(2) Die Komposition des Hebräerbriefes

Zur Diskussion stehen folgende Perikopen: Hebr 1,6; 9,27f; 10,25; 10,36-39; 12,25-29).

a. Hebr 1,6:Und wenn er (Gott) den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht er: Es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten“. 2,5: “Nicht den Engeln hat er untertan gemacht die zukünftige Welt, von der wir reden“. Man muss zwischen der Welt, in die Christus durch die Inkarnation eintritt, und der künftigen Welt unterscheiden. In 1,6 und 2,5 handelt es sich um die künftige Welt, die für den Verfasser mit dem himmlischen Vaterland (11,14-16), der zukünftigen Stadt (13,14) und dem himmlischen Jerusalem (12,22) identisch ist (58).

12,26 (Haggai 2,6): “...Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel". (27) Dieses 'noch einmal' zeigt an, dass das, was erschüttert werden kann, weil es geschaffen ist, verwandelt werden soll, damit "allein das bleibt, was nicht erschüttert werden kann". Der Verf. unterscheidet bei seiner Interpretation zwischen dem Erschütterlichen, womit die gegenwärtige, vergängliche Welt gemeint ist, und dem Unerschütterlichen, was die endgültigen, eschatologischen Wirklichkeiten bezeichnet (59).

Mit dem Begriff oikoumene meint der Hebräerbrief die jenseitige Welt des Himmels, die sich von der diesseitigen bewohnten Welt dadurch unterscheidet, dass sie unerschütterlich ist. Hebr 1,6 spricht von der Einführung Christi in den Himmel, die im Umfeld seiner Erhöhung zu situieren ist. Anlässlich seiner Erhöhung wurde Christus als Erster von den Toten in die himmlische Welt eingeführt und hat so den Weg dorthin für alle Toten gebahnt. Beim Eintritt Christi in den Himmel fordert Gott die Engel zu seiner Anbetung auf. In die himmlische Welt, die der Sohn durch seine Menschwerdung verlassen hatte, wird er im Zuge seiner Auferstehung wieder eingeführt (64f).

b. Hebr. 9,27f:Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, (28) so ist auch Christus einmal dargebracht worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil“. Hebr. 9,27f bildet das christologische und soteriologische Fundament für die paränetischen Aussagen über die Unmöglichkeit einer neuerlichen Buße nach der Erleuchtung, d.h. nach der Erkenntnis der Wahrheit. Die Wahrheit besteht darin, dass Christus ein einziges Mal dargebracht wurde, um ein für allemal die Sünden vieler auf sich und so wegzunehmen. Eine zweite Buße gibt es nicht, weil es kein neuerliches Opfer geben kann. Das Schwergewicht der Intention liegt in der Soteriologie, nicht in der Paränese (78f).

Als positive Zweckbestimmung des zweiten Erscheinens Christi steht dem Gericht die Rettung gegenüber, die mit der Vervollkommnung Christ in seinem Opfer ihren Anfang genommen hat (“Als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden“ . (5,9) Die Rettung wirkt fort, denn sie ist ewig wie das Gericht, d.h. endgültig und fortwährend wirksam. Während der Zweck des Opfers Christi die Wegnahme der Sünden war, ist die Sünde bei seinem zweiten Erscheinen kein Thema mehr und kann es auch nicht sein, weil sie bereits ein für allemal erledigt ist (80).

Die Rolle des Richters ist Gott zugewiesen (10,27.31; 12,29). Christus fällt beim Gericht die Rolle des Retters zu. Gerettet werden von ihm diejenigen, die mit Ausdauer und Glauben auf sein zweites Erscheinen gewartet haben. Für die Geretteten wird im Moment der Rettung ihr Heil offenbar, das bis dahin in der sichtbaren Welt verborgen war. Christus erscheint den Engeln im Himmel direkt nach seinem Tod, wenn er von Gott in die Welt des Himmels eingeführt wird (1,6). Dort erscheint er in der Folge jedem Glaubenden, der durch den Tod hindurch in den Himmel gelangt, ein zweites Mal, nachdem er ihm mittels der christlichen Überlieferung zum ersten Mal in seiner irdischen Gestalt erschienen ist. Das Ewige siedelt der Verfasser ausnahmslos im Himmel und nicht auf der Erde an. Christus erscheint jedem einzelnen Glaubenden unmittelbar nach seinem Tod und bei dem dann stattfindenden Gericht im Himmel als Retter (84f).

c. Hebr 10,25:und nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen und das um so mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht“. 12,22: “Ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem und zu den vielen tausend Engeln und zu der Versammlung (23) und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind und zu Gott dem Richter über alle und zu den Geistern der vollendeten Gerechten (24) und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut“. Die Gemeinde steht jetzt schon im Zeichen des hellen Tages der Rettung, wenn auch erst in der Erwartung (9,28). Ist dieser Tag da, dann kommt an den Tag, ob sie “nützliche Gewächse“ oder nur “Dornen und Disteln“ (6,7f) hervorgebracht hat. Noch ist es nicht Tag, noch dämmert der Tag des Gerichts und der Rettung erst. Diese Zwischenzeit birgt für die Glaubenden die Gefahr, die Verbindung mit Christus und der Gemeinde aufs Spiel zu setzen (90).

d. Hebr 10,36-39:Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. (37) Denn nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll und wird nicht lange ausbleiben. (38) Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm. (39) Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten“. 'Kommend' ist alles, was mit der Heilszeit in Verbindung steht, der neue Äon, die Gottesherrschaft, der Weltrichter, Elia, der Messias (101).

In den beiden Perikopen 10,5-10 und 10,36-39 besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Kommen Christi in die Welt und dem Tun des Willens Gottes. Ausgangspunkt in 10,5-10 ist der Eintritt Christi in die Welt, seine Inkarnation. Der Hebr legt Christus die Worte von Ps 40,7-9 in den Mund. Zuerst wird erwähnt, was Gott nicht wollte, nämlich verschiedene Arten von Opfern. Denn sie können als irdische Veranstaltungen niemals Sünden wegnehmen. Demgegenüber wird ein Neuanfang markiert mit der Wendung “siehe, ich komme“, die den Vorgang des Eintretens in die Welt in die Rede bringt. Daraufhin wird der Zweck des Kommens bekanntgegeben: das Tun des Willens Gottes durch Christus. Der Wille Gottes besteht darin, dass wir geheiligt sind durch die Darbringung des Leibes Jesu Christi ein für allemal (10,10). Diese Heiligung ist dadurch wirksam, dass Jesus sein Opfer nicht im irdischen, sondern im himmlischen Heiligtum darbringt (104f).

In 10,36-39 liefert das Kommen Christi die Begründung dafür, dass die Adressaten zur Ausdauer ermahnt werden. Wie Christus in seinem Kommen den Willen Gottes tat, indem er uns durch die Darbringung seines Leibes geheiligt hat, so sollen wir im Blick auf sein Kommen ebenfalls den Willen Gottes tun und auf diesem Wege die Verheißung empfangen. Da uns Christus im Willen Gottes ein für allemal geheiligt hat, kann das Tun dieses Willens für uns nur noch darin bestehen, als bereits Geheiligte Ausdauer zu zeigen. Wir sind in der Heiligung durch Jesus Christus in den himmlischen Bereich hineingenommen (10,25; 12,22-24). Die Ausdauer besteht jetzt darin, der himmlischen Heimat treu zu bleiben (105).

Wir sollen in Ausdauer (10,36) laufen, indem wir auf Jesus blicken (12,2f), denn dieser ist darin “Anführer und Vollender des Glaubens“, dass er vorbildliche Ausdauer gezeigt hat, indem er das Kreuz erduldete. Der Anführer im Glauben ist auch der Anführer in der Rettung (2,10) und der Vollender ist auch der Vollendete (7,28), der allen, die ihm gehorchen, zum Urheber ewiger Rettung geworden ist (5,9). Der Blick auf Jesus hat christologische und soteriologische Implikationen: Er stärkt nicht nur die Haltung des Glaubens, sondern vergewissert zugleich seinen Inhalt (108).

Der Hebr spricht nicht vom Glauben an Jesus Christus. Gleichwohl gehört zur Pistis eine intensive personale Beziehung zu Jesus. Auf dem Hintergrund der atl Tradition gab es auch im Urchristentum von Anfang an den Glauben als Haltung gegenüber Gott und seinem hereinbrechenden Reich. Aber auch in dieser Glaubenstradition, die nicht explizit den Glauben an Jesus Christus reflektiert, gibt es einen für ihr Verständnis unabdingbar wichtigen sachlichen Bezug zur Person Jesus Christus und seinem Heilswerk (110f).

Das verheißene Gut der Rettung (10,36) besteht nicht in der Parusie Christi auf Erden, sondern im Einzug in das himmlische Allerheiligste. Der Kommende ist Christus, bei dem jede Abweichung vom Willen Gottes ausgeschlossen ist. Gottes Wille ist es, dass wir durch das Kommen Christi ein für allemal von Sünden gereinigt werden und zur Rettung gelangen (9,28; 10,5-10). In der Zeit zwischen seinem ersten und zweiten Kommen gilt es, in der Nachfolge Christi, dem “Anführer und Vollender unseres Glaubens“ (12,2), Ausdauer im Glauben zu beweisen und so wie er den Willen Gottes zu tun. Der Verf. möchte bei den Adressaten die Haltung des Glaubens stärken. Diese gründet in dem Glaubensbeweis, dass Christus schon jetzt, wenn auch für die irdischen Augen noch verborgen, der Herrscher des Alls ist (2,8f). So endgültig die durch seinen Tod bewirkte Sündentilgung ist, so sicher setzt sich seine Herrschaft rettend durch. Wer im Glauben an ihn ausharrt, wird am Ende das Leben gewinnen (10,39) (112).

e. Hebr 12,25-29:Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet. Denn wenn jene nicht entronnen sind, die den abwiesen, der auf Erden redete, wieviel weniger werden wir entrinnen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel redet. (26) Seine Stimme hat zu jener Zeit die Erde erschüttert, jetzt aber verheißt er und spricht: Noch einmal will ich erschüttern nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel. (27) Dieses 'noch einmal' aber zeigt an, dass das, was erschüttert werden kann, weil es geschaffen ist, verwandelt werden soll, damit allein das bleibt, was nicht erschüttert werden kann. (28) Darum, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns dankbar sein und so Gott dienen mit Scheu und Furcht, wie es ihm gefällt; (29) denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“.

Zweck und Folge der Erschütterung des vergänglichen Kosmos ist, dass nur noch das Unerschütterliche bleibt. Beim bleibenden Nicht-Erschütterten handelt es sich um Ungeschaffenes, weil es ansonsten ebenfalls beseitigt würde. Am Ende wird allein das Unerschütterliche, die himmlische Welt Gottes, “die Stadt des lebendigen Gottes“, das “himmlische Jerusalem“ bleiben (119).

Der Ungeschaffene, der das Geschaffene erschüttert, selbst aber nicht erschüttert wird, ist der König des unerschütterlichen Königreiches, das die Christen zu empfangen in Begriff sind. Sowohl 1,6 als auch 1,10-12 wenden ursprünglich auf Gott gemünzte Schriftstellen auf Christus an. Christus gehört auf die Seite Gottes, des Ungeschaffenen. Dasselbe gilt für den Christen, der aufgrund seines Glaubens nicht vernichtet wird, sondern sein Leben erhält (10,39). Dem entspricht die Analogie zwischen unerschütterlicher Welt, in die der Erstgeborene eingeführt wird (1,6), und dem unerschütterlichen Königreich, dass die Erstgeborenen empfangen (12,23) (124).

In Hebr 12,25-29 tritt das Welt- und Wirklichkeitsverständnis des Autors klar zutage. Die Wirklichkeit zerfällt in den Bereich des Erschütterlichen und den Bereich des Unerschütterlichen. Das Erschütterliche ist von Gott geschaffen, von unentwegtem Werden und Vergehen geprägt und kann jederzeit wieder vollständig vergehen. Dagegen ist das Unerschütterliche ungeschaffen und bleibt ohne Veränderung in seinem Sein bestehen. Inbegriff des Erschütterlichen ist die Erde und alles Irdische, des Unerschütterlichen hingegen der Himmel und alles Himmlische. Der Unerschütterliche ist Gott selbst, dem Christus als Sohn Gottes zugehört. Wenn das Sprechen Gottes am Sinai auf der Erde verortet wird, dann ist damit gemeint, dass der dort geschlossene Bund nicht von ewiger Dauer sein konnte. Umgekehrt qualifiziert das Sprechen Gottes vom Himmel her, das die zum Berg Zion Hinzugetretenen hören, den hier begründeten Bund als bleibend und ewig. Das Heil des Menschen hängt davon ab, welchem der beiden Wirklichkeitsbereiche er zugeordnet ist. Die zum Berg Zion hinzugetretene christliche Gemeinde gehört nicht mehr dem Vergänglichen, sondern dem Unvergänglichen an. Sie empfängt ein unerschütterliches Reich. Jetzt schon hat der Glaubende Anteil am unvergänglichen Reich des Himmels. Solange die erschütterliche Welt noch währt und den Blick auf den unerschütterlichen Himmel verstellt, muss der von Sünden Erlöste seinen Glauben durch die Ausdauer in den Widrigkeiten der gegenwärtigen Welt bewähren (124f).

Zusammenfassung: Das “wieder einführen“ (1,6) erhält den Sinn, dass Christus, nachdem er die Himmelswelt in seiner Inkarnation verlassen hat, nun dort wieder eingeführt wird. Die “Welt“ in 1,6 ist als die künftige jenseitige Welt zu begreifen, weil es sich um dieselbe handelt, die der Verfasser auch in 2,5 erwähnt. Dieser Befund wird durch den strukturellen Bezug zu 12,26-28 untermauert: Die oikoumene ist das unerschütterliche Königreich (127).

Derselbe Bezug wirft auch ein neues Licht auf die Bezeichnung Christi als Erstgeborener. Als solcher ist er nach Ps 89,27f der Höchste unter den Königen der Erde, der König des unerschütterlichen Königreiches, dem Gott Bestand verleiht. Indem Hebr 1,10-12 ihn als Gott anredet, der bleibt, ist er zugleich der Unerschütterte, der das Vergängliche durch seine Erschütterung beseitigt.

Die Einführung Christi als des Erstgeborenen in die himmlische Welt hat eine Analogie in der Einführung des Volkes Israel als des Erstgeborenen in das verheißene Land. Das Eingehen in die Ruhe ist die durch die Zeiten gleichbleibende eschatologische Verheißung Gottes (3,1-4.12). Dieses eschatologische Verheißungsgut hat Christus als Anführer der Rettung (2,10) bereits empfangen, den Christen ist es im Verheißungswort in Aussicht gestellt. So ist Christus zum Urheber der ewigen Rettung (5,9) und zum Erstgeborenen der Toten geworden, der seinen vielen Brüdern den Weg in die Herrlichkeit Gottes gebahnt hat (127).

Die Terminologie vom zweiten Erscheinen Christi (9,28) verweist mit der Verbform ophtesetai (ophte) in den Bereich der Erscheinungen des Auferstandenen. Christus erscheint beim zweiten Mal als der Auferstandene. Dieses zweite Erscheinen Christi ereignet sich in Analogie zu seinem Erscheinen vor den Engeln, die ihm bei seiner Einführung in die himmlische Welt huldigen (1,6). Hebr 1,5-14 wurde als Nachbildung des altorientalischen Thronbesteigungszeremoniells verstanden. Insofern ist auch das zweite Erscheinen vor denen, die ihn erwarten, als ein Ereignis im Himmel vorstellbar (128).

Zum ersten Mal war Christus den Menschen auf Erden in seiner Inkarnation erschienen (9,26-28). Zum zweiten Mal wird er ihnen beim Gericht erscheinen. Die ambivalente Erwartung des Gerichts wendet sich für diejenigen, die Christus erwarten, hin zur Erwartung der Rettung, die Christus vollenden wird (9,28) (128).

Nach 12,25-29 existiert eine Seinsordnung, die charakterisiert ist durch die Diastase zwischen Erde und Himmel, Erschüttertem und Unerschüttertem, Veränderlichem und Unveränderlichem (129).

Das traditionell zeitliche Schema der Apokalyptik tritt hinter räumlich-ontologischen Vorstellungen zurück. An die Stelle der Spannung zwischen Schon und Noch-nicht rückt die Diastase zwischen erschütterlicher und unerschütterlicher Welt, die beide schon jetzt nebeneinander existieren. Der Verf. erwartet die Vernichtung der erschütterlichen, diesseitigen Welt. Deren Beseitigung trägt keine spektakulären Züge, sondern vollzieht sich im Rahmen ihrer banalen Vergänglichkeit. Wichtig ist, dass der Christ schon jetzt Anteil am unerschütterlichen Königreich hat. Die Beseitigung der erschütterlichen Welt wird ihn nicht berühren, weil er als Empfänger des unerschütterlichen Reichs in jedem Fall bleibt (132).

Der Christ, der einerseits in der erschütterlichen Welt lebt, andererseits aber schon an den unerschütterlichen Realitäten partizipiert, steht in der Spannung zwischen seiner bereits realen Utopie und seiner irdischen Wirklichkeit. Aus dieser Spannung erwächst für ihn die Gefahr, den utopischen Standort, den er im Hinzutreten zu den unerschütterlichen Realitäten eingenommen hat, aufzugeben. Gibt der Christ seinen Glauben und das Darunterstehen unter seiner Hoffnung auf, so fällt er zusammen mit der erschütterlichen Welt der Vernichtung anheim (133).

Christus hat ein für allemal die Sünden weggenommen und so den Zugang zum bleibenden und unerschütterlichen Reich erschlossen. Wer in Ausdauer und Glaube bei dieser Realität bleibt, dem ist entgegen der Vernichtung des Erschütterlichen sein Bleiben zugesichert: Er empfängt ein unerschütterliches Reich (133).

                   

(3) Der Hebräerbrief im Licht der mittelplatonischen Quellen

a. Das Urbild-Abbild-Schema

Der Verf. des Hebr unterscheidet nicht nur ein himmlisches vom irdischen Heiligtum (8,2.5; 9,1.11.23f), sondern auch eine künftige Stadt von der hiesigen (11,10.16; 12,22; 13,14) sowie eine unsichtbare Welt von der sichtbaren (1,6; 2,5; 11,3). Welt, Stadt und Heiligtum sind in ihrer Sichtbarkeit einem unsichtbaren Urbild nach geschaffen. Christus ist bei seinem Tod in das urbildliche Heiligtum eingegangen. Dort ist auch der Ausgangspunkt für sein zweites Erscheinen (9,28) zu suchen (378f).

Wie die Frommen des Alten Bundes in dieser Welt Fremde ohne Heimat waren, so gibt es für den Glaubenden in der wahrnehmbaren Welt keine Heimat. Zur Heimat können ihm nur die künftige Stadt und die künftige Welt werden. Die künftige Stadt ist nicht das himmlische Jerusalem, das als apokalyptisches Heilsgut am Ende der Zeiten auf die Erde herabkommt. Vielmehr ist die künftige Stadt identisch mit der künftigen Welt, in die Christus bereits eingegangen ist. Das wahre Sein, die bleibende und unveränderliche Wirklichkeit befindet sich im Himmel, während die irdischen Wirklichkeiten nur Abbilder davon sind (380).

b. Die Glaubenseinsicht in die Gründungsverhältnisse der Welten

Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, so dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist“ (11,3). Nur im Denken erkennen wir, dass hinter dem Sichtbaren als dessen Urbild das Unsichtbare steht. Dabei handelt es sich um eine Erkenntnis, die wesentlich durch den Glauben ermöglicht und vermittelt ist. Sowohl der Verstand als auch der Glaube des Menschen ist Gabe Gottes. Über die Schöpfungsgabe des Verstandes kann der Mensch frei verfügen, während der Glaube stets auf die heilsgeschichtlichen Verheißungen Gottes angewiesen bleibt (382f).

Die Verheißung an Abraham (11,9f.13-16) hat sich mit seinem Einzug in Kanaan nicht erfüllt, sondern ihre Erfüllung stand weiterhin aus, weil als Verheißungsgut von Gott nicht das irdische, sondern das himmlische Vaterland gemeint war. Indem der Hebr im Mund der atl Glaubenden die ganze Erde zur Fremde werden lässt, macht er sie zu Zeugen der grundlegenden Einsicht, die der Glaube nach 11,1.3 vermittelt, dass die sichtbare Welt und alles in ihr nur ein schwaches Abbild der unsichtbaren Welt ist. Die endgültige Erfüllung der Verheißungen kann es nur in der unsichtbaren Welt des Himmels geben. In 11,1.3.13 geht es um das Sehen im Sinn einer geistigen Erkenntnis, die durch Glauben vermittelt ist. Die unsichtbaren Verheißungsgüter wurden als Glaubenstatsachen von den Alten anerkannt und hochgeschätzt (383f).

Was Bestand haben soll, kann nur von der jenseitigen Welt des Himmels erwartet werden (11,10). Die Erwartung dieser himmlischen Stadt verbindet die Glaubenden des Alten und des Neuen Bundes. Solange sie auf Erden leben, teilen die Glaubenden aller Zeiten ein und dasselbe Schicksal der Fremde. Die himmlische Stadt hat Gott selbst geplant und gebaut und so für die Glaubenden vorbereitet (385).

Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheißene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden sind“ (11,13). Der Tod bildet die Grenze zwischen der noch ausstehenden Erfüllung der Verheißung auf Erden und ihrer Verwirklichung im Himmel. Zum Zeitpunkt seines Todes hatte keiner der Glaubenden des Alten Bundes das verheißene Gut der Heimat schon erreicht. Sie haben es wie der sterbende Mose (Dtn 34,4) nur von weitem gesehen, sind aber zu ihren irdischen Lebzeiten nicht hineingezogen. Die Glaubenden des Alten Bundes sind durch den irdischen Tod in die himmlische Stadt der unsichtbaren Welt eingezogen und haben so die Güter der an sie ergangenen Verheißung erlangt. In dem sicheren Glaubenswissen, dass der Tod für sie der Durchgang zur himmlischen Stadt sein würde, konnten sie ihre ganze Hoffnung in die himmlischen Verheißungsgüter setzen und das irdische Leben bis zur Erlangung dieser Güter im Tod mit Ausdauer bestehen (385).

Wie Gott sich zu den Glaubenden als ihr Gott bekennt, so bekennt sich Christus zu ihnen als ihr Bruder (2,10f). Zu Brüdern werden Christus und die Glaubenden dadurch, dass sie beide als Söhne von dem einen Gott abstammen. Gott ist nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Vater aller Glaubenden (386).

Am Beispiel der Alten (Hebr 11) ersehen die Glaubenden des Neuen Bundes, dass die Zeit der Ausdauer die Zeit ihres irdischen Lebens ist. Die Zeit des individuellen irdischen Lebens ist nur “noch eine ganz kurze Zeit“. Jedem Glaubenden wird Christus im Tod begegnen und ihm wirkmächtig bestätigen, was er im irdischen Leben geglaubt hat, dass nämlich die sichtbare Welt aus der unsichtbaren entstanden ist und unsere Heimat in der festgegründeten Stadt des Himmels liegt. Durch den Tod hindurch wird der Glaubende in sie einziehen und so das verheißene Gut erlangen. Die universale Eschatologie hat sich in eine individuelle Eschatologie gewandelt, wenn man in 10,36-39 die Verheißung und den Glauben im Sinn von Hebr 11 versteht. Der Glaubende begegnet Christus in seinem persönlichen Tod und gewinnt dadurch endgültig das Leben. Der soteriologische Lebensgewinn realisiert sich für den Einzelnen in der nach seinem Tod durch Christus ermöglichten Teilnahme an der himmlischen Festversammlung (12,22-24) (388).

Die alten Zeugen des Glaubens haben “das Verheißungsgut nicht erlangt, (weil) Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hatte, damit sie nicht ohne uns vollendet würden“ (11,39f). Das Bessere ist in dem Neuen Bund gegeben, den Christus in seinem Opfertod gestiftet hat. Dieser Neue Bund beinhaltet eine Verheißung, die darin besteht, dass die Glaubenden Zugang zu Gott im Allerheiligsten des Himmels haben (10,19.35). Insofern erst Christus durch sein Blut dieses Verheißungsgut erschlossen hat, konnten die Glaubenden des Alten Bundes daran noch keinen Anteil erhalten. Die Alten sind zwar durch ihren Tod in die Stadt und das Heiligtum der himmlischen Welt eingetreten, aber sie hatten noch keinen Zutritt zum Allerheiligsten und mithin keinen Anteil an diesem besseren Verheißungsgut. Die Differenzierung des Verheißungsgutes und seine Erlangung im Alten und im Neuen Bund fällt umso leichter, wenn man sich das himmlische Heiligtum analog zum irdischen in zwei Räume aufgeteilt vorstellt, wobei der eine als das Allerheiligste vom Rest des Heiligtums durch einen Vorhang abgetrennt ist. Wie Christus in seinem Tod durch diesen Vorhang hindurchgegangen ist (6,19f;10,19f) und seither im Allerheiligsten zur Rechten Gottes sitzt (1,3), so folgen ihm die Glaubenden aller Zeiten in ihrem je eigenen Tod dorthin nach, durchschreiten denselben Vorhang und treten so in das Allerheiligste und in die unmittelbare Nähe Gottes ein (388f).

c. Die irdische und die himmlische Versammlung

Wenn die Frommen des Alten Bundes und die verstorbenen Glaubenden des Neuen Bundes das Ende der Geschichte abwarten müssten, um vollendet zu werden, so gäbe es vor dem Ende der Geschichte keine Vollendeten. Der Zugang zum Allerheiligsten wäre zwar durch Christus schon jetzt eröffnet, aber vor dem Ende der sichtbaren Welt zöge niemand hinein. Nach 12,22-24 gibt es aber schon jetzt die “Geister der vollendeten Gerechten“ im Himmel. Die Vollendung kann man nach 7,28 nur verstehen, dass sie durch den Einzug in das himmlische Allerheiligste verwirklicht wird. So wie Christus (Hebr 8-9) durch seinen Eintritt in das himmlische Allerheiligste zur Vollendung gelangt ist, so hat er den Glaubenden dieselbe Vollendung durch ihren Zugang zu diesem Allerheiligsten ermöglicht. Die verstorbenen Gerechten, die sich auf dem Zion befinden (12,22), sind im Gefolge Christi auch bereits in das Allerheiligste des Himmels eingezogen (390).

Wenn die Adressaten des Hebr schon vollendet wären, dann hätten sie keine Ausdauer mehr nötig, um das Leben zu gewinnen (10,36-39). Dann bestünde auch nicht mehr die Gefahr, dass sie den vom Himmel her Redenden ablehnen (12,25). Solange die Glaubenden des Neuen Bundes auf Erden leben, teilen sie in einem gewissen Maß das Los der Väter und Mütter des Glaubens: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die künftige suchen wir“ (13,14). Den Eingang ins himmlische Allerheiligste kann nur der Tod bringen als Übergang von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt. Durch die Anrede “ihr seid schon hinzugetreten“ macht der Verf. die Diastase irdisch-himmlisch gleichsam durchlässig. Er erinnert sie, dass sie jetzt schon im Glauben an der himmlischen Welt teilhaben (6,4f). Der Zwischenzustand, in dem sich die verstorbenen Glaubenden vor dem Tod Christi befanden, hat sich für die Glaubenden des Neuen Bundes gleichsam auf die Erde verlagert. Die auf Erden lebenden Christen befinden sich kraft ihres Glaubens gewonnenen Einsicht in die unsichtbare Welt des Himmels, bereits in dieser jenseitigen Welt. Sie sehen und grüßen sie nicht, wie die Alten, nur von fern, sondern sind durch ihre Glaubenserkenntnis schon zu ihr hingetreten (390f).

Der Glaubende ist nicht zu den vollendeten Gerechten im Himmel hinzugetreten (12,23), sondern zu ihren Geistern. Hebr 12,9 unterscheidet die Väter unseres Fleisches von dem Vater der Geister, der Gott selbst ist. Unsere menschlichen Väter sind für unsere leibliche Zeugung und Geburt verantwortlich, während unser Geist vom himmlischen Vater stammt und zum leiblichen Menschen hinzutritt. Die Heimat des Geistes ist der Himmel, von dem er ausgeht und in den er durch den Tod des Menschen zurückkehrt. In der himmlischen Heimat befinden sich die Geister der Gerechten und im Geist treten wir zu ihnen (392).

Der Mensch ist Fremder und Gast auf Erden aufgrund seiner seelisch-geistigen Konstitution. Diese befähigt ihn schon zu irdischen Lebzeiten in gläubigem Geist in das Heiligtum der himmlischen Stadt einzutreten. Im Allerheiligsten kann sich die gläubige Seele schon jetzt in der Hoffnung festmachen (6,19) (393).

Der uns im Glauben garantierte Einzug in das unsichtbare Heiligtum des Himmels hat einen futurischen und einen präsentischen Aspekt. Einerseits gehen wir erst in unserem Tod in die jenseitige Welt hinüber. An diesem Bekenntnis der Hoffnung gilt es festzuhalten. Andererseits ist unser Heilsstand in Taten der Liebe und in der gottesdienstlichen Versammlung bereits konkret erfahrbare Wirklichkeit. Deshalb sollen die Christen diese Grundvollzüge nicht vernachlässigen. Diese Mahnung wird umso dringlicher, je näher der Tag rückt, der dem gläubigen Hinzutreten zum Neuen Bund eine endgültige Frist setzt. Wer dann das verheißene Gut erlangen will, der muss zuvor die Verheißung im Glauben angenommen haben. Die Frist der Bewährung im Glauben ist das irdische Leben. Der nahende eschatologische Gerichtstag ist der Sterbetag der einzelnen Gläubigen. Bevor wir aber durch den Tod hindurch in die Festversammlung im himmlischen Allerheiligsten aufgenommen werden, sind wir im Glauben mit ihnen verbunden. Dieser Glaube wird konkret in der Liebe und im Gottesdienst der Gemeinde, in dem wir schon jetzt am dortigen Kult teilnehmen (395).

Die Gemeinde der Erstgeborenen: Christus ist der erstgeborene Sohn Gottes, der durch seine Inkarnation in die sichtbare Welt gekommen ist (10,5-7) und den die Engel des Himmels aus Anlass seiner Rückkehr in die Welt des Himmels anbeten. Der Mensch stammt in seiner geistigen Verfasstheit vom Vater im Himmel ab (12,9) und kehrt nach seinem leiblichen Tod in den Himmel zurück, um dort vollendet zu werden. Wie Christus anlässlich seiner Einführung in die himmlische Welt als Erstgeborener angesprochen wird, so trägt auch die Gemeinde der Glaubenden, die nach ihrer Existenz in der irdischen Fremde in die Welt ihrer himmlischen Heimat zurückgekehrt ist, diesen Titel. Wie bei Christus so erfolgt diese Heimkehr in den Himmel auch für die Gläubigen im Durchgang durch den irdischen Tod (397).

d. Vor Gottes Thron im himmlischen Allerheiligsten

Die Gemeinde der Erstgeborenen zieht im Gefolge des Erstgeborenen Christus in das Allerheiligste des Himmels ein und tritt somit vor den Thron Gottes (4,16; 8,1; 12,2). Gott tritt in der himmlischen Versammlung als Richter aller auf, Jesus als der Mittler eines Neuen Bundes. Gott allein kommt es zu, Vergeltung in Form von Lohn und Strafe zu üben. Er ist der Belohner (11,6), der den gerechten Lohn zuteilt (2,2; 10,35; 11,26). Deshalb muss der Mensch ein Gott wohlgefälliges Leben führen. Gott wohlgefallen kann man nur im Glauben: “Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt“ (11,6). Jesus fällt beim Gericht, wenn die Menschen zum Thron Gottes hinzutreten (4,16; 7,25; 10,1.22; 12,22), die Rolle des Mittlers (8,6; 9,15; 12,24) und Retters (1,14; 2,3.10; 5,9; 6,9; 9,28) zu (400f).

Die Göttlichkeit des Mittlers Jesus Christus: Hebr 1,10-12 richtet die Anrede Gottes (Ps 102,26-28) an den Sohn Gottes. Ihm werden die grundlegenden göttlichen Eigenschaften zugesprochen. Christus hat am Anfang die sichtbare Welt begründet. Er ist es auch, der bleibt, während sie alt wird und vergeht. Er ist stets derselbe und bleibt in Ewigkeit (“Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ 13,8). Christus wird eindeutig auf die Seite Gottes gestellt, ja selbst als Gott angesprochen. Der Sohn hat denselben ontologischen Status wie Gott selbst. Jesus ist der Mittler eines neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen (8,6; 9,15; 12,24). Wenn er auch in seiner Inkarnation für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt wurde, so ist und bleibt er doch der unwandelbare Sohn Gottes, dem im Durchgang durch seinen irdischen Tod alles unterworfen worden ist (2,8f). Indem der Verf ausschließlich der Gottheit zukommende Prädikate auf Christus überträgt, grenzt er ihn von den Engeln ab und bringt unmissverständlich seine Göttlichkeit zum Ausdruck (409f).

Die Engel sind “dienstbare Geister...“ (1,14). Sie helfen in Gottes Auftrag den Menschen, die gerettet werden sollen. Gegenüber der Hilfe, die die Engel bringen, musste der Verf. des Hebr die Rettung profilieren, die durch Christus als dem Sohn Gottes bewirkt wird. Außerdem musste er die Göttlichkeit des Sohnes und damit seine Erhabenheit über die Engel auch deshalb betonen, weil er an anderen Stellen (5,7-9) keinen Zweifel daran lässt, dass auch Jesus den Wechselfällen eines irdischen Lebens unterworfen war. Jesu menschliche Existenz stellt er in 2,9 sogar auf eine niedrigere Stufe als die der Engel. Als geistbegabte Wesen können die irdischen Menschen mit den Engeln und den Geistern der vollendeten Gerechten im Himmel in Gemeinschaft treten (12,23). Als Fremde und Gäste auf Erden sind die irdischen Menschen ihrem innersten Wesen nach immer schon Himmelsbewohner wie die Engel (410f).

Wie dem antiken Judentum, so gilt auch dem Verf. des Hebr der Vorhang vor dem Sanctissimum des wahren Heiligtums als Ausdruck der überweltlichen Hoheit und Heiligkeit Gottes und als ein Hinweis auf den großen Abstand, der zwischen Gott und allen Geschöpfen besteht. Das Selbstopfer des ewigen Hohenpriesters Christus hat uns, für die der Anblick Gottes tödlich sein müsste (12,29), das hohepriesterliche Vorrecht erworben, sogar durch den himmlischen Vorhang hindurch in das Allerheiligste Gottes eintreten und ihn dort schauen zu dürfen (412).

In einem solchen Konzept hat die klassische Parusievorstellung, wonach Christus am Ende der Geschichte ein zweites Mal in der sichtbaren Welt erscheinen wird, keinen Platz mehr. Wie Christus in seinem Tod ein für allemal mit seinem eigenen Blut in das Allerheiligste im Himmel eingegangen ist und auf diese Weise den Glaubenden den Zugang dorthin eröffnet hat, so werden ihm diejenigen, die an ihn glauben in ihrem Tod dahin folgen und Christus aus diesem Anlass wiedersehen. Die Glaubenden brauchen nicht auf das Ende der Geschichte zu warten, um Rettung zu erlangen, weil ihre Rettung außerhalb dieser Welt und ihrer Geschichte in der jenseitigen Welt des Himmels liegt. Dort sind sie schon zu irdischen Lebzeiten im Geist der Glaubenserkenntnis zu Hause. Erst im Tod ziehen sie vom himmlischen Heiligtum, in dem sie schon stehen, in das himmlische Allerheiligste und damit in die unmittelbare Nähe Gottes ein. Die Glaubenden werden nicht dadurch endgültig gerettet, dass Gott ein letztes Mal in die Geschichte eingreift, sondern dadurch, dass sie in eine fundamental andere ontologische Wirklichkeit überwechseln. Das Erscheinen Christi ereignet sich dort, wohin Christus in seinem Tod den Glaubenden des Neuen Bundes vorausgegangen ist. Dorthin folgen sie ihm in ihrem eigenen Tod und schauen nicht nur Gott, vor dem als dem Richter aller sie als sündige Menschen nicht bestehen könnten, sondern sehen auch Christus wieder, der als Mittler bei Gericht für sie eintreten und sie so im Angesicht Gottes retten wird (413).

Die irdische Gemeinde tritt schon jetzt zu derjenigen des Himmels hinzu, mit der Einschränkung, dass die himmlische Versammlung aus der Schar der Vollendeten besteht, die als solche bereits im Allerheiligsten stehen, während die irdische Gemeinde den Zugang dorthin mit dem Eintritt Jesu offen sieht, aber erst im individuellen Tod Jesus nachfolgt. Das zweite Erscheinen Christi (9,27f) meint nicht eine Parusie Christi auf Erden, sondern das Wiedersehen der Glaubenden mit ihm, sobald sie ihm im Durchgang durch den Tod in das Allerheiligste der unsichtbaren Welt des Himmels nachgefolgt sind. Unmittelbar nach dem Tod findet im Allerheiligsten vor dem Thron Gottes ein individuelles Totengericht statt, bei dem das Selbstopfer Christi die Sünder rechtfertigen wird und sie so vor dem Angesicht Gottes bestehen lässt (414).