2.2 “Durch Leiden vollendet“ (2,5-16)

a: Erniedrigung und Erhöhung Christi, des 'Menschen', und der Zugang zur Hohepriesterchristologie

Aufgrund des Weges Christi durch Leiden zur Herrlichkeit ist das Geschick des Menschen schlechthin gewandelt. Seine Erhöhung und Verherrlichung impliziert die der Seinen (133).

Die Zuwendung Christi gilt den Menschen, nicht den Engeln; denn jene sind es, denen er sich durch die Annahme von Fleisch und Blut (2,14) verbunden hat und die als “Kinder“ und “Brüder“ an seinem Sohnesverhältnis zu Gott Anteil gewinnen (2,10-13). Als “Sohn des Menschen“ (2,6), als Repräsentant des Menschengeschlechts, ist Christus über alle Engel erhöht, ist er der “Sohn Gottes“. Ihm, nicht den Engeln, ist die kommende Welt unterworfen (2,5) (142f).

Als “Mensch“ und “Sohn des Menschen“ ist Christus der Mensch schlechthin. In ihm wird der Ungehorsam Adams mit seinen Folgen aufgehoben. Dem Menschen wird die Herrlichkeit und Herrscherstellung über alle Engel zuteil, die schon Adam zugedacht war und welche die Engel ihm neideten. Dazu müssen die Folgen des Sündenfalls, Versuchung und Sünde, Tod und Todesangst, überwunden werden (143f).

Der Hebr deutet das Zitat aus Ps 8,5-7 in Hebr 2,6-8 so, dass er das Geschick Jesu Christi als Erfüllung der dem Menschen geltenden göttlichen Verheißung verstehen lehrt. Christi Erhöhung führt über seine Erniedrigung hinaus und verleiht ihr universale soteriologische Bedeutsamkeit (2,8f). Aus der Erhöhung des “Sohnes“ geht die ekklesia der “Brüder“ hervor, die (zu gleicher eschatologischer Herrlichkeit bestimmt wie er) schon jetzt mit ihm Gott preist. (2,10-13). Weil Christus durch seinen Gehorsam unter den Bedingungen der conditio humana den “Todesmachthaber“ Satan überwunden hat, ist sein Todesleiden Heilsereignis (2,14) (144).

Die im Psalmzitat angesprochene Herrlichkeit und Ehre des Menschen ist diejenige Christi geworden. Das “für alle“ (2,9) nimmt das ta panta des Zitats und des Einwands (“Jetzt sehen wir noch nicht, dass ihm alles untertan ist“ 2,8) auf. In Christi Erniedrigung und Erhöhung liegt die Erfüllung der Aussage des Psalms für den Menschen schlechthin beschlossen (147f).

Die Bekränzung Christi mit Herrlichkeit und Ehre erfolgte um seines Erleidens des Todes willen (2,9). Die subjektive Qualität des Todesleidens wird angesprochen. Es geht um die mit dem Tod verbundene Erfahrung des Leidens, aus der Furcht und Anfechtung erwachsen. Die Erniedrigung ermöglicht die Erhöhung, diese folgt auf die Erniedrigung und führt darüber hinaus. Infolge seiner Erniedrigung ist er der Erhöhte, ist er mit “Herrlichkeit und Ruhm bekränzt“ (2,9) (148f).

Die Erhöhung hat zur Folge, dass die zurückliegende Leidenserfahrung nun eine “für einen jeden“ geschehene wird. Damit bestätigt sich, dass die Herrlichkeit Christi nicht mit seinem Todesleiden den Höhepunkt erreichte, sondern über dieses hinausführt. Erst von der Verherrlichung her kann das Todesleiden Christi als heilvoll “für einen jeden“ gelten. Nicht das Todesleiden als solches ist Gnade Gottes, sondern durch Christi Erhöhung aus dem Tode kommt es gnadenhaft “für einen jeden“ zur Geltung. Gott hat aus dem Leiden des Einen das Heil der Vielen hervorgehen lassen, indem er ihn verherrlichte (149f).

Die Kulttheologie des Hebr soll zeigen, wie in der Erhöhung Christi seinem Leiden ewig-universale Heilsbedeutung zukommt. Damit sollen Zweifel und Mutlosigkeit bewältigt werden, die aus der irdisch-menschlichen gegenwärtig-vorfindlichen Schwäche, dem Leiden und der Versuchlichkeit der Adressaten entstehen (151).

Gott hat Christus durch Leiden hindurch “vollendet“ und dies war ihm (Gott) angemessen (2,10). Das Vollendet-Werden schließt die Verherrlichung Christi ein, bezeichnet aber darüber hinaus die dadurch erschlossene eschatologische Heilsbedeutung seines Weges für diejenigen, die Söhne in ihm sind. Deshalb ist das Leiden des Sohnes der Gottes Universalität angemessene Weg zu dessen Vollendung (2,10). Die Vollkommenheit bedeutet jene Herrlichkeit, die die Erfahrung der menschlichen Schwäche in sich aufgenommen hat und deshalb den Menschen zu helfen vermag. In dem Weg des einen “Sohnes“ liegt beschlossen, dass die “vielen Söhne“ einbezogen werden (152f).

Die Erhörung der Rettungsbitte (2,12), die der Psalm besingt, ist für den Hebr die Erhöhung Christi aus dem Tode (vgl. 5,7 nicht die Bewahrung vor dem Todesgeschick). Der Sohn tritt als der aus dem Tod gerettete Erhöhte vor die Ekklesia der Seinen wie die Psalmbeter vor die zur Dankopferfeier Versammelten. Die Gemeinde der “Brüder“ geht aus der eschatologischen Errettung des Sohnes und aus seiner Verkündigung hervor (155).

Nach dem Preis der Errettung des Sohnes (2,12) gilt es nun für die durch Gottes Rettungstat konstituierte, um Christus gescharte Gemeinde, in ihren Anfechtungen dasselbe Vertrauen zu bewähren, mit dem schon er um Erhörung betete. Im Durchstehen der Anfechtung im Vertrauen auf Gott erlangte der Sohn den Zutritt zum himmlischen Heiligtum und die priesterliche Funktion. Die Geschwister bzw. Kinder erhalten Anteil an beidem, indem sie ihm auf seinem Weg folgen. Mit “inmitten der Gemeinde will ich dich preisen“ (2,12b) muss der Gottesdienst im Heiligtum des himmlischen Jerusalem (12,23) gemeint sein, zu dem die durch Christus “Geheiligten“ (2,11) Zugang haben und in dem der Erhöhte gleichsam als Chorführer der Gemeinde von Menschen und Engeln (12,22) auftritt. Als die neukonstituierte Kultgemeinde des himmlischen Hohenpriesters sind die “Brüder“ dessen “geheiligt Werdende“ (156f).

Die Gemeinsamkeit von “dem Heiligenden“ und “den geheiligt Werdenden“ besteht darin, dass ihnen beiden von Gott Herrlichkeit zugedacht ist. Wie der Sohn, so sind auch sie “aus“ Gott als die, die sie nach seinem Heilsratschluss zu werden bestimmt sind. Das schließt beide zusammen als Sohn und die Söhne. Die Gemeinde der Geschwister entsteht aus dem Leiden und der Errettung des Sohnes. Von ihm belehrt und ihm folgend, wird sie derselben Herrlichkeit teilhaftig werden wie er (157f).

Hebr 2,14f umschreibt die conditio humana mit Fleisch und Blut, Tod und Furcht. Das Leben in der Sarx hat den Tod zur Folge. Dieser ruft Furcht hervor, die das Menschenleben überschattet und zur Sklaverei werden lässt. Aus geschwisterlicher Verbundenheit hat Christus diese conditio humana auf sich genommen. Sein Tod entmachtet den diabolos, der der Todesmachthaber ist und befreit die Menschen aus der Sklaverei. Nicht Sterblichkeit und Tod als solche, sondern die sich daraus ergebende Todesfurcht, ist das beherrschende Problem des menschlichen Daseins. Die Formulierungen: “Todesleiden“, “Todeserfahrung“ (2,9) und “Todesfurcht“ benennen die mit Angst verbundene menschliche Erfahrung, die mit dem Tod verknüpft ist. Die leidvolle menschliche Erfahrung ist es, auf die es dem Verf. hier ankommt und in die Jesus mit der Annahme von “Fleisch und Blut“ eingetreten ist (158f).

Indem er den Tod erlitt und darin an Gott festhielt, hat Christus die menschliche Existenz in Fleisch und Blut, Todesfurcht und Angst durchlebt, dabei aber der Versuchung zum Ungehorsam widerstanden, der einst Adam erlegen war. Weil in der Überwindung der Todesfurcht durch den leidenden Christus die Überwindung des Todesmachthabers (2,14f) geschieht, ist sein Todesleiden Heilsereignis (160f).

Das Geschehen von Erniedrigung und Erhöhung Christi ist zur Begründung des “alles ist ihm untergeordnet“ angeführt, weil darin Ereignis geworden ist, was Gott allen Menschen zugedacht hat. Christus nimmt sich der Nachkommen Abrahams an (2,16). Dass diese in das Geschick des einen 'Menschen' einbezogen werden, dafür sorgt der Erhöhte in seinem hohepriesterlichen Wirken, mit dem er den vielen Söhnen den Zugang zur himmlischen Herrlichkeit ermöglicht (161).

Der Hebr versteht von Ps 8,5-7 her Christus als den 'Menschen' schlechthin, der als der neue Adam den Todesmachthaber Satan durch seinen Leidensgehorsam im Tode entmachtet hat. Die Annahme von Fleisch und Blut durch den Sohn und sein Vertrauen und Gehorsam in der Anfechtung eröffnen den Zugang zu himmlischer Herrlichkeit. Christus wird um seiner Leidenserfahrung willen erhöht und damit ist der Weg zur himmlischen Herrlichkeit frei für die “vielen Söhne“. Aus der Überwindung des Versuchers geht die Erhöhung über alle Engel hervor und darin ist zugleich allen “Söhnen“ und damit dem Menschengeschlecht der Platz über allen Engeln bei Gott angewiesen (161f).

Die Erhöhung Christi fand um seines Todesleidens willen statt. Seine Erfahrung des Todesleidens wurde durch die Erhöhung “für einen jeden“ bedeutsam. Das Psalmwort über den Menschen “alles hast du unter seine Füße getan“ ist in der Erhöhung des erniedrigten Christus so erfüllt, dass darin die Erhöhung der “vielen Söhne“ impliziert ist. Die Hohepriesterchristologie des Hebr setzt die traditionelle christologische Anschauung von Erniedrigung und Erhöhung Christi voraus, wie sie in Phil 2,6-11 vorliegt, die ein “für unsere Sünden“ in Bezug auf das Leiden und Sterben Christi nicht zum Ausdruck bringt. Daran anknüpfend bietet der Hebr seine Kulttheologie auf, um zu erweisen, dass und warum im Weg Jesu Christi die Heilsfülle beschlossen liegt, der die conditio humana von Fleisch und Blut, Tod, Furcht und Anfechtung zu widersprechen scheint.

Nach 2,9f wurde in der Erhöhung und Verherrlichen Christi die universale Heilsbedeutung seines Todesleidens erschlossen. Die Hohepriesterchristologie will nichts anderes sein als die Entfaltung der Heilsbedeutsamkeit dessen, dass der erhöhte Christus gegenwärtig im himmlischen Heiligtum als Hoherpriester für uns eintritt (162).

b. Ertrag

Durch das Todesleiden hindurch erlangte Christus in seiner Erhöhung die Qualität des Heilsmittlers: in seiner Erhöhung ist den vielen “Brüdern“ gleiche Herrlichkeit verbürgt wie ihm selbst. So ist er durch Leiden “vollendet“. Mit “Vollendung“ ist im Hebr die unüberbietbare, endzeitliche Heilsfülle angesprochen, die im Weg Jesu Christi erschlossen und den Seinen zugeeignet ist. Aus der Erhöhung Christi geht die Gemeinde der “Söhne“,“Brüder“, “Geschwister“ hervor, die mit der himmlischen Ekklesia verbunden ist. Die Erhöhung erschließt die Heilsbedeutung des irdischen Weges Christi. Dieser war der Weg des in der Versuchung Gehorsamen: Christus ist der wahre 'Mensch', in dessen Weg der Fall Adams aufgehoben und in dessen Herrschaft dem Menschengeschlecht die ihm von Gott bestimmte Herrlichkeit gegeben ist. Die Herrlichkeit des Erhöhten, die Heilsbedeutung der Erhöhung (und durch sie die des irdischen Weges Christi) bietet der Hebr gegen die Anfechtung durch die vorfindlich-irdische Schwäche des Menschen auf (170).