6. Präsentische und futurische Eschatologie im 4. Evangelium (JE)

a. Die drei großen Schichten im JE
b. Die Eschatologie der Grundschrift
c. Die Eschatologie des Evangelisten
d. Die Eschatologie des antidoketistischen Redaktors

G. Richter

Das Nebeneinander verschiedener eschatologischer Anschauungen im JE ist der Niederschlag der christologischen Entwicklung und Auseinandersetzung innerhalb der jhn Gemeinden und somit weithin eine Korrektur der jeweils vorausgehenden Anschauung (347).

a. Die drei großen Schichten im Johannesevangelium

Das Nebeneinander verschiedener eschatologischer Anschauungen im JE ist der Niederschlag der christologischen Entwicklung und Auseinandersetzung innerhalb der jhn Gemeinden und somit weithin eine Korrektur der jeweils vorausgehenden Anschauung (347).

Die erste (= älteste) Schicht: die Grundschrift, bildet die Anschauung, dass Jesus der von Gott verheißene Messias ist, und zwar nicht der davidische Messias, sondern der Prophet-Messias, der Dtn 18,15ff verheißene Prophet wie Moses (Jh 1,29ff;  6,14;  7,31). Deshalb wirkt Jesus Zeichen (wie seinerzeit Moses) und andere messianische Taten, die als göttliche Bestätigung seiner Messianität zu verstehen sind. Jesus ist nicht göttlicher Herkunft, sondern (im Einklang mit Dtn 18,15ff) ein Mensch aus der Mitte seiner Volksgenossen, der Sohn Josefs von Nazareth (Jh 1,45f;  6,42), von Gott zum Messias erwählt. Das Judentum, aus dem dieses jhn Judenchristentum hervorging und mit dem es sich in der Verteidigung der Messianität Jesu auseinandersetzt, stellt eine besondere Strömung innerhalb des Judentums dar. Dieses jhn Judenchristentum schuf sich nach dem Ausschluss aus der Synagoge (Jh 9,22;  12,42) eine dem 'Evangelium' ähnliche Schrift, in der es seinen Gegnern (Judentum, Täufergemeinde) und sich selbst Rechenschaft gab über seinen Glauben an Jesus als den Prophet-Messias. Der Autor dieser Schrift hat aus der ihm zur Verfügung stehenden christlichen Tradition ihm geeignet scheinende Stoffe ausgesucht und sie im Sinn seiner Intention neu interpretiert. Diese Grundschrift ist das Evangelium des jhn Judenchristentums (355f).

Die nächste Schicht: die Sohn-Gottes-Christologie des Evangelisten: Jesus ist der vom Himmel herabgekommene präexistente Sohn Gottes, der vom Vater gesandte eschatologische Heilbringer. Wer an Jesu himmlische Herkunft und Gottessohnschaft glaubt, hat das Heil, wer nicht glaubt, ist vom Heil ausgeschlossen. Ist die Grundschrift (das Glaubenszeugnis des jhn Judenchristentums) entstanden als Folge der Abstoßung des Judenchristentums durch die Synagoge und die dadurch notwendig gewordene Konstituierung dieses Judenchristentums zu einer eigenständigen Gemeinschaft, so hat die Überarbeitung und Neuinterpretation der Grundschrift durch den Evangelisten darin ihren Grund, dass sich eine Gruppe innerhalb des jhn Judenchristentums wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus als dem vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes von diesem Judenchristentum lossagte und sich als eine eigenständige, zur Muttergemeinde in christologischem Gegensatz stehende Gemeinschaft konstituierte. Dem Evangelisten geht es bei der Bearbeitung der Grundschrift darum, den neuen Glauben als den ursprünglichen darzustellen, der von Jesus selbst verkündet worden ist und der allein dem Willen Gottes entspricht. Zu diesem Zweck wird einerseits die ganze Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Judenchristentum in die Zeit Jesu zurückprojeziert, die Einwände des Judenchristentums gegen den neuen Glauben erscheinen im Mund der ungläubigen Juden z. Zt. Jesu. Die Begründung und Apologie des neuen Glaubens hingegen erscheint als Verkündigung Jesu selbst, der nur sagt, was Gott ihm aufgetragen hat. Andererseits wird des öfteren gesagt, dass die Jünger oder die Juden Jesus nicht verstanden haben und dass erst jetzt, nach der Rückkehr Jesu zum Vater und der Sendung des Parakleten, das richtige Verständnis der Worte und Taten Jesu möglich ist (Jh 8,27f;  12,16;  13,7;  14,20.26) (356f).

Weil der Evangelist alles Gewicht auf den Nachweis der himmlischen Herkunft und Gottessohnschaft Jesu legt, konnten die Doketisten an den Evangelisten anknüpfen, als sie aufgrund ihres gnostischen Dualismus das Menschsein und die Leiblichkeit Jesu bestritten und erklärten, er sei ein ausschließlich himmlisches Wesen gewesen. Es kam nicht zur Einfügung einer doketistischen Schicht in das JE, sondern nur zu antidoketistischen Einschüben (Jh 1,14a: „und der Logos ward Fleisch“), die die jüngste und letzte der drei großen christologischen Schichten in unserem JE bilden. Der Autor dieser Schicht: der antidoketistische Redaktor (von dem auch die Jh-Briefe stammen) betont nicht nur das Menschsein und die Leiblichkeit (das Fleisch) Jesu (Jh 1,14-18;  19,34f;  1Jh 4,2f;  5,6;  2Jh 7), sondern nimmt auch Stellung zu einer Anzahl anderer Fragen, die durch den gnostischen Dualismus der Doketisten und die daraus resultierende Anthropologie, Christologie und Ethik aktuell geworden waren (357f).

Von einer Einheit des jhn Christentums kann nicht die Rede sein weder im Glauben noch als menschliche Gemeinschaft, weil sie sich gegenseitig verketzert und verteufelt haben (Jh 8,42-38;  10,33) (zu verstehen von der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung des Evangelisten mit dem Judenchristentum der Grundschrift: 1Jh 2,18-23;  3,8ff;  4,1-6;  2Jh 7). Gemeinsam ist ihnen nur der Ursprung aus dem Judenchristentum der Grundschrift und die Ablehnung durch das Judentum (A 58). Das JE spiegelt als Produkt der jeweiligen Neuinterpretierung, Überbietung und Korrektur des alten Glaubens (des christologischen Bekenntnisses der vorhergehenden Schicht) die Disharmonie und Zerrissenheit der jhn Gemeinden wider. Sowohl der Evangelist als auch der antidoketistische Redaktor wollen jeweils das ganze Evangelium im Sinn ihrer Tendenz und ihrer spezifischen Christologie verstanden wissen. Deshalb setzt der Evangelist an die Spitze der Grundschrift den (von ihm erweiterten) Logoshymnus (1,1-13), der wie das Vorzeichen vor der Klammer die Wertigkeit des Ganzen bestimmt. Den gleichen Zweck verfolgt er mit der Erweiterung des Schlusssatzes der Grundschrift (20,31 „Diese Zeichen sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen“) durch die Aussage über die Gottessohnschaft Jesu und die Heilsnotwendigkeit des Glaubens an ihn als den Gottessohn. In derselben Weise setzt der antidoketistische Redaktor ein neues Vorzeichen und einen diesem Vorzeichen entsprechenden neuen Schlusspunkt, wenn er den Prolog des Evangelisten (1,1-13) durch die VV 14-18 (Fleischwerdung des Logos) erweitert und in 20,24-29 die Leiblichkeit des Auferstandenen durch Thomas bezeugen lässt (359).

b. Die Eschatologie der Grundschrift

Die Grundschrift spricht kaum ausdrücklich von der Eschatologie, es geht ihr ja ausschließlich um den Nachweis, dass Jesus der Messias, der von Moses verheißene Prophet-Messias ist. Aber wir können ihre Anschauung indirekt erfahren aus der Auseinandersetzung des Evangelisten mit dem hinter der Grundschrift stehenden Judenchristentum. Sehr oft sind es mit doppeltem Amen eingeleitete Worte im Mund Jesu, in denen der Evangelist die eschatologische Anschauung des Judenchristentums der Grundschrift mehr oder weniger wörtlich wiedergibt, freilich nur zu dem Zweck, um in der Person und Verkündigung Jesu als gegenwärtig und erfüllt aufzuzeigen, was das Judenchristentum erst von der eschatologischen Zukunft erwartete (360).

Die traditionelle futurische Eschatologie kommt zum Ausdruck in der Erwartung des Gottesreichs (der Gottesherrschaft) und in der Erwartung der Parusie Jesu als des Menschensohns mit den damit verbundenen Akten der allgemeinen Totenauferweckung und des letzten Gerichts. Voraussetzung für das Eingehen in das Gottesreich ist der Empfang der in der judenchristlichen Gemeinde geübten Taufe, die als Fortsetzung der von Jesus getätigten messianischen Taufe (Jh 3,22f;  4,1), der Taufe mit heiligem Geist (Jh 1,33), zu verstehen ist und das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias beinhaltet. Das jhn Judenchristentum erwartet die Wiederkunft Jesu vom Himmel her (Parusie) als des Menschensohns (MSs), der die Toten erwecken und das letzte Gericht halten wird. Das geht aus Texten hervor, die als korrigierende Neuinterpretation des Glaubens des Judenchristentums verstanden werden müssen (361):

Jh 1,51: Amen, Amen, ich sage euch, ihr werdet sehen den Himmel geöffnet und die Engel Gottes hinaufsteigend und herabsteigend auf den (über dem) MS“. Nach G. Richter handelt es sich hier um eine Aussage über die Parusie Jesu als des MSs am Ende der Zeiten. Jh 5,25: Amen, Amen, ich sage euch: Es kommt die Stunde und jetzt ist sie (da), dass die Toten hören werden die Stimme des Gottessohnes (des MSs), und die sie hören werden, die werden leben“. In diesem Satz liegt der Wortlaut der futurisch-eschatologischen Erwartung des Judenchristentums vor, die der Evangelist durch seine Variierung und Zusätze als (im Gottessohn Jesus) gegenwärtig und erfüllt verkündet. Und wenn der Evangelist die bereits in der Gegenwart ausgeübte eschatologische Richterfunktion Jesu mit dem Satz begründet: „weil er der Menschensohn ist“ (5,27), dann liegt die Beweiskraft dieses Satzes in dem judenchristlichen Glauben, dass Jesus als der am Ende der Zeiten vom Himmel kommende MS der eschatologische Richter ist. Jh 11,24: Auf die Worte Jesu: „dein Bruder wird auferstehen“ (V 23) sagt Marta zu Jesus: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am letzten Tag“. Der Evangelist lässt dieses Bekenntnis nur deshalb von Marta aussprechen, um zu verkünden, dass die Erwartung jetzt – im Glauben an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes – zur Erfüllung kommt (361f).

Jh 12,34: Der Evangelist lässt Jesus die Notwendigkeit des Erhöhtwerdens verkünden (12,32). Er lässt die Volksmenge verstehen, dass damit Jesu Kreuzestod (bzw. sein Weggang aus der Welt) gemeint ist. Die Volksmenge antwortet (V34): „Wir haben gehört aus dem Gesetz, dass der Christus bleibt in Ewigkeit, wie kannst du sagen, dass der MS erhöht werden muss? Wer ist dieser MS“? Der Satz ist (in Bezug auf den Kreuzestod Jesu) der geläufige Einwand des Judentums gegen die vom Judenchristentum der Grundschrift verkündetet Messianität Jesu. Der Evangelist verbindet diesen jüdischen Einwand mit dem Einwand des Judenchristentums gegen die bereits gegenwärtige MSfunktion Jesu (= gegen die Sohn-Gottes-Christologie) und stellt so das Judenchristentum auf eine Stufe mit dem ungläubigen Judentum. In der Antwort, die der Evangelist Jesus geben lässt (V35), wird auf die Frage des V34 nicht eingegangen, es wird nur wieder betont, dass sich in der Gegenwart (in der Entscheidung für oder gegen Jesu Gottessohnschaft) das Eschaton vollzieht, d.h.: die Parusie Jesu als des MSs, wie sie das Judenchristentum erwartet, findet jetzt statt. Wenn Jh 3,14-18 vom Evangelisten stammen sollte, wäre auch dieser Text auf dem Hintergrund des judenchristlichen Einwandes zu verstehen, dass der historische Jesus wegen seines Kreuzestodes nicht der vom Himmel herabgekommene MS sein kann, weil dieser MS nicht mehr stirbt, sondern in Ewigkeit bleibt (362f).

Die Gegenwart als Zeit des Heilsanbruches: Jesus (als der Prophet-Messias) ist die Erfüllung der Weissagungen des Moses und der Propheten (Jh 1,45). Er ist es, der mit heiligem Geist tauft (1,32f;  3,22ff;  4,1) (der Geist ist eschatologische Heilsgabe). Diese Tauftätigkeit Jesu wird in der judenchristlichen Gemeinde der Grundschrift fortgeführt (Jh 3,22ff), weil diese Taufe die unerlässliche Voraussetzung für das Eingehen in das Gottesreich ist (Jh 3,3ff). In den Zeichen, die Jesus als Ausweis seiner Messianität wirkt, wird die Herrlichkeit (doxa) Gottes offenbar (Jh 11,4.40) Das Schauen der doxa ist wiederum eine Verheißung für die eschatologische Heilszeit, wie in der Moses-Messias-Typologie der Grundschrift zum Ausdruck kommt, dass das Wirken Jesu und das Dasein der judenchristlichen Gemeinde Heilscharakter haben. Doch das alles ist nur der Anbruch des Heils. Die volle und endgültige Heilsverwirklichung erfolgt erst in der Zukunft, wenn Jesus wiederkommt als der MS (365).

                   

c. Die Eschatologie des Evangelisten

Alles, was das Judenchristentum der Grundschrift von der eschatologischen Zukunft erwartet, geschieht nach der Darstellung des Evangelisten bereits in der Gegenwart. In der Person und Verkündigung Jesu (bzw. in der Verkündigung des Evangelisten und seiner Gemeinde(n) über Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes) ist das Eschaton mit allen seinen verschiedenen Einzelakten endgültig gegenwärtig (nicht erst im Anbruch) und im Verhalten der Menschen zu Jesus und seiner Botschaft (Glaube oder Unglaube) vollzieht sich jetzt schon definitiv die Vollendung des eschatologischen Heils oder Unheils. Es gibt keine eschatologische Zukunft mehr, sie ist 'jetzt' schon da. Die Verkündigung dieser präsentischen Eschatologie steht beim Evangelisten ganz im Dienst der Christologie. Er will nur zum Ausdruck bringen, wer Jesus ist (365).

Für den Evangelisten sind die Parusie Jesu (als des vom Himmel herabgekommenen MSs) und die eschatologischen Werke der Totenerweckung und des letzten Gerichts gegenwärtiges Geschehen. Im Kontext von 1,35-50 will der Evangelist alle bisherigen Aussagen der Grundschrift über Jesus korrigieren und überbieten. Jesus ist mehr als der Messias, er ist der MS, d.h.: er ist vom Himmel herabgekommen. Die größeren Dinge (1,50b), die die Jünger sehen werden, sind nach der Intention des Evangelisten nicht mehr die Zeichen und andere messianische Taten als Bestätigung der Messianität Jesu, sondern die eschatologischen Akte, die Jesus in seiner Funktion als der MS vollzieht. Dass der Evangelist in 1,51 nicht bloß an die Parusie denkt, sondern auch schon an die eschatologische Totenerweckung und das Gericht (wodurch sich Jesus als der MS ausweist), geht auch aus 5,20-22 hervor, wo diese beiden Akte „größere Werke“ (5,20b) genannt werden. Der Evangelist beteuert (1,51: „Amen, Amen“), dass nicht die Tradition des Judenchristentums der Grundschrift den wahren Sachverhalt wiedergibt, sondern dass allein die vom Evangelisten verkündete (Jesus in den Mund gelegte) Neuinterpretation der Intention Jesu entspricht, dass also die traditionelle Zukunftserwartung Gegenwart und Wirklichkeit geworden ist (365f).

Die präsentische Eschatologie des Evangelisten findet in Jh 5,24-27 ihren markantesten Ausdruck. Durch die drei Wörter: „und jetzt ist sie“ (V25), die der Evangelist in ein schon formuliertes Bekenntnis des grundschriftlichen Judenchristentums einfügt, verkündet er, dass jetzt schon die eschatologische Totenerweckung und das eschatologische Gericht stattfinden. Wer an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes glaubt, hat jetzt schon das eschatologische Heilsgut des Lebens. Die Vollmacht Jesu, das Heilsgut des Lebens (das das Leben Gottes ist und Lebensgemeinschaft mit Gott bedeutet) verleihen zu können, hat ihren Grund in seiner Gottessohnschaft. Als der Sohn hat er das Leben des Vaters in sich (5,26). In gleicher Weise (als der Sohn des Vaters und im Auftrag des Vaters V30) übt er auch die Funktion des Richters aus, die nach der Tradition die (ebenfalls von Gott übertragene) Funktion des MSs ist (5,27). Mit dem „Amen, Amen“ (5,24 und 25) will der Evangelist aufs höchste beteuern, dass nicht die traditionelle Zukunfts-Eschatologie des Judenchristentum der Intention von Lehre und Werk sowie der Bedeutung der Person Jesu entspricht, sondern nur die vom Evangelisten verkündete präsentische Eschatologie (367).

In den VV 11,24-27 dürften Bekenntnisformeln des jhn Judenchristentums vorliegen, die der Evangelist durch die VV 25f und das in V27 eingefügte „Sohn Gottes“ im Sinn seiner spezifischen Christologie und Eschatologie korrigiert. Wenn der Evangelist hier Jesus sich als „die Auferstehung und das Leben“ bezeichnen lässt (V25), so heißt das, dass für die Glaubenden die (von Maria = vom jhn Judenchristentum) erwartete Auferstehung am Jüngsten Tag jetzt, in der Gegenwart Jesu (und in der Verkündigung über Jesus), sich vollzieht und dass die vom Eschaton erwartete Heilsgabe des ewigen Lebens ebenfalls jetzt schon zuteil wird, in unüberbietbarer Fülle. Der leibliche Tod ist ohne Bedeutung für den, der aufgrund des Glaubens an Jesus das Eschaton durchschritten hat und das ewige Leben erlangt hat (V25f). Hier wird wieder die Verbindung von Eschatologie und Christologie sichtbar. (Die Bezeichnung 'Auferstehung' für Jesus kommt beim Evangelisten sonst nicht mehr vor. Sie ist hier bedingt durch die Neuinterpretierung des traditionellen Bekenntnisses des jhn Judenchristentums A88). Das eschatologische Gericht (Jh 3,17f;  3,36;  8,12-29;  8,50f;  12,27-36;  12,44-50) vollzieht sich in der Gegenwart im Verhalten zur Person Jesu (und zur Verkündigung über Jesu Gottessohnschaft). 9,39: „Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden“. Der 'MS' in 9,35ff ist nicht zu verstehen als Wesensbezeichnung Jesu, sondern nur als Bezeichnung für die Funktion Jesu als des Richters, durch den jetzt das eschatologische Gericht sich an den Menschen vollzieht (9,40f). Der Evangelist spricht von der Gegenwertigkeit der Heilsvollendung. Das Heil ist definitives Heil, nicht eine Vorstufe des Heils, die postmortal eine Vollendung erfährt. Es geht darum Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn des Vaters und eschatologischen Heilbringer zu erweisen (368f).

Der unmittelbare Grund, warum der Evangelist die futurische Eschatologie des Judenchristentums der Grundschrift neu interpretiert und als erfüllt verkündet, ist in der Sohn-Gottes-Christologie zu sehen. Die präsentische Eschatologie (die Erfüllung der für die Zukunft erwarteten eschatologischen Vollendung in der Person und im Wort Jesu) ergibt sich als notwendige Konsequenz aus der Sohn-Gottes-Christologie des Evangelisten: die Bezeichnung Jesu als des eschatologischen MSs und die Verkündigung, dass Jesus der Sohn Gottes und als solcher der eschatologische Heilbringer ist (369).

Die Bezeichnung 'der MS' steht im Dienst der Sohn-Gottes-Christologie zum Erweis der himmlischen Herkunft Jesu. Jesus ist insofern des MS, als er vom Himmel herabgekommen ist, wie es das Judenchristentum der Grundschrift von Jesus als dem am Ende der Zeit zur Parusie kommenden MS erwartete. Der Evangelist musste zeigen, dass Jesus die vom eschatologischen MS erwarteten Funktionen (Totenerweckung, Gericht) auch tatsächlich ausgeübt hat (bzw. ausübt) durch sein in der Gegenwart verkündetes Wort. Darum lässt der Evangelist Jesus immer wieder versichern („Amen, Amen“), dass die vom zukünftigen Eschaton (mit dem Erscheinen des MSs) erwarteten Ereignisse jetzt schon stattfinden. Von diesem Beweisgang des Evangelisten her ergibt sich die Ausschließlichkeit der präsentischen Eschatologie des Evangelisten. Denn mit dem Erscheinen des MSs erfüllen sich alle für die Zukunft gehegten Erwartungen. In der konkreten Situation des Evangelisten würde die Verkündigung einer noch zukünftigen Eschatologie die Annulierung seiner Sohn-Gottes-Christologie bedeuten (369f).

Das eschatologische Heil besteht sowohl nach jüdischer als auch nach christlicher Anschauung in der dauernden und unverlierbaren Gemeinschaft mit Gott, im Anschauen Gottes, in der Teilhabe an Gottes unsterblichem Leben, im Sein in der Doxa oder im Licht Gottes. Die verschiedenen Heilsgestalten der jüdischen Eschatologie haben ebenso wie der Prophet-Messias des jhn Judenchristentums nur die Aufgabe, Israel (oder die Menschen) auf das Kommen der Gottesherrschaft vorzubereiten. Sie haben nicht das Heilsgut des Lebens in sich selbst. Auch als Gesandte Gottes sind sie nicht Träger des Heils, sondern nur Führer zum Heil. Beim Jesus des Evangelisten ist das anders, denn dieser Jesus ist Gottes Sohn. Als solcher hat er das Leben Gottes, seines Vaters, in sich: „Denn wie der Vater Leben in sich hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, Leben zu haben in sich“ (Jh 5,25;  6,35.40.48-51a). Der Evangelist begründet die jetzt stattfindende eschatologische Totenerweckung und Verleihung der Heilsgabe des ewigen (göttlichen) Lebens nur mit der Gottessohnschaft Jesu (A99). In der gläubigen Begegnung mit Jesus, im gläubigen Hören der Stimme Jesu als des Gottessohnes (5,25), erlangt der Mensch jetzt schon das Leben total, „für alle Ewigkeit“ (6,51a): „Denn das ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe“ (6,40). Somit wird mit der Heilsgabe des von Jesus gegebenen ewigen Lebens das Wirklichkeit, was der traditionelle Glaube erst nach dem Eschaton erwartet: die definitive Teilhabe am Leben Gottes. Das Eschaton ist deshalb in Jesus gegenwärtig, weil die Macht und die Gegenwart der Gottesherrlichkeit in diesem Erlöser versammelt sind. Der Evangelist polemisiert gegen die Prophet-Messias-Christologie des Judenchristentums der Grundschrift. Was die futurische Eschatologie betrifft, so stellt er sie als erfüllt hin, um auch auf diese Weise den Judenchristen zu sagen, dass Jesus wirklich vom Himmel herabgekommen und der Sohn Gottes ist. Nur eine ausschließlich präsentische Eschatologie kann ein Beweis dafür sein, dass Jesus wirklich die vom MS erwarteten eschatologischen Akte ausgeführt hat bzw. ausführt (370f).

Für den Evangelisten ist Jesus der Weg nach oben, die Begegnung mit ihm ist schon die Ankunft am Ziel des Weges. Auch aus Jh 11,25 geht hervor, dass es für den Evangelisten nach dem Tod des einzelnen Jüngers kein Plus an Heilsvollendung gibt (373).

                   

d. Die Eschatologie des antidoketistischen Redaktors

Diese Eschatologie lässt sich durch zwei Merkmale charakterisieren: einerseits wird die bloß präsentische Eschatologie des Evangelisten ergänzt und insofern korrigiert, als auch noch (oder wieder) die futurisch-apokalyptische Eschatologie (mit Parusie usw.) nachdrücklich verkündet wird. Andererseits wird die Gegenwärtigkeit des Heils zwar beibehalten, aber insofern reininterpretiert und für die gegenwärtige Situation aktualisiert, als der Erweis des gegenwärtigen Heilsbesitzes nicht mehr bloß im Glauben an Jesu Gottessohnschaft gesehen wird, sondern auch im Glauben an das wahre Menschsein Jesu. Darüber hinaus erweist nicht mehr der Glaube allein die Tatsächlichkeit des Heilsbesitzes, sondern auch ein bestimmtes ethisches Handeln und ein bestimmtes 'kirchliches' Verhalten sind gefordert, vor allem: gute Werke (besonders Bruderliebe), die Sünde meiden, „bei uns bleiben“ (d.h. in der Gruppe, deren Sprecher der Redaktor ist, bleiben = bei deren christologischem Bekenntnis bleiben). In jenen jhn Gemeinden, die sich zur Sohn-Gottes-Christologie des Evangelisten bekannten, hatte sich unter dem Einfluss des gnostischen Dualismus eine neue Anschauung über Jesus gebildet. Sie hielten Jesus für ein ausschließlich himmlisches Wesen, seine irdische Erscheinung als Mensch sei nur Schein gewesen. Für den Evangelisten ist Jesus der Weg nach oben, die Begegnung mit ihm ist schon die Ankunft am Ziel des Weges. Auch aus Jh 11,25 geht hervor, dass es für den Evangelisten nach dem Tod des einzelnen Jüngers kein Plus an Heilsvollendung gibt (373).

Die futurisch-apokalyptische Eschatologie im jhn Schrifttum erscheint ebenso wie die 'Verkirchlichung' und Ethisierung der vom Evangelisten verkündeten präsentischen Eschatologie weithin unter dem Aspekt der antidoketistischen Abwehr. Jh 5,28f:Wundert euch nicht darüber: Es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern (sind), hören werden seine (= des MSs) Stimme, und es werden herauskommen die (,die) das Gute getan (haben,) zur Auferstehung (des) Lebens, die das Böse verübt (haben,) zur Auferstehung (des) Gerichts“. Nach Inhalt und Tendenz ist der Text nichts anderes als eine Neuinterpretierung von 5,25f im Sinn der futurischen Eschatologie mit ausgesprochen antidoketistischem Akzent. Der rein futurische Aspekt (der zugleich antidoketistisch ist) kommt darin zum Ausdruck, dass anstelle der „Toten“, die beim Evangelisten im geistigen Sinn verstanden sind, eindeutig von den Verstorbenen, die in den Gräbern sind, die Rede ist und von einem „Herauskommen“ (aus den Gräbern). Antidoketistisch ist auch das Gericht nach den Werken. Die Methode der Korrektur und Neuinterpretation ist die gleiche, die schon der Evangelist gegenüber den traditionellen Jesusworten des Judenchristentums der Grundschrift angewandt hat (374f).

Wie der ganze Abschnitt 6,51b-58 ist auch das stets nachklappende „und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag“ in 6,39f.44 vom Redaktor eingefügt und als Niederschlag seiner Auseinandersetzung mit den Doketisten zu verstehen. Mit der Betonung der allgemeinen Totenerweckung am Jüngsten Tag wird damit immer auch die von den Doketisten bestrittene leibliche Auferweckung Jesu vorausgesetzt. Die Verkündigung des zukünftigen Gerichts hat der Redaktor auch am Schluss von 12,48 angehängt: „Wer mich verwirft und nicht annimmt meine Worte, hat seinen Richter: das Wort, das ich gesprochen habe, das wird ihn richten am letzten Tag“. Der Evangelist sprach von der Richtertätigkeit des Wortes Jesu im Präsens (3,18: „Wer an ihn, den Sohn Gottes, glaubt, wird nicht gerichtet: wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“) (376).

In den Jh-Briefen erscheint die futurische Eschatologie vor allem 1Jh 2,28 (Erwartung der Parusie Jesu); 3,2f (Hoffnung auf die zukünftige Heilsvollendung); 4,17 (Zuversicht am Tag des Gerichts). Die Erwartung der Parusie und der zukünftigen Heilsvollendung geht auch aus 1Jh 2,18 und 4,3 (2Jh 7f) hervor, wo die Rede ist vom bereits gegenwärtigen Wirken des Antichristen (in den Verkündern der doketistischen Christologie), dessen Erscheinen unmittelbar vor der Parusie als bekannt vorausgesetzt ist. Die traditionelle Erwartung vom Ende der Welt klingt in 1Jh 2,17 an, die zukünftige Heilsvollendung in 2Jh 8 (376f).

An vielen anderen Stellen hat der antidoketistische Redaktor die vom Evangelisten verkündete präsentische Eschatologie und Gegenwärtigkeit des Heilsbesitzes für die konkrete Situation seines antidoketistischen Abwehrkampfs insofern umgedeutet und korrigiert, als er den Erweis der Tatsächlichkeit des von den Gegnern in Anspruch genommenen Heilsbesitzes an eine bestimmte Christologie, an bestimmte ethische Forderungen und an ein bestimmtes 'kirchliches' Verhalten bindet (377).

7. Zum gemeindebildenden Element in den johanneischen (jhn) Schriften
a. Der prädestinierende Wille Gottes
b. Die jeweilige Christologie als Ursache der Entstehung der jhn Gemeinden und ihrer Spaltung

G. Richter

a. Der prädestinierende Wille Gottes

Nach dem Evangelisten ist es letzten Endes Gott selber, der die an Jesus glaubende Gemeinde schafft. Denn dass Menschen an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes glauben (glauben können), hat seinen Grund darin, dass sie „aus Gott geboren (gezeugt) sind“ (1,13), „aus Gott“ (8,47) oder „aus der Wahrheit“ (19,37) sind, dass sie „von oben“ oder „aus (dem) Geist geboren (gezeugt) sind“ (3,3.5.7f). Die Erfüllung dieser Voraussetzung wird von Gott allein gewirkt, sie wird dem Menschen geschenkt. So kann niemand zu Jesus kommen (= an ihn glauben), wenn er nicht vom Vater gezogen wird (6,44), wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist (6,65). Der Vater ist es, der Jesus die Menschen gibt (6,37ff;  10,29;  17,2;  18,9), der dem Hirten (Jesus) die Schafe gibt (10,14f.26f.29). Zu Jesus können nur diejenigen kommen, „die beim Vater gehört und gelernt haben“ (6,45). Die Juden (für den Evangelisten auch die Judenchristen der Grundschrift) können deshalb nicht an Jesus als den Sohn des Vaters glauben, weil sie „nicht aus Gott“ sind (8,47;  8,42ff). Um Jesus als den Sohn Gottes zu erkennen, muss man selber „Kind Gottes“ oder „von oben“ sein. Das ist nach dem Evangelisten ausschließlich Sache der Erwählung durch Gottes völlig freie Entscheidung (395f).

Die dualistisch-deterministischen Vorstellungen des Evangelisten stehen im Dienst seiner christologischen Verkündigung. Er will damit nur zum Ausdruck bringen, wer Jesus ist. Weil für den Evangelisten Jesus der vom Himmel herabgekommene Sohn Gottes ist, wird durch die Begegnung mit Jesus offenbar, zu welcher Kategorie von Menschen der einzelne gehört. Wer Jesus als den Sohn Gottes erkennt und an ihn glaubt, offenbart dadurch, dass er (wie Jesus selber) zur Sphäre Gottes gehört, „aus Gott“ ist. Sein Gezeugtsein von oben ist der Grund, warum er Jesus als den vom Vater gesandten Sohn erkennen kann. Wer hingegen Jesus nicht als den erkennt, als den ihn der Evangelist verkündet, offenbart dadurch, dass er „aus dem Teufel“ ist. Denn nicht an Jesus glauben, heißt für den Evangelisten Gott selber ablehnen, der Jesus gesandt hat (396f).

Für das Judenchristentum der Grundschrift ist Jesus ein Mensch (der Sohn Josefs aus Nazareth (1,45;  6,42), der von Gott zum Messias erwählt worden ist. Die vom Evangelisten behauptete himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu lehnt es ab, deshalb, weil es darin einen Verstoß gegen die in der Schrift (AT) verkündete Einzigartigkeit Gottes (den Monotheismus) sehen muss. Andererseits sieht dieses Judenchristentum in seinem Glauben an die Messianität Jesu ein Bekenntnis zu Gott und dessen Verheißungstreue, denn Gott hat ja Jesus zum Messias erwählt und ihn durch Zeichen und andere messianische Taten ausgewiesen (auch Apg 4,19f). Nicht an Jesu Messianität glauben heißt für dieses Judenchristentum Ungehorsam gegen Gott. Dieses Judenchristentum, das um Gottes willen einerseits die Göttlichkeit Jesu ablehnt, andererseits trotz Ausschluss aus der Synagoge an Jesu Messianität festhält, konnte kaum empfindlicher getroffen werden als mit dem Vorwurf, dass es sich gegen Gott selber stelle. Der Evangelist verkündet seine Christologie in Auseinandersetzung mit dem Judenchristentum der Grundschrift und zur Glaubensfestigung seiner Anhänger (397f).

Der sekundäre (antidoketistische) Redaktor, von dem auch die Jh-Briefe stammen, übernimmt vom Evangelisten die Vorstellung von dem Gezeugtsein aus Gott und damit die prädestinatorische Erwählung zum Heil, sodass auch für ihn Gott selber der grundlegende gemeindebildende Faktor ist. Aber während beim Evangelisten das Gezeugtsein aus Gott und als Folge davon das Prädestiniertsein zum Glauben an Jesus ausschließlich im Dienst seiner spezifischen Christologie stehen, ist der Verfasser im 1Jh fast ausschließlich an den praktischen Konsequenzen des von ihm vertretenen deterministischen Dualismus interessiert. Für den Redaktor ist nicht nur die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde (wie er sie versteht) der Erweis des Gezeugtseins aus Gott, sondern richtiger: das Bleiben in der Gemeinde, das Bleiben im Glauben und die Bewährung im Glauben durch einen entsprechenden Lebenswandel. Was beim Evangelisten zur Begründung seiner christologischen Verkündigung dient, verwendet der Redaktor zur Motivierung seiner Paränese. So begründet er die Verpflichtung zur Bruderliebe und zum Fruchtbringen mit der Auserwählung der Jünger (= der Gemeinde) (15,16f). Das Gehaßtwerden von der Welt deutet er als Erweis dafür, dass die Gemeinde nicht aus der Welt ist, wie auch Jesus selbst nicht aus der Welt war (15,18f;  17,16). Das Erfahren des Hasses der Welt gehört zur Nachfolge Jesu, zur Verbundenheit mit Jesus und zum Bleiben in ihm (15,20f). Im Abschiedsgebet wird das Halten der Worte Jesu und das Verbleiben in der Liebe Gottes immer wieder motiviert mit der Aussage, dass Gott selbst Jesus die Glaubenden gegeben hat und dass sie nicht aus der Welt sind (17,6ff). Auch in Jh 3,19-21 erscheint der für den Redaktor charakteristische praktisch orientierte Dualismus (398f).

Nach 1Jh erweist sich das Gezeugtsein eines Menschen aus Gott im Tun der Gerechtigkeit (2,29), im Nichttun der Sünde (3,9;  5,18), in der Bruderliebe (3,10f;  4,7f;  5,1-4). Wer die Sünde tut, ist „aus dem Teufel“ (3,8), „jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott“ (3,10), ebenso der, der seinen Bruder nicht liebt (3,10). Die Herkunft oder das Gezeugtsein aus Gott offenbart sich auch im Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und dem Sohn Gottes (5,1.4;  5,20), ebenso im Bekenntnis zum wahren Menschsein („Fleisch“) Jesu (4,1-6;  5,5ff;  2Jh 7). Die bleibende Gemeinschaft mit Gott, das Sein in Gott oder im Licht oder in der Wahrheit wird offenbar im Tun des Menschen: im Lebenswandel (1,6f), im Halten der Gebote (2,3-5), in der Bruderliebe (2,9-11;  3,17-19;  4,13-16), in der Distanzierung von der Welt und ihrer Lust, „die nicht aus dem Vater stammt“ (2,15f). Die wahre Zugehörigkeit zur Gemeinde (und damit die Herkunft von Gott) zeigt sich im Bleiben in der Gemeinde (2,19), im Bleiben in der Lehre über Jesus als den Sohn Gottes (2,22-24). Im 2Jh kommt die Prädestination zur Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde zum Ausdruck im Terminus „auserwählt“ (VV 1.13), nämlich durch Gott. Auch hier ist (wie in 1Jh) das Tun (das ethische Verhalten) und das Bleiben im Bekenntnis zu Jesus (wahrer Mensch V7; Sohn des Vaters V9) der Erweis dafür, dass man „in der Wahrheit“ ist (VV 1f.4-6.7-11). Auch im 3Jh erweist sich die Herkunft aus Gott im Tun (V11) (399).

b. Die jeweilige Christologie als Ursache der Entstehung der jhn Gemeinden und ihrer Spaltung

Für das Judenchristentum der Grundschrift war Jesus der von Gott verheißene Messias nicht davidischer Herkunft, sondern der Dtn 18,15ff verheißene Prophet wie Moses, also der Prophet-Messias (Jh 1,45;  7,31). Als Prophet-Messias war Jesus nicht göttlicher Herkunft, sondern ein Mensch aus der Mitte seiner Volksgenossen, der Sohn Josefs von Nazareth (1,45f;  6,42). Aus verschiedenen Gründen hatten die Pharisäer (die in der Zeit nach 70 als einzige noch existierende Partei die Führung des Volks in Händen hatten) beschlossen, „dass, wenn jemand ihn (= Jesus) als Christus (= Messias) bekenne, (er) aus der Synagoge ausgeschlossen werde“ (9,22;  12;42;  16,2). Ein Teil der Judenchristen blieb als „geheime Jünger“ im jüdischen Volksverband (9,22f;  12,42f;  19,38). Die anderen Judenchristen, die im Bekenntnis zu Jesus als dem Messias eine Forderung Gottes sahen, der sie sich nicht entziehen konnten (Jh 9,30-33;  12,43) waren genötigt, sich als eine von der Synagoge unabhängige neue Gemeinschaft zu organisieren, sich eine eigene Ordnung zu geben, sich als selbstständige Gemeinde zu konstituieren (401f).

Man darf annehmen, dass das Judenchristentum der Grundschrift sich eine Gemeindeverfassung nach dem Vorbild der Synagoge (aus der es hervorgegangen ist) gegeben hat, dass die Führung in den Händen von Presbytern (Ältesten) lag. (Auch in anderen Gemeinden standen Presbyter an der Spitze: Apg 14,23;  20,17;  1Tim 5,17ff;  Tit 1,5;  Jak 5,14;  1Petr 5,1ff). Dieses Judenchristentum schuf sich eine Schrift ähnlich der Gattung 'Evangelium', die sich davon aber insofern unterscheidet, als die Verkündigung Jesu so gut wie nicht zu Wort kommt. Die Grundschrift, die erst nach der Trennung von der Synagoge geschrieben wurde (der Synagogenausschluss der Bekenner der Messianität Jesu ist vorausgesetzt: 9,22;  12,42), ist ausschließlich eine Apologie der Messianität Jesu gegenüber dem Judentum und der Täufergemeinde. Das jhn Judenchristentum gibt hier sich selbst und seinen Gegnern Rechenschaft über seinen Glauben, dass Jesus der von Gott erweckte Prophet-Messias ist, wie ihn Moses (Dtn 18,15ff) verheißen hat. Zu diesem Zweck hat der Autor der Grundschrift aus dem ihm zur Verfügung stehenden christlichen Traditionsgut – das von den Synoptikern unabhängig ist – seiner Intention (= Erweis der Messianität Jesu) entsprechende Stoffe ausgesucht und neu gedeutet, wobei in dieser Neuinterpretation auch die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem damaligen Judentum und der damaligen Täufergemeinde transparent wird (403f).

In dieser judenchristlichen Gemeinde(gruppe) der Grundschrift bildete sich im Lauf der Zeit ein Kreis, der eines Tages aus der Gemeinde ausschied und als eine eigene, selbstständige, vom Judenchristentum unabhängige und zu ihm in Gegensatz stehende Gemeinde zu existieren begann. Repräsentant dieses Kreises war der vierte Evangelist. Der Grund der Trennung ist wiederum die Anschauung über Jesus, die Christologie. Der Kreis um den Evangelisten sah in Jesus nicht mehr den Prophet-Messias wie das Judenchristentum der Grundschrift, sondern den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes. Das Heil besteht für diese Gruppe nicht mehr im Glauben an Jesu Messianität, sondern an Jesu himmlische Herkunft und Göttlichkeit. Dieser Glaube ist für sie eine Forderung Gottes und der ausschließliche Heilsweg. Jeder Widerspruch gegen diesen Glauben ist Ungehorsam und Feindschaft gegen Gott und bedeutet Ausschluss vom Heil. Nach G. Richter scheint einiges dafür zu sprechen, dass sowohl die hohe Christologie des Evangelisten als auch die hohe 'Johannologie' der Täufergemeinde zustande gekommen sind durch Beeinflussung durch die Erlösungs- und Erlöserlehre jenes häretisch-gnostisierenden Judentums, aus dem die gnostische Taufsekte der Mandäer hervorgegangen ist (404f).

Die Reaktion des Judenchristentums der Grundschrift auf den 'neuen Glauben' war entschiedener Widerspruch. Die Einwände gegen die himmlische Herkunft und die Göttlichkeit Jesu, die der Evangelist durch die Juden aussprechen lässt, sind in Wirklichkeit die Einwände des Judenchristentums, das wie das Judentum an der menschlichen Herkunft des Messias (und damit auch Jesu) ebenso festhält wie an der Einzigartigkeit Gottes (am Monotheismus). Es scheint möglich, dass sich das Judenchristentum der Neuerer auf ähnliche Weise entledigte, wie es früher die Synagoge mit den Judenchristen getan hat: man schloss sie aus der Gemeinde aus und hielt keine Gemeinschaft mit ihnen, man drängte sie in die Isolierung. Die ungemein scharfe Reaktion des Evangelisten auf das ungläubige Verhalten des Judenchristentums gegenüber seiner christologischen Verkündigung (er stellt sie auf dieselbe Stufe mit den ungläubigen Juden, spricht ihnen das Heil ab und nennt sie Teufelskinder) könnte möglicherweise auch darin ihren Grund haben, dass das Judenchristentum die Bekenner des neuen Glaubens aus der Gemeinde ausgeschlossen hat (406).

War die Grundschrift das Glaubensdokument des jhn Judenchristentums, so machte der Evangelist daraus das Glaubenszeugnis seiner Gruppe. An die Spitze stellte er den Prolog, in dem die himmlische Herkunft Jesu verkündet wird (1,1-13), am Schluss des Buches fügte er 20,31b hinzu, so dass als Zweck der Schrift nun die Begründung und Festigung des Glaubens an Jesus als den Sohn Gottes erscheint. Dementsprechend ist auch alles übrige, was der Evangelist änderte und hinzufügte, Um- und Neudeutung der grundschriftlichen Darstellung – z.T. in ausführlichen Reden – mit dem Ziel, die himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu zu erweisen. Auch aus dem Täufer, der in der Grundschrift als Zeuge der Messianität Jesu fungiert, machte er einen Zeugen der himmlischen Herkunft und Göttlichkeit Jesu. Trotz der zahlenmäßigen Minderheit der christlichen Gruppe um den Evangelisten ist sie dennoch nicht in homogener Einheit beisammen geblieben. Man beschwor zwar die Einheit (Jh 17,11f.20-23), aber die Spaltung ging weiter. In Weiterführung der mit der Christologie des Evangelisten gegebenen Ansätze (Jesus ein himmlisches Wesen von göttlicher Herkunft) hatte sich unter dem Einfluss des gnostischen Dualismus eine neue Anschauung über Jesus (eine neue Christologie) gebildet, der Doketismus (407).

Die Reaktion gegen die doketistische Christologie blieb nicht aus und hat auch im jhn Schrifttum ihren Niederschlag gefunden. Der antidoketistische Redaktor ergänzte die zum Erweis der Göttlichkeit Jesu erstellte Schrift des Evangelisten durch antidoketistische Aussagen, die das wahre Menschsein und die wirkliche Leiblichkeit Jesu, aber auch andere, durch die Situation des Doketismus aktuell gewordene Themen zum Inhalt hatten, und schrieb in deutlicher Auseinandersetzung mit den Doketisten auch den 1Jh-Brief. Er verkündet unmissverständlich, dass Jesus als wahrer Mensch in diese Welt eingetreten ist (Jh 1,14;  1Jh 4,2f;  5,6;  2Jh 7), dass er als Mensch litt, starb, begraben und auferweckt wurde (19,34f.39f;  20,2.10.24-29), dass der Tod Jesu Heilsbedeutung hat (1Jh 1,7;  2,2), dass – hinsichtlich der Eucharistie – Jesu Fleisch und Blut wirklich heilsnotwendige Speise und Trank sind (6,51c-58), dass es eine Auferweckung der Toten am Jüngsten Tag gibt (5,28f;  6,39f.44.54), dass es für alle ein Gericht nach den Werken gibt (5,29;  1Jh 2,28;  4,17;  2Jh 8). In 1Jh wird auch die Berufung auf die Augenzeugen des Lebens Jesu (Jh 19,35) bzw. auf die christliche Tradition („was von Anfang an war“) (1Jh 1,1-3.5;  2,7.24-27;  3,1ff;  4,3) - gegen die „neue Lehre“ der Doketisten zu verstehen sein. Die Erkenntnis Jesu besteht in einem Leben nach seinem Vorbild, in der Bruderliebe. Aus der Klage in 1Jh 2,19: „von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht aus uns, wenn sie nämlich aus uns gewesen wären, wären sie bei uns geblieben“ - geht hervor, dass die Doketisten von sich aus die Gemeinde verlassen und eigene Gemeinschaften gebildet haben (409f).

Auch der antidoketistische jhn Flügel konnte die Einheit nicht bewahren. Dieses Mal war nicht eine neue Christologie die Ursache, sondern die Entstehung der neuen Gemeindeverfassung des monarchischen Episkopats (das autoritative Auftreten des Diotrephes: 3Jh), die den an der traditionellen patriarchalisch-pneumatischen Gemeindeordnung festhaltenden Teil in die Isolierung trieb (412).