube (126).

Am Offenbarungsanspruch Jesu fällt eine Entscheidung, die das alte Gottesvolk in eine Krisis hinein führt. Der vom Vater beauftragte Sohn will nichts anderes als die Verheißung Israels zu ihrem Ziel führen. Ihm hat der Vater alles in die Hand gegeben (13,3; 18,3), durch ihn soll sich das Heil über Israel hinaus für die ganze Welt erfüllen (4,1-42). Aber die Träger der Verheißung verschließen sich zu einem Teil dem Offenbarunsanspruch und stellen dem einen nomistischen Absolutheitsanspruch gegenüber. Für den Evangelisten enthüllt sich darin das eigentliche Wesen des Unglaubens, sofern hier unter Berufung auf Gott und auf das Zeugnis der Schrift die Heilszuwendung Gottes verworfen und eine eigene Frömmigkeit vertreten wird. Der Unglaube in Israel ist nicht ein bloßes Beispiel für den Unglauben der Welt, sondern im Unglauben Israels wird erkennbar, was letztlich Unglaube ist, sofern unter Berufung auf Gott Gottes Anspruch nicht gehört wird und Menschen sich in ihrer Verblendung Gott gegenüber verschließen (127).

Unter diesen Voraussetzungen wird verständlich, warum die Juden in Joh 8,30-59 Repräsentanten des ungläubigen Kosmos sind. Die Berufung auf Abraham wird in dem Augenblick hinfällig, wenn die „Werke Abrahams“ nicht getan und der Wahrheitsanspruch in Jesu Wort und Wirken nicht anerkannt wird. Wer sich durch Todfeindschaft gegen Jesus außerhalb der Abrahamskindschaft stellt, hat kein Recht mehr, sich auf Gott als Vater zu berufen. Er ist einem anderen Vater verfallen, dem Teufel (8,44). Hier stehen nicht nur Glaube und Unglaube, sondern ebenso Wahrheit und Lüge einander gegenüber. Wo Jesu Anspruch verkannt wird, ist die Wahrheit Gottes, für deren Bezeugung Jesus in die Welt gesandt wurde (18,37), den Menschen verschlossen. Sie bleiben ihrem eigenen Sein und Tun verhaftet, das von Sünde und Lüge gekennzeichnet ist. Wo die Tür, die durch Jesu Offenbarung der Wahrheit eröffnet worden ist, nicht glaubend und vertrauend durchschritten wird, der Mensch vielmehr im Unglauben verharrt, bleibt er der Macht des Bösen ausgesetzt, die zutiefst Feindschaft gegen Gott ist (8,44). Die Schärfe der Anklage von 8,30-59 liegt darin, dass gerade diejenigen, die sich auf Abraham berufen, die die Geschichte Gottes mit Israel und seine Verheißungen kennen, den Offenbarungsanspruch Jesu nicht annehmen (127f).

Der Evangelist ist mit seiner Gemeinde am Ende des 1.Jh. einem sich neuformierenden Judentum konfrontiert, das die christliche Botschaft radikal verwirft. Es bejaht die getroffene Entscheidung gegen Jesus und bekräftigt sie in Auseinandersetzungen mit den Gliedern der christlichen Gemeinde (128).