2. Jesu Sterben – kein Sühnegeschehen sondern gehorsame Selbsthingabe

Wir haben einen Hohenpriester im Himmel


G. Gäbel

2.1 Einleitung

Wird Jesu Sterben auf Erden als sühnender Opfertod verstanden, wie verhält sich dann sein hohepriesterliches Wirken im Himmel dazu (3)?

Die einzige Erwähnung des Kreuzes im Hebr 12,2 trägt keine kreuzestheologische Betonung und die Deutungen des Sterbens Christi in 2,9f; 5,7; 9,12.24f; 10,10; 13,11f erwähnen das Kreuz nicht explizit (9).

Thesen: (1) Die Erhöhung Christi überführt den Ertrag seines auf Erden gelebten Lebens in die himmlische Sphäre. In seinem einmaligen himmlischen Selbstopfer wird dieser Ertrag dort ewig wirksam. Das himmlische Wirken Christi setzt seinen irdischen Weg voraus; der irdische Weg Christi kommt in seinem himmlischen Wirken zur Geltung (17).

(2) Die Heiligtumstheologie des Hebr nimmt die Urbild-Abbild-Relation aus frühjüdischen Kontexten auf, um die (aufgrund der Erhöhung Christi im Himmel) gegenwärtige unüberbietbare eschatologische Heilsfülle auszusagen. Alle Sakralität, alle legitime Kultausübung ist nach dem Hebr seit der Erhöhung Christi im himmlischen Heiligtum konzentriert. Mit dem himmlischen Selbstopfer Christi ist das himmlische Heiligtum gereinigt und der himmlische Kult eingeweiht.

(3) Die Profanität und Fremdlingschaft der Adressaten auf Erden ist die Kehrseite ihrer exklusiven Zuordnung zum himmlischen Heiligtum, ihrer Teilnahme am himmlischen Kult. Die Teilnahme am himmlischen Kult will auf Erden im Gehorsam bewährt sein. So ist die irdische Existenz der Adressaten sowenig wie diejenige Christi bloßes Durchgangsstadium. Nur im irdischen Gehorsam wird der Zutritt zum himmlischen Kult gewonnen, wie bei Christus, so bei den Seinen (17).

Der exklusiven Zuordnung zum himmlischen Heiligtum entspricht die Abkehr von aller irdischen Sakralität, so dass die irdische Existenz als solche als profan gelten muss (21).

Christi irdischer Weg ist Selbsthingabe im gelebten Gehorsam. Christi hohepriesterliches Wirken (einmaliges Selbstopfer und fortwährende Fürbitte) vollzieht sich im Himmel. Alle Sakralität ist im himmlischen Kult konzentriert. Die irdische Sphäre wird desakralisiert (131).

Der Hebr deutet den irdischen Weg Jesu Christi als nicht-opferkultische Selbsthingabe im Gehorsam gegen Gott, seine Erhöhung als hohepriesterliche Amtseinsetzung, als Eintritt in das himmlische Allerheiligste und als himmlische Darbringung des hohepriesterlichen Selbstopfers. Sein himmlisches Wirken ist die Fürbitte, die das einmalige himmlische Selbstopfer fortwährend zur Geltung bringt. Dieses himmlische Selbstopfer Christi reinigt die Gewissen und das himmlische Heiligtum. So befähigt es die Adressaten zur Teilnahme am himmlischen Kult. Indem sie an diesem teilhaben, bleiben sie irdischem Kult fern (131).