2. Die Stellung des Paulus zum Judentum und zur Tora

a. Paulus als Missionar der Heiden
b. Das neue Verständnis der Tora
c. Die bleibende Verheißung für Israel

F.Hahn (1996)

a. Paulus als Missionar der Heiden

Der entscheidende Aspekt für Paulus als Missionar der Heiden war die Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott (88).

Blieb für Juden die Erwählungsgeschichte und die Bindung an die Tora die notwendige Voraussetzung, so konnte die Verpflichtung der Heiden auf die jüdisch verstandene Tora nur ein Zwang und eine Versklavung sein. Paulus hat sich daher mit Entschiedenheit gegen alle judaisierenden Bestrebungen innerhalb seines Missionsgebiets gewehrt, wie vor allem aus dem Gal hervorgeht. Es ging ihm um die „Wahrheit des Evangeliums“ (Gal 2,5.14), die in der Ausschließlichkeit und Uneingeschränktheit des Heilszuspruchs besteht. Das Gesetz darf keinen Vorrang vor dem schon im AT verheißenen Evangelium haben (Röm 1,2), nicht einmal mit diesem gleichgestellt werden, weil nur so der Gnadencharakter des im Glauben ergriffenen Heils gewahrt bleibt. Der Mensch wird ohne jede Bedingung und Vorleistung von Gott durch das Evangelium gerechtgesprochen. Das wird in Röm 4,3-21 an der Gestalt Abrahams aufgezeigt, der der Vater der Beschnittenen wie der Unbeschnittenen ist und dem seinerseits, als er noch unbeschnitten war, aufgrund seines Glaubens die Rechtfertigung zuteil geworden ist (vgl. Gal 3,6-18).

Der Heilszuspruch des Evangeliums gilt jedem Menschen, der an den Gott glaubt, „der den Gottlosen gerecht macht“. Daher wird das Wort auf Gen 15,6, dass Abraham Gott glaubte und ihm das zu Gerechtigkeit angerechnet wurde, von Paulus in dem Sinn erläutert, dass der Glaube als die einzig wahre Haltung vor Gott anerkannt wird, womit dem Glaubenden Gerechtigkeit und Heil widerfährt (Röm 4,3-5). Glaube ist nichts anderes als das rückhaltlose Vertrauen auf die Zusage Gottes und zwar in der Radikalität, dass „gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt wird“, ohne jeden Zweifel und in der Überzeugung, „dass Gott die Macht besitzt zu tun, was er verheißen hat“ (Röm 4,18-21) (88).

Wenn Paulus sich mit aller Entschiedenheit gegen Bestrebungen zur Wehr gesetzt hat, die den Heidenchristen nachträglich den Gesetzesgehorsam auferlegen wollten, so lag ihm andererseits doch alles an der Zusammengehörigkeit von Juden- und Heidenchristen. Es kam deshalb auch in Antiochien zu einem Streit mit Petrus und Barnabas, nachdem die gemeinsame Tischgemeinschaft zwischen Juden- und Heidenchristen aufgehoben worden war (Gal 2,11-14). Die Einheit der Kirche war durch den unterschiedlichen Zugang zum Heil und durch die verschiedene Haltung gegenüber der Tora für Paulus nicht in Frage gestellt. Die Heidenchristen wurden nach urchristlichem Verständnis in die Gemeinschaft der Judenchristen und damit indirekt auch in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen (88f).


b. Das neue Verständnis der Tora

Gegensätzliche Aussagen des Paulus über das Gesetz: Angesichts des Heilszuspruchs im Evangelium kann Paulus im Blick auf sich und die anderen Judenchristen in Gal 2,16 sagen: „Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus“. In Gal 2,19f fügt er hinzu: „Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“. In Phil 3,7f kann er seine frühere Gesetzesobservanz als „Verlust“ oder „Dreck“ bezeichnen, die er zugunsten der alles übertreffenden Erkenntnis Jesu Christi preisgegeben habe. In Röm 10,4 begegnet die Aussage über Christus als das „Ende des Gesetzes“.

Dem stehen Aussagen gegenüber, die von der bleibenden Bedeutung der Tora sprechen. Die Tora hat ihrerseits nicht nur Verheißungscharakter (Röm 3,21), sie wird vielmehr „aufgerichtet“ durch den Glauben (3,31). Ihre Forderung soll „erfüllt“ werden und sie kann erfüllt werden, wenn der Glaube durch die Liebe wirksam wird (Röm 8,4; 13,8-10; Gal 5,6b.14).

Die negativen Aussagen über das Gesetz sind nur zu verstehen, wenn man zweierlei beachtet: Die Tora hat nicht den Rang des Evangeliums, daher darf sie das Evangelium nicht überlagern oder einschränken; die Tora hat schon gegenüber der Heilsverheißung, die ihr im AT vorgeordnet ist (Gal 3,15-18) und erst recht gegenüber dem Evangelium eine untergeordnete Stellung. Ferner geht es Paulus um die Abwehr jener falschen Haltung gegenüber dem Gesetz, die davon ausgeht, aufgrund von Werken und einem untadeligen Gesetzesgehorsam, das Heil finden zu können (89).

Die Ablehnung der „Gesetzeswerke“: Christus ist das „Ende“ einer auf die Tora konzentrierten Frömmigkeit, bei der der Mensch meint, Gottes heilstiftende Gerechtigkeit durch Gesetzesobservanz erlangen zu können, aber in Wahrheit nur seine eigene Gerechtigkeit dabei aufrichtet (10,3). Bei allem „Eifer um die Tora“ geschieht das „ohne Erkenntnis“ (10,2), ohne die Erkenntnis der von Gott in Christus offenbarten und gewährten Gerechtigkeit. In diesem Sinn ist Christus das „Ende“ einer nur am Gesetz orientierten Frömmigkeit (90).

Die heilschaffende Gerechtigkeit kann nur im Glauben empfangen werden, „ohne die Werke des Gesetzes“, nur als Geschenk, nicht im Sinn eines verdienten Lohnes (Röm 4,3-5). Die „Gesetzeswerke“, wie Paulus sie versteht, stehen im Zusammenhang mit dem eigenen „Ruhm“ (3,27). Deshalb stehen für Paulus alle, die sich um solche „Werke des Gesetzes“ bemühen, unter dem in Dtn 27,26 angedrohten „Fluch“ (Gal 3,10f).

Die „Gesetzeswerke“ sind nicht deshalb verwerflich, weil es um ein Tun der Forderungen der Tora geht, sondern weil dieses Tun unlösbar verstrickt ist mit der menschlichen Sünde (Röm 3,9). Der Ausdruck „Gesetzeswerke“ bei Paulus ist nur verständlich, wenn man beachtet, dass er damit eine Form der Gesetzesobservanz bezeichnet, bei der der sündige Mensch sich um seine eigene Rechtfertigung bemüht. Wegen dieser speziellen Bedeutung der Wortverbindung spricht Paulus im Zusammenhang mit der wahren Erfüllung der Tora aufgrund der von Christus bewirkten Befreiung von der Sünde nicht von „Werken“, sondern von „Früchten“ (Gal 5,22-25) (90).

Die „Aufrichtung“ des Gesetzes: Die Tora steht auch für den Christen Paulus unverrückbar fest. Sie ist „heilig“, ihr Gebot ist daher „heilig, gerecht und gut“ (Röm 7,12). Sie ist „geistlich“, d.h. vom göttlichen Geist bewirkt (7,14). Ihr Gebot ist daher ein „Gebot zum Leben“, was besagt, dass es zum Leben führt bzw. führen soll (7,10) (91).

Aus diesem Grund kann Paulus sagen, dass die Tora durch den Glauben an Christus nicht außer Kraft gesetzt, sondern „aufgerichtet“ wird (Röm 3,31). Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass es keinen Gegensatz zwischen dem Christusgeschehen und der Grundordnung des alten Bundes gibt. Die Gerechtigkeitstat Gottes in Christus ist sowohl von der Tora als auch von den Propheten bezeugt (Röm 3,21) und die Tora selbst ist Ausdruck des Willens Gottes (2,18).

Die Verwirklichung der „Forderung der Tora“: Die Verstrickung des Menschen in die Sünde kann von Seiten des Menschen nicht überwunden werden. Selbst wenn erkannt wird, dass das Gesetz „gut“ ist und wenn ein Ringen um die Verwirklichung des Guten vorhanden ist, bleibt der Mensch „verkauft unter die Sünde“, ist abhängig von der „in ihm wohnende Sünde“. Das Gute zu wollen und letztlich doch immer wieder nur Böses zu wirken, ist das Geschick des Sünders (Röm 7,14-24).

Ein Tun des Guten und ein Verwirklichen dessen, was das Gesetz will, gibt es erst dort, wo der Mensch durch Gottes heilstiftendes Wirken von der Sünde befreit ist. Durch die Sendung Jesu Christi und seine Hingabe in den Tod hat Gott die Sünde „verurteilt“ und ihre Macht gebrochen (Röm 8,3b; vgl. Gal 3,13f). Das, wozu die Tora allein „unfähig“ war (Röm 8,3a), ist auf diese Weise verwirklicht worden. Daher kann nun auch die „Forderung der Tora“ erfüllt werden, von denen, die sich vom Geist Gottes leiten lassen (Röm 8,4), in denen darum nicht mehr die Sünde, sondern der Heilige Geist „wohnt“ (Röm 7,17; 8,9) (91).

Die „Erfüllung des Gesetzes“: Wo der Mensch von der Sünde befreit ist, hat die Tora eine neue Funktion. War sie zunächst erlassen „um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt“ (Gal 3,19a), so hatte sie die Bestimmung, die Sünde einzuschränken, aber zugleich eine darüberhinausweisende Funktion (Gal 3,23-25). Die Zusage, dass die gehorsame Erfüllung der Gebote Leben schaffen könne (Dtn 30,15-20; Röm 7,10), besitzt Gültigkeit, wenn nicht für die Zeit der Sünde, so für die Zeit des Heils (92).

Ging es z.Zt der Sünde um die korrekte Einhaltung der Gebote, so ist mit der Freiheit von der Sünde ein neues Verhältnis zur Tora begründet. Sie ist Offenbarung des göttlichen Willens und hat ihre bleibende Funktion als Orientierung für das Leben des Menschen vor Gott und in der menschlichen Gemeinschaft. Aber die wahre Erfüllung erfolgt nicht in einer peniblen Observanz, sondern in der Freiheit und der Liebe (Gal 5,1.14). Hier gilt der Grundsatz: „Bleibt niemand etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander immer; wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt“ (Röm 13,8). So ist der Glaube als Vertrauen auf die Befreiung von der Sünde zugleich die Kraft der Liebe, die ihrerseits das wahre und entscheidende Kriterium für die Erfüllung der Tora ist (Gal 3,13f; 5,6.14).

Das Gesagte gilt nicht nur für die an das Gesetz gebundenen Judenchristen, sondern ebenso für die Heidenchristen. Paulus hat in Röm 2,14f davon gesprochen, dass die Heiden eine ihnen ins Herz geschriebene Grundkenntnis der Tora und des göttlichen Willens haben. So wenig die Heiden an die Tora als Heilsbdingung gebunden sind, so sehr ist auch für sie die Tora eine Weisung „zum Leben“ (Röm 7,10). Nicht nur die atl Verheißung, auch das atl Gesetz gewinnt für sie Bedeutung. Für sie gilt gleichfalls, dass die „Forderung des Gesetzes“ erfült werden soll und kann (Röm 8,4) und dass im Tun der aus dem Glauben resultierenden Liebe die Tora tatsächlich erfüllt wird (Röm 13,8-10) (92).


c. Die bleibende Verheißung für Israel

Die Ablehnung Jesu Christi: Für Paulus steht fest, dass die Juden in besonderer Weise von Gott erwählt wurden und in ihrer Geschichte die Träger der Verheißung waren und sind (Röm 3,1). Diese Zusage Gottes ist nicht hinfällig geworden (Röm 9,6). Den Juden gilt daher „zuerst“ das Handeln Gottes in Jesus Christus und die Heilsbotschaft (Röm 1,16f u.ö.). Paulus steht vor der Tatsache, dass diejenigen, denen das Handeln „zuerst“ gilt, zu einem großen Teil die Botschaft von Jesus Christus ablehnen. Durch Israel geht insofern eine Spaltung, die alle, die Jesus Christus verwerfen, von denen trennt, die ihn als den Messias und Offenbarer Gottes anerkennen (93).

Angesichts der Ablehnung eines Großteils der Juden sieht Paulus die Verheißung aus Hos 2,25 verwirklicht, dass Gott ein Volk beruft, das nicht sein Volk war (Röm 9,24-26). Paulus ist zugleich damit konfrontiert, dass die Verkündigung des Evangeliums unter den Heiden von Juden bestritten, ja massiv behindert wird. So kommt es zu seinen scharfen Aussagen im 1Thess 2,15f: „Sie haben Jesus, den Herrn und die Propheten getötet und uns verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkündigen und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß der Sünden voll, aber der Zorn (Gottes) ist über die gekommen...“. „Der Zorn ist über sie gekommen bis zum Ende“. Es handelt sich um eine Befristung, innerhalb der die Juden, die Christus ablehnen, an dem Heil noch nicht partizipieren (Röm 11,25-27) (93).

Der getrennte Weg von Juden und Christen: Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der Juden die Botschaft des Evangeliums ablehnt, greift Paulus den seit Jes 7,3; 10,21f bekannten Rest-Gedanken auf: Nur ein „Rest“ aus Israel hat bisher die Heilsbotschaft angenommen, die Mehrheit verharrte dagegen im Unglauben (Röm 11,1-6). Paulus kann von einer „Verstockung“ reden (11,7); die ungläubigen Juden haben gemäß der Aussage von Jes 29,10 einen „Geist der Betäubung“ empfangen (11,8). Aber das bedeutet nicht, dass sie verworfen sind, sondern dass ihnen ein von Gott vorherbestimmter Weg zugewiesen ist. Zwar gibt es nach Röm 9,10-13.14-21 auch eine definitive Verwerfung, aber das gilt dort nicht, wo die Zusage Gottes aufgrund seines Erwählungshandelns feststeht. So kann Paulus sagen: „Sind sie etwas gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen“ (11,11). Ihr Versagen schließt die Gültigkeit der an sie ergangenen Heilsverheißung nicht aus (11,12). Vielmehr sind sie auf einen eigenen Weg gestellt, der das Ziel der Heilsteilhabe noch vor sich hat. Wenn Paulus dabei vom „Eifersüchtigmachen“ spricht, dann in der Hoffnung, dass wenigstens „einige von ihnen“ jetzt schon gerettet werden (11,14) (93f).

Paulus verwendet in Röm 11,16b-24 das Gleichnis vom Ölbaum, bei dem es herausgebrochene und neu eingepfropfte Zweige gibt. Für die herausgebrochenen Zweige gibt es die Möglichkeit, wieder eingepfropft zu werden. Und für die neu eingepfropften Zweige ist die gemeinsame Wurzel entscheidend (Röm 11,16b). Das bedeutet für die Heiden, dass sie nicht unabhängig von Israel das Heil empfangen haben. Sie sind als wilde Zweige in den edlen Ölbaum eingepfropft worden (11,17) und haben damit Teil an der Geschichte der Erwählung und des verheißenen Heils. So sind nun die Heiden, die zum Glauben gekommen sind, ebenfalls an den Ort und auf den Weg gestellt, der für Israel bestimmt ist. Auch ihnen gilt das Gnadenhandeln, das in der Erwählung Abrahams und Isaaks manifest geworden ist.

So gibt es nun eine Glaubensgemeinschaft, zu der ein „Rest“ aus Israel und die wachsende Zahl der Heiden gehört. Daneben steht die „Mehrheit“ aus Israel, die Jesus Christus nicht anerkennt, die aber weiterhin die gültige Verheißung der Rettung besitzt. D.h. dass es in der Geschichte fortan zwei getrennte Wege des einen Gottesvolkes gibt. Gemeinsam ist der Glaube an den einen Gott, gemeinsam ist die Erwählung und die Verheißung sowie die Hoffnung auf die endzeitliche Heilserfüllung. Unterschiedlich ist die Auffassung vom bereits gekommenen Messias (94).

Die endzeitliche Umkehr des ungläubigen Israel: Für Paulus steht fest, dass Gott sein Volk, das er erwählt hat, nicht verstößt (Röm 9,6; 11,1). Gottes Gnadengaben und seine Berufungen sind unumstößlich (11,29). Die Israeliten sind und bleiben „Geliebte um der Väter willen“ (11,28). Paulus ist voller Trauer und würde selbst wünschen, verflucht zu sein, wenn es keine Hoffnung für Israel gäbe (Röm 9,1-3). Er verkündet daher in prophetischer Vollmacht ein „Geheimnis“: „Verstockung liegt auf einem Teil Israels, bis die Vielzahl der Heiden das Heil erlangt hat, dann wird ganz Israel gerettet werden“ (11,25f).

Ganz Israel wird gerettet“: Zunächst geht es um die Frage, wer mit „Israel“ gemeint ist: Handelt es sich um das alte Gottesvolk oder um das Gottesvolk aus Juden und Heiden? Nach Röm 9-11 kann nur das alte Gottesvolk gemeint sein.

Die endzeitliche Rettung ganz Israels wird bei der Wiederkunft Christi erfolgen, wenn sich das Schriftwort aus Jes 59,20 erfüllt: „Der Retter wird aus Zion kommen, er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen“ (Röm 11,26b). Zion ist hier die Himmelsstadt, aus der Jesus als der Messias herabkommen wird (vgl. Gal 4,26-28; Phil 3,20f; 1Thess 1,10; Hebr 12,18-24). Hinzugefügt wird aus Jes 27,9: „Das ist der Bund, den ich ihnen gewähre, indem ich ihre Sünden hinwegnehme“ (Röm 11,27). Gottes Erbarmen ergeht über sie, so wie sein Erbarmen den Heiden zuteil wurde (11,31f) (95f).

Heil ist für Paulus gleichbedeutend mit Rechtfertigung (9,30 - 10,21). „Rechtfertigung“ heißt, dass der Mensch in die ihm angemessene Stellung vor Gott versetzt wird. Was ihm durch eigenes Tun unmöglich ist, wird ihm von der „Gerechtigkeit Gottes“, die ein heilstiftendes göttliches Handeln ist, gewährt. So haben die Heiden, die von Gottes Gerechtigkeit nichts wussten und sie nicht erstrebten, „Gerechtigkeit erlangt“, während Israel, das nach ihr strebte, das „Gesetz der Gerechtigkeit“, nämlich die die göttliche Gerechtigkeit bezeugende Tora, verfehlt hat (Röm 9,30f). Aber am Ende der Zeiten wird „ganz Israel“ diese Gerechtigkeit erfahren und sich im Glauben ihr „unterordnen“ (vgl. 10,3). Die „Verstockung“ Israels steht in Beziehung zum Unglauben Israels (11,7-10). Diese Verstockung ist befristet und wird aufgehoben, „wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist“ (11,25c). Und wie Gott Heiden und Juden im Ungehorsam zusammengeschlossen hat, so will er sich aller erbarmen und diesen Ungehorsam aufheben (11,32). „Ungehorsam“ ist dabei gleichbedeutend mit „Unglaube“; der Unglaube soll überwunden und beseitigt werden. Angesichts des wiederkommenden Christus wird mit dem sich verwirklichenden endzeitlichen Heil Glaube und Vertrauen für „ganz Israel“ begründet (96).

Rechtfertigung und Glaube werden sich angesichts des sich offenbarenden Christus ereignen. Seine endzeitliche Erscheinung erfolgt zum Heil und Gericht. Heil ist für Paulus vom Glauben des Menschen als einer vertrauenden, rückhaltlosen Selbstpreisgabe an den sich erbarmenden Gott unablösbar. Er rettet „allein aus Gnaden“, aber der Gnadentat Gottes korrespondiert das „allein aus Glauben“. Jesus ist der von Israel erwartete Messias, dafür sollen den jetzt ungläubigen Israeliten die Augen noch geöffnet werden (96f).

Es bleibt die Erwartung, dass Christen und Juden gemeinsam den von Gott bestimmten Messias erkennen und anerkennen (98).