7.7 Zum gemeindebildenden Element in den johanneischen (jhn) Schriften
a. Der prädestinierende Wille Gottes
b. Die jeweilige Christologie als Ursache der Entstehung der jhn Gemeinden und ihrer Spaltung

G. Richter

a. Der prädestinierende Wille Gottes

Nach dem Evangelisten ist es letzten Endes Gott selber, der die an Jesus glaubende Gemeinde schafft. Denn dass Menschen an Jesus als den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes glauben (glauben können), hat seinen Grund darin, dass sie „aus Gott geboren (gezeugt) sind“ (1,13), „aus Gott“ (8,47) oder „aus der Wahrheit“ (19,37) sind, dass sie „von oben“ oder „aus (dem) Geist geboren (gezeugt) sind“ (3,3.5.7f). Die Erfüllung dieser Voraussetzung wird von Gott allein gewirkt, sie wird dem Menschen geschenkt. So kann niemand zu Jesus kommen (= an ihn glauben), wenn er nicht vom Vater gezogen wird (6,44), wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist (6,65). Der Vater ist es, der Jesus die Menschen gibt (6,37ff;  10,29;  17,2;  18,9), der dem Hirten (Jesus) die Schafe gibt (10,14f.26f.29). Zu Jesus können nur diejenigen kommen, „die beim Vater gehört und gelernt haben“ (6,45). Die Juden (für den Evangelisten auch die Judenchristen der Grundschrift) können deshalb nicht an Jesus als den Sohn des Vaters glauben, weil sie „nicht aus Gott“ sind (8,47;  8,42ff). Um Jesus als den Sohn Gottes zu erkennen, muss man selber „Kind Gottes“ oder „von oben“ sein. Das ist nach dem Evangelisten ausschließlich Sache der Erwählung durch Gottes völlig freie Entscheidung (395f).

Die dualistisch-deterministischen Vorstellungen des Evangelisten stehen im Dienst seiner christologischen Verkündigung. Er will damit nur zum Ausdruck bringen, wer Jesus ist. Weil für den Evangelisten Jesus der vom Himmel herabgekommene Sohn Gottes ist, wird durch die Begegnung mit Jesus offenbar, zu welcher Kategorie von Menschen der einzelne gehört. Wer Jesus als den Sohn Gottes erkennt und an ihn glaubt, offenbart dadurch, dass er (wie Jesus selber) zur Sphäre Gottes gehört, „aus Gott“ ist. Sein Gezeugtsein von oben ist der Grund, warum er Jesus als den vom Vater gesandten Sohn erkennen kann. Wer hingegen Jesus nicht als den erkennt, als den ihn der Evangelist verkündet, offenbart dadurch, dass er „aus dem Teufel“ ist. Denn nicht an Jesus glauben, heißt für den Evangelisten Gott selber ablehnen, der Jesus gesandt hat (396f).

Für das Judenchristentum der Grundschrift ist Jesus ein Mensch (der Sohn Josefs aus Nazareth (1,45;  6,42), der von Gott zum Messias erwählt worden ist. Die vom Evangelisten behauptete himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu lehnt es ab, deshalb, weil es darin einen Verstoß gegen die in der Schrift (AT) verkündete Einzigartigkeit Gottes (den Monotheismus) sehen muss. Andererseits sieht dieses Judenchristentum in seinem Glauben an die Messianität Jesu ein Bekenntnis zu Gott und dessen Verheißungstreue, denn Gott hat ja Jesus zum Messias erwählt und ihn durch Zeichen und andere messianische Taten ausgewiesen (auch Apg 4,19f). Nicht an Jesu Messianität glauben heißt für dieses Judenchristentum Ungehorsam gegen Gott. Dieses Judenchristentum, das um Gottes willen einerseits die Göttlichkeit Jesu ablehnt, andererseits trotz Ausschluss aus der Synagoge an Jesu Messianität festhält, konnte kaum empfindlicher getroffen werden als mit dem Vorwurf, dass es sich gegen Gott selber stelle. Der Evangelist verkündet seine Christologie in Auseinandersetzung mit dem Judenchristentum der Grundschrift und zur Glaubensfestigung seiner Anhänger (397f).

Der sekundäre (antidoketistische) Redaktor, von dem auch die Jh-Briefe stammen, übernimmt vom Evangelisten die Vorstellung von dem Gezeugtsein aus Gott und damit die prädestinatorische Erwählung zum Heil, sodass auch für ihn Gott selber der grundlegende gemeindebildende Faktor ist. Aber während beim Evangelisten das Gezeugtsein aus Gott und als Folge davon das Prädestiniertsein zum Glauben an Jesus ausschließlich im Dienst seiner spezifischen Christologie stehen, ist der Verfasser im 1Jh fast ausschließlich an den praktischen Konsequenzen des von ihm vertretenen deterministischen Dualismus interessiert. Für den Redaktor ist nicht nur die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde (wie er sie versteht) der Erweis des Gezeugtseins aus Gott, sondern richtiger: das Bleiben in der Gemeinde, das Bleiben im Glauben und die Bewährung im Glauben durch einen entsprechenden Lebenswandel. Was beim Evangelisten zur Begründung seiner christologischen Verkündigung dient, verwendet der Redaktor zur Motivierung seiner Paränese. So begründet er die Verpflichtung zur Bruderliebe und zum Fruchtbringen mit der Auserwählung der Jünger (= der Gemeinde) (15,16f). Das Gehaßtwerden von der Welt deutet er als Erweis dafür, dass die Gemeinde nicht aus der Welt ist, wie auch Jesus selbst nicht aus der Welt war (15,18f;  17,16). Das Erfahren des Hasses der Welt gehört zur Nachfolge Jesu, zur Verbundenheit mit Jesus und zum Bleiben in ihm (15,20f). Im Abschiedsgebet wird das Halten der Worte Jesu und das Verbleiben in der Liebe Gottes immer wieder motiviert mit der Aussage, dass Gott selbst Jesus die Glaubenden gegeben hat und dass sie nicht aus der Welt sind (17,6ff). Auch in Jh 3,19-21 erscheint der für den Redaktor charakteristische praktisch orientierte Dualismus (398f).

Nach 1Jh erweist sich das Gezeugtsein eines Menschen aus Gott im Tun der Gerechtigkeit (2,29), im Nichttun der Sünde (3,9;  5,18), in der Bruderliebe (3,10f;  4,7f;  5,1-4). Wer die Sünde tut, ist „aus dem Teufel“ (3,8), „jeder, der nicht Gerechtigkeit tut, ist nicht aus Gott“ (3,10), ebenso der, der seinen Bruder nicht liebt (3,10). Die Herkunft oder das Gezeugtsein aus Gott offenbart sich auch im Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und dem Sohn Gottes (5,1.4;  5,20), ebenso im Bekenntnis zum wahren Menschsein („Fleisch“) Jesu (4,1-6;  5,5ff;  2Jh 7). Die bleibende Gemeinschaft mit Gott, das Sein in Gott oder im Licht oder in der Wahrheit wird offenbar im Tun des Menschen: im Lebenswandel (1,6f), im Halten der Gebote (2,3-5), in der Bruderliebe (2,9-11;  3,17-19;  4,13-16), in der Distanzierung von der Welt und ihrer Lust, „die nicht aus dem Vater stammt“ (2,15f). Die wahre Zugehörigkeit zur Gemeinde (und damit die Herkunft von Gott) zeigt sich im Bleiben in der Gemeinde (2,19), im Bleiben in der Lehre über Jesus als den Sohn Gottes (2,22-24). Im 2Jh kommt die Prädestination zur Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde zum Ausdruck im Terminus „auserwählt“ (VV 1.13), nämlich durch Gott. Auch hier ist (wie in 1Jh) das Tun (das ethische Verhalten) und das Bleiben im Bekenntnis zu Jesus (wahrer Mensch V7; Sohn des Vaters V9) der Erweis dafür, dass man „in der Wahrheit“ ist (VV 1f.4-6.7-11). Auch im 3Jh erweist sich die Herkunft aus Gott im Tun (V11) (399).

b. Die jeweilige Christologie als Ursache der Entstehung der jhn Gemeinden und ihrer Spaltung

Für das Judenchristentum der Grundschrift war Jesus der von Gott verheißene Messias nicht davidischer Herkunft, sondern der Dtn 18,15ff verheißene Prophet wie Moses, also der Prophet-Messias (Jh 1,45;  7,31). Als Prophet-Messias war Jesus nicht göttlicher Herkunft, sondern ein Mensch aus der Mitte seiner Volksgenossen, der Sohn Josefs von Nazareth (1,45f;  6,42). Aus verschiedenen Gründen hatten die Pharisäer (die in der Zeit nach 70 als einzige noch existierende Partei die Führung des Volks in Händen hatten) beschlossen, „dass, wenn jemand ihn (= Jesus) als Christus (= Messias) bekenne, (er) aus der Synagoge ausgeschlossen werde“ (9,22;  12;42;  16,2). Ein Teil der Judenchristen blieb als „geheime Jünger“ im jüdischen Volksverband (9,22f;  12,42f;  19,38). Die anderen Judenchristen, die im Bekenntnis zu Jesus als dem Messias eine Forderung Gottes sahen, der sie sich nicht entziehen konnten (Jh 9,30-33;  12,43) waren genötigt, sich als eine von der Synagoge unabhängige neue Gemeinschaft zu organisieren, sich eine eigene Ordnung zu geben, sich als selbstständige Gemeinde zu konstituieren (401f).

Man darf annehmen, dass das Judenchristentum der Grundschrift sich eine Gemeindeverfassung nach dem Vorbild der Synagoge (aus der es hervorgegangen ist) gegeben hat, dass die Führung in den Händen von Presbytern (Ältesten) lag. (Auch in anderen Gemeinden standen Presbyter an der Spitze: Apg 14,23;  20,17;  1Tim 5,17ff;  Tit 1,5;  Jak 5,14;  1Petr 5,1ff). Dieses Judenchristentum schuf sich eine Schrift ähnlich der Gattung 'Evangelium', die sich davon aber insofern unterscheidet, als die Verkündigung Jesu so gut wie nicht zu Wort kommt. Die Grundschrift, die erst nach der Trennung von der Synagoge geschrieben wurde (der Synagogenausschluss der Bekenner der Messianität Jesu ist vorausgesetzt: 9,22;  12,42), ist ausschließlich eine Apologie der Messianität Jesu gegenüber dem Judentum und der Täufergemeinde. Das jhn Judenchristentum gibt hier sich selbst und seinen Gegnern Rechenschaft über seinen Glauben, dass Jesus der von Gott erweckte Prophet-Messias ist, wie ihn Moses (Dtn 18,15ff) verheißen hat. Zu diesem Zweck hat der Autor der Grundschrift aus dem ihm zur Verfügung stehenden christlichen Traditionsgut – das von den Synoptikern unabhängig ist – seiner Intention (= Erweis der Messianität Jesu) entsprechende Stoffe ausgesucht und neu gedeutet, wobei in dieser Neuinterpretation auch die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem damaligen Judentum und der damaligen Täufergemeinde transparent wird (403f).

In dieser judenchristlichen Gemeinde(gruppe) der Grundschrift bildete sich im Lauf der Zeit ein Kreis, der eines Tages aus der Gemeinde ausschied und als eine eigene, selbstständige, vom Judenchristentum unabhängige und zu ihm in Gegensatz stehende Gemeinde zu existieren begann. Repräsentant dieses Kreises war der vierte Evangelist. Der Grund der Trennung ist wiederum die Anschauung über Jesus, die Christologie. Der Kreis um den Evangelisten sah in Jesus nicht mehr den Prophet-Messias wie das Judenchristentum der Grundschrift, sondern den vom Himmel herabgekommenen Sohn Gottes. Das Heil besteht für diese Gruppe nicht mehr im Glauben an Jesu Messianität, sondern an Jesu himmlische Herkunft und Göttlichkeit. Dieser Glaube ist für sie eine Forderung Gottes und der ausschließliche Heilsweg. Jeder Widerspruch gegen diesen Glauben ist Ungehorsam und Feindschaft gegen Gott und bedeutet Ausschluss vom Heil. Nach G. Richter scheint einiges dafür zu sprechen, dass sowohl die hohe Christologie des Evangelisten als auch die hohe 'Johannologie' der Täufergemeinde zustande gekommen sind durch Beeinflussung durch die Erlösungs- und Erlöserlehre jenes häretisch-gnostisierenden Judentums, aus dem die gnostische Taufsekte der Mandäer hervorgegangen ist (404f).

Die Reaktion des Judenchristentums der Grundschrift auf den 'neuen Glauben' war entschiedener Widerspruch. Die Einwände gegen die himmlische Herkunft und die Göttlichkeit Jesu, die der Evangelist durch die Juden aussprechen lässt, sind in Wirklichkeit die Einwände des Judenchristentums, das wie das Judentum an der menschlichen Herkunft des Messias (und damit auch Jesu) ebenso festhält wie an der Einzigartigkeit Gottes (am Monotheismus). Es scheint möglich, dass sich das Judenchristentum der Neuerer auf ähnliche Weise entledigte, wie es früher die Synagoge mit den Judenchristen getan hat: man schloss sie aus der Gemeinde aus und hielt keine Gemeinschaft mit ihnen, man drängte sie in die Isolierung. Die ungemein scharfe Reaktion des Evangelisten auf das ungläubige Verhalten des Judenchristentums gegenüber seiner christologischen Verkündigung (er stellt sie auf dieselbe Stufe mit den ungläubigen Juden, spricht ihnen das Heil ab und nennt sie Teufelskinder) könnte möglicherweise auch darin ihren Grund haben, dass das Judenchristentum die Bekenner des neuen Glaubens aus der Gemeinde ausgeschlossen hat (406).

War die Grundschrift das Glaubensdokument des jhn Judenchristentums, so machte der Evangelist daraus das Glaubenszeugnis seiner Gruppe. An die Spitze stellte er den Prolog, in dem die himmlische Herkunft Jesu verkündet wird (1,1-13), am Schluss des Buches fügte er 20,31b hinzu, so dass als Zweck der Schrift nun die Begründung und Festigung des Glaubens an Jesus als den Sohn Gottes erscheint. Dementsprechend ist auch alles übrige, was der Evangelist änderte und hinzufügte, Um- und Neudeutung der grundschriftlichen Darstellung – z.T. in ausführlichen Reden – mit dem Ziel, die himmlische Herkunft und Gottessohnschaft Jesu zu erweisen. Auch aus dem Täufer, der in der Grundschrift als Zeuge der Messianität Jesu fungiert, machte er einen Zeugen der himmlischen Herkunft und Göttlichkeit Jesu. Trotz der zahlenmäßigen Minderheit der christlichen Gruppe um den Evangelisten ist sie dennoch nicht in homogener Einheit beisammen geblieben. Man beschwor zwar die Einheit (Jh 17,11f.20-23), aber die Spaltung ging weiter. In Weiterführung der mit der Christologie des Evangelisten gegebenen Ansätze (Jesus ein himmlisches Wesen von göttlicher Herkunft) hatte sich unter dem Einfluss des gnostischen Dualismus eine neue Anschauung über Jesus (eine neue Christologie) gebildet, der Doketismus (407).

Die Reaktion gegen die doketistische Christologie blieb nicht aus und hat auch im jhn Schrifttum ihren Niederschlag gefunden. Der antidoketistische Redaktor ergänzte die zum Erweis der Göttlichkeit Jesu erstellte Schrift des Evangelisten durch antidoketistische Aussagen, die das wahre Menschsein und die wirkliche Leiblichkeit Jesu, aber auch andere, durch die Situation des Doketismus aktuell gewordene Themen zum Inhalt hatten, und schrieb in deutlicher Auseinandersetzung mit den Doketisten auch den 1Jh-Brief. Er verkündet unmissverständlich, dass Jesus als wahrer Mensch in diese Welt eingetreten ist (Jh 1,14;  1Jh 4,2f;  5,6;  2Jh 7), dass er als Mensch litt, starb, begraben und auferweckt wurde (19,34f.39f;  20,2.10.24-29), dass der Tod Jesu Heilsbedeutung hat (1Jh 1,7;  2,2), dass – hinsichtlich der Eucharistie – Jesu Fleisch und Blut wirklich heilsnotwendige Speise und Trank sind (6,51c-58), dass es eine Auferweckung der Toten am Jüngsten Tag gibt (5,28f;  6,39f.44.54), dass es für alle ein Gericht nach den Werken gibt (5,29;  1Jh 2,28;  4,17;  2Jh 8). In 1Jh wird auch die Berufung auf die Augenzeugen des Lebens Jesu (Jh 19,35) bzw. auf die christliche Tradition („was von Anfang an war“) (1Jh 1,1-3.5;  2,7.24-27;  3,1ff;  4,3) - gegen die „neue Lehre“ der Doketisten zu verstehen sein. Die Erkenntnis Jesu besteht in einem Leben nach seinem Vorbild, in der Bruderliebe. Aus der Klage in 1Jh 2,19: „von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht aus uns, wenn sie nämlich aus uns gewesen wären, wären sie bei uns geblieben“ - geht hervor, dass die Doketisten von sich aus die Gemeinde verlassen und eigene Gemeinschaften gebildet haben (409f).

Auch der antidoketistische jhn Flügel konnte die Einheit nicht bewahren. Dieses Mal war nicht eine neue Christologie die Ursache, sondern die Entstehung der neuen Gemeindeverfassung des monarchischen Episkopats (das autoritative Auftreten des Diotrephes: 3Jh), die den an der traditionellen patriarchalisch-pneumatischen Gemeindeordnung festhaltenden Teil in die Isolierung trieb (412).